2010 wiederentdeckt: Meinkens Rote Rasbora

Es gibt Tiere, die bei naturbegeisterten Menschen den unbedingten Wunsch auslösen, sie wenigstens einmal im Leben leibhaftig zu Gesicht zu bekommen. Ich weiß auch nicht genau warum, aber bei mir ist eines dieser Tiere Rasboroides nigromarginata, auch Rote Rasbora oder (nach der englischen Bezeichnung) Meinkens Fairy Dandiya oder Meinkens Perlmuttbärbling genannt. Doch seit der Ersteinfuhr und Beschreibung im Jahre 1957 war die Art wie vom Erdboden verschluckt…

Männchen von Rasboroides nigromarginata

Kein Mensch hatte sie seitdem wiedergefunden, auch wenn durchaus nach ihr gesucht wurde. Klar war nur so viel: das Tier stammt von der Insel Ceylon, heute Sri Lanka. Doch obwohl auch der berühmte Ichthyologe Rohan PETHIYAGODA für seine Monographie über die Süßwasserfische Sri Lankas intensiv nach der Art forschte, sie blieb verschollen.

Die Wiederentdeckung

Am 15. August 2010 erschien in der auf Sri Lanka erscheinenden Zeitung „The Sunday Times“ folgender Artikel von Malaka RODRIGO (http://www.sundaytimes.lk/100815/Plus/plus_16.html):

Fairy Dandiya schwimmt zurück aus der Vergessenheit

Eine seltene endemische Fischart, die seit 53 Jahren ein Geheimnis geblieben ist, kehrt zurück auf die Checkliste der Süßwasserfische Sri Lankas, nachdem sie in den Bächen des Athwelthota wiederentdeckt wurde. Ein Forscherteam der Wildlife Conservation Society of Galle (WCSG) war in der ersten Juli-Woche mit der fischkundlichen Untersuchung der Gewässer von Athwelthota beschäftigt, in der Hoffnung, Martinstines Grundel (Anmerkung: gemeint ist Stiphodon martenstyni; FS) zu finden. Dieser Fisch wurde aufgrund nur eines einzigen Exemplares beschrieben, der in den unberührten Bächen der Gegend gesammelt worden war.
Das Glück schien aber nicht mit ihnen zu sein, bis einer der Forscher einen ungewöhnlichen Fisch in den Netzen entdeckte. Schnell überführte er ihn in ein Fotografieraquarium zur genaueren Beobachtung. Das Tier sah dem Perlmuttbärbling (Hal Mal Dandiya), der in dieser Gegend ziemlich häufig ist, sehr ähnlich, aber seine Körperhöhe war deutlich niedriger als die der Hal Mal Dandiya. Der Fisch war etwa zwei Zentimeter lang und das Männchen wies einen besonderen, irisierenden, kupferroten oberen Teil des Auges auf.

Diese Variante von Rasboroides vaterifloris lebt im gleichen Gebiet wie R. nigromarginata.

“Wir haben sofort erkannt: das war ein besonderer Fisch”, sagte Madura DE SILVA, Präsident des WCSG. Zunächst dachte das Forscherteam, dass sie einen neuen Fisch entdeckt hätten. Sie schickten Fotos an die Fisch-Experten des Landes und die Antwort war schnell gefunden. Rohan PETHIYAGODA – Sri Lankas führender Fisch-Experte identifizierte ihn als Meinkens Perlmuttbärbling (Rasboroides nigromarginata), der 1957 wissenschaftlich beschrieben worden war.
Der deutsche Wissenschaftler H. MEINKEN hatte seine Exemplare über den Zierfischhandel erhalten. Obwohl Meinken wusste, dass die Tiere aus Sri Lanka stammten, hatte er keine Ahnung, wo exakt die Fische gesammelt worden waren. So blieb die Art 53 Jahre lang ein Mysterium.
Darum war die endemische Art nicht in der letzten Checkliste der Süßwasserfische des Landes enthalten, die nun auf 85 Arten erweitert werden muss.
Auf Sri Lanka gibt es 44 endemische Süßwasserfische; allerdings steht auch diese Zahl auf dem Prüfstand. Der wissenschaftliche Name des Fisches lautet Rasboroides nigromarginata, was sich auf die schwarzen Flossenränder bezieht. Perlmuttbärblinge sind endemisch in Südwest-Sri Lanka, wo sie Regenwaldbäche bewohnen.
Die Süßwasserfisch-Fauna von Athwelthota ist an sich recht gut untersucht, aber Meinkens Fairy Dandiya ist den wachsamen Augen früherer Forscher stets entgangen. PETHIYAGODA, der Ende 1980 eine umfassende Studie über die Süßwasserfische Sri Lankas durchgeführt hatte, sagte: “Obwohl ich während der Arbeit an meinem Buch Fische an exakt der selben Stelle gesammelt hatte, konnte ich die Art nicht nachweisen” und fügte hinzu: “Das ist eine bemerkenswerte Entdeckung.”
Bei der Wildlife Conservation Society of Galle erwartet man, dass Angesichts der Seltenheit von Rasboroides nigromarginata die Art auf der Liste der streng geschützten Fischarten gesetzt wird. “Wir denken,dass Meinkens Perlmuttbärbling nur auf diese Bäche in Athwelthota beschränkt vorkommt”, sagte Madura, und hob damit noch einmal die absolute Notwendigkeit hervor, die Süßwasser-Lebensräume zu erhalten und zu schützen.
Auch befürchtet er eine Überfischung durch Zierfischfänger, die in Athwelthota regelmäßig für den Export fangen.

Nationale Erfassung der Süßwasserfische
Die Wiederentdeckung von Meinkens Perlmuttbärbling ist die Frucht der nationalen Erfassung der Süßwasserfische, die der WCSG zusammen mit dem Sekretariat für Biodiversität des Ministeriums für Umwelt durchführt. Seit die Studie im vergangenen Jahr begann, hat das Forscherteam bereits mehrere neue Arten von Süßwasserfischen entdeckt.
Die systematischen Studien über die Süßwasserfische Sri Lankas begannen 1830 mit Pieter BLEEKER.
In den seither vergangenen 170 Jahren wurden neun große Studien über die große Mannigfaltigkeit der Süßwasserfische Sri Lankas durchgeführt.Die letzte, sehr erhellende umfassende Forschungsarbeit wurde 1980 von Rohan PETHIYAGODA durchgeführt.
Eine Abschätzung der Populationsentwicklung jeder einzelnen Art in den verschiedenen Flussgebieten wurde somit seit über 30 Jahren nicht mehr durchgeführt und ist eines der wichtigsten Ziele der aktuellen Studie.
Dabei geht es auch und besonders um die Einzugsgebiete des Nordens und des Ostens des Landes.
Das Forscherteam, das die Entdeckung gemacht hat, bestand aus Nadeeka HAPUARACHCHI, Sameera AKMEEMANA, Krishan WEWELLWALA, Indika WIJESEKERA und Lasith SIRIWARDENA.
Sie bedanken sich vor allem bei Nations Trust Bank, deren Gelder ihre Forschungsarbeit unterstützen.
Soweit M. RODRIGO von der Sunday Times.

Rasboroides vaterifloris, der Perlmuttbärbling, klassische Variante

Männchen (unteres Tier) haben bei R. vaterifloris größere Flossen.

Zufallsimport
Die Rote Rasbora wird also niemals gezielt in nennenswerten Stückzahlen im Handel auftauchen. Doch freute es mich ungemein, als ich bei der Inspektion eines vermeintlichen Importes des Perlmuttbärblings Rasboroides vaterifloris bei Aquarium Glaser im Dezember 2012 feststellte, dass hier zwar auch einige Perlmuttbärblinge schwammen, der größte Teil des Importes aber aus dem mysteriösen Meinkens Fairy Dandiya bestand. Sicher wird dies die einzige Gelegenheit für mich gewesen sein, diesen Fisch in größerer Stückzahl gesehen zu haben. 15 Exemplare schwammen einige Zeit in einem meiner Aquarien und zeigen mir, dass selbst 35 Jahre alte Träume noch wahr werden können.
Bezüglich der Pflege zeigten sich die kleinen, nur etwa 2-3 cm langen Fische als recht anspruchslos. Sie sind weder sonderlich krankheitsanfällig noch stressempfindlich. Allerdings sollte man so zarte Tiere am besten im Artaquarium pflegen, Konkurrenz vertragen sie nur schlecht. Für Zuchtversuche fehlte mir leider die Zeit.

Weibchen von Rasboroides nigromarginata

Rasboroides nigromarginata ist ein typischs Beispiel dafür, warum Raritäten immer Raritäten bleiben werden: weil sich kaum jemand dafür interessiert! Im klassischen Zoofachhandel hat dieser auf den ersten Blick unscheinbare Fisch keine Chance gegen knallbunte Guppys, Malawi-Buntbarsche und Neonfische. Darum werden kommerzielle Züchtereien sich niemals um das Tierchen bemühen. Und selbst erfahrene Liebhaber haben große Schwierigkeiten, solche Arten dauerhaft zu erhalten, denn deren räumliche Möglichkeiten sind nun einmal begrenzt und irgendwann ist man auch frustriert, wenn niemand die mühsam hochgepäppelten Nachzuchten haben will. Darum sind gelegentliche Importe solcher Arten so wichtig, denn nur dann wird man wieder an sie erinnert und sie gehen nicht wieder für Jahrzehnte vergessen. Nur was man kennt, kann man schützen! Der Fang von ein paar hundert Exemplaren alle paar Jubeljahre wird die Spezies sicher nicht gefährden, aber die lokalen Zierfischfänger wären wunderbare Scouts, die ein Monitoring der freilebenden Bestände um ein Vielfaches besser leisten könnten, als die Gelehrten, die alle 30 Jahre einmal genug Geld zusammenkratzen können, um eine Bestandsaufnahme zu finanzieren. Und auch dann geht einem ja einiges durch die Lappen, wie selbst der erfahrene Rohan PETHIYAGODA erleben musste…

Bye bye Rasboroides nigromarginata – oder doch auf Wiedersehen?

Ich jedenfalls fände es schön, diesem Fischlein nochmal zu begegnen und dann vielleicht auch die Zeit zu finden, es zu züchten. Vielleicht geht es diesmal ja etwas schneller als 53 Jahre, denn soviel habe ich wohl nicht mehr.

Frank Schäfer

Lexikon Perlmuttbärblinge

Rasboroides: bedeutet „ähnlich zu Rasbora“; Rasbora ist eine andere Bärblingsgattung.

nigromarginata: bedeutet „mit schwarzem Rand“

vaterifloris: bedeutet „gefärbt wie die Blüte des Vateria-Baumes“

 

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “2010 wiederentdeckt: Meinkens Rote Rasbora

  1. Pingback: Franky Friday: 2010 wiederentdeckt: Meinkens Rote Rasbora - my-fish

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.