Das Aquarium von Livorno (2)

Das nächste Becken ist das größte des Aquariums in Livorno. Ein Becken mit Tieren des Indo-Pazifik, Inhalt: 300.000 Liter. Es enthält gleich zwei der Vorzeigetierarten des Aquariums: Napoleonfische und Meeresschildkröten. Es wäre aber ungerecht, das Becken auf diese zwei prominenten Arten zu reduzieren; da wäre z.B. der große Trupp Fledermausfische (Platax orbicularis). Diese Art sieht als Jungfisch völlig anders aus und erinnert dann eher an die aus dem Süßwasser bekannten Segelflosser (Pterophyllum). Die Jungfische leben in der Mangrove und imitieren hier tote Blätter. Wie diese lassen sie sich von der Strömung treiben. Die erwachsenen Fische sind hingegen aktive Schwimmer. Da Fledermausfische beliebte Speisefische sind, werden sie in Aquakultur gehalten und vermehrt. Jungtiere kommen auch in den Zierfischhandel. Es sind ausdauernde und schöne Pfleglinge.

Natürlich ziehen auch Haie immer den Blick auf sich. In diesem Fall sind es drei Arten: Schwarzspitzen-Riffhaie (Carcharhinus melanopterus), ein männlicher Weißspitzen-Riffhai (Triaenodon obesus) und Zebrahaie (Stegostoma fasciatum). Leider sind die Bestände aller Haie stark rückläufig, die Überfischung für Haifischflossen und das Öl der Leber zusammen mit der vergleichsweise geringen Vermehrungsrate dieser Tiere sind besorgniserregend. Der ovovivipare Zebrahai wird regelmäßig im Aquarium gezüchtet; Jungtiere sind sehr kontrastreich schwarz-weiß geringelt. Die beiden Riffhai-Arten sind echt lebend gebärend. Für den häufig in Schauaquarien gezeigten Schwarzspitzen-Riffhai existiert sogar ein Zoo-Erhaltungszuchtprogramm; der Weißspitzen-Riffhai wird seit 1982 erfolgreich in Aquarien gezüchtet. Wenngleich diese Nachzuchten ausreichen, um ggf. den Bedarf von Zoos und Schauaquarien zu decken, braucht man sich dennoch nicht der Illusion hinzugeben, man könne damit die Folgen des weltweiten Haisterbens mindern. Auch wenn alle Lebendhaltungen der Erde zu 100% aus Wildfängen bestehen würden, hätte das keinen spürbaren Einfluss auf die Wildbestände. Man muss Haie in Zoos und deren Nachzuchten genau wie andere Raubtiere sehen: als Botschafter ihrer Art, als Chance, die schönen Seiten dieser Tiere zu sehen und für ihren Schutz zu werben.

Das gilt letztendlich auch für die Napoleonfische, die größten Lippfische der Welt. Der Rekord liegt bei 2,3 m, das im großen Barriereriff vor Australien gefangene Tier war 190 Kilogramm schwer. Leider gehört der Napoleonfisch (Cheilinus undulatus) zu den bedrohtesten Meeresfischen überhaupt. Sein Fleisch ist sehr fest und wohlschmeckend, es werden bis zu 200$ pro Kilogramm bezahlt. Da der höchste Preis für frisch geschlachtete, noch lebend im Restaurant ausgesuchte Exemplare bezahlt wird, fangen die Fischer sie häufig mit Betäubungsmitteln, wie Cyanid, einer Blausäureverbindung. Die Fische erholen sich scheinbar von der Vergiftung; das täuscht aber. Meist tragen sie irreparable Leberschäden davon. Das Gift schadet aber nicht nur den unmittelbar damit gefangenen Fischen, sondern schädigt auch nachhaltig alle anderen Riffbewohner in der näheren Umgebung. Auch die Fischer, die sich der Schädlichkeit ihrer Handlungen nicht bewusst sind, bringen sich selbst und ihre Familien in höchste Gefahr, denn sie verzehren alle Fische, die den Fang nicht überleben. Es geht die Rede, dass eine hohe Zahl von Missbildungen bei den neugeborenen Kindern der Fischerfamilien zu beobachten ist. Dieser Gift fang ist die größte Seuche der tropischen Meere. Leider wurden und werden wohl auch immer noch auch Zierfische mit dieser Methode gefangen. Es ist mir unbegreiflich, dass dieser seit Jahrzehnten beklagte Missstand nicht unterbunden werden kann. Hinter dem Vertrieb des Giftes müssen schließlich kriminelle Vereinigungen stehen, man bekommt ja Blausäure nicht einfach so in der Apotheke nebenan oder im Supermarkt.

Die Bestände des Napoleonfischs befinden sich leider in einer steten Abwärtsspirale. Je rarer er wird, desto teuerer wird er, je teurer er wird, desto begehrter wird sein Verzehr als Statussymbol. Somit findet eine gnadenlose Ausplünderung der Bestände statt. An sich können Korallenfische aufgrund ihres gewaltigen Vermehrungspotentials solchem Feinddruck entgegenwirken. Napoleonfische werden z.B. mit rund 35 cm Länge geschlechtsreif, andere Quellen geben ca. 60 cm an. Es wird geschätzt, dass sie dann 5-7 Jahre alt sind. Wie die meisten Lippfisch-Arten haben Napoleonfische drei Geschlechter. Es gibt Weibchen, Primärmännchen und Sekundärmännchen. Primärmännchen werden bereits als Männchen geboren und bleiben zeitlebens Männchen. Sekundärmännchen hingegen waren zunächst Weibchen. Ab einer Größe von rund 60 cm, im Alter von etwa 15 Jahren wandeln sich die Weibchen in Männchen um. Beim Laichgeschehen finden sich Napoleonfische eines größeren Riffabschnitts zum Gruppenlaichen zusammen. Einige wenige große Sekundärmännchen befruchten den Laich fast aller Weibchen. Die Primärmännchen sind optisch und bezüglich der Größe nicht von Weibchen zu unterscheiden. Sie mischen sich in das Laichgeschehen als so genannte Sneaker (also „Schleicher“) ein und werden von den großen Männchen nicht als Konkurrenten erkannt. Aus unbekannten Gründen waren Napoleonfische nie wirklich häufig. Die Dichte wird auch in völlig unbefischten Gebieten auf höchstens 20 Exemplare auf 10.000m2 geeignete Rifffläche angegeben. Dabei werden von den Tieren jährlich Millionen von Eiern je Weibchen gelaicht. Das Wissen um die Details der Biologie dieser beeindruckenden Fische ist leider verheerend gering. So heißt es, Weibchen würden mit maximal 32 Jahren Lebenserwartung älter als die Männchen werden. Was ist der Grund, warum sich nicht alle Weibchen zu Männchen umwandeln? Warum verwandeln sich nur so wenige Larven, warum ist die Art auch in ungestörten Riffen so selten? Obwohl der Napoleonfisch ein sehr weites natürliches Verbreitungsgebiet hat, weiß man so, so wenig über ihn…. Aber die gute Nachricht zum Schluss: eine relativ neuen Studie aus dem Jahr 2015 (NOAA Technical Memorandum NMFS-PIFSC-48 . Status Review Report: Humphead Wrasse (Cheilinus undulatus). Kostenloser Download hier: https://repository.library.noaa.gov/view/noaa/9052) kommt zu dem Ergebnis, dass zumindest in absehbarer Zeit (den nächsten 50 Jahren) wohl kein akutes Risiko besteht, dass die Art ausstirbt.

In Livorno leben zwei große Männchen der Art, beeindruckende Gestalten! Die Weibchen haben eine rote Grundfärbung. Den komischen Namen „Napoleonfisch“ hat der Fisch übrigens davon erhalten, dass der Stirnbuckel erwachsener Männchen an den Zweispitz-Hut erinnern soll, den Napoleon Bonaparte zu tragen pflegte.

Leider sind auch die Meeresschildkröten weiterhin bedroht. Im Aquarium von Livorno wird ein wunderschönes, ausgewachsenes Paar der Suppenschildkröte (Chelonia mydas) gezeigt. Die Suppenschildkröte ist die einzige der sieben gegenwärtig bekannten Meeresschidkrötenarten, die sich weitestgehend auf pflanzliche Nahrung spezialisiert hat. Es ist darum relativ risikoarm, sie gemeinsam mit Fische zu pflegen. Die Art ist weltweit verbreitet, es wird kontrovers diskutiert, ob sie in Unterarten aufzugliedern sei. Geschlechtsreif werden Meeresschildkröten erst mit ca. 20 Jahren. Bis dahin gehen die meisten Schlüpflinge zugrunde; obwohl Meeresschildkröten riesige Gelege von bis zu 180 Eiern produzieren ist es darum schwierig, die Bestände zu stützen. Man versucht dazu vor allem, die Strände, an denen die Eier gelegt werden, zu schützen. Schildkrötengelege werden bereits durch eine Vielzahl von Fressfeinden gefährdet, Menschen, Schweine und Hundeartige graben sie aus. Bei besonders bedrohten Arten und Populationen der Meeresschildkröten werden die Schlüpflinge einige Jahre in Gefangenschaft aufgezogen, wodurch die individuelle Überlebenschance, die – statistisch gesehen – bei deutlich weniger als 0,1% der Schlüpflinge liegt, verbessert werden soll. Aufgrund des makellosen Panzers des Pärchens in Livorno (die Tiere haben Namen und heißen Ari und Cuba) sind die beiden wohl solche Aufzuchttiere. Sie sollen sich erst seit 2017 in Livorno befinden. Das Männchen ist leicht an der sehr langen Schwanzrübe zu erkennen.

Ein Schwarm Wimpelfische (Heniochus cf. acuminatus) stand leider stets zu tief im Becken, um die subtilen Artunterschiede zu H. diphreutes sicher erkennen zu lassen. Die schönen, über 20 cm großen Tiere trauten wohl der Räubergesellschaft, die sich in Scheibennähe aufhielt, nicht über den Weg. Zumindest bei den beiden großen Muränen, gut zu sehen war eine Große Netzmuräne (Gymnothorax favagineus), die andere Art huschte nur kurz durch das Becken und versteckte sich dann wieder, ist diese Vorsicht wohl angebracht, denn denen darf man nicht trauen. Das tun die Pfleger wohl auch nicht, die Muränen sind hübsch feist. Nur satte Muränen sind harmlose Muränen… Der Zackenbarsch (Epinephalus malabaricus) ist hingegen in der gegenwärtigen Größe (ich schätze 40-50 cm) noch keine Gefahr für die Wimpelfische, aber die Art wird immerhin bis 120 cm lang. Für die Wimpelfische harmlos sind auf jeden Fall die Rotfeuerfische (Pterois miles), die neugierig an der Scheibe den Besucher betrachten und posieren. Zwei über 20 cm große Großkaiser – ein Pomacantus imperator und ein P. annularis – wirken in dieser Gesellschaft trotz aller Farbenpracht eher unscheinbar und unauffällig, ebenso die skurrilen Nashornfische (Naso brevirostris). Sehr schön, dass auch in diesem Großbecken zwei Putzerfische (Labroides dimidiatus) ihrer Passion nachgehen können, hier kann man sehr naturnahe Beobachtungen an den winzigen Kerlchen machen, wie sie die Muräne und den Zackenbarsch bedienen. Ein Trupp noch jugendlicher Blaustreifenschnapper (Lutjanus kasmira) hat wohl ähnliche Motive wie die Wimpelfische sich recht eng beisammen zu halten.

Meine persönlichen Favoriten waren aber zwei Pferdemakrelen (Caranx hippos), die mit unfassbar herrlich mürrischen Gesichtsausdruck, dicht beieinander schwimmend durch das Becken patrouillierten. Irgendwie ist es ja schwer, sich von dem Gedanken zu lösen, dass solche silbrigen Schwarmfische nur namenlose und weitgehend persönlichkeitslose Tiere sind. Caranx hippos ist – zoogeografisch gesehen – hier eigentlich fehl am Platz, denn es ist eine atlantische Art, die sogar im Mittelmeer angetroffen werden kann und weit die Flüsse hinaufwandert. Das Aquarium hat ansonsten, wie schon erwähnt,  indo-pazifischen Besatz. Aber egal, die Besucher merken es eh eher selten und die Pferdemakrelen sind eine echte Schau. Die Maximallänge der Art wird mit 125 cm angegeben, gewöhnlich werden die Tiere um die 75 cm lang. Es sind begehrte Speisefische, Caranx hippos gilt, obwohl jährlich viele hundert Tonnen gefischt werden, als nicht gefährdet. (wird fortgesetzt)

Frank Schäfer

Hier geht es zur Homepage des Aquariums: http://www.acquariodilivorno.com/aquarium.php

Und mehr Lesestoff über Meeresfische gibt es hier: https://www.animalbook.de/Fische

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilen, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitge Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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