Rasbora daniconius – wie man eine neue Art entdeckt

Manchmal ist es wirklich komisch. Jahrelang nimmt man gewisse Dinge einfach als gegeben hin, denkt überhaut nicht darüber nach und dann kommt es knüppeldick und – bums – wieder ist eine Baustelle eröffnet. So ging es mir in dieser Woche mit Rasbora daniconius.

Rasbora daniconius, erwachsenes Wildfangtier aus Bengalen.

Es handelt sich dabei um einen hübschen, aber unspektakulären Fisch aus der weitläufigen Bärblingsgattung Rasbora, die gegenwärtig 86 anerkannte Arten enthält. Die ersten Arten der Gattung Rasbora wurde schon 1822 von Francis Hamilton (1762-1829), einem schottischen Arzt, der für die Ostindische Kompanie in Bengalen arbeitete und dort sein Interesse für Fische entdeckte, beschrieben. Hamilton benannte seine  Arten meist nach den einheimischen Bezeichnungen, die er latinisierte, so auch im Falle von Rasbora. Diesen Artnamen benutzte später Pieter Bleeker (1819-1878), um die Gattung Rasbora aufzustellen, deren Typusart Rasbora rasbora (Hamilton, 1822) ist.

Originalzeichnung von Rasbora daniconius aus Hamilton, 1822

Auch der Artname daniconius entstammt eine solchen lokalen Bezeichnung; Hamilton gibt sie lautmalerisch als „Danikoni“ wieder. Eine ganz ähnliche Bezeichnungen für kleine Karpfenartige, wohl vom gleichen Wortstamm abgeleitet, ist der bekannte Gattungsname Danio.

Ich arbeite schon zwei Jahrzehnte an einer Revision der Arten, die Hamilton beschrieb. Denn die wunderbare Arbeit des Schotten – die erste, die die Fischwelt Indiens im modernen Sinn wissenschaftlich zu erfassen begann – hat ein entscheidendes Manko. Als Hamilton aus Indien abreiste, beschlagnahmte sein Vorgesetzter, der Earl of Moira (Francis Rawdon-Hastings, 1754-1826), einen großen Teil der Fischzeichnungen, die Hamilton hatte anfertigen lassen, um nach ihnen die Beschreibungen der Arten vorzunehmen. So kam es, dass Hamilton von sehr vielen Arten seine Beschreibungen nur nach den flüchtigen Notizen, die er sich dazu gemacht hatte, vornehmen konnte. Das produziert Fehler. Von Rasbora daniconius hatte Hamilton seine Zeichnung noch, aber von der ähnlichen Arten anjana nicht; sie wurde von späteren Bearbeitern meist als Synonym zu daniconius gewertet. Die Zeichnung wurde später wiedergefunden, schauen Sie selbst…

Dies ist die Zeichnung von Rasbora anjana, die Hamilton bei seiner Abreise aus Indien weggenommen wurde.

Nach Hamilton ging Francis Day (1829-1889) daran, die Fischwelt Indiens vollständig darzustellen. Day beschrieb 1867 die Arten Rasbora woolaree und Neilgherriensis; zuvor hatte  Achilles Valenciennes (1794-1865) im Jahr 1844 die Art Rasbora dandia, Thomas Caverhill Jerdon (1811-1872) im Jahr 1849 die Arten Rasbora flavus und R. malabaricus beschrieben. Sie alle stellte Day später in die Synonymie von Rasbora daniconius, genau wie Rasbora zanzibarensis Günther, 1867 von der Insel Sansibar vor Afrika! Zuvor waren nur Fische vom Indischen Subkontinent der Art Rasbora daniconius zugeordnet worden. Somit war schon vor der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert damit ein riesiges Verbreitungsgebiet für diesen kleinen Süßwasserfisch umrissen. Das soll alles das selbe sein?

Rasbora zanzibarensis aus Playfair & Günther, 1867

1913 beschrieb Chaudhuri aus Assam in Rasbora rasbora var. kobonensis, 1935 Mukerji aus Maharashtra Rasbora labiosa, die später alle zu R. daniconius gestellt wurden. Mit Rasbora palustris produzierte Smith 1945 nach Ansicht späterer Bearbeiter ein Synonym aus Thailand. Ohne formelle Neubeschreibungen umfasst das heute angenommene Verbreitungsgebiet der Art Rasbora daniconius Nepal, Bhutan, Indiien, Sri Lanka, Laos, Thailand, Malaysia, Bangladesch, Pakistan und Burma; der Status der Sansibar-Fische ist ungeklärt, man geht am ehesten von einem Irrtum bezüglich der Herkunft der der Beschreibung zugrunde liegenden Exemplare aus. Trotzdem: eine derartig weite Verbreitung eines kleinen Fisches, der ausschließlich im Süßwasser existieren kann und für den Meeresküsten  eine unüberwindliche Barriere darstellen ist aus geologischer Sicht eigentlich nicht vorstellbar. Denn wie sollte das Tier über die Gebirge gelangt sein, die die zoogeografischen Regionen der oben genannten Länder voneinander trennen? Warum hätte das nur Rasbora daniconius tun können aber keine andere Art vergleichbarer Größe und Lebensweise?

Trotz dieser offensichtlichen Unwahrscheinlichkeit habe ich bislang nicht darüber nachgedacht, sondern auch immer alle Rasboren mit breitem Seitenstreifen, der vorn an der Schnauze beginnt und bis in die Schwanzflosse durchläuft als Rasbora daniconius bezeichnet und nie so genau hingeschaut. Bis zu dieser Woche. Ich sah einen Beifang bei Danio quagga aus Burma; klar, Rasbora daniconius, trotzdem, ich nahm ihn mal mit und fotografierte ihn. Und dann sah ich bei Brevibora dorsiocellata aus Malaysia auch Rasbora daniconius, gleich mehrere Tiere. Auch die nahm ich mit ins Büro und knipste sie. Und die Malaien sahen irgendwie anders aus. Solche Leuchtflecken am Schwanzstiel, die hatten Rasbora daniconius doch noch nie? Und dieser angedeuteten Unterbauchstreifen, komisch, komisch. Jugendzeichnung? Immerhin waren die Tiere mit etwa 3-4 cm Länge eindeutig noch jugendlich. Wie gut, dass ich zum Vergleich den Danio quagga-Beifang hatte, der hat nämlich die gleiche Größe. Aha! Keine Spur von Leuchtflecken auf der Schwanzwurzel, nichts von Unterbauchstreifen.

Diese Rasbora daniconius fand ich als Beifang zu Danio quagga aus Burma

Offenbar habe ich durch Zufall eine neue Art entdeckt. Zweifellos haben frühere Bearbeiter auch schon Rasbora „daniconius“ in Malaysia gefangen, aber immer nur gedacht: „Naja, Rasbora daniconius, nichts Besonders, zurück in den Bach…“ oder die Art halt im Schnellverfahren bestimmt und die Tiere in einem Museum deponiert.

Nun schwimmt ein kleiner Trupp einer wissenschaftlichen Neuheit in einem meiner Aquarien, eine neue Baustelle ist eröffnet. Als nächstes gilt es nun die Museumssammlungen der Welt nach Exemplaren von „Rasbora daniconius“ aus Malaysia mit definierten Fundorten, gesammelt auf wissenschaftlichen Expeditionen, zu durchsuchen – leider wissen wir bei Zierfischimporten ja nie so ganz genau, wo sie gefangen wurden. Und wenn die konservierten Tiere die gleichen Merkmale zeigen, die meine lebenden von den indisch-burmesischen unterscheiden, müssen noch die nominell existierenden, bereits beschriebenen Arten (ich habe sie oben ja alle aufgeführt) nachuntersucht und neu bewertet werden. Erst dann kann ich eine saubere neue Artbeschreibung liefern – oder auch nicht, man muss an solche Untersuchungen ja immer ergebnisoffen herangehen. Und dann müssen ja auch noch die vielen, vielen Rasbora-Arten aus Indonesien berücksichtigt werden, vielleicht habe ich ja einfach etwas übersehen. Rasbora cephalotaenia und R. tornieri sind z.B. nicht unähnlich. Das Leben ist so kurz, und es gibt so viele interessante Fische – seufz!

Sind meine unbekannten Neuentdeckungen vielleicht nur Jungtiere eine anderen längst bekannten Art? Rasbora tornieri ist ein Kandidat dafür; abwarten….

Noch ganz kurz für alle, die jetzt auf Entdeckungsreise durch die Zooläden gehen und nach Rasbora daniconius schauen möchten: es handelt sich um einen friedlichen Fisch, der am liebsten Gesellschaft von seinesgleichen oder ähnlichen Arten schwimmt. Gewöhnlich wird er 6-8 cm lang, aber alte Aquarien-Methusalems können bis zu 15 cm Länge erreichen. Die chemische Wasserzusammensetzung ist ihm ziemlich egal, er mag weiches und hartes Wasser gleichermaßen, alle pH-Werte zwischen 5,5 und 8,5 liegen im grünen Bereich, wobei allerdings sprunghafte Veränderungen des pH-Wertes vermieden werden sollten. Rasbora daniconius frisst alles übliche Zierfischfutter gleichermaßen begeistert, ja, man kann der Art eine gewisse Verfressenheit nicht absprechen. Man sollte darum aufpassen, dass die Fische nicht verfetten. Pflanzen werden nicht beachtet. Die Zucht ist nicht schwierig und ganzjährig möglich. Die Weibchen werden größer und sind fülliger. Zur Zucht setzt man gewöhnlich ein Paar in einem speziellen Zuchtaquarium an, das Frischwasser stimuliert die Balz und den Ablaichvorgang. Am besten ist es, wenn das Wasser im Zuchtbecken etwa weicher, etwas saurer und etwas wärmer als im normalen Hälterungbecken ist. Die Tiere laichen an feinen Pflanzen, wie Javamoos, man kann auch gut künstliche Laichfasern verwenden. Die Fische sind sehr produktiv, mehrere hundert Jungtiere sind bei einem größeren Pärchen die Regel. Es hat sich bewährt, unmittelbar nach dem Ablaichen die Eltern zu entfernen – sie sind Laichräuber – und einen großen Wasserwechsel (80-90% des Beckenvolumens) durchzuführen. Letzteres verhindet eine zu starke Bakterienvermehrung aufgrund des überschüssigen Spermas, Schleimhautresten der Eltern etc. Zusätzlich gibt man ein handelsübliches Mittel gegen Laichverpilzung zu. Die Aufzucht der Jungtiere ist leicht und gelingt oft sogar mit feinstem Trockenfutter. Allerdings besteht keine Nachfrage nach solchen Nachzuchten, darüber sollte man sich im Klaren sein. Man züchtet also nur aus Spaß an der Freude.

Rasbora daniconius wird in der deutschen Aquarienliteratur als „Schlankbärbling“ bezeichnet. Das bezieht sich wohl auf die im Vergleich zur aquarstisch bekanntesten „Rasbora“, dem Keilfleckbärbling, weniger hochrückigen Gestalt. So richtig gebräuchlich und zutreffend ist dieser deutsche Name nicht. Darum sollte man sich von vornherein den richtigen Namen: Rasbora daniconius einprägen.

Frank Schäfer

Weiteren Lesestoff zum Thema „Bärblinge“ gibt es hier: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=b%E4rblinge


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Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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Ein Kommentar zu “Rasbora daniconius – wie man eine neue Art entdeckt

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