Freiheit für die Fische?

(fs) In der ZEIT fordert Bernd Brunner die Abschaffung des Aquariums. Er fordert Freiheit für die Fische.

Brunner ist kein Aquarianer. Er ist – folgt man der Information in der ZEIT zu seiner Person – Autor, der sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Aquarien beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben hat. Warum nur will er das Aquarium abschaffen?

Gründe, die Brunner anführt, sind (in der Reihenfolge ihres Auftritts):

1. Fische leiden während ihres Weges ins Aquarium und manche sterben sogar dabei

2. Aquarien sind kitschig

3. Sie zeigen uns gefangene Tiere in künstlicher Umgebung

4. Aquarien sind ein Geschäft, mit der Kreativität ihrer Besitzer lässt sich Geld verdienen

5. Aquarien sind technisch raffiniert ausgestattet, mit der Natur hat das wenig zu tun

Es folgt eine Philippika, in der Brunner, bricht man seine Argumentation auf das Wesentliche herab, den Fang von Korallenfischen mit Gift beklagt und darüber jammert, dass die Industrie es nicht schafft, diesen wirksam zu unterbinden.

Seine Abschlussforderung, man sollte das Aquarium abschaffen und sich statt dessen Naturdokumentationen im Fernsehen anschauen, ist an bitterem Zynismus kaum noch zu überbieten. Das ist wie die Aufforderung, eine DVD-Staffel einer Kochsendung in die Sahelzone zu schicken, damit dort endlich die Hungerkatastrophe ein Ende findet.

Brunners Behauptungen, Aquarien seien ökologisch bedenklich, Wildfang grundsätzlich abzulehnen, sind genau das: Behauptungen. Es gibt keine einzige wissenschaftliche Arbeit, die sie unterstützt. Im Gegenteil: wo auch immer Wissenschaftler mit wissenschaftlichen Methoden die Auswirkungen des Zierfischfangs auf die wildlebenden Populationen untersuchten, zeigte es sich, dass diese ökologisch völlig unbedenklich sind. Und folgerichtig erscheint auch keine der häufig gehandelten Fischarten aus den Riffen der Meere auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten – nicht einmal der berühmte Banggai-Kardinalbarsch (Pterapogon kauderni), obwohl er alle Voraussetzungen erfüllt, die dazu nötig wären: ein sehr begrenztes natürliches Verbreitungsgebiet, eine niedrige Reproduktionsrate und eine hohe Attraktivität für den Handel.

Pterapogon kauderni

Der Banggai-Kardinalbarsch, Pterapogon kauderni, lässt sich sogar in privaten Liebhaber-Meeresaquarien gut züchten. Er wurde erst 1999 für die Aquaristik entdeckt und löste einen wahren Boom aus, die Nachfrage war enorm. Da diese Art – eine extreme Ausnahme unter den Korallenfischen, die üblicherweise riesenhafte Artareale besiedeln – nur in einem winzigen Verbreitungsgebiet vorkommt, wurde schon früh befürchtet, sie könne dem Fangdruck nicht standhalten. Seit dem Jahr 2000 wird der Bestand von Wissenschaftlern überwacht; ernsthaft bedroht ist die Art jedoch nicht. Inzwischen hat sich die Nachfrage längst normalisiert und auf moderate Werte eingependelt.

Brunners Argumentation ist allerdings deshalb perfide, weil sie den Anschein von Wissenschaftlichkeit erweckt. In Wirklichkeit ist sie Ausdruck einer ebenso romantischen wie grundfalschen Sichtweise auf die Natur, die unterstellt, einem Lebewesen gehe es in seinem natürlichen Lebensraum grundsätzlich gut und dass nur die Existenz des Menschen und sein Handeln dafür verantwortlich sind, dass nicht alle anderen Bewohner des Planeten Erde – Tiere und Pflanzen – in paradiesischen Zuständen leben können.

Nur diese romantische Sehnsucht nach paradiesischen Zuständen kann erklären, warum sich ein Mensch gegen ein so harmloses und durch und durch sinnvolles Hobby wie die Aquaristik wenden kann. Denn schaut man sich die Argumente Brunners gegen das Aquarium genauer an, so sieht man:

1. Fische leiden auch in freier Natur, sie sterben dort auch, nur in viel größerem Ausmaß und viel früher als im Aquarium oder auf ihrem Transport dorthin

2. Schönheit liegt im Auge des Betrachters

3. Selbstverständlich – na und?

4. Wunderbar!

5. Die technische Raffinesse imitiert die Natur in einem sehr hohen Näherungsgrad und fördert das Verständnis für natürliche Wirkmechanismen

Bernd Brunner mag keine Aquarien, er mag keine gefangenen Tiere betrachten, er mag keinen Kitsch und er mag keine freie Marktwirtschaft. All das darf er. Niemand zwingt ihn, ein Aquarium zu pflegen, Aquarienausstellungen oder Schauaquarien zu besuchen oder eine Partei zu wählen, die das Modell der freien Marktwirtschaft fördert. Aber er darf nicht seine ganz persönliche Meinung über die seiner Mitmenschen stellen. Denn sie ist weder besser noch moralisch höherstehend als diese.

grossfischbecken_seewasserFreiheit für die Fische. Das ist eine hehre Forderung. Sie bedeutet, Fische müssten wählen können, ob sie lieber im Aquarium oder in ihrer natürlichen Umgebung leben wollen. Leider gibt es diese Wahl für Fische aber nicht. Andere treffen sie. Da es eine Freiheit für Fische aus evolutionären Gründen erst in vielen Millionen Jahren geben kann – vorausgesetzt, die Entwicklung eines Gehirns, das freie Entscheidungen ermöglicht, ist ein Weg, den die Evolution bei Fischen gehen wird – müssen wir statt nach fiktiver „Freiheit für die Fische“ nach realer „Freiheit für die Menschen“ rufen. Es muss jedem Menschen freigestellt bleiben, ob er sich für oder gegen die Pflege eines Aquariums entscheidet.

Frank Schäfer

 

Herrn Brunners Originalbeitrag finden Sie hier: http://www.zeit.de/2016/40/aquarium-hobby-forschung-oekologie-tierschutz

Und hier finden Sie eine weitere Stellungnahme: http://dv-th.de/news/stellungnahme-zum-artikel-freiheit-fuer-die-fische-zeit-402016-461.html

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

4 Kommentare zu “Freiheit für die Fische?

  1. Peter Müller

    Vielleicht würde es besser passen wenn der Autor dazu raten würde den Menschen abzuschaffen, dann brauchte er sich keine unnötigen Gedanken um unsere Aquarien zu machen.

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  2. Roland Hummel

    Es fällt auf, dass immer mehr Schwachköpfe ihre dörfliche Meinung herumposaunen um andere zu zwingen, ihre Meinung auch zu vertreten.
    Selbstverständlich gibt es, wie überall, schwarze Schafe, welche Tierhaltung falsch verstehen und Tiere unter erbärmlichen Umständen halten. Dies ist aber die Ausnahme.
    Unter der Prämisse müsste man auch das Autofahren verbieten.
    Ich für meinen Teil möchte in einer freien Gesellschaft leben und selbst entscheiden, was für mich gut ist und was mir Freude bereitet.
    Deshalb lehne ich solche diktatorischen Werke bzw. solch Geschwafel grundsätzlich ab.
    Grüße
    Roland

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  3. Jochen Wöllner

    Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie der Autor dieses Artikels ein Buch über die Geschichte der Aquaristik geschrieben haben will oder auch nur das Thema verfolgt haben will.

    Es ist einfach unfassbar.

    Der Kitschvorwurf: Meinetwegen, aber das klingt alles so als habe der Autor NOCH NIE von der Existenz von Pflanzengärten im Aquascaping oder Hollandbecken gehört. Beides ist für mich eine Kunst.

    Die künstliche Umgebung: Biotopaquaristik? Nichts von gehört. (Ich weiß, das kann man auch kritisch sehen, aber der Autor hat es NICHT gesehen!)

    Die Fische vor der englischen Küste leergefischt? WAS BITTE?

    Die eindeutige dekorative/neugierstillende Funktion schon der ersten Zimmeraquarien und deren Verbreitung weitab von wissenschaftlicher Forschung? Man sollte doch meinen dass “Der See im Glase” ein Begriff ist?

    Das Argument das alle Becken zu klein sind und die Fische eingesperrt: Kleine Fischarten? Bettas, Parasphromenus, Aphysemion……..? Revierverhalten? Größe solcher Reviere? Alles nichts von gehört.

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  4. Pingback: Blog Aquaristik und Umwelt – aquaterra70

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