Rätselhafte Antennenwelse der Gattung Ancistrus

Wer kennt ihn nicht, den Blauen Antennenwels, meist nur kurz als “der” Ancistrus bezeichnet? Die niedlichen Jungtiere sehen hübsch aus, erwachsene Männchen wirken mit ihrem bizarren Kopf”geweih” sehr skurril. Es gibt ihn in diversen Zuchtformen, nämlich als Albino (weiß mit roten Augen), als Lutino (gelb mit schwarzen Augen), als Schecken (“Schildpatt”), rot und das alles mit und ohne Schleier­flossen. Er ist ein echtes Haustier geworden. Doch der Wissenschaft geben diese und einige ähnliche Arten große Rätsel auf.

Portrait des normalen Aquarienantennenwelses. Es ist zur Zeit nicht möglich, die Art wissenschaftlich korrekt zu benennen.

Zur Zeit werden 70 Arten in der Gattung Ancistrus wissenschaftlich anerkannt, doch weit über 100 wurden ursprünglich als Ancistrus beschrieben. Bis heute kennt man die meisten Arten nur nach präparierten Exemplaren, die normalerweise kaum oder gar keine Zeichnung mehr haben. So ist eine Bestimmung von Ancistrus ohne Kenntnis der Herkunft auch für Spezialisten kaum noch möglich. Eine umfassende Revision der Gattung wäre darum dringend nötig, doch dauert eine solche Arbeit Jahre oder Jahrzehnte. Im Hobby sind nach der letzten Übersicht von Seidel & Evers mindestens 93 Ancistrus-Arten bekannt, doch nur 20 können auch beschriebenen Arten zu­geordnet werden. Daraus lässt sich schätzen, dass die wirklich existierende Artenzahl bei Ancistrus wohl deutlich über 300 liegen dürfte, denn nur vergleichsweise wenige Regionen in Südamerika wurden schon von Aquarianern bereist und für den Handel fängt man sowieso nur in den immer gleichen, relativ kleinen Gebieten.

Die allgegenwärtigen Unbekannten

In nahezu allen Büchern, Zeitschriften etc., die vor 2005 erschienen, wurde der Blaue Antennenwels als Ancistrus dolichopterus bezeichnet. Teilweise lassen das unauf­merksame Redakteure selbst heutzutage noch durchgehen. Es dürfte jedoch mittlerweile allgemein bekannt sein, dass unser Aquarien-Antennenwels nicht zu der Art Ancistrus dolichopterus gehört, sondern entweder eine Kreuzungsform darstellt, die wissenschaftlich nicht benannt werden darf (Kreuzungen oder Hybriden, ein weiteres Wort dafür lautet Bastarde, werden nur in der botanischen Nomenklatur benannt, das Regelwerk der zoologischen Namens­gebung verbietet es, solchen Tieren einen wissenschaftlichen Namen zu geben), oder einer bislang noch nicht identifizierten Art. Ancistrus dolichopterus ist ein ganz anderer Fisch, der unter der L-Nummer L183 im Hobby bekannt und später oft als Ancistrus hoplogenys bezeichnet wurde. Aber auch dieser Name (A. hoplogenys) wurde falsch angewendet, denn heute glaubt man, dass der Wels L59 in Wirklichkeit A. hoplogenys darstellt. Also nochmal im Klartext: A. dolichopterus ist einer der sogenannter Weißsaum-Antennenwelse und stammt aus dem Rio Negro in Brasilien, A. hoplogenys ist der rare Rotflossen-Weißtüpfel-Antennenwels aus dem Rio Guama und seinen Zuflüssen (ebenfalls Brasilien) und der klassische Blaue Anten­nen­wels hat keinen wissenschaftlichen Namen und muss bis auf weiteres als Ancistrus sp. bezeichnet werden.

Ancistrus dolichopterus, L183
Ancistrus hoplogenys, L59

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Ein mysteriöser Fisch aus Paraguay

1992 entdeckte die Aquarianerin Kerstin Holota bei einem Importeur im süd­hessischen Raum einen gelb gefärbten Ancistrus, der angeblich zusammen mit normal gefärbten Artgenossen aus Paraguay gekommen sein sollte. Holota nahm das gelbe Tier und einige weitere Exemplare mit. Das gelbe Exemplar erwies sich als Männchen. Es wurde mit einem Weibchen des Importes verpaart und schon in der ersten Nachzucht fanden sich erstaun­licherweise gelbe Jungtiere. Das bedeutet, dass der Faktor für “Gelb” bei dem Wildfangtier mischerbig nach dem 2. Mendel´schen Gesetz vererbt wurde, also statistisch ein Viertel der Nachkommen reinerbig gelb, ein Viertel reinerbig wildfarben und die Hälfte mischerbig gelb/wildfarben war. Es gelang Holota schließlich, den gelben Stamm rein zu züchten. Dieser gelbe Ancistrus war ein Lutino, denn er hatte keine roten, sondern dunkle Augen. Die gelben Antennenwelse bekamen die L-Nummer 144. L144 war ein seltener Glücksfall für die Züchterin, denn aus ungeklärten Gründen färben die manchmal in Importen auftauchenden gelben Tiere anderer Harnischwelse nach einiger Zeit in Normalfarben um. So geschah es vor einiger Zeit bei Otocinclus vestitus und O. macrospilus sowie bei Hemiloricaria castroi. Leider wurde nicht dokumentiert, wie die wildfarbige Stammform von L144 aussah, so dass deren Identität unklar bleibt. Holota glaubt sich allerdings zu erinnern, dass es sich um eine rotgefleckte Ancistrus-Art handelte; eine Art, auf die diese Bezeichnung passt, ist derzeit als Ancistrus sp. “Rio Paraguay” im Hobby verbreitet.

Dieser Otocinclus vestitus verlor bereits nach wenigen Wochen seine gelbe Färbung und war dann nicht mehr von seinen Artgenossen zu unterscheiden.
Otocinclus vestitus aus Paraguay
Gelbes Wildfangexemplar von Otocinclus macrospilus
Normal gefärbte Otocinclus macrospilus
Hemiloricaria castroi – so gefärbt wurde das Tier aus Peru importiert.
Das gleiche Individuum von H. castroi aus Peru ein Jahr nach dem Import

Ein erneuter Wildfang von L144 taucht auf!

Im Jahr 2012 geschah das Un­wahrscheinliche: in einem Import von Ancistrus aus Paraguay erhielt Aquarium Glaser in Rodgau (Südhessen!) erneut einen Wildfang-Lutino. Es handelte sich bei den Ancistrus um die Art A. pirareta, die regelmäßig aus Paraguay für das Hobby importiert wird. Allerdings hat es sich im Handel eingebürgert, dass der Fisch unter der Bezeichnung A. tamboensis segelt. A. tamboensis ist aber eine Art aus dem Ucayali-Einzug in Peru. Sie sieht A. pirareta durchaus ähnlich, hat aber nur auf der vorderen Körperhälfte die hellen Punkte. Im Hobby ist der echte A. tamboensis nicht (erkannt) vorhanden. Der rare Lutino – es ist ein außergewöhnlicher Zufall, dass ein derart auffällig gefärbtes Tier in der Natur überlebt und dann auch noch einem Aquarienfischsammler ins Netz gerät – ging zusammen mit einigen normal gefärbten Exemplaren von A. pirareta an einen Züchter. Wer weiß, vielleicht wieder­holt sich die Geschichte von L144? Denn der ist weitgehend ausgestorben. Eine farblich attraktivere gelbe Variante des Aquarien-Ancistrus (Ancistrus sp.) hat ihn aus dem Handel verdrängt.


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Ancistrus sp. L144, das neu importierte Wildfangexemplar.
Normalform von L144, der Paraguay-Antennenwels Ancistrus pirareta
Portrait eines voll erwachsenen Männchens von A. pirareta, Wildfang aus Paraguay

Man sieht: man muss gar nicht in die Tropen fahren, um auf ungeklärte Rätsel im Reich der Fische zu stoßen. Manchmal stößt man schon beim Zoohändler um die Ecke darauf…

Frank Schäfer

Lexikon: Antennenwelse

Ancistrus: nach dem altgriechischen Wort für “Angelhaken”; bezieht sich auf die hakenförmigen, auf dem beweglichen Zwischenkiemendeckel befindlichen und bei Gefahr abgespreizten Stacheln (Interopercularodontoden). dolichopterus: bedeutet “mit langen Flossen”.
hoplogenys: bedeutet “mit stark bewehrter Schnauze.
tamboensis: bedeutet “aus dem Rio Tambo stammend”.
pirareta: Nach dem Typusfundort “Salto Pirareta”.
Otocinclus: altgriechisch, bedeutet “mit vergittertem Ohr”; bezieht sich auf einen gitterartig durchbrochenen, von außen sichtbaren Schädelknochen, der an der Stelle sitzt, wo bei Menschen das Ohr wäre.
vestitus: bedeutet “Bekleidung”, bezieht sich ebenfalls auf das Ohrgitter.
macrospilus: bedeutet “mit großem Fleck”.
Hemiloricaria: bedeutet “halbe Loricaria”; Loricaria ist eine andere Welsgattung. castroi: Widmungsname

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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