Die Rotbauch-Spitzkopfschildkröte (Emydura subglobosa) – ein Traum von einer Wasserschildkröte

Immer wieder wird nach pflegeleichten, schönen, lebhaften und nicht zu groß werdenden Schildkröten gefragt. Nun, die Rotbauch-Spitzkopfschildkröte ist exakt das Tier, auf das alle diese Attribute passen. Der zungenbrecherische deutsche Populärname ist wahrhaftig schon das komplizierteste an dem Tier!

Die attraktive Rotfärbung des Panzers bleibt zeitlebens erhalten.

Im Hobby ist die schöne Schildkröte, die im männlichen Geschlecht etwa 20 cm Panzerlänge erreicht, Weibchen werden gut 25 cm lang, schon seit den späten 1970er Jahren. Der Altmeister der Terraristik, Wilhelm KLINGELHÖFFER, erwähnt sie in seinem Standardwerk „Terrarienkunde“ von 1959 noch gar nicht, während 1984 OBST, RICHTER & JACOB in ihrem Klassiker „Lexikon der Terraristik und Herpetologie“ zu der Art schreiben „… wiederholt in Generationen gezüchtet … Empfehlenswert auch für Anfänger.“ Was für ein Wandel in nur gut 20 Jahren! Bis in die 1990er Jahre wurden Nachzuchten von Emydura subglobosa überall angeboten, dann wurde es still um die Art.
Erst vor etwa 10 Jahren erinnerte man sich des Tieres und seither erfreut es sich wieder einer ständig wachsenden Popularität.

Der Hals wird bei Emydura S-förmig in den Panzer gezogen (Halswender-Schildkröte).

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Verwirrung um den Namen
Zunächst war die Rotbauch-Spitzkopfschildkröte im Hobby unter dem Namen Emydura albertisii bekannt. Diese Art war 1888 von BOULENGER beschrieben worden, der sie gegen E. subglobosa abgrenzte. Später setzte sich jedoch die Auffassung durch, dass beide „Arten“ der selben Spezies angehören und so wurde E. albertisii zum jüngeren Synonym von E. subglobosa, die bereits 1876 beschrieben worden war. Die Art ist ganz offensichtlich recht variabel und es gibt weitere Namen, die ihr zugeordnet wurden; die aktuellste wissenschaftliche Übersicht über die Schildkröten Australiens (Georges & Thomson, 2010) unterscheidet die typische rotbäuchige Form von aus dem südlichen Neu-Guinea – hier ist sie etwa ab der Vogelkop- und Bomberi-Halbinsel im Westen bis zum Kemp-Welsh-Enzug im Osten verbreitet – und dem Jardine River auf der Cape-York-Halbinsel in Australien als Emydura subglobosa subglobosa und eine weitere, gelbbäuchige Unterart, die zudem im Alter häufig einen breiten Kopf bekommt, nämlich E. s. worrelli, von den hoch liegenden Einzügen des Arnhem-Land-Plateaus im Northern Territory und den Flüssen, die in den Golf von Carpentaria entwässern. Die wissenschaftliche Beschreibung der letzteren wird von Georges & Thomson scharf kritisiert, was jedoch nichts an ihrer Gültigkeit ändert. Andererseits lässt sich wohl nicht ausschließen, dass die beiden Unterarten sogar verschiedene Arten repräsentieren. 2019 wurde eine weitere Unterart dieser Schildkröte beschrieben: Emydura subglobosa angkibaanya. Typuslokalität ist der Jardine River, Queensland, Australien. Diese Unterart wird aktuell nicht von den damit befassten Wissenschaftlern akzeptiert und der Nominatform zugeordnet (Rhodin et al., 2021). Die sehr bedrohte Population des Jardine River ist dennoch bemerkenswert und wird wissenschaftlich untersucht (Freeman & Ebner, 2020).

Sei dem wie es ist: Wildfänge der Rotbauch- Spitzkopfschildkröte sind ohnehin so selten im Handel, dass man ruhig sagen kann, es gibt sie überhaupt nicht. Alle im Hobby vertretenen Stämme sind Nachzuchten von Tieren aus Neu-Guinea und entsprechen der Nominatform, während E. s. worelli, wenn überhaupt, nur bei einigen wenigen Spezialisten gepflegt wird.

Erwachsenes Männchen in der Draufsicht.

Weitgehend im Wasser lebend
Die Rotbauch-Spitzkopfschildkröte ist eine Fluss-Schildkröte, die das Land nur gelegentlich aufsucht. Es gibt Haltungserfahrungen, dass sie auch vollständig im Aquarium, ganz ohne Landteil zu pflegen ist, doch empfehle ich das nicht. Wenngleich sich die Art wesentlich seltener sonnt, als das viele andere Schildkröten tun, gibt es in dieser Hinsicht zum einen erhebliche individuelle Vorlieben der einzelnen Tiere und zum anderen dient das Vorhandensein eines trockenen (!) Landteils der Krankheitsprophylaxe. Denn als Fließwasserbewohnerin stellt E. subglobosa vergleichsweise hohe Anforderungen an die Wasserqualität. Ist diese schlecht, so neigt das Tier zu infektiösen Haut- und Panzererkrankungen. Doch auch wenn im Wasser alles in Ordnung ist: wie alle Lebewesen können auch diese Schildkröten mal krank werden und dann suchen sie gerne das Landteil auf, sonnen sich und so vergehen leichte Infekte oft wieder von selbst, ohne dass der Pfleger es überhaupt mitbekommt.

Jungtiere von Emydura subglobosa sind allerliebst.
Photo: Chris Lukhaup

Das Aquarium für Rotbauch-Spitzkopfschildkröten
Wegen ihrer prachtvollen rosa-schwarz-weiß Färbung ist Emydura subglobosa ein herrliches Schautier, das sich gut in großen, abwechslungsreich eingerichteten Aquarien pflegen lässt. Besonders empfehlenswert ist es, Fische im gleichen Aquarium mit zu pflegen. Denn die Fische zeigen durch Unwohlsein sehr schnell an, wenn die Wasserqualität einmal nicht so toll ist und es ergibt sich ein abwechslungsreiches, stets anregendes Bild. Ausreichend gefütterte Schildkröten machen kaum Jagd auf Fische. Nur gelegentlich fällt einmal ein krankes oder geschwächtes Fischlein den Tieren zum Opfer, aber das ist in der Natur ja auch nicht anders.

Für ein solches Schauaquarium sollte man Becken von 150 cm Länge oder mehr wählen. Das erleichtert die Einrichtung und kommt dem starken Bewegungsdrang der Schildkröten, die exzellente Schwimmer sind, sehr entgegen. Die chemische Wasserzusammensetzung ist dabei von untergeordneter Bedeutung, die Wassertemperatur sollte bei 22-26°C liegen. Ein kräftiger Filter, in den aus Sicherheitsgründen auch gleich der Heizer integriert sein sollte (ein loser Heizstab, wie er in reinen Fischaquarien zum Einsatz kommt, ist weniger gut geeignet, da bei größeren Schildkröten Bruchgefahr besteht), sorgt für klares, gutes Wasser. Es ist extrem wichtig, dass die Lufttemperatur über dem Aquarium nicht wesentlich niedriger als die Wassertemperatur ist, es kommt sonst leicht zu Atemwegserkrankungen. Unter dem Heizstrahler auf dem Landteil sollten 30- 35°C erreicht werden. Am sinnvollsten wählt man als Leuchtmittel einen Spot mit UV-Anteil. Besonders hochträchtige Weibchen machen von diesem Sonnenplatz gerne ausgiebig Gebrauch.

Erwachsenes, albinotisches Tier.
Photo: Christoph Fritz, www.reptilia24.com

Rotbauch-Spitzkopfschildkröten sind gewöhnlich sehr friedlich untereinander, so dass sich eine Gruppenhaltung anbietet. Um den Weibchen etwas Ruhe vor den stets paarungswilligen Männchen zu verschaffen, sollte man, wenn es die räumlichen Möglichkeiten erlauben, ein Männchen mit mehreren Weibchen vergesellschaften. Doch selbst Männchen vertragen sich erstaunlich gut. Ab dem Eintritt der Geschlechtsreife kann man die Männchen übrigens sehr leicht am fast doppelt so langen Schwanz verglichen mit dem Schwanz der Weibchen erkennen.

Hauptsächlich Fleischfresser
Die Ernährung der Rotbauch-Spitzkopfschildkröte ist einfach. Das Tier ist hauptsächlich Fleischfresser (carnivor). Erwachsene füttert man mit handelsüblichen Schildkrötensticks, getrocknete Gammarus und Tiefkühlfutter, wie Garnelen, Stinte, Muschelfleisch, Tintenfisch etc. Warmblüterfleisch sollte möglichst nicht gereicht werden, da es nur ungenügend verdaut wird und das Wasser stark verschmutzt. Tartarbällchen als Leckerbissen bieten sich aber an, wenn man den Schildkröten einmal Medikamente über das Futter verabreichen muss. Die Aufzucht der handelsüblichen Jungtiere gestaltet sich problemlos. Im Prinzip hält man sie wie die erwachsenen Tiere, doch muss das Futter natürlich entsprechend kleiner sein. Neben den oben aufgezählten Futtermitteln sind tiefgekühlte Rote Mückenlarven (Aquarienfischfutter) bei der Aufzucht ein wichtiges Futtermittel.

Man kann immer wieder einmal probieren, auch pflanzliches Futter anzubieten, etwa süßes Obst, Löwenzahn oder dergleichen. Manche Tiere fressen das sehr gerne, andere rühren es nicht an, das muss der Pfleger selbst herausfinden. Zu bedenken ist jedoch, dass Grünfutter stark abführend wirkt, deshalb sollte man vorsichtig damit sein.

Portrait des Männchens.

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Zucht leicht und ergiebig
Schon lange wird der Weltbedarf für den Terraristik-Handel bei der Rotbauch-Spitzkopfschildkröte über Nachzuchten gedeckt. Auch wenn noch nie eine Tierart durch den Lebendhandel ausgerottet wurde, ist das ein positives Zeichen, denn es zeigt, dass wir alles bei der Pflege dieser schönen Schildkröten richtig machen. Als sehr seltene Mutation treten unter den Nachzuchten gelegentlich albinotische Tiere, das sind in diesem Fall Weißlinge mit roten Augen, auf. Die Rotbauch-Spitzkopfschildkröte ist sehr produktiv und ein Weibchen bringt leicht mehrere Gelege pro Jahr, die jeweils 6-12 (maximal 15) Eier umfassen. Die Schildkröten sind wenig anspruchsvoll, was den Eiablageplatz angeht. Zur Not legen sie die Eier sogar unter Wasser ab; solche Eier sind aber normalerweise nicht entwicklungsfähig. Die Inkubation der Eier erfolgt in feuchtem Vermiculite oder vergleichbaren Substanzen bei 27-30°C und 90-95% relativer Luft feuchte, der Schlupf erfolgt nach 45-60 Tagen.

Links Männchen, rechts Weibchen, von der Bauchseite aus gesehen.

Die Balz der Männchen, die durch ein sehr rasches Kopfnicken gekennzeichnet ist, ist interessant anzuschauen. Sollte ein Männchen das oder die Weibchen zu sehr bedrängen, empfiehlt es sich, das Tier zumindest zeitweise aus der Gruppe zu nehmen. Eine regelrechte Überwinterung vertragen diese Schildkröten als Bewohner der Tropen nicht. Es hat sich aber bewährt, sie 3-4 Monate bei reduzierten Wassertemperaturen von 20-22° (nicht kühler, im Zweifelsfall lieber etwas wärmer!) zu pflegen, damit die Weibchen sich von den Eiablagen gut erholen können.

Frank Schäfer

Lexikon zur Rotbauch-Spitzkopfschildkröte
Emydura: bedeutet in etwa „Emys mit Schwanz“; Emys ist eine andere Schildkrötengattung.
albertisii: Widmungsname zu Ehren des Sammlers, des umstrittenen italienischen Forschungsreisenden Luigi Maria d’Albertis (1841-1901).
subglobosa: bezieht sich auf die Panzerform und bedeutet in etwa „nahezu kugelförmig“
worrelli: Widmungsname für Eric Worrell vom Australian Reptile Park, Gosford, New South Wales angkibaanya: nach dem Wort für „Regenbogen“ der Gudang, der Ureinwohner des Vorkommensgebietes, wegen der bunten Färbung.

Literatur:

Freeman, AB & Ebner, B. C. (2020): The Jardine River turtle (Emydura subglobosa subglobosa); summary of five years of survey and monitoring on Cape York Peninsula Queensland. Brisbane: Department of Environment and Science, Queensland Government.

Georges, A. & S. Thomson (2010): Diversity of Austalasian freshwater turtles, with an annotated synonymy and key to species. Zootaxa 2496: 1-37

Rhodin, A.G.J., Iverson, J.B., Bour, R., Fritz, U., Georges, A., Shaffer, H.B., and van Dijk, P.P. (2021): Turtles of the World: Annotated Checklist and Atlas of Taxonomy, Synonymy, Distribution, and Conservation Status (9th Ed.). In: Rhodin, A.G.J., Iverson, J.B., van Dijk, P.P., Stanford, C.B., Goode, E.V., Buhlmann, K.A., and Mittermeier, R.A. (Eds.). Chelonian Research Monographs 8:1–472. doi:10.3854/crm.8.checklist.atlas.v9.2021


Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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