Pacus beißen nacktbadenden Männern die Hoden ab

Am 10. August 2013 erschien in der Online-Ausgabe der britischen Tageszeitung “The Telegraph” ein Artikel unter der Überschrift “Schwedische Männer sollten sich vor Hoden mampfenden Fischen in Acht nehmen”. Hintergrund der reißerisch aufgemachten Story: im Öresund hat ein Fischer angeblich einen Pacu gefangen! In dem Artikel erfährt der Leser, dass Pacus (wissenschaftliche Namen werden, wie üblich, nicht genannt) im Amazonas- und Orinoko-Gebiet sehr häufig sind und dass man sie auch andernorts auf der Welt ausgesetzt hat, etwa in Papua-Neuguinea. Dort sollen wiederholt Fischer verblutet sein, nachdem ihnen Pacus die Hoden abgebissen hatten.

Mit solchen Schlagzeilen wurde der Pacu ver­teufelt.

Völliger Unsinn!
Tatsächlich ist selbstverständlich nichts dergleichen wahr. Pacus beißen Männern nicht die Hoden ab. Es sind Wildtiere, die den Menschen scheuen, verbürgte Angriffe von Pacus auf Menschen gibt es nicht. Die Sensationsmeldung wurde nach unseren Recherchen am 9. August 2013 von der Zeitung “The Local” erstmals gedruckt. War dieser Artikel noch mit einer gewissen Ironie geschrieben und wurde dort der Ichthyologe Henrik Carl vom Dänischen Natural History Museum noch zitiert mit “es ist wahrscheinlicher, {beim Baden im Öresund} zu ertrinken, als von einem Pacu die Eier abgebissen zu bekommen”, wurde die Story im “Telegraph” am 10. August schon erheblich blutrünstiger, während am 11. August in der Wissenschaftskolumne (!!!!) der australischen “International Business Times” mehr auf knackige nackte Hinterteile badender Männer fokussiert wurde… Sogar der eigentlich als seriös geltende “Spiegel online” meldete den Unfug am 13. August 2013. Man wurde in allen Artikeln (es gibt sicher noch mehr, wir haben das nicht überprüft) informiert, dass man DNS-Tests durchführe, um die Identität des 21 cm langen Pacus zu überprüfen, denn ohne DNS-Test könne man die Art nicht von den sehr ähnlichen und eng verwandten Piranhas unterscheiden. Tatsächlich könnten weder ein Pacu noch ein Piranha länger als etwa einige Minuten im Öresund überleben. Denn beide Arten sind tropische Süßwasserfische, im Meerwasser des Öresund wären sie wegen des Salzgehaltes in kürzester Zeit gestorben, wenn sie nicht in dem für sie viel zu kalten Wasser zuvor wegen der Kälte verendet wären. Ans Fressen würden unter solchen Bedingungen weder ein Pacu noch ein Piranha denken! Und selbstverständlich kann jeder halbwegs vorgebildete Fischkundler durch bloßes Betrachten einen Piranha problemlos von einem Pacu unterscheiden.

Rote Pacus sind gesellige Fische und gegenüber dem Menschen vollkommen friedlich.

Zwei albinotische Exemplare des Roten Pacu, Piaractus brachypomus

Blöder geht es nicht? Und ob…
Wer nun glaubt, damit seien schon die untersten Tiefen des Gossenjournalismus erreicht, der irrt. Obwohl der im folgenden besprochene Artikel nur eine extrem gute Persiflage sein kann: er wurde ernst genommen und bildet wohl die Grundlage eines Sommerloch-Pacu-Blödsinns aus dem Öresund. Auf der Homepage http://christwire.org/2012/07/lesbian-atheists-invent-pacu-release-testicle-eating-fish-in-lake-yeager-illinois/ fand sich der folgende, sehr lustige Artikel: “Lesbische Atheistinnen erfinden Pacu und setzen den hoden – fressenden Fisch im Lake Yeager, Illinois aus”. Der Artikel erschien im Juli 2012. Weil man auf so etwas nur unter dem Einfluss (sehr zu Recht!) verbotener Drogen kommen kann, hier die wörtliche Übersetzung des einleitenden Absatzes: “Die Männer von Illinois sollten sich sehr fürchten. Eine Gruppe militanter lesbischer Atheistinnen hat Genetik benutzt, um eine Brut von Fischen namens Pacu zu kreieren. Der Name des Fisches ist ein Anagramm, das für “Penis Amputierende Kastrationen Unterwasser” steht (Anmerkung des Übersetzers: auf Englisch schreibt man “Kastration” mit “C”). Der Pacu ist tatsächlich eine spezialisierte genetische Waffe.” Im weiteren Text erfahren wir, dass die Frauen ihr Männerhass-Gen in den Fisch klonten und dass es nur weibliche, sich oogenetisch fortpflanzende Pacus gibt eine perfekte Kombiwaffe gegen Männer und den göttlichen Willen zugleich. Außerdem machten die atheistischen Lesbierinnen den Fisch genetisch unempfindlich gegen Salz und Chlor, so dass ihre neue Waffe sowohl im Süß- wie auch im Meerwasser eingesetzt werden konnte: sogar in stark gechlorten Swimming-Pools können die männermordenden Pacus verwendet werden, wo jeder andere Fisch sofort stirbt! Das Ganze ist so überdreht, dass eigentlich niemand auf den Gedanken kommen kann,es sei auch nur ein Fünkchen Wahrheit darin enthalten. Denkste! Dabei gibt bereits die Überschrift den entscheidenden Hinweis “Lesbian Atheists Invent Pacu …”. Das englische Wort “invent” heißt nämlich nicht nur “erfinden”, sondern auch “Sich eine Geschichte aus den Fingern saugen”.

Schwarzer Pacu, Colossoma macropomum

 

Die Wahrheit über Pacus
Der Populärname “Pacu” entstammt der indianischen Tupi-Sprache. Als Pacu werden ganz allgemein die pflanzenfressenden Verwandten der fleischfressenden Piranhas bezeichnet. “Der Pacu” im allerengsten Sinne ist die Art Myletes pacu JARDINE in SCHOMBURGK, 1841 (= Myleus pacu), doch bezeichnet man weltweit auch die Vertreter der Gattungen Colossoma und Piaractus als Pacus. In Brasilien z.B. fasst man den Begriff aber noch viel weiter und nennt hier auch die Arten der Gattungen Mylossoma, Myleus, Mylesinus und Metynnis “Pacus”, also insgesamt rund 30 verschiedene Fischarten.

Myleus pacu, die Bilder stammen aus der Originalbeschreibung von 1841, ist der Na­mens­geber der ganzen Gruppe. Oben das Männchen, unten das Weibchen.

 

Die Pacus mit der größten ökonomischen Bedeutung sind die Arten Colossoma macropomum, auch Schwarzer Pacu genannt und Piaractus brachypoma, populär als Roter Pacu bezeichnet. Erstere Art wird zwischenzeitlich nicht nur in ihrer südamerikanischen Heimat (ursprünglich gibt es Schwarze Pacus in Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Peru und Venezuela) als Speisefisch gezüchtet, sondern auch in Südostasien. Der Schwarze Pacu wird als Rekordmaß knapp über einen Meter lang (normalerweise 40-60 cm) und kann dann bis zu 30 Kilogramm schwer werden. Damit ist der Schwarze Pacu einer der größten Salmler überhaupt. Der Rote Pacu bleibt nur geringfügig kleiner. Das Fleisch beider Arten ist delikat, daher sind sie in großen Teilen des Verbreitungsgebietes überfischt und die natürlichen Bestände sind beängstigend rückläufig. Das ist auch deshalb von Übel, weil beide Pacus zumindest saisonal als spezialisierte Früchtefresser leben. Die Samen der Bäume werden dabei unverdaut ausgeschieden und den großen Pacus kommt daher eine ganz wesentliche Rolle bei der Vermehrung vieler Urwaldbäume zu.

Portrait eines Roten Pacus. Pacus spielen eine wichtige ökologische Rolle für die Vermehrung von Urwaldbäumen.

Alle im Handel befindlichen lebenden Pacus sind Nachzuchtexemplare. Als Jungtiere ähneln Schwarze und Rote Pacus extrem den gefährlichsten aller Piranhas, den Roten Piranhas Pygrocentrus nattereri und P. cariba. Die Nachahmung ist so perfekt, dass man davon ausgehen muss, dass die Jungtiere der Pacus einen Vorteil davon haben müssen, den Piranha nachzuahmen. Allerdings muss auch das ganz klar gesagt werden: zumindest für den Menschen geht auch von Roten Piranhas keine nennenswerte Gefahr aus!

Obwohl Schwarzer und Roter Pacu eine enorme Beißkraft haben und mit ihren gewaltigen Gebissen sogar Nüsse knacken können, stellt ein freilebender Pacu niemals eine Gefahr für den Menschen dar; umgekehrt kann man das allerdings nicht sagen. Und dass ein Pacu, der geangelt wurde, um sich beißt, ist dem Tier ja wohl kaum zu verdenken.

Jungtiere des Roten Pacus sehen Piranhas ziemlich ähnlich.

Jungtiere von Pygocentrus nattereri. Nur die Piranhas der Gattung Pygocentrus sind aufgrund ihres Jagdverhaltens potentiell gefährlich für Menschen, doch sind Unfälle mit ihnen extrem selten und zu Tode ist  noch niemand durch sie gekommen

Pacus im Aquarium?
Für normale Wohnzimmeraquarien werden Pacus zu groß. Es sind allerdings prachtvolle Schautiere für Großaquarien, wo sie leicht über 20 Jahre alt werden können. Da sie als Speisefische gezüchtet werden und als Jungtier hübsch bunt sind, werden sie gelegentlich als “vegetarische Piranhas” im Zoohandel verkauft. Sie wachsen allerdings sehr rasch heran und manchmal haben die Besitzer dann nicht den Mumm, die Tiere schnell und schmerzlos zu töten und zu verzehren, sondern setzen sie aus. Das bedeutet in den allermeisten Fällen – z. B. In Mittel- und Nordeuropa – einen langsamen und qualvollen Tod für die Tiere. In den Tropen können Pacus allerdings schwere Schäden in fremden Ökosystemen anrichten, für die sie nun einmal nicht gemacht sind. Niemals und unter keinen Umständen darf man daher zu groß gewordene Fische aussetzen, das ist völlig falsch verstandener Tierschutz; Zoos können solche Fische übrigens auch nicht gebrauchen, es sei denn, um sie zu verfüttern und dann kann man sie ja auch selbst essen – sie schmecken, wie gesagt, delikat!

Jungtier des Schwarzen Pacus.

Nicht der Pacu ist für den Menschen gefährlich, sondern der Mensch für den Pacu. Dies ist ein Colossoma macropomum, bereit zum Verzehr.

Pacus sind Wildtiere, keine Monster!
Genau wie eine unsinnige Sentimentalität gegen über zu groß gewordenen Aquarienfischen fehl am Platze ist, so ist eine Verteufelung einer Wildfischart als “Hoden-Knacker” ein schrecklicher Missgriff. Nicht nur bei dieser Sommerloch-Meldung, auch bei zahlreichen anderen Berichten über Wildtiere in den Medien hat man das Gefühl, statt von seriösen Journalisten gut recherchierte Nachrichten zu erhalten, von angetrunkenen Stammtischbrüdern Anglerlatein aufgetischt zu bekommen – doch leider nehmen viele der Leser diesen Mist trotzdem ernst! Dabei sollte man langsam wirklich verstanden haben, dass kein Wildtier den Menschen ohne Not oder aus Bosheit angreift. Der Mensch ist die einzige Tierart auf diesem Planeten, die grundlos und im Übermaß tötet und verstümmelt. Und wenn man so haarsträubenden Geschichten, wie über den hodenabbeißenden Pacu in vermeintlich seriösen Medien liest, wird man das Gefühl nicht los, zumindest manche Menschen seien auch noch abgrundtief dumm. Übrigens: selbst wenn Pacus in warmen Sommern in Europa eine Weile in Baggerseen überleben könnten, ist ein Angriff durch diese Fische auf badende Menschen nicht zu befürchten. Pacus meiden den Menschen, sie begeben sich niemals in seine Nähe. Und egal, was Ihnen die Sensations-Journaille weis machen will: Hoden sind ziemlich nahe dran am Mann!

Portrait des Orinoko-Piranhas, Pygocentrus cariba, einer der sehr wenigen relativ gefährlichen Piranha-Arten.

Ein kapitaler Roter Pacu

Hier, im Rio Moa, leben Piranhas und Pacus, doch die Menschen baden unbekümmert. Die Fische sind harmlos.

Frank Schäfer

Spannende Internet-Quellen zum Thema:

http://www.socnet.com/showthread.php?t=116929

http://christwire.org/2012/07/lesbian-atheists-invent-pacu-release-testicle-eating-fish-in-lake-yeager-illinois/

http://au.ibtimes.com/articles/498230/20130811/warning-swedish-men-don-t-swimnude.htm

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/bissiger-fisch-forscher-raten-zu-vorsicht-beimbaden-im-oeresund-a-916301.html

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/sweden/10234986/Swedish-mentold-to-beware-testicle-munching-fish.html http://www.thelocal.se/49558/20130809/

 

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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