Die Karausche, Carassius carassius

Die Karausche gehört zu den Kar­pfen­fischen (Cyprinidae), die Aquarianer vor allem in Form der zahlreichen Arten der Barben und Bärblinge kennen. Oberflächlich betrachtet ähnelt sie stark der Wildform des Karpfens (Cyprinus carpio), von dem sie allerdings leicht dadurch zu unterscheiden ist, dass ihr die Barteln fehlen (der Karpfen hat vier davon). Der Karpfen hat außerdem einen harten, gesägten Rückenflossenstachel, wäh­rend bei der Karausche alle Rücken­flos­senstrahlen relativ weich und flexibel sind. Manchmal hybridisieren Karpfen und Karausche aber und solche Hybriden sind oft selbst für Spezialisten schwer zu erkennen, denn sie vereinigen Merkmale beider Arten in sich.

Karausche: rechts großwüchsige Seekarausche, links unten kleinwüchsige Teichkarausche, links ein Hybride aus Karpfen und Karausche, ein so genannter Karauschkarpfen. Aus Walter, Emil (1913): Unsere Süßwasserfische, Leipzig, Quelle & Meyer

In Mitteleuropa leben drei Arten der Gattung Carassius: die Karausche (C. carassius), der Giebel (C. gibelio) und der Goldfisch (C. auratus). Die Systematik der Gattung ist schlecht verstanden und es besteht großer Forschungsbedarf. Derzeit sind sechs Arten allgemein anerkannt, neben den drei auch in Mitteleuropa heimischen Arten gibt es noch die Arten C. cuvieri und C. langsdorfii, die in Ostasien verbreitet sind und die Zwergart Carassius praecipuus aus Laos, die nur 7 cm lang werden soll. Siehe hierzu auch den Blog “Wer kennt die Wildform des Goldfisches”: https://www.aqualog.de/blog/wer-kennt-die-wildform-des-goldfisches/

Wildfarbener Goldfisch, Carassius auratus. Alle Goldfische sind anfangs so gefärbt, die Goldfärbung tritt erst im Alter von 1-2 Jahren ein. Vele Exemplare bleiben aber zeitlebens wildfarben.

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Junge Karauschen, wie sie für die Aquarienpflege in Betracht kommen, kann man am leichtesten dadurch von Giebel und Goldfisch unterscheiden, dass die Karausche normalerweise einen dunklen Schwanzwurzelfleck besitzt, der den beiden anderen Arten fehlt. Außerdem ist die Rückenflossenkante bei der Karausche nach außen gewölbt (konvex), die der bei­den anderen Arten gerade oder konkav. Alle drei Arten sind in Abhängigkeit ihrer Le­bensräume so ungeheuer wandlungs­fähig, dass eine allgemeine, arttypische Be­schreibung kaum möglich ist – dazu gleich mehr.

Teich-Karausche, Carassius carassius (Population Görlitz, Deutschland)

Die Karausche ist bezüglich des Lebens­raumes der am höchsten spezialisierte Fisch Europas. Man kann das auch anders herum formulieren: die Karausche ist der an­spruchsloseste Fisch Europas. Keine andere Art kann in derart schlechten Wasser­ver­hält­nis­sen existieren, in denen die Karausche noch ein Auskommen findet. Sie kann sogar tage- und wochenlang im Bodenschlamm ausgetrockneter Gewässer überleben. Mit physiologischen Tricks, die erst in jüngster Zeit erforscht werden, kann sie als einziger rein auf Kiemenatmung angewiesener Fisch sogar in sauerstofflosem Wasser in Kleinst­gewässern unter Eis überleben. Nun ist es zwar nicht so, dass die Karausche ungünstige Wasserverhältnisse zum Leben braucht. Aber ihre Spezialisierung macht es ihr möglich, auch solche Gewässer zu besiedeln, in denen keine andere Fischart überleben kann. Und das tut sie auch. In Kleingewässern, in denen die Karausche als einzige Fischart lebt, tritt ein Effekt ein, den man in der Fischer­ei­sprache „Verbuttung“ nennt. Es wird keine Energie in das Wachstum gesteckt, die Fische verzwergen und werden zeitlebens nur 5 – 10 cm groß. Karauschen solcher Popula­ti­onen waren in den Anfangszeiten der Aqua­rien­kunde, also im späten 19ten und frühen 20sten Jahrhundert als „Moor­karpfen“ be­kannt. Sie galten als Anfängerfische, die so ziemlich jeden Fehler verziehen, den man als Anfänger in der Aquaristik machen kann.

Giebel, Carassius gibelio. Vom Giebel gibt es viele Populationen, die ausschließlich aus Weibchen bestehen. Zur Fortpflanzung mischen sie sich in laichende Trupps anderer Karpfenfische. Das artfremde Sperma regt aber nur die Entwicklung der Einzelle an, es kommt zur Bildung eines weiblichen Klons des Muttertieres, nicht zur Hybridisierung.

Andererseits können sich Karauschen aber auch völlig anderen Verhält­nissen an­passen. In großen Gewässern mit vielen Raub­fischen, vor allem ihrem Hauptfeind, dem Hecht (Esox lucius), werden Karauschen groß und vor allem hochrückig. Hier können sie eine Länge von bis zu 60 cm er­reichen und 3.5 bis 5 kg schwer werden. Karauschen können als Allesfresser gelten, die weiche pflanzliche Nahrung ebenso nutzen, wie sämtliche Klein­lebewesen, die ins Maul passen. Unter natürlichen Bedingungen dürften jedoch Zuckmückenlarven (Chironomidae), die wir Aquarianer als „Rote Mückenlarven“ kennen, den Hauptteil der Nahrung darstellen. Von den oben erwähnten „Moorkarpfen“ war bekannt, dass sie oft eine Hungerform mit überdimensioniert großem Kopf und schwächlichem Körper ausbildeten, wo das Nahrungsangebot in der Natur nur spärlich war.

Junger, wildfarbener Karpfen (Cyprinus carpio)

Die Fortpflanzungszeit der Karausche fällt in das späte Frühjahr (Mai/Juni). Die Geschlechtsreife setzt im dritten Lebensjahr ein, dann sind die Tiere – je nach Nahrungsangebot und Temperatur – maximal 8 – 15 cm lang. Die Fische sind sehr fruchtbar, bereits kleine Weibchen können mehrere tausend Eier produzieren, in der Literatur finden sich Angaben von bis zu 300.000 Eiern pro Weib­chen. Dabei handelt es sich aber wohl um wirklich große, alte Damen. Über eine Zucht im Aquarium gibt es nur wenige Angaben, was aber darauf zurückzuführen sein dürfte, dass es kaum jemand publiziert hat und nicht darauf, dass es nicht geht. Selbst die Aquarien-Zucht des nahen Vetters der Karausche, des Goldfisches, wird von Hobby­aquarianern normalerweise nicht betrieben. Wer es dennoch einmal probieren möchte, der ziehe zunächst einige Karauschen im Aquarium auf. Wie bei fast allen europäischen Fischen wird die Produktion von Eiern und Spermien durch Hor­mone gesteuert, die von der Tageslichtlänge reguliert werden. Ein weiterer, aber nicht so entscheidender Regulator ist die Wasser­temperatur. Sind die Fische gut genährt und geschlechtsreif, über­wintert man sie bei 6-8°C und einer maximalen Beleuchtungs­dauer von 6 Stunden täglich. Es ist auch durchaus möglich, sie in völliger Dunkelheit in einem Kühlschrank zu überwintern. Füttern braucht man in dieser Zeit nicht. Nach 8 – 10 Wochen holt man die Tiere dann wieder in die Wohnung. Man kann sie problemlos binnen weniger Stunden aus der Winterruhe holen: einfach in einem Eimer in den Wohnraum stellen, das Wasser erwärmt sich dann auf Raumtemperatur; den Eimer gut abdecken, damit die durch den Umgebungswechsel nervösen Tiere nicht heraus­springen können! Idealer­weise trennt man vor dem eigentlichen Zucht­ansatz die Geschlechter. Weibchen sind fülliger, die Männchen bekommen zur Laich­zeit weiße Pickel auf Kiemendeckel und Brust­flossenstrahlen. Es geht aber auch bei ge­mein­samer Pflege der Geschlechter, doch kann man dann den Zeitpunkt des Ab­lai­chens nicht so gut steuern. Man füttert die Tiere jetzt gut und reichlich, ist aber spar­sam beim Wasserwechsel. Gleichzeitig stei­gert man die Beleuchtungsdauer schritt­weise auf 14 Stunden. Ein großer Wasser­wechsel (80-90% des Beckeninhaltes) mit wei­chem Wasser (2-5° GH) löst das Ablaichen aus. Die Wasser­temperatur bei der Zucht sollte 22-24°C betragen. Da die Männchen stark treiben, sollte man das Aquarium nicht zu klein wählen, 100 – 120 cm Kantenlänge sollte es auch bei kleinen Karauschen­vari­anten haben.

Wildfarbene Goldfische mit Komet-Beflossung

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Woher ich das weiß, obwohl ich doch oben geschrieben habe, dass es über die Zucht von Karauschen im Aquarium kaum An­gaben gibt? Nun, so habe ich im Aquarium schon gewöhnliche Goldfische gezüchtet, es ist wirklich nicht zu erwarten, dass sich die Karausche in ihrem Fortpflanzungsverhalten stark von diesen unterscheidet. Man kann die Tiere paarweise ansetzen oder in der Gruppe. Die Eier kleben am Substrat fest. Normalerweise laichen die Fische auch ohne spezielles Ablaichsubstrat ab, aber es ist praktischer, grobe grüne Filterwolle als Ablaichsubstrat anzubieten. Denn nach dem Ablaichen ist das Wasser stark durch Spermien und Schleim­hautfetzen belastet und weil man ge­­wöhnlich keine vieltausendfache Nach­zucht braucht, überführt man einfach die Perlonwolle mit den daran anhaftenden Eiern in ein Aufzuchtaquarium mit iden­tischem, abgestandenen Wasser zur weite­ren Entwicklung. Es schadet dabei nicht, wenn die Eier kurz an die Luft kommen. Im Ab­laichbecken macht man noch einmal einen großen Wasserwechsel. Die über­schüssigen Eier lässt man von den Eltern fressen. Die Larven schlüpfen nach etwa drei Tagen, weitere zwei Tage später schwimmen sie frei. Sie können sofort mit Artemia-Nauplien angefüttert werden.

Zuchtform “Messing” des Goldfisches. Man kann einfache Goldfische und auch alle Karauschen-Wildarten im Aquarium züchten, allerdings wird das kaum praktiziert.

Obwohl sich die Karausche sowohl im Aquarium wie auch im Garten­teich wegen ihrer enormen Anpas­sungs­fähigkeit – sie erträgt große Temper­atur­schwan­kungen, hohe (um 30°C) wie auch niedrige (um 4°C) Tem­peraturen, etc. – problemlos halten lässt, wird sie doch wegen ihrer relativ geringen Attraktivität nie ein beliebter Fisch im Hobby werden. Dennoch wäre es schön, wenn ein paar mehr Aquarianer die Aufmerksamkeit auf ein bewundernswertes Geschöpf lenken würden, das durch die Zerstörung ihres ureigensten Lebensraumes, nämlich kleiner und kleinster Gewässer, immer seltener zu werden droht.

Von der Karausche gab es eine goldene Zuchtform (unten rechts), die allerdings wahrscheinlich ausgestorben ist – oder? Ich würde mich über ein paar Exemplare sehr freuen… Aus Walter, Emil (1913): Unsere Süßwasserfische, Leipzig, Quelle & Meyer

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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Ein Kommentar zu “Die Karausche, Carassius carassius

  1. Gabriela

    Vielen Dank für die ausführliche Berichterstattung!
    In meiner Außenbadewanne waren fünf Karauschen seit Frühjahr mit Solarpumpen klein mit Seeerosen.
    zwei sind leider tot und von meinen fünf Teichmuscheln lebt noch eine. Jetzt sind diese mit wasserpflanzen und 20 Watt Pumpe in 90 L Plastikwanne. Ich füttere rote Mücken und Flockenfutter im Wechsel.
    ab wann muss ein Heizstab ins Wasser? Jetzt ist noch 8,5 wassertemperatur in der werkstatt.
    Ich mag diese Fische und habe auch mich sehr über die Teichmuscheln gefreut. Ich vermute die Karauschen haben sie gefressen, weil mir der Verkäufer der kleinen Karauschen nicht gesagt hat dass diese oft gefüttert werden müssen.
    Überhaupt wird Anfängern viel unsinn erzählt um Fische und etc. zu verkaufen. Meine fünf Sumpfdeckelschnecken sind alle weg oder auch tot.
    Wäre schön mal eine richtige antwort zu bekommen ohne stundenlang im Netz zu suchen.

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