Wer kennt die Wildform des Goldfisches?

Für viele Fischliebhaber ist ein Goldfisch ein bunter Fisch, der lebhaft, aber friedlich ist, mit einem einfachen, strom­linienförmigen Körperbau und mit großen, freundlich drein­blickenden Augen. Aber auch der einfache Goldfisch, den jeder kennt, ist bereits etwas anderes als der “echte Goldfisch”, ungeachtet der Tatsache, dass er ihm in Körper- und Flossenform gleicht.

Einfacher, “normaler” Goldfisch, erwachsenes, rund 25 cm langes Exemplar.

Die natürliche Färbung des wilden Gold­fisches ist oliv-braun. Andere Färb­ungen kommen da und dort vor, vor allem in Flussniederungen, kleinen Seen und Neben­ge­wässern, aber man geht davon aus, dass es sich dabei um Abkömmlinge ausge­setzter domestizierter Goldfische handelt. Aber selbstverständlich kommen auch in reinen Wildpopulationen Farbvarianten vor.

Wildfarbener Goldfisch, Carassius auratus. Alle Goldfische sind anfangs so gefärbt, die Goldfärbung tritt erst im Alter von 1-2 Jahren ein. Viele Exemplare bleiben aber zeitlebens wildfarben.

Die beiden bekanntesten Verwandten des Goldfisches sind der Giebel (Carassius gibelio) und die Karausche (C. carassius). Von Gold­fisch und Giebel glaubte man sogar lange Zeit, sie seien so nah miteinander verwandt, dass es sich lediglich um Unterarten der selben Spezies handele: C. auratus auratus und C. auratus gibelio.

Die Urheimat des wilden Goldfisches sind China, Zentralasien, Japan und einige Ge­biete Sibiriens, während der Giebel wohl auch in West-Sibirien vorkommt, allgemein als Bewohner des östlichen Europas gilt. Die beiden Arten können anhand geringfügiger anatomischer Merkmale auseinander ge­halten werden, wie etwa der Kopfgröße im Verhältnis zur Körperlänge (geringer beim Giebel), der Anzahl der Kiemendornen (35-46 beim Goldfisch und 39-50 beim Giebel), Flossenstrahlen und Anzahl der Schuppen in der Seitenlinie. Allerdings hat die buch­stäb­lich weltweite Verschleppung des Gold­fisches durch den Menschen dazu geführt, dass natürliche Verbreitung und popula­tions­­charakteristische Merkmale heutzutage kaum noch nachvollziehbar und viele der wil­den Populationen unklaren Ursprungs sind.

Giebel, Carassius gibelio

Die andere in Europa weit verbreitete Art, die viel Änlichkeit mit dem Goldfisch und dem Giebel aufweist, ist die Karausche. Auch sie ist oliv-braun, aber deutlich hochrückiger, die Rückenflosse der Karausche hat einen kon­vexen Rand (konkav bei den beiden anderen Arten) und die Karausche wird größer – maximal 64 cm, wogegen Goldfisch und Giebel nur 45-48 cm lang werden. Schließlich hat die Karausche unterschiedliche Zähl­werte bezüglich Flossenstrahlen und Kiemen­dornen.

Karausche, Carassius carassius (Population Görlitz, Deutschland)

Die weite Verbreitung des Goldfisches, die mit einer außergewöhnlichen angeborenen Plastizität verbunden ist, führte zu leicht unter­schiedlichen Formen, die teils von Ört­lichkeiten, teils von Umweltbedingungen  geprägt sind und das führte über die Zeit zu zahlreichen Beschreibungen von Arten und Unterarten. 1945 gab es nicht weniger als 42 offizielle wissenschaftliche Beschreibungen von Goldfischen und goldfisch-artigen Fi­schen! Seit damals hat man die Artenzahl auf sechs reduziert, eine davon ist C. auratus.

Zuchtform “Super Red” des Goldfisches

FishBase listet für Carassius folgende Formen als valide:

C. auratus (Goldfisch, Kin-buna*)

C. carassius (Karausche)

C. cuvieri (Japanische oder Weiße Karausche)

C. gibelio (Giebel)

C. langsdorfii (Gin-buna*)

2017 kam eine neue Zwergart aus Laos hinzu, die nur 7 cm lang wird: Carassius praecipuus

Die mit Sternchen (*) versehenen Populär­namen sind japanischen Ursprungs.

Zuchtform “Messing” des Goldfisches.

C. auratus argenteaphthalmus ist eine umstrittene Unterart (Nguyen, 2001). Sie kommt aus Vietnam. In einer sehr aktuellen Arbeit (Rylková et al. 2018) wurde diese Carassius-Form genetisch untersucht. Dabei kam heraus, dass sich tatsächlich in Vietnam zwei genetisch unterschiedliche Formen finden, dass jedoch das von Nguyen als Artmerkmal angenommene rote Auge nicht zur Unterscheidung geeignet ist, da es bei beiden Formen auftreten kann – oder auch nicht; wenn argenteaphthalmus eine valide Form ist, dann eher als eigenständige Art, nicht als Unterart.

Sehr seltene Zuchtvariante des Goldfisches: weiß-matt. Dieser Farbform fehlt die reflecktierende Schicht silberfarbenen Pigments (Guanin), wodurch der Kiemendeckelt durchschtig ist.

Die einzige Carassius-Art, der die meisten von uns je in ihrem Leben be­gegnen werden, ist der Gemeine Goldfisch. Mit Giebel und Karausche kommen gewöhnlich nur Angler in Berührung. Seit 2007 wird allerdings auch Carassius langsdorfii in Europa nachgewiesen. Man nimmt an, dass dieser Fisch versehentlich mit Koi-Importen aus Japan nach Europa kam. Genetische Untersuchungen zeigen, dass die verschiedenen Carassius-Formen sich auf molekularer Ebene sehr deutlich voneinander unterscheiden, viel deutlicher jedenfalls, als man das nach äußeren Merkmalen annehmen würde.

Die eigentliche Wildform des Goldfisches bleibt ein rätselhafter Fisch. Es ist kaum zu erwarten, dass es heutzutage überhaupt noch möglich ist, reine Wildpopulationen davon zu finden, denn wenngleich bisher klimatische Gründe dafür sorgen, dass sich diese Fischart in Mitteleuropa nicht dauerhaft etablieren kann (was sich allerdings durch die weltweite Klimaerwärmung durchaus ändern könnte): dadurch, seit rund tausend Jahren Goldfische in China als glücksbringende, religiöse Handlung ausgesetzt werden, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es nicht vom Menschen züchterisch beeinflusste Wildgoldfische überhaupt noch existieren.

Frank Schäfer

Aktuelleste Literatur (Auswahl):

Kalous, L., Rylkov a, K., Bohlen, J., Sanda, R., & Petrt yl, M. (2013): New mtDNA data reveal a wide distribution of the Japanese ginbuna Carassius langsdorfii in Europe. Journal of Fish Biology, 82, 703–707. https://doi.org/10.1111/j.1095-8649.2012.03492.x

Kalous, L., Slechtov a, V., Bohlen, J., Petrty l, M., & Švátora, M. (2007): First European record of Carassius langsdorfii from the Elbe basin. Journal of Fish Biology, 70, 132–138. https://doi.org/10.1111/j.1095-8649.2006.01290.x

Kottelat, M. (2017): Carassius praecipuus, a dwarf new species of goldfish from the Mekong drainage in central Laos (Teleostei: Cyprinidae). Revue Suisse de Zoologie v. 124 (no. 2): 323-329.

Rylková, K., M. Petrtýl, A. T. Bui and L. Kalous (2018): Just a Vietnamese goldfish or another Carassius? Validity of Carassius argenteaphthalmus Nguyen & Ngo, 2001 (Teleostei: Cyprinidae). Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research 2018;00:1–9. https://doi.org/10.1111/jzs.12223

Rylkov a, K., Kalous, L., Bohlen, J., Lamatsch, D. K., & Petrty l, M. (2013). Phylogeny and biogeographic history of the cyprinid fish genus Carassius (Teleostei: Cyprinidae) with focus on natural and anthropogenic arrivals in Europe. Aquaculture, 380, 13–20. https://doi.org/ 10.1016/j.aquaculture.2012.11.027

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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