Die Chinesische Streifenschildkröte

Es sieht nicht gut aus für die freilebenden Schildkrötenbestände Ost- und Südostasiens. Die Tiere gelten in China als Delikatesse und dafür wird ein anachronistischer Raubbau an den Beständen betrieben. Als Folge dessen stehen nur noch wenige Arten für die Terraristik zur Verfügung, obwohl der Tierhandel zu Haltungszwecken keinen nennenswerten Einfluss auf die Wildbestände hat. Die Chinesische Streifenschildkröte, Mauremys (früher: Ocadia) sinensis wird in großer Stückzahl auf Farmen gezüchtet und ein Teil der Schlüpflinge kommt in den Tierhandel. Allerdings gilt die Population von Taiwan, wo sich die Zuchtfarmen befinden, als möglicherweise eigenständiges Taxon; diese Population gilt derzeit als „nicht gefährdet“ (IUCN, abgerufen 28. Oktober 2022). Die Festlandpopulation von China ist hingegen „gefährdet“, während die relativ kleine Population von Vietnam als „verletzlich“ eingestuft wird.

Erwachsenes Männchen der Chinesischen Streifenschildkröte

Vor- und Nachteile von Nachzuchttieren
Es ist eine grundsätzliche philosophische Entscheidung, ob man lieber Wildfänge oder Nachzuchtexemplare pflegt. Das immer wieder vorgebrachte Argument, Nachzuchttiere seien einfacher in der Pflege, weil sie bereits an die Gefangenschaftsbedingungen gewöhnt seien, ist Unsinn. Eine Schildkröte ist ein Wildtier und ohne Einsicht in ihre Lebensumstände. Das Umsetzen einer Schildkröte von einem Terrarium in das nächste ist aus der subjektiven Sicht der Schildkröte nichts anderes, als das Umsetzen aus der Natur in ein Terrarium. Richtig ist, dass die Elterntiere von Nachzuchtexemplaren sich offenbar unter den beim Züchter herrschenden Bedingungen sehr wohl fühlten und dort zur Fortpflanzung schritten. Somit sind die Anforderungen an die Terrarieneinrichtung und das Klima für diesen speziellen Stamm bekannt, was die Pflege erheblich erleichert, wenn denn diese Angaben exakt weitergegeben werden. Umgekehrt sind eingewöhnte Wildfangtiere gewöhnlich robuster und weniger krankheitsanfällig, besonders wenn sie etwas älter sind, denn man darf ja nicht vergessen, dass in der Natur 70-90% der Jungtiere vor dem Erreichen der Geschlechtsreife sterben (Krankheiten, Verhungern, negative Umwelteinflüsse, Fressfeinde). Wer diese Selektion übersteht, ist schon sehr robust.
Grundsätzlich eignen sich Wildfänge besser für erfahrene Pfleger als für Einsteiger, da der unvermeidbare negative Stress, der durch Fang, Transport, Nahrungsumstellung etc. auftritt, die Tiere schwächt und dadurch Krankheiten auftreten können. Es gehört nun einmal viel praktische Erfahrung dazu, einer Schildkröte anzusehen, wie fit sie ist. Bei den Chinesischen Streifenschildkröten stellt sich die Frage aber gar nicht, denn es gibt ausschließlich Nachzuchtexemplare im Handel. Die Chinesische Streifenschildkröte unterliegt keinerlei gesetzlichen Regelungen bezüglich des Handels innerhalb der EU, allerdings ist sie im Anhang III des Washingtoner Artenschutzabkommens für China gelistet. Das bedeutet, dass bei der Einfuhr in die EU die Anzahl der Tiere erfasst und gespeichert wird, um ggf. verlässliche Zahlen zu haben, die eine Höherstufung im Schutzstatus rechtfertigen könnten.

Alle Chinesischen Streifenschildkröten im Handel sind Nachzuchten.

Babys benötigen besondere Pflege
Das gilt für Schildkröten ebenso wie für jedes andere Tier. Dem entsprechend muss die Pflege optimal sein, damit die Tiere gedeihen. In den Handel kommen gewöhnlich Schlüpflinge mit etwa 3-4 cm Panzerlänge. Sie werden am besten in einem 50-60 cm langen Aquarium untergebracht. Der Wasserstand sollte bei etwa 10 cm liegen, da die kleinen Tiere sonst leicht ertrinken können. In allen vier Ecken des Terrariums müssen zumindest während der Eingewöhnungszeit Klettermöglichkeiten vorhanden sein, die den kleinen Schildkröten den Ausstieg ermöglichen. Denn eine Schildkröte, die das Wasser verlassen will, schwimmt im Aquarium immer die Ecken an. Chinesische Streifenschildkröten sind Sumpfschildkröten. Das bedeutet, dass die Tiere exzellente Schwimmer und Taucher sind, die im Wasser ihre Nahrung suchen und dorthin vor ihren Feinden flüchten, die jedoch immer einen trockenen Platz an Land brauchen, an dem sie sich aufwärmen und abtrocknen; erwachsene Weibchen legen zudem ihre Eier an Land ab.
Der wohl am häufigsten gemachte Fehler bei der Pflege von Sumpf- und Wasserschildkröten ist der, dass die Grundregeln der Aquaristik nicht oder nur unzureichend beachtet werden. Der Wasserteil des Schildkrötenterrariums ist ein Aquarium und ein Aquarium braucht eine biologische Filterung, sonst reichern sich Giftstoffe im Wasser an, vor allem Nitrit. Es ist darum wichtig, dass die neu erworbenen Schildkröten in ein Aufzuchtaquarium mit eingefahrenem Filter kommen. Ideal eignet sich ein Hamburger Mattenfilter, über die Rückwand des Beckens gebaut, für die Aufzucht von Babyschildkröten. Der langsam laufende Filter ist sehr effektiv, bietet eine gute Ausstiegsmöglichkeit für die Kleinen und es besteht keine Gefahr, dass die Kleinen Schildkröten angesaugt werden und unter Umständen ertrinken, weil sie vom Filtersog nicht mehr freikommen. Einige kleine, flinke Fische (Guppys, Kardinalfische, Zebrabärblinge) sollten immer mit im Aquarium schwimmen. Geht es den Fischen gut, ist das Wasser auch für die Schildkröten in Ordnung. Wie für jedes Aquarium gilt: eine Einlaufphase von 3-6 Wochen ist notwendig, bevor die Tiere eingesetzt werden!
Besonders neigen Streifenschildkröten-Babys zu Verpilzungen, die sehr schnell schlimme Ausmaße annehmen können. Ist diese Krankheit erst einmal ausgebrochen, sind die Schildkröten kaum noch zu retten. Vorbeugen ist hier Mittel der Wahl! Ein gut eingefahrener Filter ist schon die halbe Miete, Catappa-Blätter, Erlenzäpfchen und Laub von Eiche, Rotbuche, Birke und Erle sorgen für ein biologisch funktionierendes Wasser, in dem die Schildkröten kaum erkranken werden. 

Eine derart massiv erkrankte Schildkröte ist kaum noch zu retten.

Temperatur und Licht
Hier werden die meisten Fehler in der Haltung gemacht. Die Wassertemperatur darf zwischen 16 und 26°C (Optimum: 20-24°C) liegen. Viel wichtiger als die gerade herrschende Wassertemperatur ist aber, dass die Lufttemperatur immer 2-3 °C höher sein muss, als die Wassertemperatur. Andernfalls kommt es sehr leicht zu schwerwiegenden zu Atemwegserkrankungen. Also das Wasserteil bei Zimmerhaltung niemals heizen! Die höhere Lufttemperatur entsteht automatisch, da die Schildkröten einen Sonnenplatz brauchen. Diesen richtet man ein, indem man eine Korkinsel auf dem Wasser teiben lässt, die man mit einer Schnur unter einer Wärmelampe fixiert. Die Wärmelampe ist so anzubringen, dass direkt unter ihr an der wärmsten Stelle 35°C gemessen werden. Man bedenke, dass die Schildkröten aufgrund ihrer Körperhöhe etwas näher an der Strahlungsquelle sind! Wenn die Tiere heranwachsen, ist deshalb nach und nach ein größerer Lampenabstand zu wählen. Mauremys sinensis sind tagaktive Schildkröten. Das Becken ist also so zu beleuchten, dass den Tieren Tageslicht simuliert wird. Es empfiehlt sich, nach der Faustregel 0,5Watt Neonlampenlicht pro Liter Nettofassungsvermögen des Beckens (nicht nur des Wasserteils!) zu beleuchten. Es sollte etwa 12 Stunden am Tag beleuchtet werden.
UV-Licht schadet nicht, ist aber zur gesunden Aufzucht der Chinesischen Streifenschildkröte auch nicht zwingend notwendig. Ich empfehle es aber grundsätzlich. 

Futter
Mauremys sinensis ist ein Gemischtköstler. Bei der Futterversorgung wird oft der Fehler gemacht, sie vornehmlich mit tierischen Futtermitteln zu versorgen. Man sollte 3-4 mal pro Woche Salate, Löwenzahn und Wasserpflanzen, 1 mal pro Woche Rote Mückenlarven (als Zierfischfutter tiefgekühlt im Zoofachhandel erhältlich), 1 x pro Woche ganze Stinte (tiefgekühlt als Futterfische im Zoofachhandel) und 2-3x pro Woche Fertigfuttersticks für Wasserschildkrötenbabys reichen. So gepflegt, erreichen die Tiere in 4-6 Jahren ihre Maximalgröße von 20-30 cm (je nach Population), die Männchen bleiben grundsätzlich kleiner (15-25 cm). Erwachsene Tiere erhalten weiter Pflanzenkost, dazu Stinte, Bachflohkrebse (Gammarus) und Sticks.

Verträglichkeit
Grundsätzlich sind Mauremys recht friedlich und zumindest Weibchen können gut in der Gruppe gehalten werden. Manche geschlechtsreifen Männchen können allerdings durch ihre dauerhafte Paarungwut sehr lästig werden und müssen dann einzeln bzw. immer nur zeitweise mit den Weibchen gepflegt werden. Für eine Gruppe von drei erwachsenen Tieren reicht ein Becken von etwa 150 x 50 x 50 cm Größe aus. Einzelne Männchen sind gut in Becken von etwa 100 x 40 x 40 cm unterzubringen.
Von Mai bis September eignen sich Chinesische Steifenschildkröten gut zur Pflege in ausbruchsicheren (!) Freilandbecken. Je nach Population können sie auch kalt überwintert werden, grundsätzlich empfiehlt sich das aber nur mit mindestens zweijährigen Tieren. 

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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