Der Sunda-Gavial

Das geheimnisvollste aller Krokodile braucht dringend Hilfe

Von allen 23, vielleicht 24 Krokodilarten der Erde sind insgesamt mindestens 7 im Bestand sehr gefährdet und von der endgültigen Ausrottung bedroht. Eine dieser Arten ist der Sunda-Gavial (Tomistoma schlegelii), ein riesiges, dennoch für den Menschen ungefährliches und hinsichtlich seines Lebensraumes spezialisiertes Krokodil. Um diese Krokodilart näher zu erforschen und gezielte Rettungs- und Schutzmaßnahmen zu erarbeiten, gründete die IUCN / SSC Crocodile Spezialist Group (CSG) im Jahre 2003 die CSG Tomistoma Task Force (TTF), der etwa 12 Experten aus allen Kontinenten angehören.

Tomistomas (wie wir die Sunda-Gaviale international nennen) leben heute in weit verstreuten und meist kleinen Populationen in Sumatra, Borneo und (wohl vereinzelt) Java sowie möglicherweise auf dem Festland von Malaysia. In Thailand ist die Art bereits ausgerottet, auch wenn gelegentlich unbe­stätigte Berichte lokaler Gewährsleute von der Sichtung einzelner Tiere sprechen. Nach Meinung der CSG- Experten wird der welt­weite Bestand wilder Tomistoma auf unter 2.500 geschätzt. Dass Tomistoma schlegelii mög­licherweise sogar die größte aller rezenten Krokodilarten darstellt, darauf deuten verschiedene Hinweise: So ist der größte derzeit weltweit bekannte Krokodil­schädel ein Schädel von Tomistoma, der in der Zoologischen Staatssammlung in Mün­chen aufbewahrt wird. Der Sunda-Gavial legt unter allen rezenten Krokodilen die größten Eier, aus denen wiederum die größten Jungtiere schlüpfen und erreicht seine Geschlechtsreife erst im Alter von ca. 20 Jahren. Alle anderen Krokodilarten hingegen sind weit früher fortpflanzungsfähig. In Menschenobhut sind männliche Tiere mit einer Gesamtlänge von über 6 m bekannt.

Der größte bislang bekannte Krokodilschädel: Tomistoma schlegelii aus der Zoologischen Staatssammlung, München. Photo: U. Schliewen

Tomistoma schlegelii bewohnt in seinem Ver­breitungsgebiet bevorzugt dichte und fast unzugängliche Torf-Sumpfwälder, ein Le­bens­raum, der durch vielfältige men­sch­liche Einflüsse aufs Höchste bedroht ist. Illegaler Holzeinschlag (weil westliche Verbraucher einen unstillbaren Hunger auf Tropenholz zu haben scheinen) und Brandrodung zum Zwecke der Landgewinnung sind die Haupt­gründe für die Bedrohung dieser letzten Refugien des geheimnisvollen Krokodils, über dessen Verhalten im Freileben wir aufgrund dieser zurückgezogenen Lebens­weise so wenig wissen.


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Sunda-Gavial im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde

Möglichst genaue Kenntnisse der Ver­haltensweisen und der Bedürfnisse von Tomistoma sind aber unbedingt notwendig, wollen wir dieses seltene Krokodil und die anderen seltenen Tierarten, die den gleichen Lebensraum bewohnen, vor dem endgül­tigen Verschwinden bewahren. Die TTF-Experten haben keinerlei Zweifel daran, dass Tomistoma eine ähnlich wichtige Rolle inner­halb seines Lebensraums spielt, wie andere Krokodile dies in in ihren jeweiligen Lebens­räu­men tun. Die Erforschung unzugäng­licher Lebensräume und Grundlagenfor­schung an einem scheuen und zurück­gezogen lebenden Krokodil erfordert Zeit – und Geld. TTF-Felduntersuchungen fanden bereits in Sumatra und West-Kalimantan sowie Zentral-Kalimantan statt, alle diese Untersuchungen wurden durch Spenden­gelder bezahlt und von Experten ehren­amt­lich durchgeführt, kein einziger Euro floss dabei in die Taschen von TTF-Mitgliedern und kein einziger Euro wurde für Verwal­tungs­arbeiten verwendet. CSG-TTF garan­tiert, dass das gesamte gespendete Geld un­mittelbar der Forschung an Tomistoma und seinem Lebensraum und damit unmittelbar dem Schutz dieser hochbedrohten Krokodil­art zu Gute kommt.

Im Gegensatz zu vielen Naturschutzorga­nisationen, die sich der Zusammenarbeit mit anderen leider verweigern, hat die CSG-TTF diese Zusammenarbeit von Anfang an gesucht und damit ermöglicht, dass ein re­ger Gedankenaustausch in eine gezielte gemeinsame Aktion mündet. Dies hat insbe­sondere „vor Ort”, nämlich in den Ländern des Verbreitungsgebietes, Ergebnisse ge­zeigt: So beteiligte sich z.B. die Peoples, Resources and Conservation Foundation an den Forschungsarbeiten in West-Kaliman­tan, mitfinanziert durch „National Geogra­phic”, US-amerikanische Zoos (leider halten sich europäische, besonders aber deutsche Zoos mit der Unterstützung derartiger Erhal­tungs­schutzmaßnahmen, die nicht auf eige­ner Regie basieren, auffällig zurück) und durch private Spenden. Die Arbeiten in Zen­tral- Kalimantan unterstützten vor allem die Orang-Utan-Foundation, aber auch die „Zoologische Gesellschaft für Arten-und Po­pu­lationsschutz (www.zgap.de), die DGHT-AG Krokodile (whttp://www.kroko-treff.de/agkrokodile_neu/index.html#kat1), das Zoologische Museum und Forschungsinstitut Alexander Koenig in Bonn mit seinem angeschlossenen Förder­verein. Wie so oft hat auch der Internationale Reptilleder-Verband mit Sitz in Offenbach ge­holfen, der viel für den Schutz bedrohter Krokodilarten tut. Aber auch hier wäre ohne privates Spendengeld die Durchführung der Forschungsarbeiten nicht möglich gewesen.


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Jugendliche Tomistoma.

Wir brauchen also Sie als engagierte Reptilien­pfleger und Artenschützer, wollen wir eines der seltensten Wirbeltiere der Erde für die Nachwelt erhalten. Bitte vergessen Sie nicht: Wer den Schutz von Tomistoma unter­stützt, der hilft auch vielen anderen be­drohten Tierarten wie dem Sumatra-Tiger, dem Orang-Utan und den asiatischen Java- und Sumatra-Nashörnern, die ihre Lebens­räume ebenso mit Tomistoma teilen, wie vie­le teilweise endemische Reptilien- und Am­phi­bienarten.

Ralf Sommerlad

Nachtrag: Seit der Erstveröffentlichung dieses Berichtes in den Aqualog/TerralogNews sind einige Jahre vergangen. Ralf Sommelad ist 2015 im Alter von 62 Jahren gestorben. Seine bahnbrechende Arbeit für die Krokodile ist jedoch unvergessen. Die Crocodile Specialist Group der Weltnaturschutzunion hat im Januar 2016 den 5. August zum “World Tomistoma Day” (Welt-Sunda-Gavial-Tag) ausgerufen. Das Datum wurde gewählt, um postum Ralf Sommerlad zu ehren, der an einem 5. August geboren wurde. Der Kampf um den Erhalt des Sunda-Gavials geht weiter…

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