Kugelfisch aus dem Wok?

Kugelfische produzieren eines der wirksamsten Gifte des Tierreiches, das Tetrodotoxin.  Bereits winzige eingenommene Mengen führen beim Menschen zum Tod durch Atemlähmung. Trotzdem (bzw. deswegen) ist Kugelfischfleisch als „Fugu“ eine beliebte Delikatesse in Japan. Köche benötigen eine jahrelange Spezialausbildung in der Zubereitung der Kugelfische, um Fugu anbieten zu dürfen. Dennoch kommt es alljährlich zu einigen Todesfällen unter den Feinschmeckern, die vermutlich wegen des in kaum noch nachweisbarer Konzentration anregend wirkenden Tetro­dotoxins nicht auf den Fugu-Genuss verzichten wollen.

Takifugu rubripes, der begehrteste Kugelfisch für das Fugu-Gericht. Aus: Masuda, H., K. Amaoka, C. Araga, T. Uyeno & T. Yoshino (1984): The fishes of the Japanese Archipelago. Tokai University Press, mit freundlicher Genehmigung.

Stirbt in Japan ein Mensch in Folge des Genusses von Fugu, so wird seine Leiche einige Tage zur Abschreckung vor dem Restaurant des zubereitenden Koches aufgebahrt. Der Tod kommt bei falscher Zubereitung schnell, so dass die Opfer stets am Ort des Verzehres versterben.

Tödliche Mahlzeit in Bengalen

In anderen Teilen Asiens werden Kugelfische normalerweise nicht gegessen. Während der Fugu der Japaner eine relativ große (um 50 cm) marine Art ist, kommen im Süßwasser Asiens auch zahlreiche kleine Kugelfisch­arten vor.  So z. B. in Bengalen (Indien) der kleine, kaum 8 cm lang werdende Leiodon (früher: Tetraodon) cutcutia. In Bengalen werden alle Fische gegessen, vom 3 cm langen Zebrabärbling (Danio rerio) bis zum meterlangen Raubwels Wallago attu.

Der Verzehr des kleinen Süßwasserkugelfisches Leiodon cutcutia führte in Bengalen immer wieder zu Todesfällen.

Leiodon cutcutia wird nicht gezielt nachgestellt, aber die häufige Art findet sich immer wieder in den Zug­netzfängen. Offenbar ist dieser Süß­wasserkugelfisch nur zu bestimmten Zeiten giftig. Jedenfalls ist sich die bengalische Bevölkerung der von diesen Tieren aus­gehenden Gefahr nicht bewusst. Anders ist es kaum zu erklären, dass die Kugelfische ganz normal auf die lokalen Fischmärkte kamen und auch Käufer fanden. So kam es jedes Jahr zu Meldungen in der Tagespresse von Kalkutta, dass Menschen wegen des Verzehrs von dem dort „Tepa“ genannten Kugelfisch verstarben. Inzwischen hat die indische Regierung den Verkauf des Fisches verboten.

Überraschende Entdeckung in Thailand

Dieses Wissen im Kopf staunte ich nicht schlecht, als unsere kleine Expedition, bestehend aus Georg Rossmann, Izaak den Daas und mir, in einer Ansiedlung von Berufsfischern am Stausee von Pak Chong (Zentral-Thailand) einen Wok entdeckte, in dem ganze Kugelfische im siedenden Öl bruzzelten. Offenbar waren die Fische noch lebend ins Öl geworfen worden, denn sie waren aufgeblasen. Keinesfalls konnten die Tiere aber ausgenommen gewesen sein.  Dabei gelten die Gonaden (inneren Geschlechtsorgane) und die Haut als die giftigsten Teile des Kugelfisches.

Wok mit Kugelfischen am See von Pak Chong.

Bakterien als Giftköche

Zumindest beim Fugu (es handelt sich dabei hauptsächlich um die Art Takifugu rubripes, siehe http://www.picture-worl.org/tokyo-japan-food-fugu-aquarium-restaurant.html) wurde nachgewiesen, dass es nicht die Kugelfische selbst sind, die das Tetrodotoxin produzieren, sondern bestimmte Bakterien, die die Kugelfische aufnehmen müssen. Künstlich erbrütete und unter sterilen Bedingungen aufgezogene Fugu sind dem­zufolge nicht giftig, werden es aber, sobald sie in ihre natürliche Umhebung entlassen werden. Sollten etwa im See von Pak Chong die notwendigen Bakterien fehlen und die Kugelfische tatsächlich ungiftig sein? Ich befragte die Fischer intensiv und hartnäckig, ob es denn je zu irgendwelchen Vergiftungs­erscheinungen nach dem Verzehr von Kugel­fisch gekommen sei, ob man sie zu bestimm­ten Zeiten nicht essen dürfe, ob es eine besondere Zubereitungweise gäbe und so weiter. Ich ging ihnen offensichtlich gehörig auf die Nerven, denn schließlich sagte einer der Fischer, um mich loszuwerden: Ja, gelegentlich empfände er leichten Schwin­del nach dem Verzehr von Kugelfisch, aber nur, wenn er mehr als vier Flaschen Bier dazu tränke!

Pak-Chong-Kugelfische im Aquarium

Wie auch immer, ich würde diese Fische nicht freiwillig essen. Wir konnten den Fischern einige lebende Exemplare, die noch nicht im Wok gelandet waren, abkaufen. Es handelte sich um Vertreter der Gattung Pao, einer systematisch sehr komplexen Fisch-Gruppe, die bis heute nicht richtig verstanden ist. Man spricht am einfachsten von der Pao-leiurus-Gruppe. Es besteht keine Einigkeit unter den Fachwissenschaftlern, wie die Art der Pao aus dem See bei Pak Chong zu benennen ist. Manche halten sie für die Art Pao palustris, während andere die Art P. palustris nicht anerkennen und für ein Synonym zu P. brevirostris halten.

Pärchen des Kugelfischs aus Pak Chang, Pao palustris. Links das Männchen, rechts das Weibchen.

Im Aquarium verhielten sich die Kugelfische von Pak Chong so, wie man es von den Arten des Pao-leiurus-Artenkomplexes erwartet. Nach einer Eingewöhnungszeit von einigen Wochen, in der sie friedlich beisammen lebten, wurden sie unterein­ander bissig und unverträglich.  Die Haltung ist leicht, aber nur im Artenbecken möglich.

Weibchen von Pao palustris aus dem See von Pak Chong. Das Tier droht einem Artgenossen und hat sich deshalb etwas aufgeblasen.

Frank Schäfer

Mehr Lesestoff zum Thema Kugelfische gibt es hier: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=kugelfisch

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Kugelfisch aus dem Wok?

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