Sumpf- oder Wasserschildkröten im Gartenteich?

Der Frühling ist da, die Gartenteichsaison beginnt. Der Wunsch vieler Gartenteichbesitzer, eine Wasserschildkröte in ihrem Biotop beobachten zu können, ist sehr verständlich. Aber um es gleich vorweg zu sagen: ohne besondere Maßnahmen ist es unmöglich!

Dies muss man bedenken, damit der Traum von der Schildkröte am Gartenteich nicht zum Albtraum wird: Jede noch so zahme Schildkröte wird wieder schlagartig zum Wildtier, sobald sie aus dem Terrarium in einen Teich gesetzt wird. Sie sieht jetzt in ihrem Pfleger einen potentiellen Feind, vor dem es sich zu verstecken gilt. Tier­psychologisch gesehen bauen Schild­kröten keine Beziehung zu ihrem Pfleger auf. Viel­mehr lernen sie, den Pfleger mit Futter zu ver­binden. Das Futterbetteln, das Schild­krö­ten im Terrarium zeigen, entspricht im Frei­leben dem Aufsuchen eines be­kann­ten Futter­platzes.

Emys orbicularis, die einzige auch in Deutschland (Elbegebiet) heimische Art der Schildkröten.

Wird die Schildkröte nun in einen völlig fremden Lebensraum gebracht, nämlich den Gartenteich, steht sie zunächst unter Schock. Alles, was ihr jetzt begegnet, wird als potentiell lebensgefährlich einge­stuft und hat wilde Flucht zur Folge. Ist der Gartenteich nicht ausbruchsicher ein­ge­zäunt, wird die Schildkröte mit ab­soluter Sicherheit abwandern, wenn der Gartenteich regelmäßig von Menschen besucht wird. Man braucht daher eine aus Glas, Kunstglas oder PVC gefertigte Umzäunung, die min­destens doppelt so hoch ist wie der Schild­krötenpanzer lang; diese Einfriedung muss auf etwa 50 cm tief in den Boden reichenden Fund­amenten ruhen, damit sie nicht unter­wühlt werden kann. Soll mehr als eine Schild­­kröte gepflegt werden, muss man den Zaun um ein weiteres Drittel erhöhen, denn Schildkröten sind wahre Kletter- und Aus­bruchkünstler, die Artgenossen auch als Räuber­leiter benutzen.

Chrysemys picta stamt aus Kontinentalamerika und kommt mit unserem Klima recht gut zurecht.

Wird der Teich schild­kröten­gerecht einge­richtet und ausbruch­sicher umzäunt, lernt das Tier mit der Zeit wieder, dass ihm von an den Teich heran­tretenden Menschen keine Gefahr droht. Schildkröten sind nach mensch­lichen Maß­stäben gemessen, nicht sehr klug. Je seltener der Teich besucht wird, desto länger wird das Tier scheu bleiben. Leckerbissen, wie Mehl­würmer oder Regen­würmer helfen sehr, Vertrauen aufzubauen.

Nach einiger Zeit werden Rotwangen (Trachys scripta elegans) zahm.

Eine schildkrötengerechte Teichanlage, in der die Tiere jahrelang gepflegt und auch gezüchtet werden können, be­ginnt mit der Ausrichtung des Teiches. Er muss so angelegt sein, dass er ganztägig Son­ne erhält. Außerdem muss ein Schild­kröten­teich mindestens 60, besser 80 cm tief sein, damit das Wasser nachts nicht zu stark abkühlt; das ist besonders im Frühjahr und Herbst von Bedeutung. Wer die Europäischge Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) als Pflegling im Sinn hat, muss außerdem unbedingt für ausreichend große Flachwasserzonen rund um den gesamten Uferbereich des Teiches sorgen. Emys ertrinkt sehr leicht. Ihr ökologischer Trick, der es dieser Art ermöglicht, auch in Mitteleuropa zu existieren, besteht darin, dass sie sich unter Wasser sonnt. Im zeitigen Frühjahr und späten Herbst kann das überwiegend schwarz gefärbte Tier trotzdem es das Wasser nicht verlässt, die letzten Sonnenstunden nutzen, um noch auf eine Körpertemperatur zu kommen, die eine Futterverwertung möglich macht. Ähnlich machen es die ebenfalls klimatisch ungünstige Gebiete besiedelnden Chrysemys und Clemmys guttata. Wer also diese Arten pflegen möchte, muss dafür sorgen, dass in tiefe Teichbereiche geratene Tiere bequem in die Flachwasserzonen krabbeln können, sonst sind Verluste vorprogrammiert.

Pseudemys-Arten sonnen sich gerne auf Baumstämmen und lassen sich bei Gefahr ins tiefe Wasser plumpsen.

Ganz anders machen es die schönen Schmuckschildkröten (Trachemys, Pseudemys, Graptemys etc.) Sie sind unbedingt darauf angewiesen, sich außerhalb des Wassers sonnen zu können. Vom bevorzugten Sonnenplatz sollte das Tier direkt in tiefes Wasser flüchten können. Am besten realisiert man das, indem man einen breiten, toten Baumstamm in den Teich einbringt, der bequem von dem Tier erklettert werden kann. Wenn es sich vom Baumstamm fallen lässt, sollte es tiefes Was­ser vorfinden.

Fische, Amphibien, Wasserinsekten und auch Wasserpflanzen und Seerosen werden von allen Schildkröten als Bereicherung des Speisezettels angesehen. Ein Biotop- oder Naturgartenteich erträgt keine Wasserschildkröten, darüber muss man sich im Klaren sein. Im Grunde genommen ist darum ein Gartenteich mit Schildkröten immer eher ein Freilandterrarium bei dem die Bedürfnisse der Panzerträger absoluten Vorrang vor den Wünschen des Gärtners haben.

Manche Klappenschildkröten (Kinosternon) bleiben klein und sind aus klimatischen Gründen grundsätzlich zur Pflege am Teich geeignet, sind jedoch sehr scheu und dämmerungsaktiv.

Welche Arten eignen sich für eine Schild­kröten-Teichanlage? Grundsätzlich sollte man nur Arten wählen, deren natürliche Verbreitung in den ge­mäßigten Zonen liegt. Bereits Arten der Sub­tropen können in kalten, verregneten Som­mern Schaden nehmen, sollten also nur an­geschafft werden, wenn in Innenräumen gelegene Ausweichquartiere zur Verfügung stehen. Eine Schildkröte sollte, so die Faustregel, nicht klei­ner als 10 cm sein, wenn man sie ohne Schutz­­netz, das sich dann über die gesamte Teich­an­lage ziehen muss, pflegen will, denn Raben­vögel, Reiher, Enten und auch Katzen fressen kleine Schildkröten. Manche Arten, die an sich gut geeignet wären, wie die Moschusschildkröten (Sterno­therus) und die Chinesische Dreikiel­schild­kröte (Chinemys reevesi) oder auch die Chinesische Weichschildkröte (Trionyx sinensis) sind als Teichtiere kaum attraktiv, weil man sie nie zu Gesicht be­kommt, außer im Herbst, wenn man sie zum Überwintern heraus­fängt. Ideal sind manche Schmuck­schildkröten, wie z.B. verschiedene Unterarten von Trachemys scripta (deren Haltung und Zucht derzeit allerdings EU-weit verboten sind, da sie als invasive Arten eingestuft werden), der Zierschildkröte Chrysemys picta oder auch Mauremys-Arten. Sie sind nur mäßig aggressiv untereinander, tagaktiv, sehr bewegungsfreudig und wunderschön gezeichnet. Auch die Europäische Sumpf­schild­­kröte (Emys orbicu­laris) ist gut ge­eignet, aber die Männchen sind manchmal äußerst aggressiv, nicht nur gegen Artgenossen, und können daher oft nur einzeln gepflegt werden.

Weichschildkröten (Trionyx) verlasser das Wasser gewöhnlich nur zur Eiablage. Im Teich sieht man von ihnen nicht viel.

Bitte denken Sie daran, dass das Aussetzen irgendwelcher Schild­krö­ten (und sonstiger Terra­rien- oder Aquarien­tiere) zu Recht als schwe­re Straf­­tat verfolgt wird. Man bringt damit freile­ben­de Tiere in Todes­gefahr. Stellt sich also eine Schildkröte als zu große Belastung für Teich und Pfleger heraus, muss man sie, sollte man sie nicht abgeben können, in ein Tierheim bringen. Das gilt auch für sogenannte Rote-Liste-Arten wie Emys orbicularis. Es geht beim Artenschutz von Kleintieren nie um Individuen­schutz, immer um Biotop­schutz. Die Europäische Sumpfschildkröte ist nicht bedroht, weil es zuwenig Individuen gibt, sondern weil ihre Lebensräume immer weiter eingeengt und zerstört werden. In ge­eig­neten Lebensräumen braucht auch die Europäische Sumpf­schildkröte keine Hilfe durch den Menschen, ein noch so gut gemeintes Aussetzen von Nachzuchten richtet immer und aus­nahms­los mehr Schaden als Nutzen an. Also lassen Sie es bitte bleiben.

Ein Überwintern im Gartenteich ist nur bei ganz wenigen Arten möglich und sinnvoll. Man sollte nicht vergessen, dass auch in freier Natur viele Exemplare den Winter nicht überstehen. Aber die Natur ist ein Massenverbraucher von Leben, während ein Tierpfleger stets bestrebt ist, die wenigen in seiner Obhut befindlichen Exemplare möglichst lange über die Runden zu bringen. Darum ist mein abschließender Rat für alle, die Schildkröten am Gartenteich zu ihrem Projekt machen möchten: lesen Sie zunächst die umfangreiche Spezialliteratur über Schildkrötenhaltung und -zucht und überlegen Sie erst danach noch einmal ganz genau, ob Sie bereit sind, Ihren Gartenteich für diese Tiere umzuwidmen.

Frank Schäfer

 

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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