Die Rückkehr des “echten” Feenbuntbarsches

Alljährlich findet im zeitigen Frühjahr im dänischen Aalborg ein aqua­ristisches Symposium statt. Einer der Teilnehmer, Carsten Gissel, betreibt in Aalborg ein Zoofachgeschäft, in welches er die Referenten im Anschluss zum Besuch einlud. Eine Einladung, die auch ich gerne annahm.

Ein Wildfangmännchen des Feenbuntbarsches.

Carsten hat sich weitgehend auf Malawi­see-Cichliden spezialisiert und hier wiederum auf Wildfänge und F1-Nach­zuchten (Das Kürzel “F1” steht für “1. Filialgeneration”, also die ersten Nachzuchtgeneration). Er importiert regelmäßig selbst vom See und ist so oft wie möglich dort, um zu fischen, zu tauchen und so neue Erkenntnisse über seine Lieblingsfische zu gewinnen. Natürlich gab es in Carstens Geschäft sehr viele interessante Arten zu sehen, doch an dem Becken mit Aulonocara jacobfreibergi wäre ich beinahe achtlos vorübergegangen.

Der Feenbuntbarsch
Der Malawisee ist einer der großen Seen entlang des ostafrikanischen Grabenbruchs. Er ist etwa 560 km lang, bis zu 80 km breit (meist allerdings um 50 km) und maximal 700 m tief. Über 1.000 Fischarten beherbergt der See, 90% davon sind endemisch, d.h. es gibt sie nur im Malawisee und nirgendwo sonst. Drei Staaten liegen am Malawisee: Malawi, Mosambik und Tansania.
Der Feenbuntbarsch ist ein echtes Kind der Aquaristik. Wissenschaftlich beschrieben wurde die Art 1974 als Trematocranus jacobfreibergi anhand von Exemplaren, die von Jacob Freiberg und Trevor Davies für die Firma African Fish Imports, Verona, New Jersey (USA), bei Makanjila Island, im zum Staat Malawi gehörenden Teil des Sees, gesammelt wurden.
Die Gattung Trematocranus gilt heute als Synonym zu Aulonocara, weshalb der all­ge­mein akzeptierte Name für den Feenbunt­barsch derzeit Aulonocara jacobfreibergi lautet. Etwas später gelangten die ersten Tiere dann auch nach Europa, wo sie in Deutschland eine solche Begeisterung auslösten, dass ihnen der Populärname “Feenbuntbarsch” gegeben wurde. Die aquaristischen Exporte erfolgten aus der Um­gebung der Halbinsel Cape Maclear. Eine besonders berühmte Fundstelle war Otter Point. Diese Gegend im Süden des Sees wurde Teil des Unterwasser-Nationalparks “Malawisee”, der seit 1984 auch zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört. Selbstver­ständ­lich hörte damit der kommerzielle Zierfischfang bei Otter Point auf und seit fast 30 Jahren gibt es den original Feenbunt­barsch also nur noch in Form von Nach­zucht­exemplaren in unseren Aquarien.

Leichte Zucht – Fluch und Segen
Feenbuntbarsche lassen sich im Aquarium leicht pflegen und züchten. Es handelt sich um typische agame Maulbrüter im weib­lichen Geschlecht. Das bedeutet, dass die Männchen und Weibchen keine dauerhafte Paarbindung eingehen und das Weibchen allein für die Pflege von Eiern und Larven zuständig ist, die im Maul bebrütet werden.
Dank der leichten Züchtbarkeit ist der Feenbuntbarsch nie aus dem Hobby ver­schwunden, jedoch werden die Tiere erst im Alter von gut einem Jahr geschlechtsreif und entwickeln erst dann ihre volle Farben­pracht. Kleine Jungtiere haben die unschein­bare Weibchenfärbung und finden im Zoo­fach­handel darum nur schwer Käufer. In Mittel­europa ist es aber sehr teuer, tropische Fische ein Jahr lang großzuziehen und hohe Preise machen auch den Verkauf der pracht­vollen älteren Tiere schwierig. So über­nah­men – wie so oft – die kommerziellen Zier­fisch­züch­tereien in Südostasien den Job, dies­e Fische weiter für den Handel zu züchten, die wegen der wesentlich nied­rigeren Personal-, Energie- und Wasser­kosten marktgerecht produzieren konnten. Leider ging das – wie fast immer – zu Lasten der Qualität. Was lebensfähig ist, wird ver­kauft, ohne Rücksicht auf gute Körperform oder schöne Farben.

Aulonocara jacobfreibergi, Wildfangmännchen, gesehen bei Carsten Gissel.

Endlich wieder Wildfänge!
Aus diesem Grund ist es so toll, dass es Carsten Gissel nach langer Suche gelungen ist, außerhalb des Nationalparks einen Platz zu finden, wo Feenbuntbarsche in der Färb­ung der legendären “Otter Point”-Tiere ge­sam­melt werden können. Sehr viele Malawi­seebuntbarsche werden unter den luxuriö­sen Bedingungen des Aquarienlebens er­heblich größer und dicker als im Freileben. Das gilt vor allem für die Felsbewohner (Mbuna), aber auch für etliche Aulonocara-Arten. Wildfänge des Feenbuntbarsches sind wesentlich graziler als ihre Aquarienvettern.

Höhlenbewohner
Die Gattung Aulonocara weist im wesent­lichen zwei Ökotypen auf. Zum einen gibt es Sandflächenbewohner, die aquaristisch bis­her so gut wie nie in Erscheinung getreten sind, zum anderen Felsbewohner, die im Über­gangsbereich zwischen Felsküste und Sand­biotop leben. Diese farbenprächtigen Tiere repräsentieren das, was man sich allge­mein unter Aulonocara oder “Kaiserbunt­barsch” vorstellt. Der Feenbuntbarsch steht innerhalb der Gattung etwas isoliert da, denn er bewohnt in der Natur nahezu aus­schließlich Unterwasserhöhlen. Wenn man um diese Tatsache weiß, dann erklären sich auch die großen Augen der Tiere und die besonders kontrastreiche Färbung der Männchen. Aus den leider nur spärlich vor­liegenden Naturbeobachtungen – die Höhlen liegen oft tief im Fels und sind kaum betauchbar – geht hervor, dass in kleineren Höhlen nur ein ausgefärbtes Männchen zu beobachten ist; in größeren Höhlen können es aber auch mehrere sein. Unklar ist, wie viele als Weibchen getarnte Männchen sich in den Verbänden befinden.

Brütendes Wildfangweibchen von Aulonocara jacobfreibergi.

Aquarienpflege von Feenbuntbarschen
Seltsamerweise merkt man den Feenbunt­barschen im Aquarium kaum an, dass sie in der Natur ein derart spezialisiertes Leben führen. Sie schwimmen auch in den üblicher­weise hell erleuchteten Aquarien unserer Tage herum, als ob es das Selbstverständ­lichste der Welt sei. Lediglich eines fällt bei Feenbuntbarschen auf: im Vergleich zu den meisten anderen maulbrütenden Bunt­barschen des Malawisees sind sie auffallend friedlich! Der Verdacht liegt nahe, dass die Ur­sache dafür die fehlende Konkurrenz­situation mit anderen Arten im Freileben sein könnte. Eine Besonderheit ist ferner, dass bei den Männchen in der Afterflosse keiner­lei Eiflecke feststellbar sind, obwohl das Ablaichen so stattfindet, als wären sie vor­handen. Den Grund dafür kennen wir nicht. Alle Nicht-Mbunas haben ohnehin keine echten Eiflecke (die von einem transparenten Hof umgeben sind), und bei etlichen Arten sind sogar die Glanzflecke der Nicht-Mbunas voll­ständig verschwunden, unabhängig davon, ob sie nun in besonders dunklen Höhlen oder über Sandboden leben.

Zur Pflege und Zucht eines Gespanns von einem Männchen und einigen Weibchen reicht bereits ein Meterbecken. Bezüglich des Wassers ist auf möglichst geringe Bak­terien­belastung zu achten, der pH-Wert sollte knapp über 8 liegen,die Temperatur im Bereich von 24-26°C. In der Natur sind die Fische Kleintierfresser, im Aquarium nehmen sie alles und reichlich. Man sollte also besser knapp füttern, um eine Verfettung der Tiere zu verhindern.

Erwin Schraml

Lexikon zu Aulonocara jacobfreibergi
Aulonocara: aus dem altgriechischen abgeleitet, bedeutet “mit Gruben am Kopf”.
Trematocranus: aus dem altgriechischen, bedeutet ebenfalls “mit Gruben am Kopf”.
jacobfreibergi: Widmungsname zu Ehren eines der Sammler der Typusexemplare.


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