Parauchenoglanis – wie man Beifänge bestimmt (oder auch nicht)

Die meisten der etwa 33.400 Fischarten, die der Wissenschaft bislang bekannt sind, wurden noch nie im Aquarium gepflegt. Man weiß von ihnen wenig mehr, als dass sie existieren. Und selbst das weiß man oft nicht, da im Laufe der Jahrhunderte – unsere moderne Zoologie startete bekanntlich 1758 mit der 10. Auflage Carl von Linnés Buch „Systema naturae“ (= „Das System der Natur“) und Linné glaubte noch an die Urschöpfung durch den lieben Gott und die Unveränderlichkeit der Arten – sich die Ansicht darüber, was eine Art überhaupt ist, oft und gründlich änderte.

Nur ein paar hundert Arten sind aquaristisch bekannt. Die kann man meist nach der „Bilderbuchmethode“ bestimmen, vergleicht also Fotos oder Zeichnungen aus aquaristischen Fachbüchern und -zeitschriften mit den Tieren, die man bestimmen möchte. Das ist bei manchen Arten schon kniffelig genug, denn auch die Fachautoren sind vor Irrtümern nicht gefeiht. Dann muss man zur Primärliteratur greifen. Unter Primärliteratur versteht man wissenschaftliche Originalarbeiten, in dem Fall die wissenschaftliche Erstbeschreibung. Oft ermöglicht das die Lösung des Problems, oft aber auch nicht. Einige der schon lange bekannten Arten haben eine bewegte Geschichte hinter sich und wurden schon häufig unterschiedlich bewertet. Detektivische Kleinarbeit wird oft nötig, wenn man es mit Erstimporten oder Raritäten zu tun bekommt, wie bei dem afrikanischen Wels, um den es hier geht.

Aus Nigeria wird ziemlich regelmäßig ein kleiner Wels importiert: Microsynodontis batesii. Auch diese Bestimmung ist mit einigen Fragezeichen zu versehen, aber das ist eine andere Geschichte. In der wimmelnden Truppe der 2-3 cm lange Jungtiere von M. batesii (die Maximallänge liegt bei ca. 10 cm, die Geschlechtsreife tritt bei 4-5 cm Länge ein) sind gelegentlich Jungtiere einer Art, die sich ohne Schwierigkeiten der Gattung Parauchenoglanis zuordnen lassen. Kürzlich waren es einmal ein paar mehr Tiere, die ich erwarb, um sie großzuziehen und zu sehen, was daraus wohl wird. Um welche der neun gegenwärtig akzeptierten Arten mag es sich dabei wohl handeln?

Schon aus geografischen Gesichtspunkten kann man die Frage auf zwei Arten beschränken, die bislang aus Nigeria bekannt sind, nämlich Parauchenoglanis buettikoferi (Popta, 1913) und P. loennbergi Fowler, 1958. Glücklicherweise gibt es über die Welse Afrikas ein ausgezeichnetes Handbuch, in dem alle bis ca. zum Jahr 2008 bekannt gewordenen Arten berücksichtigt sind. Danach handelt es sich wohl um Parauchenoglanis loennbergi.

Die Art P. loennbergi hat eine bewegte nomenklatorische Vergangenheit. Der Fisch, der sich hinter dem Namen verbirgt, wurde zuerst 1895 unter dem Namen Pimelodus guttatus von Einar Lönnberg beschrieben. Die zwei Exemplare, die Lönnberg vorlagen, stammten aus Kamerun, aus dem Fluss N´dian, heute Ndian. Das gleichnamige Department liegt im Südwesten des heutigen Staates Kamerun. Die Tiere hatte Bror Yngve Sjöstedt (1866-1948) auf einer von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften finanzierten Kamerun-Expedition gesammelt hatte, die zwei Jahre währte. Sjöstedt berichtete, dass die Fische im Fluss unter Steinen verborgen lebten und dass die einheimische Bevölkerung glaube, die Tiere verfügten über die Fähigkeit, elektrische Schläge auszuteilen. Das kann unter den Welsen Afrikas aber nur der Zitterwels, in Kamerun kommt die Art Malapterurus beninensis vor. Der Zitterwels ist nach Sjöstedts Bericht ein sehr geschätzter Speisefisch bei der ortsansässigen Bevölkerung, die freilich seine elektrischen Schläge fürchten.

Die Färbung seiner Tiere schildert Lönnberg wie folgt: „The coloration from which the fish has derived its name is pale brownish, with round dark brown spots, which are larger on the back and the sides, than on the belly. These upper spots sometimes become confluent, and then form five or six dark cross- bars. The lower smaller spots are not confluent, situated between and below the crossbars. The head is darker with round black spots. The dorsal and caudal fins with round brown spots.“ (Die Färbung, nach der der Fisch seinen Namen erhalten hat, ist ein helles Braun mit runden dunkelbraunen Flecken, die auf dem Rücken und an den Seiten größer sind als auf dem Bauch. Diese oberen Flecken verschmelzen gelegentlich zu fünf bis sechs dunklen Quersteifen. Die unteren, kleineren Flecken verschmelzen niemals und befinden sich unter oder zwischen den Querstreifen. Der Kopf ist dunkler mit runden schwarzen Flecken. Die Rücken- und Schwanzflosse weise runde braune Flecken auf.)

Leider übersah Lönnberg, dass der Name Pimelodus guttatus bereits vergeben war, nämlich durch La Cepede; der benannte bereits 1803 einen chinesischen Wels, der heute in der Gattung Hemibagrus steht, so. Damit war der Name verbraucht und darf nie wieder für eine andere Art verwendet werden. Das bemerkte Henry W. Fowler 1958 scheinbar als erster und schuf den Ersatznamen Parauchenoglanis loennbergi für die Art, die inzwischen Typusart der 1911 von George Boulenger aufgestellten Gattung Parauchenoglanis geworden war. Die Gattungsaufstellung durch Boulenger Stand auch unter keinem guten Stern; wie sich später herausstellte, hatte er gar keine Exemplare von P. guttatus vorliegen, er hatte wohl nur ein Photo von Lönnbergs Typusexemplaren, ansonsten aber Tiere, die tatsächlich einer wissenschaftlich zu dieser Zeit noch unbeschriebenen Art angehörten. Die Gattungstypusfestlegung für Parauchenoglanis erfolgte durch Jordan 1920.

Es geht aber noch komplizierter: Risch (1986) akzeptierte nämlich den Ersatznamen von Fowler – also Parauchenoglanis loennbergi – nicht, sondern hält den Namen für verfügbar in Parauchenoglanis. Dann heißt unser Fisch also doch Parauchenoglanis guttatus. Oder nicht? Es gibt noch eine dritte Variante. Zu der Art gibt es nämlich ein frühes Synonym zu P. guttatus, Auchenoglanis monkei Keilhack, 1910. Nun gibt es Leute, die argumentieren, wenn der Name P. guttatus tatsächlich nicht zur Verfügung steht, dann muss der Fisch P. monkei heißen, denn dieser Name steht schließlich zur Verfügung!

Kurz und dick: nach dem Studium vieler Seiten wissenschaftlicher Literatur erscheint es sehr wahrscheinlich, dass der Parauchenoglanis, der als Beifang aus Nigeria importiert wurde, mit der Art identisch ist, die 1895 als Pimelodus guttatus, 1910 als Auchenoglanis monkei und 1958 als Parauchenoglanis loennbergi bezeichnet wurde. Welcher der drei Namen aber Gültigkeit hat, das ist immer noch fraglich.

Aquaristisch macht der Fisch keine Probleme. Er ist ein gieriger Allesfresser mit einem starken Drang, sich zu verstecken. Abgesehen von den Fütterungszeiten bekommt man ihn kaum zu Gesicht. Er fällt aber auch nicht unangenehm auf, da er sowohl Artgenossen, wie auch anderen Fischen gegenüber, die als Futter nicht in Frage kommen, friedlich ist. Über die maximal erreichbare End Größe der Art kann man derzeit nur spekulieren. In der letzten Revision der Gattung Parauchenoglanis durch Geerinckx et al. 2004 werden 151 mm Standardlänge (also ohne Schwanzflosse) als Maximallänge angegeben, in der CLOFFA (Checkliste der Süßwasserfische Afrikas) von 1986 werden 245 mm Totallänge (also mit Schwanzflosse) genannt. Furchtbar riesig wird die Art wohl also nicht, aber als klein kann man sie auch nicht bezeichnen.

Nun sollen sie erstmals wachsen. Und vielleicht kann die noch sehr weiße Seite im Buch der Lebensgeschichten der Fische über diesen Parauchenoglanis aus Nigeria eines Tages um ein paar Zeilen ergänzt werden, in denen von Verhaltens-Eigenarten und vielleicht sogar von der Fortpflanzung des Welses berichtet wird…

Frank Schäfer

Literatur:

Fowler, H. W. (1958): Some new taxonomic names of fishlike vertebrates. Notulae Naturae (Philadelphia) No. 310: 1-16.

Geerinckx, T., D. Adriaens, G. G. Teugels & W. Verraes (2004): A systematic revision of the African catfish genus Parauchenoglanis (Siluriformes: Claroteidae). Journal of Natural History v. 38: 775-803.

Jordan, D. S. (1920): The genera of fishes, part IV, from 1881 to 1920, thirty-nine years, with the accepted type of each. A contribution to the stability of scientific nomenclature. Leland Stanford Jr. University Publications, University Series No. 43: 411-576 + i-xviii.

Lönnberg, E. (1895): Notes on fishes collected in the Cameroons by Mr. Y. Sjöstedt. Öfversigt af Kongl. Veterskaps-akadeiens forhandlinger v. 52 (no. 3): 179-195.

Risch, L. (1986): Bagridae (pp. 2-35). In: Daget, J., J.-P. Gosse & D. F. E. Thys van den Audenaerde (eds) (1986 ): Check-list of the freshwater fishes of Africa. CLOFFA. ISNB Bruxelles, MRAC Tervuren, ORSTOM Paris. v. 2: i-xiv + 1-520

Seegers, L. (2008): Die Welse Afrikas. Ein Handbuch für Bestimmung und Pflege. Tetra Verlag, Berlin-Velten & Aqualog Verlag, Rodgau, Germany. 604 pp

 

Und mehr Lesestoff über Welse gibt es hier: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=welse

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Parauchenoglanis – wie man Beifänge bestimmt (oder auch nicht)

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