Wie entsteht eigentlich ein Bookazine?

Es sollte diese Woche in Ihren Briefkästen landen: das Bookazine No 5. Aber das wird sich leider noch um 2-3 Wochen verzögern. Der Grund hierfür ist menschlich: wie jedes Viech sind auch Redakteure und Autoren den Naturgewalten und gelegentlichen Erkrankungen unterworfen und in den letzten vier Monaten, in denen das Bookazine entstand, gab es davon mehr, als eingeplant werden sollte. Der Mensch plant und die Götter amüsieren sich darüber. So war das schon immer und so wird es auch bleiben. Aber lassen Sie uns die Gelegenheit nutzen, einmal hinter die Kulissen eines solchen klassischen Print-Mediums zu schauen. Wie entsteht ein Buch oder Magazin heute?

Der Anfang jedes Druckprojekts ist der gleiche wie seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im Jahr 1450: die Idee. Es gibt etwas, das es wert ist, vielen Menschen mitgeteilt zu werden und zwar in gedruckter Form. Was das ist, wird im Fall eines Bookazines auf einer Redaktionskonferenz zusammengetragen. Print unterscheidet sich von neuen Medien – vor allem klassischem Internet und zunehmend You-Tube-Filmen – durch die Dauerhaftigkeit. Es heißt zwar immer, das Internet vergisst nichts – das mag zutreffen, bloß ist es eine Sache, dass etwas vorhanden ist, aber eine ganz andere, es auch zu finden. Ich persönlich habe das Internet erstmals zur Recherche des großen Aqualogs über Süßwasserrochen intensiv genutzt; das war vor ca. 25 Jahren. Die meisten der dann im Druck-Jahr 2000 als Referenz angegebenen Links funktionieren heute nicht mehr. Aber alle im Literaturverzeichnis angegeben Print-Publikationen sind nach wie vor einsehbar, egal ob sie aus dem Jahr 1760 oder 1999 stammen. Und einen zweiten großen Vorteil bietet Print: Geschwindigkeit und Komprimierung. Trotz Breitband-Übertragung und schneller Rechner kann man, wenn man eine Art bestimmen will, tausendmal schneller in einem Bestimmungsbuch nachschlagen, als dutzende von Webpages aufzurufen.

Also lautet die erste Frage bei unseren Redaktionskonferenzen: welche Fischgruppe soll vollumfänglich als Bestimmungshilfe dargestellt werden? Diesmal fiel unsere Wahl auf die Piranhas. Es gibt weder eine aktuelle wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Piranhas – die letzte erschien 1929 – noch besteht auf den spezialisierten Webpages über Piranhas (von denen es allerdings einige sehr gute gibt!) Konsens darüber, wie die Arten anzusprechen sind. Ich ahnte schon, dass das eine schwierig zu lösende Aufgabe sein würde. Ich wurde nicht enttäuscht…

Zunächst schaut man, wenn man eine aktuelle Checkliste aller wissenschaftlich beschriebenen Arten erstellen will, im „Eschmeyer“ nach. Das ist eine Online-Datenbank der California Academy of Sciences und nennt sich „Catalog of Fishes“ (http://researcharchive.calacademy.org/research/ichthyology/catalog/fishcatmain.asp). Im Eschmeyer werden alle existierenden wissenschaftlichen Fischnamen erfasst, die Literaturstelle angegeben, wo sie publiziert wurden, es wird angegeben, wo (falls vorhanden) der oder die Typ(en) deponiert sind und in welcher Sekundärliteratur eine Bewertung (gültig oder Synonym) des Taxons nach 1970 erfolgte. Unter dem Stichwort der Gattung „Serrasalmus“ werden im Eschmeyer z.B. 57 verfügbare, also nach den Regeln der Kunst erstellte, wissenschaftliche Artnamen aufgeführt. Die Piranhas gehören zur Familie der Serrasalmidae. Unter dem Stichwort Serrasalmidae werden 29 verfügbare Gattungsnamen angezeigt, darunter allerdings auch die pflanzenfressenden Pacus und Scheibensalmler, die im Zusammenhang mit dem Thema „Piranhas“ nicht ausführlich recherchiert werden müssen. Alles in allem ergibt die Startrecherche im Eschmeyer, dass zu 9 Gattungen alle Artbeschreibungen, inklusive der Synonyme, sowie die Sekundärliteratur zu überprüfen sind, alles in allem rund 150 wissenschaftliche Arbeiten unterschiedlichen Umfangs. Die Beschaffung dieser Literatur ist heutzutage nicht mehr ganz so aufwändig wie noch vor 10 Jahren, zahlreiche wissenschaftliche Online-Bibliotheken ersparen den Weg in die Senckenberg-Bibliothek nach Frankfurt, doch in einigen Fällen bleibt auch das nicht aus. Parallel hierzu werden alle in der aquaristischen Literatur erschienenen Arbeiten beschafft und eingesehen, wobei Erwin Schramls „Worldfish“, das jetzt nach vielen Jahren der Arbeit auch als Wiki verfügbar ist (http://wf-wiki.de/index.php/Hauptseite) eine enorme Arbeitserleichterung darstellt. Allein diese Vorbereitungsphase ist sehr zeitintensiv und kostet mehrere Monate; das wäre im Rahmen einer Bookazine-Vorbereitung gar nicht zu leisten, hätten wir nicht schon über 15 Jahre das Vorhaben auf der Agenda gehabt, ein Piranha-Buch bei Aqualog zu erstellen und schon sehr viel Literatur bereits durchgearbeitet. Auch meine wöchentlichen Bestimmungsarbeiten bei Aquarium Glaser sorgten dafür, dass ich stets auf dem laufenden blieb, wenn sich bezüglich der Piranha-Systematik etwas änderte. Doch selbst so musste ich gut vier Wochen mehrere Stunden täglich Literatur wälzen, um mich auf den neuesten Stand zu bringen.

Dann beginnt das Schreiben. Ursprünglich sollte die Piranha-Übersicht auch Teile über die Rolle der Piranhas in der Pop-Kultur und in ihrer Bedeutung in den südamerikanischen Heimatländern enthalten, allgemeine Kapitel über Pflege und Zucht etc. All das wurde vorbereitet, doch stellte sich beim Bearbeiten der Arten heraus, dass der Platz in einem Bookazine für eine solche vollumfängliche Darstellung der Piranhas einfach nicht ausreicht. Das Bookazine ist mit 144 Seiten kalkuliert und soll nicht nur ein Thema abhandeln. Also strichen wir diese allgemeinen Kapitel, die ja auch andernorts nachzulesen sind und konzentrierten uns auf den Bestimmungsteil, denn das gibt es nun einmal auf der ganzen Welt nicht: eine zusammenfassende Übersicht über alle gegenwärtig als gültig erachteten Piranha-Arten mit Hinweisen dazu, wie sie zu erkennen sind und Bildmaterial zu jeder Art!

Doch unser Zeitplan war jetzt schon am wackeln, denn die nicht zum Druck kommenden Kapitel hatten ja auch Zeit gekostet; sie sind nicht verloren, sondern werden in einem Piranha-Buch, das hoffentlich in naher Zukunft erscheinen kann, verarbeitet. Trotzdem hätten wir pünktlich fertig werden können, auch wenn damit nur die Vorarbeiten für einen Teil des Bookazines erledigt waren; die übrige übliche Redaktionsarbeit, also prüfen der Texte und Bilder auch der Artikel, die nicht zum Piranha-Teil gehören, muss ja auch erfolgen, dazu kommen die Layout-Arbeiten. In den über 20 Jahren, die wir das nun schon machen, hat sich herausgestellt, dass rund drei Stunden reine manuelle Arbeitszeit pro Druckseite zu kalkulieren sind, also bei 144 Seiten, also 432 Arbeitsstunden nur für Lettering und Layout. Natürlich geht auch mal eine Seite schneller, etwa eine Werbeseite, aber das mittelt sich wieder mit anderen, sehr zeitaufwändigen Seiten. Bei den Piranhas musste nun parallel das Bildarchiv durchsucht und nach neusten Erkenntnissen neu bestimmt werden. Bei Arten, von denn wir kein eigenes Bild besitzen, mussten Bildautoren gesucht und gefunden und die Publikationsrechte erfragt werden. Dann erfolgt die endgültige Bildauswahl, wobei es wichtiger ist, Abbildungen zu finden, die arttypische Merkmale bzw. innerartliche Varianzen zeigen, als rein nach ästhetischen Aspekten zu filtern. Hier die Balance zu finden ist sehr kniffelig; der Wissenschaftler – also ich – pfeift auf Ästhetik, wenn es um wissenschaftlich bedeutsame Merkmale geht, die Herausgeber – Verlagschef Wolfgang Glaser und Verlagsleiter Levin Locke – müssen aber auch darauf achten, dass der wirtschaftliche Aspekt nicht zu kurz kommt; zu viele hässliche Bilder dürfen nicht sein, das wäre Verkaufsgift und würde auch Protest bei den Werbepartnern provozieren. Mit Werbepartnern verbindet jedes Printmedium eine unauflösbare Symbiose. Ohne Werbung ist kein Printmedium finanzierbar, ohne Werbung kann keine Firma langfristig überleben. Im heiß umkämpften Werbemarkt muss man darum gerade auch bei Print darauf achten, dass die Werbepartner sich in einem seriösen, bei der Zielkundengruppe voll akzeptierten Produkt wiedererkennen.

 

Nachzuchttier des Scheltopusiks

Kurz und gut: in dem Bookazine, dass kommenden Montag in Druck geht, stecken rund 800 Arbeitsstunden, nicht gerechnet die schon über Jahre im voraus geleistete Arbeit. Dafür bekommen Sie, lieber Leser, aber auch wirklich etwas geboten: ein fantastischer, so noch nie dagewesener Artikel über die Biotope der Flusslandschaften des Niger mit Vorstellung seiner faszinierenden Fische und wie man sie im Aquarium pflegt; ein Mut machender Artikel über ein Rettungsprogramm für eine vom Aussterben bedrohte, nur sehr lokal vorkommende Art der Regenbogenfische in Australien; alle Piranha-Arten auf 72 Seiten, und auch die etwas kürzeren Beiträge machen uns stolz: Oliver Knott beschreibt das Layout seines Strömungsbeckens und für die Terrarianer haben wir einen Zuchtbericht – den zweiten in der Literatur überhaupt! – über die größte Echse Europas im Terrarium, des Scheltopusiks, plus ein Kommentar zur korrekten Benennung. Artenportraits besonders hübscher Raritäten, die gegenwärtig im Handel vorhanden sind, aktuelle Informationen über die neue Salamander-Notverordnung der EU, Kuriositäten rund ums Hobby und leider in dieser Ausgabe auch drei Würdigungen verstorbener, herausragender Persönlichkeiten. Damit dies möglich wurde hat der Verleger nochmal zusätzliche 16 Seiten spendiert, so dass das Bookazine No5 nun ausnahmsweise – ohne Aufpreis! – 160 Seiten Umfang hat. Dafür, so hoffen wir, verzeihen Sie uns die Verspätung beim Druck und auch, dass der Franky Friday heute mal eine Franky Saturday wurde!

Ihr

Frank Schäfer

PS: Abonnenten des Bookazine dürfen sich freuen: auch dieser Ausgabe liegt wieder, exklusiv für Sie, ein tolles Faltposter bei, diesmal mit den schönsten Piranha-Arten und ein Jahreskalender mit 12 Highlights als Kalenderbildern.

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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