Beobachtung an Beifängen: Der Punktierte Kopfsteher und der Kaisertetra

Punktierte Kopfsteher (Chilodus spp.) sind die kleinsten Arten der Kopfsteher, sie werden nur 6-9 cm lang; gegenwärtig werden vier Arten unterschieden, von denen jedoch nur zwei gelegentlich im Handel auftauchen, nämlich Chilodus punctatus und C. gracilis. Dabei wird in aller Regel nicht zwischen beiden Arten unterschieden, im Handel nennt man meist alles C. punctatus.

Dieses Tier liegt der Originalbeschreibung von Chilodus punctatus zugrunde. aus Müller & Troschel, 1845

Farblich ähneln sich die vier Arten – und auch ihr Doppelgänger, Caenotropus labyrinthicus – frappierend. Chilodus punctatus ist die – dem Namen nach – häufigste Art und wurde schon aus fast ganz Südamerika gemeldet: Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Guyana, Peru und Surinam. Das dürfte jedoch nicht stimmen, sondern die drei anderen Arten mit einbeziehen; die Art aus Kolumbien, Venezuela, dem amazonischen Teil von Peru und dem Dept. Amazonas in Brasilien ist Chilodus gracilis, die sich von den anderen dreien dadurch unterscheidet, dass sie stets ein breites dunkles Längsband zeigt. Das Längsband ist bei Tieren aus Peru solider als bei denen aus dem Orinoko, möglicherweise handelt es sich bei letzterer um eine kryptische, noch unbeschriebene Art.

Im mittleren und unteren Amazonas sowie Guyana wird C. gracilis dann wohl von C. punctatus abgelöst, dem dieses Längsband fehlt oder das nur vergleichsweise schwach ausgeprägt ist. Beide Arten kommen aber vielleicht auch stellenweise gemeinsam vor, denn ein früher in der Aquarienliteratur viel benutztes Photo von Timmerman zeigt sie zusammen. Allerdings wurde C. gracilis als Männchen und C. punctatus als Weibchen gedeutet.

Soweit die wissenschaftliche Theorie. In der Praxis ist die farbliche Unterscheidung von C. gracilis und C. punctatus nicht einfach, denn Chilodus können ihr Längsband ein- und ausschalten, ganz nach Lust und Laune, jedenfalls so lange sie leben. C. punctatus ist aber deutlich hochrückiger als C. gracilis, daran kann man beide Arten auch dann gut unterscheiden, wenn C. punctatus ein Längsband zeigt. Oberhalb des Längsbandes hat C. gracilis meist drei Längsreihen schwarzer Punkte, C. punctatus vier. Allerdings ist C. punctatus nach Isbrücker & Nijssen (1988) je nach Fundort so variabel, dass die beiden Autoren die Existenz noch etlicher Arten nicht ausschließen.

Typischer Chilodus gracilis Photo: Erwin Schraml
Typischer Chilodus punctatus Photo: Erwin Schraml

Verwechslungsgefahr besteht mit Caenotropus labyrinthicus, der stets ein Längsband trägt, aber waagerecht schwimmt und eine andere Maulform hat. C. labyrinthicus ist weit in Südamerika verbreitet und wurde früher oft gemischt mit Wildfängen von C. gracilis importiert.

Caenotropus labyrinthicus Photo: Erwin Schraml

Die beiden anderen Chilodus-Arten sind hochrückig wie C. punctatus, sollen aber angeblich in keiner Stimmungslage ein Längsband zeigen.

Abbildung aus der Originalbeschreibung von Chilodus zunevei Puyo, 1946. Die Zeichnung ist nach Einschätzung von Isbrücker & Niesen (1988) ungenau. Sie zeigt vier Schuppenreihen unterhalb der Seitenlinie.
Chilodus zunevei sensu Isbrücker & Nijssen (1988); die Punkte am Körper sind größer und kräftiger ausgeprägt als bei C. punctatus

Chilodus zunevei soll nur in Französisch Guyana und angrenzenden Teilen Brasiliens (Oyapock) vorkommen und keinen Schulterfleck und kein Längsband aufweisen. Typusfundort (es gibt keine Typenexemplare) ist ein Bach, der in den Itany-Fluss mündet. Der Itany wiederum gehört zum Einzug des Maroni. Isbrücker & Nijssen (1988), denen frisches Material aus Französisch Guyana (allerdings nicht von der Typuslokalität) und Surinam vorlag, das sich sehr einheitlich zeigte, geben ein gutes Merkmal an, um C. zunevei von C. punctatus zu unterscheiden: die Punkte im Bereich der Brustflossen sind bei C. punctatus nur undeutlich oder fehlen, bei C. zunevei sind sie in diesem Bereich hingegen kräftig ausgeprägt. Ein Lebendfoto, das ein Exemplar aus Französisch Guyana zeigt (in Planquette, Keith & Le Mail, 1996), hat aber einen Humeralfleck und keine Punkte im Bereich der Pectoralflossen und gleicht völlig Chilodus fritillus.

Zeichnung nach dem Photo von Chilodus zuvenei in Planquette et al., 1996. Das Tier gleicht C. fritillus.
Chilodus fritillus, Zeichnung des Holotypen

Chilodus fritillus wurde als letzte Art 1997 aus dem Madre de Dios in Peru beschrieben. Dieser Fluss ist bemerkenswert und hat eine eigenständige Fischfauna; C. fritillus hat einen gut sichtbaren Humeralfleck und kein Längsband, die Punktierung im Bereich der Brustflossen fehlt wie bei C. punctatus.

Chilodus-Nachzuchten aus Indonesien. Man sieht ganz schön, dass die Ausprägung des Längsbandes stimmungsabhängig stark variiert.

Die Punktierten Kopfsteher im Handel sind zwischenzeitig überwiegend Nachzuchten, die in Indonesien für die Aquaristik vermehrt werden. Ich halte sie für Chilodus gracilis der Orinoko-Variante. Auch in Privathand gelang die Zucht von Chilodus schon häufig, wenngleich es oft Probleme mit dem Schlupf gibt. Die Fische laichen zwar willig, der Laich wird auch gut befruchtet und entwickelt sich normal, doch sind die schlupfreifen Larven oft nicht in der Lage, die Eihaut zu sprengen. Wenn der Züchter nicht nachhilft und jedes einzelne Ei mit einer Präpariernadel ansticht, sterben die Jungtiere elendiglich ab (Franke, 1979).

Chilodus gracilis aus den Llanos von Venezuela, Beifang zu Mikrogeophagus ramirezi

Obwohl Chilodus durch ihre ungewöhnliche Kopf-nach-unten-Schwimmweise sehr attraktiv sind, können sie doch nicht als wirklich beliebte Aquarienfische gelten, jedenfalls nicht in Europa, wo man am liebsten harmonische Fischgemeinschaften in gut bepflanzten Aquarien pflegt. Dafür eignen sich Chilodus nicht gut. Sie sind ziemlich zänkisch und fressen gerne zarte Wasserpflanzen. Darum pflegen in Europa vor allem Buntbarschfreunde Kopfsteher, da deren unangenehme Eigenschaften in Gesellschaft von Cichliden weniger ins Gewicht fallen.

Die kleinen Chilodus aus Venezuela zanken – wie alle Chilodus – gern

Wegen der immer noch unklaren Bestimmung bei Chilodus-Arten achte ich bei dieser Gattung besonders auf Wildfänge. So entdeckte ich zwischen Wildfängen des Schmetterlingsbuntbarsches (Mikrogeophagus ramirezi) aus Venezuela drei kleine Kopfsteher (Chilodus gracilis), die als Beifang mitgekommen waren. Außer den Kopfstehern waren noch ein einzelnes Weibchen des Kaisertetras (Nematobrycon palmeri) und ein Marmor-Beilbauch (Carnegiella strigata) in den Transport geraten. Ich fischte alle Beifänge ab und setzte sie in das Fotobecken, in dem sich gerade einige Panzerwelse befanden. Es war Freitag, ich fütterte noch einmal und verabschiedete mich in das Wochenende. Das Fotobecken ist sehr gut eingefahren, da muss man sich keine Sorgen machen.

Das Nematobrycon-Weibchen bleibt von den Chilodus völlig unbehelligt

Am Montag bot sich jedoch ein Bild des Jammers. Die Panzerwelse und der Beilbauch hatten arg zerfledderte Flossen und trauten sich gar nicht mehr aus ihren Ecken heraus. Nur Frau Kaisertetra schwamm unbehelligt zwischen den Chilodus umher, die den Kaisertetra in keinster Weise beachteten, untereinander aber – ganz nach Kopfsteher-Art – fröhlich zankten. Nun gut, Flossen wachsen nach, aber interessant ist dieser Befund schon. Warum interessierten sich die Kopfsteher nicht für den Kaisertetra? Ist es das schwarze Längsband? Punktierte Kopfsteher können, wie in der Einleitung bereits erwähnt, recht drastisch die Farbe wechseln. Ein schwarzes Längband ist oft, aber durchaus nicht immer zu sehen. Besonders in Kampfsituationen blenden die Chilodus das Längsband manchmal total aus, dann ist nur noch ein Schulterfleck vorhanden. Ist womöglich das breite, dunkle Längsband der Kaisertetras ein „Über-Signal“ an die Kopfsteher, das jede Aggressionshandlung im Keim erstickt?

Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen: sobald ich ein Becken frei habe, werde ich es testweise mit Chilodus und Nematobrycon besetzen und mal schauen, wie diese beiden so grundverschiedenen Arten miteinander interagieren. Ich bin schon sehr gespannt!

Frank Schäfer

Literatur:

Franke, H.-J. (1979): Geburtshilfe beim Punktierten Kopfsteher. Paarungsverhalten und künstlicher Schlupf. Aquarien Magazin 11/1979: 530-540

Isbrücker, I. J. H. & H. Nijssen (1988): Review of the South American characiform fish genus Chilodus, with description of a new species, C. gracilis (Pisces, Characiformes, Chilodontidae). Beaufortia v. 38 (no. 3): 47-56.

Müller, J. & F. H. Troschel (1845): Horae Ichthyologicae. Beschreibung und Abbildung neuer Fische. Die Familie der Characinen. Erstes und Zweites Heft. Viet & Comp., Berlin. Nos 1 & 2: 1-40, Pls. 1-11.

Planquette, P., P. Keith & P.-Y. Le Bail (1996): Atlas des poissons d’eau douce de Guyane (Tome 1). Muséum National d’Histoire Naturelle, Ministère de l’Environnement, Paris. 1-429.

Puyo, J. (1946): Chilodus zunevei poisson d’eau douce de la Guyane française. Bulletin de la Société d’Histoire Naturelle de Toulouse v. 80 (no. 3-4) (for 1945): 183-185

Vari, R. P. & H. Ortega (1997): A new Chilodus species from southeastern Peru (Ostariophysi: Characiformes: Chilodontidae): description, phylogenetic discussion, and comments on the distribution of other chilodontids. Ichthyological Exploration of Freshwaters v. 8 (no. 1): 71-80.


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Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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