Yasuhikotakia: prächtige Prachtschmerlen


Es ist noch gar nicht lange her, da hießen alle Prachtschmerlen mit Gattungsnamen Botia. Gegenwärtig verteilt man diese Fische auf die Gattungen Ambastaia (Schachbrett-Prachtschmerlen), Botia (die senkrecht gestreiften Prachtschmerlen Indiens und angrenzender Regionen), Chromobotia („die“ Prachtschmerle), Sinibotia (chinesische Prachtschmerlen), Syncrossus (Tiger-Prachtschmerlen) und Yasuhikotakia.

Der Gattungsname Yasuhikotakia liest sich komplizierter, als er ist. Sprechen Sie mal mit: Yasu-hiko-takia. Der Name ehrt den bedeutenden Fischkundler Yasuhiko Taki, der sich besonders um diese Gruppe verdient gemacht hat. Die Gattungs-Unterschiede beziehen sich in erster Linie auf die generelle Färbung. Yasuhikotakia sind grundsätzlich mehr oder weniger einfarbig am Körper, ohne markante Bindenzeichnung. Zu Ausnahmen später mehr. Man könnte die Gattung aber auch zoogeografisch definieren, denn sie kommt ausschließlich auf dem südostasiatischen Festland (Laos, Kambodscha, Thailand, Vietnam) vor. Es gibt selbstverständlich auch anatomische Unterschiede: Nalbant (2002) diagnostiziert das Genus durch die Form der Lippen, der Unteraugendornen und Schuppen. Unteraugendornen? Tatsache: alle Prachtschmerlen haben (wie viele anderen Schmerlen) unter den Augen ausklappbare, sichelförmige Dornen, die scharf wie Rasiermesser sind. Sie können mit diesen Dornen auch unvorsichtigen Menschen heftig blutende Wunden beibringen. Giftig sind die Schmerlendornen nicht, man sollte, wenn es passiert, aber gründlich ausbluten lassen, damit kein Schleim in der Wunde bleibt, der zu Entzündungen führen könnte. Empfindliche Menschen mit Immunschwäche sollten die Verletzung gut überwachen und im Zweifelsfall zum Arzt gehen. Aber auch das sei gesagt: niemals greifen die Schmerlen aktiv Menschen an, zu Unfällen kommt es nur, wenn man sie mit bloßen Händen einfängt und festhält.

Alle Arten der Gattung Yasuhikotakia bleiben relativ klein und werden nur ganz selten einmal größer als 12 cm. Leider haben sie, wie alle Prachtschmerlen, keinen sehr guten Ruf. Das ist sehr, sehr schade, denn von allen Bodenfischen, die man im Aquarium pflegen kann, haben Prachtschmerlen mit Sicherheit das interessanteste Verhalten. Die Tiere sind extem sozial und bilden untereinander eine feste Rangordnung aus. Dabei zanken sie zwar ordentlich, zu ernsthaften Beschädigungen kommt es aber nicht. Aus diesem Verhalten resultiert im Wesentlichen der schlechte Ruf, den die Prachtschmerlen haben. Werden sie in zu kleinen Gruppen gepflegt, kann das dominante Tier den schwächsten Artgenossen so mobben, dass er früher oder später stirbt. Schlimmer kann es noch kommen, wenn man die Yasuhikotakia einzeln in Gesellschaft gattungsfremder Fische pflegt. Das können regelrechte Tyrannen werden! Ganz anders ist es, wenn man Gruppen von 8-20 Exemplaren gemeinsam hält. Dann haben die Fische so sehr miteinander zu tun, dass sie kaum auf dumme Gedanken kommen. Man kann das Verhalten von Prachtschmerlen am besten mit dem Verhalten von Malawi-Buntbarschen vergleichen. Der Versuch, diese Tiere paarweise in einem bunten Gesellschaftsbecken zu pflegen, geht ja auch vorhersagbar schief. Und ähnlich wie bei Malawi-Buntbarschen kann man durchaus verschiedene Arten von Yasuhikotakia miteinander vergesellschaften, die vertragen sich gewöhnlich gut.

Gegenwärtig unterscheidet man sieben Arten:

1. Yasuhikotakia caudipunctata (Taki & Doi, 1995)

Yasuhikotakia caudipunctata

2. Yasuhikotakia eos (Taki, 1972)

Yasuhikotakia eos

3. Yasuhikotakia lecontei (Fowler, 1937)

Yasuhikotakia lecontei

4. Yasuhikotakia longidorsalis (Taki & Doi, 1995)

Yasuhikotakia longidorsalis Photo: Kamphol Udomritthiruj

5. Yasuhikotakia modesta (Bleeker, 1864)

Yasuhikotakia modesta

6. Yasuhikotakia morleti (Tirant, 1885)

Yasuhikotakia morleti

7. Yasuhikotakia splendida (Roberts, 1995)

Yasuhikotakia splendida

Regelmäßig im Handel sind jedoch nur zwei davon, nämlich die Mausschmerle (Y. morleti, auch unter ihrem Synonym Y. horae bekannt) und die Rotflossenschmerle (Y. modesta). Die übrigen Arten sind absolute Raritäten. Es gibt aber vermutlich mehr Arten, als wissenschaftlich anerkannt sind. Die Importe der Rotflossenschmerlen sehen oft sehr unterschiedlich aus, nicht nur bezüglich der Färbung. Letztere betrifft den Körper, der mal mehr blau, mal mehr grün, mal bleifarben ist und die Flossen: von leuchtendem Rot bis zum blassen Gelb ist alles schon gesehen worden. Sind das verschiedene Arten, Standortformen, Ökotypen oder individuelle Varianten? Das weiß niemand. Und dann ist da noch der Phänomen der Tigerzeichnung. Schon lange ist bekannt, dass es immer wieder getigerte Exemplare der Maus- und der Rotflossenschmerle gibt. Nalbant (2002) interpretiert das als Jugendzeichnung, das stimmt aber nicht oder nur zum Teil. Es gibt durchaus Exemplare, wie das hier gezeigte, alte Weibchen von Y. morleti, die diese Zeichnung zeitlebens zeigen. Und klicken Sie sich mal durch die Abbldungen auf dieser Seite: http://ffish.asia/index.php?q=yasuhikotakia&spmorder=1&p=d, dort finden Sie wissenschaftliche Belegexemplare aller Arten, darunter auch zweifelsfrei erwachsene, getigerte Formen.

Erwachsenes, altes Weibchen der getigerten Variante von Yasuhikotakia morleti

So richtig in Erinnerung gerufen wurde dieses Phänomen durch den Import des „Cambodian Tiger“ im vergangenen Jahr, einer Art, die Y. lecontei nahe steht. Diese tollen Fische sehen bezüglich der Färbung wie eine Syncrossus-Art aus! Ich pflege sie seit dem Erstimport, die Zeichnung wurde etwas verwaschener, blieb jedoch erhalten. Ganz aktuell wurde wieder eine größere Anzahl dieser herrlichen Fische importiert. Leider muss man sagen, dass sie, genau wie Y. lecontei, zu den aggessivsten Arten der Gattung gehören, man muss also für besonders viele Versteckplätze sorgen, damit in der Rangordnung niedrig stehende Tiere langfristig keinen Schaden nehmen.

Dieses taubenblaue Tier mit fast transparenten Flossen zählt “technisch” zu Y. modesta

Auch diese eher grünen, langschnäuzigen Tiere zählen zu Y. modesta

Yasuhikotakia-Arten gelten als Fische stark strömender Gewässer. Das stimmt aber nur sehr bedingt. Alle Prachtschmerlen wandern zur Laichzeit stromaufwärts; in dieser Zeit finden sie sich zu oft großen Schwärmen zusammen. Gelaicht wird anscheindend in kleineren, klaren Gewässerabschnitten. Nach dem Laichen zerstreuen sich die Schwärme. Die sehr wertvolle, bereits zitierte Seite http://ffish.asia/index.php?q=yasuhikotakia&spmorder=1&p=d bietet auch Biotopinformationen zu den gesammelten Belegexemplaren. Dabei handelt es sich oft um mäßig strömende Bereiche oder gar stagnierende Gewässer mit schlammigem Boden. Tatsächlich sind Yasuhikotakia im Aquarium keineswegs anspruchsvoll bezüglich der Wasserqualität oder sonderlich sauerstoffbedürftig. Zu Härte und pH-Wert kann man sagen: jedes Leitungswasser ist zur Pflege dieser Prachtschmerlen gut geeignet. Der geeignete pH-Bereich liegt zwischen 6 und 9, die Härte ist ohne Bedeutung, sehr weiches Wasser sollte wegen der schlechten Pufferkapazität gemieden werden.

Dieses Tier, ein älteres Weibchen, lässt sich nicht einwandfrei bestimmen. Es ist am ähnlichsten zu Y. lecontei

Von Hobbyisten wurden Yasuhikotakia-Arten noch nicht gezüchtet, ebensowenig wie irgend eine andere Prachtschmerle. Das liegt allerdings eher daran, dass es nie ernsthaft versucht wurde, als dass es nicht ginge, denn in Asien vermehrt man zahlreiche Prachtschmerlen seit Jahrzehnten sehr erfolgreich für den Export als Aquarienfische. Dabei benutzt man, wie bei uns generell in der Speisefischzucht, stimulierende Sexualhormone, die den Laichfischen gespritzt werden. Das ist keine Methode für private Hobbyzüchter, sollte aber erwähnt werden, denn forschende Aquarianer könnten auf diese Art und Weise einige der Rätsel um die Identität etlicher Yasuhikotakia lösen helfen.

Dies ist das Männchen der Y.-lecontei-ähnlichen Form. Die Geschlechtsunterschiede sind bei allen Arten ähnlich: Männchen sind etwas kleiner und deutlich schlanker.

Die Pflege der Prachtschmerlen ist nicht schwierig. Oft werden sie als effektive Schneckenvertilger gepriesen und das sind sie auch. Das muss man natürlich beachten, denn die Yasuhikotakia unterscheiden nicht zwischen erwünschten und unerwünschten Schneckenarten. Die Fütterung der Schmerlen ist ansonsten unproblematisch, sie fressen alles übliche Fischfutter, egal ob Trocken-, Frost- oder Lebendfutter. Eine Eigenschaft der Prachtschmerlen ist gefürchtet: ihre Empfänglichkeit gegen die Pünktchenkrankheit, Ichthyophthirius. Man ist gut beraten, ein Ichthyo-Mittel zu Hause zu haben, wenn man neue Prachtschmerlen kauft. Leider sind alle Schmerlen auch noch sehr gegen Chemikalien empfindlich. Man muss sich bei den Ichthyo-Mitteln streng an die Dosierungsanweisung halten. Kupferhaltige Medikamente muss man unbedingt vermeiden, das ist für Schmerlen ein starkes Gift. Eigentlich ist Kupfer nicht in Ichthyo-Mitteln enthalten, aber in Kombi-Präparaten kann es sich befinden.

Pflegt mehr Yasuhikotakia, Leute!

Zusammenfassend kann man sagen: Prachtschmerlen der Gattung Yasuhikotakia sind wundervolle Aquarienfische, wenn man ihre Besonderheiten beachtet. Aber das muss man ja bei jeder Fischart, nicht wahr?

Zitierte Literatur:

Nalbant, T. T. (2002): Sixty million years of evolution. Part one: family Botiidae (Pisces: Ostariophysi: Cobitoidea). Travaux du Muséum d’Histoire Naturelle “Grigore Antipa” v. 44: 309-333, Pls. 1-12.

Und hier gibt es mehr Lesestoff zu dem Thema: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=schmerle


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Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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2 Kommentare zu “Yasuhikotakia: prächtige Prachtschmerlen

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