Die Menschenfresser von Orissa

Alle Krokodilarten sind in ihrem Be­stand bedroht. In vielen ihrer Ursprungsländer werden daher An­stren­gun­gen zu ihrem Schutz unter­nommen. Eines der wichtigsten Hilfs­mittel ist dabei die Nachzucht auf Farmen. Auch solche Arten, die nach­weislich dem Menschen ge­fährlich wer­den können, werden nach­gezüchtet und ausgesetzt, um ihren Be­stand zu erhöhen. Hierzu zählt das Sumpf- oder Brackwasserkrokodil, Crocodylus palustris, aus Indien. In seiner Heimat wird das Tier auch als „Mugger“ bezeichnet.  Es wird etwa 4 m lang.

Das im Text beschriebene Weibchen; über dem rechten Vorderbein fliegt (unscharf) eine Futterkrabbe herbei.

Im Bhitarkanika-Nationalpark im in­dischen Bundesstaat Orissa hatte ich Gelegen­heit, eine Zuchtfarm zu be­suchen. Die Tiere werden dort mit Krabben (Sesarma sp.) gefüttert, die in der Mangrove massenhaft vorkommen. Durch Klopfen an den Blecheimer, der die Krabben enthält, werden die Tiere (Zuchttiere sind außerhalb der Paarungs­­­zeit einzeln untergebracht) ange­lockt. Die Aufnahmen zeigen ein etwa 2 m langes Weibchen bei der Futter­auf­nahme. Ich konnte mich dem Tier dabei bis auf etwa 3 m innerhalb des Geheges nähern, ohne dass es sich bedroht fühlte. Dem Männchen von etwa 2,5 m Länge im Nachbargehege traute ich nicht so sehr. Es hatte irgend­wie einen un­sympathischen Gesichts­ausdruck…

Sofort schnappt das scheinbar teilnahmslos daliegende Tier zu.

In der Freiheit sind die großen Echsen äußerst scheu, selbst im Nationalpark, wo sie nicht verfolgt werden. Wir konnten zwar zahlreiche „Krokodil­rutschen“ am Ufer sehen, doch trotz intensiver Suche in der Dämmerung nur zwei kleinere Exemplare (unter 1 m Länge) sichten, die schleunigst ab­tauchten.

Krokodilrutsche am Ufer des Mahanadi.

Die am Fluß lebenden Menschen haben einen großen Respekt vor den Kroko­dilen und unser Führer bekam jedesmal fast einen Herzinfarkt, wenn ich mich dem Ufer zu sehr näherte, um nach Fischen oder Krabben zu sehen. Um so lobens­werter sind die An­strengungen, die zum Schutz der Tiere betrieben und von der Be­völkerung mit getragen werden! Immer­hin sind diese Tiere eine reale Gefahr. In Europa und den USA bricht jedesmal eine regelrechte Panik aus­, wenn sich ein Wolf in zivilisierte Gegenden verläuft. Dabei gab es bislang keinen einzigen verbürgten Angriff eines (gesunden) Wolfes auf den Menschen!

Menschenfressende Krokodile sind im Gegensatz hierzu kein Märchen. Im Magen eines mensch­fressenden Exemplares des Muggers, das Anfang des letzten Jahrhunderts erlegt wurde, fanden sich 12 Pfund Schmuck, der im Indischen Museum in Kalkutta ausgestellt ist!

Für viele Krokodilarten hat sich der Einsatz gelohnt und die Bestände nehmen zu. Dabei zeigt es sich, dass es für den Artenschutz günstig ist, wenn ein Teil der Tiere, die in den Farmen erzüchtet werden, vermarktet, also zu Krokodilleder-Produkten verarbeitet werden. Das dabei anfallende Fleisch ist wohlschmeckend und kann ebenfalls in den Verkauf gelangen. Überall, wo Krokdile nur auf dem Papier geschützt werden und ihre Vermarktung strikt verboten ist, findet weiterhin illegale Jagd statt, teils, um die Beute zu verkaufen, teils aber auch, um die als Bedrohung und als lästige und überflüssige Nahrungskonkurrenten gefürchteten Tiere loszuwerden. In Gegenden hingegen, in denen die Tiere gezüchtet und auch vermarktet werden dürfen, erholen sich auch die wildlebenden Bestände. Das kommt größtenteils daher, weil die illegale Jagd durch das preiswerte und stets verfügbare Angebot gezüchteter Exemplare unlukrativ wird. Aber es ändert sich auch die Einstellung zum Tier, wenn es Menschen einen Lebensunterhalt ermöglicht.

Die Einrichtung von Schutzgebieten einerseits und die kommerzielle Zucht von lokalen Krokodilpopulationen anderseits sind der Weg, der das Aussterben der Krokodile verhindern kann. Diktatorische Gesetze können es nicht.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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