Fahnenbarsche

Dank der vergleichenden Anatomie wissen wir heutzutage so einiges über die Verwandtschaftsverhältnisse im Tierreich. Manches davon ist verblüffend. Wer denkt schon beim Anblick eines Klippschliefers, eines Tieres, das wie ein fettes Murmeltier aussieht, dass man hier einen unmittelbaren Verwandten der Elefanten vor sich hat? Einen ähnlichen Größenunterschied findet man bei den Fahnenbarschen und ihren nächsten Verwandten.

Klippschliefer; Bild von Marcel Langthim auf Pixabay

Die Fahnenbarsche (Anthiinae) sind eine Gruppe relativ kleinwüchsiger Fische, die meist atemberaubend bunt gefärbt sind. Man unterscheidet derzeit etwa 22 Gattungen mit zusammen fast 250 Arten. Alle Arten leben im Meer. Sie sind tatsächlich die nächsten Verwandten der Zackenbarsche (Epinephelinae), deren größter Vertreter immerhin gut 3 m lang und über 400 kg schwer werden kann. Zusammen mit diesen und den Serraninae bilden die Fahnenbarsche die Familie der Serranidae.

Mittelmeerfahnenbarsch, Anthias anthias
Zum Vergleich, ebenfalls aus em Mittelmeer: Epinephelus marginatus, der Braune Zackenbarsch
Und schließlich noch ein Vertreter der dritten Unterfamilie aus dem Mittelmeer, der Schriftbarsch, Serranus scriba


Schwarmfische

Doch unterscheiden sich die Fahnenbarsche nicht nur äußerlich stark von ihren großen Vettern, auch ihr Verhalten ist völlig anders. Die Zackenbarsche sind nämlich sehr unverträgliche Einzelgänger, die man im Aquarium nur mühselig und mit viel Geduld aneinander gewöhnen kann, die Fahnenbarsche dagegen sind Schwarmfische. Man sollte immer versuchen, Fahnenbarsche in Gruppen zu pflegen. Dann zeigen sie ihr volles Verhaltensspektrum und auch ihre ganze Farbenpracht.

Die Farbenpracht von Pseudanthias ventralis lässt das Herz jeden Aquarianers höher schlagen.
Weibchen von Pseudanthias ventralis

Protogyne Zwitter
Etwas aber haben die Fahnenbarsche und die Zackenbarsche gemeinsam: sie beginnen ihr Leben als Weibchen und beenden es als Männchen. Sie sind Zwitter und Arten mit dieser Reihenfolge der Geschlechtsumwandlung nennt man protogyn, beginnt ein Zwitter sein Leben als Männchen und verwandelt sich dann in ein Weibchen, nennt man das protandrisch. Zwitter, die gleichzeitig Männchen und Weibchen sind, nennt man funktionelle Zwitter, aber das kommt nur recht selten vor. Der Sinn einer protogynen Zwittrigkeit liegt auf der Hand. Ein Männchen kann den Laich vieler Weibchen befruchten. Da die Überlebenswahrscheinlichkeit ständig sinkt, je älter ein Tier wird, reicht es bei protogynen Zwittern, wenn nur ein Tier von vielen es zum Männchen schafft. Die Arterhaltung ist trotzdem gesichert. Fischarten mit protandrischem Zwittertum findet man darum auch nur vergleichsweise selten.

Männchen von Pseudanthias bimaculatus
Weibchen von Pseudanthias bimaculatus


Ein Leben in Haremsverbänden

Ein Fahnenbarsch-Schwarm besteht zahlenmäßig stets aus viel weniger Männchen als Weibchen. Die Männchen imponieren untereinander heftig, was aber kaum zu Beschädigungskämpfen ausartet, sondern eher dazu dient, den Weibchen zu zeigen, was für ein toller Hecht man ist. Denn die Weibchen entscheiden bei den Fischen gewöhnlich, welches Männchen sich mit ihnen paaren darf.

Imponierendes Männchen von Pseudanthias barlettorum

Wenn man die Möglichkeit dazu hat, sollte man sich ein bis mehrere Männchen (das hängt natürlich von der Aquariengröße ab) und pro Männchen drei bis fünf Weibchen anschaffen. Leider werden aber häufiger Männchen als Weibchen exportiert, weil die Männchen viel schöner sind. Sie sind farblich attraktiver und besitzen größere Flossen.
Aber auch wenn es beim Händler nur Männchen gibt, sollte man lieber mehrere Exemplare erwerben. Denn derart soziale Tiere, wie es die Fahnenbarsche nun einmal sind, verkümmern geistig, wenn sie ohne Artgenossen gepflegt werden. Kauft man zwei Männchen, besteht das Risiko, dass eines der Tiere über das andere dominiert und das unterlegene Exemplar mittelfristig an den Folgen des permanenten negativen Stresses stirbt. Besser ist immer ein Trupp von mindestens fünf Exemplaren (wenn es die Aquariengröße zulässt), dann bildet sich ein komplexes Sozialgefüge, das zu beobachten viel Freude bereitet und sehr lehrreich ist.
Fahnenbarsche betreiben keinerlei Brutpflege, sie geben ihre Geschlechtsprodukte einfach frei ins Wasser ab, wo sich die befruchteten Eier im Plankton entwickeln. Diese Strategie ist scheinbar sehr erfolgreich, denn Fahnenbarsche zählen zu den häufigsten Fischen im Riff.

Alle drei Bilder zeigen Pseudanthias calloura

Planktonfresser
Anders als ihre großen Vettern, die Zackenbarsche, die Raubfische sind, sind die Fahnenbarsche spezialisierte Planktonfresser. Als Plankton bezeichnet man alle frei im Meer lebenden Organismen. Das größte Planktontier ist demnach der Blauwal, der gleichzeitig das größte Tier auf Erden ist. Umgangssprachlich nimmt man das aber nicht so genau und bezeichnet als Plankton vor allem Kleinlebewesen.
Fahnenbarsche schnappen also so ziemlich nach allem, was frei im Wasser treibt und in das Maul passt. Die Eingewöhnung empfindlicher Arten muss manchmal mit Lebendfutter erfolgen, vor allem dann, wenn die Tiere sehr scheu sind. Sie haben dann so viel Angst vor dem Pfleger, dass das Frost- oder Trockenfutter längst verschwunden ist, bis sie sich wieder beruhigt haben. Einmal eingewöhnt, fressen aber fast alle Fahnenbarsche problemlos tote Futtermittel, wie das eben erwähnte Frost- oder Trockenfutter.
Trotzdem gelten Fahnenbarsche vielen Aquarianern als schwierige Pfleglinge. Warum das?
Diese Fische brauchen mehrmals täglich Futter, um gesund zu bleiben, da sie nicht in der Lage sind, Futter auf Vorrat zu fressen. Aber wer kann schon 5-7 mal täglich füttern? Ganz einfach, ein Futterautomat.

Pseudanthias fasciatus

Hat man Fahnenbarsche, die Trockenfutter fressen, so kann man ihnen über einen Futterautomaten die Form der Ernährung bieten, die diese Planktonfresser brauchen.
Leider wird bei Futterautomaten und beim Trockenfutter viel falsch gemacht. Trockenfutter, egal ob als Flocken oder Granulat, sind empfindliche Lebensmittel, die kühl, dunkel und luftgeschützt aufbewahrt werden müssen. Sonst oxydieren die kostbaren ungesättigten Fettsäuren, werden Vitamine von Licht und Wärme zerstört, greifen Bakterien und Pilze die Kohlenhydrate und Eiweiße an. Man sollte also dieses Futter am besten im Kühlschrank aufbewahren und den Futterautomaten im Idealfall täglich frisch befüllen.
Eine angebrochene Futterdose sollte spätestens nach vier Wochen aufgebraucht sein. Wer nur größere Gebinde kaufen kann, sollte die Hauptmenge einfrieren.
Wenn man jetzt noch morgens und abends mit Frostfutter füttert, sind Fahnenbarsche nicht nur wunderschöne, sondern auch ziemlich problemlose Pfleglinge, die durch ihre Farbenpracht und ihr interessantes Sozialverhalten immer wieder begeistern.

Pseudanthias squamipinnis

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Fahnenbarsche

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