Flittersalmler – Tyttocharax: Zwergfische für das Aquarium

1949 stellte W. Ladiges in der Fachzeitschrift “Wochenschrift für Aquarien- und Terrarienkunde” in dem Aufsatz “Drei unbestimmte Neuheiten” einen neuen Zwergsalmler vor, den er ein Jahr später formell als Microbrycon cochui wissenschaftlich beschrieb.

Adultes (= voll erwachsenes) Männchen von Tyttocharax cochui.

Ungewöhnliche Entdeckung

Die der Beschreibung zugrunde lie­genden Exemplare waren mit einem Zier­fisch­­transport bei dem damals weltbe­rühmten Import-Unternehmen “Aquarium Hamburg” eingetroffen, bei dem Ladiges, der später als Ichthyologe am Hamburger Zoo­logischen Museum tätig war, zu dieser Zeit arbeitete. Das ist an sich noch nichts unge­wöhnliches. Sehr viele Kleinfische der Tropen verdanken ihre Entdeckung dem Zier­­fisch­handel. Doch in diesem Fall liegen die Dinge etwas anders. Denn Aquarium Hamburg importierte eigentlich Blattfische (Mono­cirrhus polyacanthus) aus Peru. Da da­mals Zier­fische noch per Überseedampfer im­­por­tiert wurden, waren sie einige Wochen unterwegs. Damit die empfindlichen Raub­fische während des Transportes keinen Scha­den nahmen, packte der Exporteur kleine Futter­­fische mit in die Kanne. Das waren die neuen Zwergsalmler! Offenbar waren die Blatt­­fische leicht seekrank und hatten keinen großen Appetit entwickelt; wer weiß, wann der Flittersalmler sonst entdeckt worden wäre!

Die ersten Tyttocharax cochui erreichten uns als Futterfische für Blattfische im Jahr 1949.

Die wenigen Importfische stammten, wie sich recherchieren ließ, aus der Umgebung von Ramon Castilla (Provinz Loreto, 4°14’S, 69° 58’ W). Ladiges überließ sie zunächst dem bekannten Fachmann E. Roloff für Zuchtversuche, dem auch prompt die Vermehrung gelang, worüber er noch im Dezember 1949 in der gleichen Fachzeit­schrift, in der der Import vermeldet wurde, berichtete.

Schwanzdrüsensalmler

Man unterschätzt heute leicht, wieviele Fisch­arten vor dem zweiten Weltkrieg in Euro­pa bereits in den Aquarien gepflegt und gezüchtet wurden. Schon damals galt wie heute noch: nahezu alles, was die Mensch­heit über die Biologie von Klein­fischen weiß, verdankt sie beobachtenden Aquarianern. Zwar schränkte der ent­setzliche Krieg die Aquaristik ebenso wie alle anderen kultur­ellen Aktivitäten des Menschen massiv ein, man behalf sich aber, so gut man konnte. Man kannte einige Arten von Salmlern aus dem Süden Südamerikas, die eine ganz untypische, abweichende Fortpflanzungs­biologie im Aquarium zeigten: die Schwanz­drüsensalmler. Diese Fische haben ihren ei­gen­tümlichen Namen davon bekommen, dass sie an der Basis der Schwanzflosse umgebildete Schuppen haben, die eine Drüsenfunktion aufweisen, also in der Lage sind, Stoffe abzusondern.

Der große Drachenflosser, Pseudocorynopoma doriae, war vor dem 2. Weltkrieg ein beliebter Pflegling. Er gehört zu den Schwanzdrüsensalmlern. Heutzutage findet man ihn praktisch nicht mehr im Aquarium.

Die exakte biolo­gische Bedeutung ist bis heute unbe­kannt, doch man weiß, dass die abgesonderten Stoffe in irgendeiner Weise im Dienst der Fort­pflanzung stehen, denn nur die Männ­chen besitzen diese Schwanzdrüsen. Noch etwas weiß man: Schwanzdrüsen­salmler praktizieren eine innere Befruchtung. Die Weibchen sind jedenfalls in der Lage, auch bei Abwesenheit von Männchen be­fruchtete Eier zu legen. Und genau das beo­bachtete Roloff: die Weibchen des da­mals noch namenlosen Zwergsalmlers, der nur etwa 2 cm groß wird, legten an der Unter­seite von Blättern ihre Eier ab, genau wie er das von Schwanzdrüsensalmlern her kannte.

Zu Roloffs und Ladiges’ Zeiten fasste man noch alle Schwanzdrüsensalmler in der Unterfamilie Glandulocaudinae zusammen; heutzutage unterscheidet man zwei Unter­familien, die Glandulocaudinae und die Stevardiinae. Beide gehören zur Familie der Salmler, Characidae. Tyttocharax gehört zu den Stevardiinae.

Tyttocharax

Zwei rivalisierende Männchen von Tyttocharax tambopatensis, dem Hochrückigen Flittersalmler; alle hier genannten Populärnamen sind nur unverbindliche Vorschläge.

Tyttocharax tambopatensis, Weibchen

Die Gattung Microbrycon, in die Ladiges den neuen Zwergsalmler ursprünglich stellte, gilt heute als Synonym zu Pterobrycon, einem anderen Schwanzdrüsensalmler, bei dem die Männchen zwei vergrößerte, löffelartige Kör­per­­schuppen haben, mit denen sie auf akro­batische Art und Weise das Sperma in das Weibchen manövrieren. Die Gattung Tyttocharax wurde 1913 von Fowler für seine neue Art T. madeirae auf­gestellt. 1958 beschrieb Boehlke zwei weitere Arten in der Gattung, T. atopodus und T. rhinodus, beide aus Peru, die heute jedoch in die Gattung Scopaeocharax gestellt sind. Mit Tyttocharax tambopatensis beschrieben Weitzman & Ortega 1995 die vorerst letzte Tyttocharax-Art. Die drei jetzt noch gültig in Tyttocharax verbliebenen Arten kann man relativ leicht anhand des folgenden Schlüssels unter­scheiden:

1a. Fettflosse vorhanden … 2

1b. Fettflosse fehlt … T. tambopatensis

2a. Unpaare Flossen durchsichtig oder mit weißem Saum … T. cochui

2b. Unpaare Flossen mit dunklen Abzeichen … T. madeirae

Alle drei Arten werden gelegentlich impor­tiert, die hier im Bild vorgestellten Tiere hat allesamt Aquarium Glaser in 2011 nach Deutsch­land eingeführt. Da sie sich ziemlich ähn­­lich sehen – sie sind ja winzig klein und stets in Bewegung, so dass man entweder ein sehr gut ausgeleuchtetes Aquarium oder ein Foto braucht, um die Unterschiede er­kennen zu können – werden sie auch gelegentlich gemischt importiert, zumindest T. cochui und T. tambopatensis, obwohl die Ar­ten nicht gemeinsam in der Natur vor­kommen. Die Vermischung geschieht erst beim Exporteur. Es ist eine unerquickliche Aufgabe für den Importeur, die beiden Arten dann auseinander zu sortieren.

Flittersalmler im Aquarium

Tyttocharax madeirae, den Madeira-Flittersalmler, erkannt man an den dunklen Spitzen der unpaaren Flossen.

Alle Tyttocharax-Arten sind trotz ihrer Klein­heit – wie bereits mehrfach erwähnt werden sie nur 2-3 cm lang – leicht im Aqua­rium zu halten. Es sind robuste Tier­chen, die man durchaus auch in Gesell­schaft fried­licher anderer Fische pflegen kann. Entschließt man sich für eine Pflege im Artenaquarium, sollte man es nicht allzu klein wählen, denn Flittersalmler sind äußerst lebhafte Fische, die Raum brauchen, um sich entfalten zu können.

Tyttocharax sind sehr friedlich und lassen den Pflanzenwuchs völlig ungestört. Als Futter akzeptieren die Fische alles übliche Fisch­futter passender Größe, es darf durch­aus auch Trockenfutter sein. Im natürlichen Lenensraum ist das Wasser weich und leicht sauer, im Aquarium erweisen sich Tytto­charax diesbezüglich als anspruchslos, so lange die Wasserwerte nicht ins extreme abweichen. Wässer mit 5-20°dGH und ein pH-Wert von 6,5 – 7,5 sind gut geeignet, allerdings sollten weder Härte noch pH-Wert ständig schwanken.

Flittersalmler sind Schwarmfische oder – besser gesagt – soziale Fische. Man sieht sie nur selten in regelrechten Schwärmen schwim­­men. Aber in einem Aquarium mit Tyttocharax ist ständig etwas los, die kleinen Fische jagen einander und balzen in einem fort. Weniger als 10, besser aber 20 Indi­viduen sollten es schon sein, wenn man sich zur Pflege von Tyttocharax entschließt. Einzeln oder in zu kleinen Gruppen gepflegt sind Flittersalmler langweilig.

Zucht

Weibchen von Tyttocharax cochui, Cochus Flittersalmler

Wie bereits erwähnt laichten schon die ersten eingeführten Tyttocharax cochui bei Roloff ab. Detaillierte Zuchtberichte fehlen allerdings bis heute noch. Die Tierchen haben eine innere Befruchtung, wie sie im einzelnen vonstatten geht, das müssen die Aquarianer dieser Welt erst noch heraus­finden. Wichtig bei Zuchtversuchen ist, dass Pflanzen zur Verfügung stehen, an deren Blattunterseiten die Weibchen den Laich absetzen können. Als besonders geeignet erscheinen in dem Zusammenhang Ludwi­gia und ähnliche Pflanzen, die bis an die Wasseroberfläche wachsen, da Tyttocharax nur ungern das obere Drittel der Wassersäule verlassen. Es ist ferner sinnvoll, zur Zucht ein weiches Wasser mit einem pH-Wert um 6 zu wählen.

Frank Schäfer

Lexikon Flittersalmler

Microbrycon: bedeutet “winziger Brycon”; Brycon ist eine andere Salmlergattung.

Pterobrycon: bedeutet “Brycon mit Flügeln”

Tyttocharax: bedeutet “kleiner Charax”; Charax ist eine andere Salmlergattung

cochui: Widmungsname für den Exporteur Fred Cochu von Paramount Aquarium

madeirae: nach dem Rio Madeira, dem Typus­fundort

tambopatensis: nach dem Tambopata River

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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