Schauerliche Piranha-Mythen

Wir stecken mitten in der Herstellung des nächsten Bookazines (#5). Titelthema: Piranhas. Hier schon mal eine Leseprobe aus dem einleitenden Teil:

Eine der frühesten Darstellungen des Piranhas aus Marcgrav, 1648. Der Autor schreibt u.a.: … ita sitiens est sanguinis et cupiens carnis humanae, quare caute ab illo cavendum, was – frei übersetzt – heißt: … so durstig nach Blut, begierig nach Menschenfleisch, weshalb man diese Warnung weitergeben sollte.

Schreckenerregende Schauergeschichten haben Jahr­hunderte lang Reisende über die südamerikanischen Piranhas (wie sie in Brasilien heißen) oder Pirañas, Caribe oder Pirayas (so in den angrenzenden Ländern) verbreitet.

Präparierter Piranha aus einem brasilianischen Souvenirladen. Gar nicht so unähnlich zu Marcgraves Holzschnitt…

Im 19. Jahrhundert, der Zeit verschiedener großer Expeditionen, aber auch noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „schönten“ Reisende ihre Berichte mit Gruselvergnügen, welche die Leser faszinieren sollten. Da war die Rede vom zentnerschweren, mehrere Meter großen Piraíba-Wels oder Filhote (Brachyplatystoma filamentosum), der angeblich badende kleine Kinder mit einem Schluck herunterspült oder vom „span­nungs­­geladenen“ Zitteraal, genannt Poraqué oder Peixe-elétrico (Electrophorus electricus), von dem man Tiere beinahe ähnlicher Größe angetroffen haben soll, und der mit seiner bis zu 600 Volt starken, selbst erzeugten Spannung sogar starke Kaimane lähmen kann.

Aufsehen und Schaudern erregte auch die Tatsache von der Existenz urinophiler (harnliebender) kleiner nadelförmiger Fische aus der Familie der Schmerlenwelse (Trichomycteridae [Vandeliinae]), die gelegentlich, dem Weg des Harns folgend, in die Harn­wege ins Flußwasser urinierender Säugetiere (und so auch Menschen) eindringen, sich dort verhaken und nur durch einen operativen Eingriff wieder zu entfernen sind. Eigenmann (1918) ließ sich sogar dazu verleiten, eine gesonderte Gattung Urinophilus (= „Urinfreund“) aufzustellen, die später allerdings wieder als jüngeres Synonym von Vandellia eingestuft wurde.

Harnröhrenwelse (dies ist Vandellia cirrhosa) werden tatsächlich sehr gefürchtet.

Neben den gelegentlich aggressiven „Echten Piranhas“ der Gattung Pygocentrus (welcher derzeit nur drei Arten angehören) fürchten die südamerikanischen Fischer heute hauptsächlich die verschiedenen Arten des Raia oder Arraia: der Stachelrochen. Diese Tiere liegen ruhend am Boden, oft unter Laub verborgen. Tritt ein Mensch auf sie, so schnellt peitschenartig der mit einem großen Stachel besetzte Schwanz des Fisches empor. Diese Verteidigungs­waffe des Fisches ist so kräftig, dass sie selbst Lederstiefel durchbohren und in den Beinknochen eindringen kann. Da die Fischer jedoch fast alle barfuß gehen, reißt der Stachel bei ihnen gefährliche Wunden, denn eine Drüse scheidet gleichzeitig neben einem Nervengift eine gewebe­zerstörende Substanz aus, deren Wirkung nur durch einen sofortigen Eingriff eines Arztes eingedämmt werden kann. Welcher der meist armen Fischer hat aber das Geld, einen Arzt hinzuziehen zu können — selbst, wenn einer in der Nähe wäre!?

Gefährliche Schönheit: Potamotrygon motoro

Auch in neuerer Zeit sollen die fleischfressenden Piranhas nach den Wünschen einiger Horrorfilm-Produzenten die Betrachter von Fernsehfilmen und -berichten das Gruseln lehren. Bezeichnend für den Horror war Ende der 1990er Jahre ein Hollywood-Streifen zum Thema „Piranhas . . . “. Dabei sind „Piranha-Kunde“ und „Kunde vom Piranha“ (wie die Autoren solcher Medien-Spektakel sie auffassen) zweierlei. Deshalb folgt hier ein diesbezüglicher Auszug aus einem deutschen Wochenblatt der Regenbogenpresse:

Drama im Amazonas-Dschungel!

Goldsucher fielen Piranhas zum Opfer! (Amazonas/Brasilien) „Es war wie im Horrorfilm!“ erzählt Goldsucher Tony Miles (26). „Unser Boot prallte gegen einen Baumstamm. Jeff und Sam fielen in den Amazonas. Plötzlich kochte das Wasser. Hunderte Killer-Piranhas stürzten sich auf sie. Jeff und Sam hatten keine Chance. Die Piranhas fraßen sie in Sekunden auf. Ich sah nur noch weiße Knochen auf dem Fluss-Grund schwimmen.“ Der US-Abenteurer Tony Miles war mit seinen Freunden per Kanu in der Hölle des Amazonas (Brasilien) auf Goldsuche unterwegs. „Wir hatten im Fluss schon die ersten Gold-Nuggets gefunden“, sagt er. „Am nächsten Tag starben meine Freunde. In Panik bin ich zurückgepaddelt. Keine zehn Pferde kriegen mich zurück. Auch wenn da Gold für Millionen liegt!“

Eine beeindruckende Physiognomie: ausgewachsener, rund 50 cm langer Schwarzer Piranha, Serrasalmus rhombeus.

Geschichten wie diese sind, wenn ihnen überhaupt eine ähnliche Tatsache zugrunde liegt, von der Phantasie des Autors oder Redakteurs stark in Richtung „Horror“ ver­bessert: Da wird erzählt, dass „hunderte“ von Piranhas zwei „komplette“ Männer (das mögen rund 170 kg Lebend­gewicht sein) innerhalb von Sekunden aufgefressen hätten, so dass nur noch die „weißen“ Knochen zu Boden ge­sunken wären. Sah der genannte Mr. Miles sie durch das Amazonas-Weißwasser (eine absolut lehmtrübe und somit undurchsichtige Brühe) dort liegen? Oder durch das eben­so undurchsichtige Schwarzwasser? Vorher hatten sie „im Fluss“ die ersten „Gold Nuggets“ gefunden. Nuggets? Wo um alles in der Welt findet man die im Río Amazonas? Warum wohl brauchen Goldsucher soviel Quecksilber, um die feinen Partikel des Goldes zu binden? Nuggets? Wohl zu viele Bücher vom Klondike gelesen?

Die rasiermesserscharfen Zähne der Piranhas sind von den Lippen verdeckt; man muss die Lippe nach unten ziehen, um sie sichtbar zu machen.

Der Wahrheit näher, weil sachlicher, kommt da schon die Zeitschrift „Weltbild“ (Nr. 148, Heft 10/00), in der die Frage „Sind die Piranhas wirklich so gefährlich?“ wie folgt be­antwortet wird: „Wenn zu viele Piranhas auf engstem Raum leben und die Nahrung knapp wird, können aggressive Arten auch dem Menschen gefährlich werden. Ansonsten aber gründet der üble Ruf der >Amazonas-Monster< auf einer Legende, ähnlich wie bei Wolf, Hyäne oder Weißem Hai. Piranhas sind Aasfresser und greifen lebende Beute nur an, wenn diese stark blutet.“

Wenn man das Wort „Aas“ liest, denkt man an Verwesendes und Stinkendes. Solch ein Fleisch schätzt ein Piranha sicher nicht. Da aber nach unsererem Sprachverständnis >tot< = >Aas< ist, muss man diese Bezeichnung wohl akzeptieren.

Piranhas haben mehr Grund, den Menschen zu fürchten als umgekehrt. Hier ging ein Serrasalmus aus der Verwandtschaft um S. rhombeus im Rio Negro bei Anavilhanas ins Netz.

Piranha-Angeln hat sich in einigen hotelnahen Gebieten zu einem gewissen Sport entwickelt, wobei sich gelegentlich beim Hantieren durch Ungeübte zeigt, dass Piranhas dann kräftig zubeißen können, wenn sie vom Haken genommen werden sollen und der Angler dem schnappenden Maul des Fisches zunahe kommt. Da es sich meist aber nur um halberwachsene Tiere handelt, sind diese „Einmalbisse“ in den meisten Fällen nicht weiter gefährlich.

Capybara

Goulding (1980) schildert einen Fall, wobei ein von einem Jäger verwundetes Capybara (Hydrochoerus capybara = ein so genanntes Wasserschwein, ein großer Nager, kein Schwein!) Zuflucht in einem Gewässer suchte, seine blutende Wunde von den Sensoren der Piranhas wahrgenommen und das Capybara innerhalb kurzer Zeit angegriffen wurde.

Zum Grillen vorbereitete Piranhas (Pygocentrus nattereri) auf einem Markt in Brasilien

So sehen Aquarianer Pygocentrus nattereri viel lieber.

Im Laufe des Wachstums verändern Piranhas dramatisch ihre Färbung und Figur, ein wesentlicher Grund für die immer noch chaotische Namensgebung bei diesen Fischen. Dies ist ein ausgewachsener Pygocentrus nattereri

Es werden gelegentlich auch Geschichten erzählt, wie manche Leute mit der Piranha-Angst anderer Geld zu machen versuchen. So berichtet Sterling (1973): „Es war ein sehr heißer Nachmittag. Mein Führer stoppte das Boot und schlug vor, wir sollten ein wenig schwimmen. So beiläufig fragte ich, ob es Piranhas im Wasser gäbe. »Kein Grund zur Aufregung«, sagte er, »wenn der Fluss nicht gerade von Piranhas wimmelt, vor allem bei Hochwasser. Man muss nur in Bewegung bleiben — darf sich nicht treiben lassen, nicht faulenzen.« Dann erzählte er die Geschichte von dem Steuermann eines großen Ausflugbootes, der seine Passagiere von Manaus aus zum Piranhafang (ein Vogelherz ist ein guter Köder) zu einem nahegelegenen See fuhr und gewöhnlich einen Motorschaden inszenierte, wenn man die Heimfahrt antreten wollte. Sein Komplize, ein stämmiger Schiffsjunge, zog sich dann bis auf die Hose aus und sprang ins Wasser, um die verhakte Schraube oder den verstopften Wasserzufluss wieder freizumachen. Die Damen schluchzten vor Angst und Bewunderung, während ihre Ehemänner betroffen drein­schauten. War der tapfere Junge wohlbehalten wieder an Bord, wurde er mit fürstlichen Trinkgeldern überschüttet, die er bescheiden akzeptierte. Den größten Teil davon bekam der Steuermann — gut, Steuermann würde der Junge selbst eines Tages werden.“

Jugendlicher Serrasalmus rhombeus, einer der so genannten Pirambebas.

Entsprechend dem mehr oder weniger aggressiven Ver­halten der unterschiedlichen Piranha-Arten haben die indianischen Bewohner längst eigene Namen für die einen oder anderen Fischarten geschaffen. Einer dieser Namen lautet „Pirambeba“ und wird oft für harmlosere Arten verstanden. Der erwähnte Autor Goulding erklärt jedoch, dass der Name von den gewässernahen Bewohnern in diesem Zusammenhang kaum angewendet wird, wohl aber wurde er in die wissenschaftliche Klassifizierung übernommen.

Die meisten der rund 40 wissenschaftlich anerkannten Piranha-Arten ernähren sich von Flossenstücken anderer Fische und sind für den Menschen harmlos, so wie dieser Serrasalmus geryi.

Wer bei einem kurzen (Urlaubs-) Aufenthalt in Amazonien Bekanntschaft mit Piranhas macht, hat es meistens mit dem rotbäuchigen „Piranha cajú“ (Pygocentrus nattereri) zu tun, den man am häufigsten in größeren Gruppierungen (sog. Schulen) antrifft. Der auch aquaristisch bekannte amerikanische Ichthyologe und Publizist Dr. George S. Myers veröffentlichte in seinem „Piranha Book“ (1972) unter der Rubrik „Wahrheit und Dichtung“ (S. 66) eine Geschichte aus der Feder von Harald Schultz, der als Indianerforscher und Ichthyologe viele Jahre lang in Amazonien arbeitete: „Als mein Vater 15 Jahre alt war, floh er vor angreifenden Indianern in einem kleinen, wackeligen Kanu. Das Boot schlug um, und er musste schwimmend seine Flucht fortsetzen. Als er das Ufer erreichte, konnte er nur noch als Skelett aus dem Wasser klettern. Später ist ihm derartiges nie mehr passiert . . . .!“ Dieser wohl eher ironisch aufzufassenden Mär dürfte wohl nichts hinzuzufügen sein. Sie wird seither in vielen ichthyologischen wie auch aquaristischen Büchern und Schriften zitiert.

Soviel zum Mythos; Wahrheiten und Erkenntnisse im kommenden Bookazine!

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Schauerliche Piranha-Mythen

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