Asiatische Saugwelse

Als Saugwelse bezeichnet  man in der Aquaristik üblicherweise Vertreter der ausschließlich in der Neuen Welt lebenden Familie Loricariidae. Sie ist als artenreich bekannt. Weil zusätzlich noch sehr viele unbeschriebene Arten existieren, wurden für unbestimmbare Arten sogenannte L-Nummern vergeben. In Asien gibt es aber auch Welse, die in strömungsreichen Gewässern leben und Saugapparate entwickelt haben, die es ihnen ermöglichen, sich energiesparend  in der Strömung an Steinen, Holz etc. festzuhalten. Während die Loricariiden zum Ansaugen ihr Maul benutzen, tun dies die Asiaten mit Hautfalten.

Glyptothorax telchitta aus Bengalen

In systematischer Hinsicht stellen sich die Asiaten, die übrigens zur Familie Sisoridae gehören, fast noch verworrener dar, als die Südamerikaner. Etwa 270 Arten werden gegenwärtig akzeptiert, die sich auf rund 25 Gattungen verteilen. Am artenreichsten ist Glyptothorax mit ca. 100 anerkannten Arten.

Innerhalb der Familie Sisoridae werden Unterfamilien unterschieden, von denen nur die Angehörigen der Unterfamilie Glypto­sterninae Saugapparate im eigentlichen Sinne besitzen. Sowohl auf Gattungs- wie auch auf Artniveau fällt die Bestimmung der Arten schwer, denn zahlreiche Typus­exemplare befinden sich in chinesischen und indischen Museen und sind damit nicht so ohne weiteres zugänglich. Man muss sich also in vielen Fällen auf die verbalen Be­schreibungen und Abbildungen verlassen, eine Methode, die erfahrungsgemäß leicht zu Fehlbestimmungen führt.

Aquaristisch spielen die asiatischen Saug­welse keine Rolle, obwohl schon eine ganze Reihe von Arten importiert wurde. Dabei stellte sich heraus, dass es nicht nur interessante, sondern zum Teil auch ausgesprochen hübsche Welse aus dieser Verwandtschaftsgruppe gibt.

Oreoglanis siamensis aus Thailand

Maulstruktur von O. siamensis. An der Oberlippe erkennt man gut das faltenartige Ansaugorgan.

Aus der Gattung Oreoglanis konnte Aquarium Glaser z.B. schon öfter O. siamensis Smith, 1933 importieren. Die Gattung Oreo­glanis wurde erst vor relativ kurzer Zeit (2001) von Ng & Rainboth revidiert, so dass die Bestimmung einigermaßen gesichert er­scheint. Artcharakteristisch für O. siamensis, der etwa 12 cm lang werden kann, ist, dass seine beiden großen Barteln, die Maxillar-Barteln, spitz zulaufen (bei seinen nächsten Verwandten sind sie abgerundet) und dass seine Augen relativ nahe beieinanderstehen. Sicher kennt man ihn nur aus dem Norden Thailands, wo er in dem oberen Mae Nam Ping-Einzug vorkommt, einem Fluss, der zum Chao Phraya-System gehört. Die Saug­orga­ne sind bei Oreoglanis am Rand des Kopfes und der Vorderkante der Brustflossen ausgebildet. Das Haftprinzip entspricht in etwa dem der Geckofüße und ist recht effektiv. Der gesamte Körperbau zeigt an, dass der Fisch in der Natur in schnell fließendem Wasser lebt. Der Körper ist flach und bietet kaum Reibungswiderstand. Die Brust- und Bauchflossen sind nach hinten auf­gebogen und wirken so wie die Heck­spoiler eines Rennautos: sie drücken durch die Strömungsverwirbelung den Körper fester an das Substrat. Ein Blick ins Maul ver­rät, was Oreoglanis frisst: Aufwuchs. Die Ober­kieferzähne stehen wie ein feiner mehrreih­iger Rechen beieinander, die Unterkieferbe­zahnung  aus zwei Zahnpolstern, die ihnen entgegenarbeiten.  Man bietet ihnen also im Aquarium möglichst feines Futter, wie ge­frorene Cyclops, aber auch Futtertabletten und Salatgurkenstücke. Im Aquarium zeigen sich die importierten Tiere nicht sehr empfindlich, wollen aber starke Strömung. Untereinander sind sie friedlich.

Aus der Gattung Glyptothorax möchte ich drei bereits impor­tierte Arten vorstellen, eine aus Indien und zwei aus Thailand. Wie schon in der Einleitung erwähnt ist die Gattung sehr artenreich. Ein wichtiges Be­stim­mungsmerkmal ist die Form des in diesem Falle bäuchlings zwischen den Brust- und Bauchflossen befindlichen Saug­apparates. Alle Glyptothorax-Arten sind Klein­tierfresser (in der Natur ernähren sie sich von Insektenlarven) und leicht mit den üblichen Fischfutter-Mitteln zu ernähren.

Glytothorax-Art aus Nordindien; es bestehen Ähnlichkeiten zu G. Glyptothorax anamalaiensis aus Südindien.

Braune Farbphase des Glyptothorax aus Nordindien, möglicherweise das Weibchen.

Gut zu erkennen: das hufeisenförmige Saugorgan der Glyptothorax-Art aus Nordindien.

Die indische Art konnte noch nicht bestimmt werden. Sie scheint sehr klein zu bleiben, die importierten Exemplare sind etwa 5 cm lang. Es gibt zwei Farbmorphen der Art, eine graue und eine braune. Dabei könnte es sich um einen Sexualdichromatismus han­deln. Die wenigen bislang importierten Exemplare sind jedoch zu kostbar, um sie für eine anatomische Untersuchung zu opfern. Der Saugapparat ist ganz ungewöhnlich bei dieser Art und ähnelt in der Form einem Hufeisen. Gesammelt wurde sie im Norden Bengalens, nahe beim Himalaya, im Einzuggebiet des Tista-Flusses, der zum Brahma­putra fließt. Wie viele andere Fische dieser Region ist die Art ein wenig sauerstoffbedürftig und mag es nicht zu warm (nicht über 24°C, besser sind 16-22°C), ist jedoch gut haltbar.

Glyptothorax cf. lampris aus Thailand

Saugorgan von G. cf. lampris

Aus Thailand kommen gelegentlich Glyptothorax lampris Fowler, 1934 und G. trilineatus Blyth, 1860, zu uns, wo­bei die Bestimmungen noch nicht so ganz gesichert erscheinen. Bei ersterem könnte es sich auch um G. fuscus Fowler, 1934, bei letzterem um G. laosensis Fowler, 1934 handeln. Für die Praxis ist das jedoch nebensächlich, denn alle genannten Arten werden nur ca. 8 cm lang und sind somit gut für die Pflege im Aquarium geeignet.  Alle vier erwähnten Arten sind ziemlich weit in den Einzugsbereichen des Chao Phraya und des Mekong verbreitet.

Glyptothorax cf. trilineatus aus Thailand.

Bauchseite mit Saugorgan von G. cf. trilineatus.

Untereinander und gegenüber artfremden Fischen sind Glypto­thorax friedlich. Pflanzen werden nicht beachtet und auch an die Wasserzu­sammensetzung werden keine besonderen Ansprüche gestellt. Wichtig ist jedoch eine gute Filterung des Aquariums und dass die Temperaturen im Becken nicht dauerhaft über 24°C ansteigen. Über das Fortpflan­zungs­verhalten von Glyptothorax ist nichts bekannt.

Frank Schäfer

Literatur

Ng, H. H. & W. J. Rainboth (2001):  A review of the sisorid catfish genus Oreoglanis (Silurifor­mes: Sisoridae) with descriptions of four new spe­cies. Occasional papers of the museum of zoology the university of Michigan No 732:  1-34

Rainboth, W. (1996): Fishes of the Cambodian Mekong. FAO species identification field guide for fishery purposes, Rome, 265 pp, 27 pl.

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Asiatische Saugwelse

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