Chinesische Dreikielschildkröten: perfekte Anfänger-Schildkröten

Was macht eigentlich eine An­fäng­erart zur Anfängerart? Zu­nächst einmal muss eine solche Art auch in der Natur ausge­spro­chen anpassungsfähig sein!

Unter den Sumpf- oder Wasser­schild­kröten erfüllt die Chinesische Drei­kielschildkröte (Mauremys – früher Chinemys – reevesii) diesen Anspruch perfekt. Sie besiedelt in der Natur eine Vielzahl von Kleingewässern, darunter auch vom Menschen geschaffene Sekundär­biotope, wie Reisfelder. Da die Art in den Subtropen vorkommt, besitzt sie zudem eine große Temperaturtoleranz. Je nach Feind­druck – diese Schildkröte steht in Ostasien auf dem Speisezettel des Menschen – ist sie tag- oder dämmerungsaktiv. Wird sie sehr stark verfolgt, geht das Tier sogar zu einer fast ausschließlich wasserlebenden Lebens­weise über, während sie in Gebieten, wo man sie in Ruhe lässt, auch gerne ausgiebige Son­nen­bäder nimmt. Man sieht also: ein ausge­sprochen anpassungsfähiges Tier! Leider ist der Verfolgungsdruck zu Nahrungszwecken in großen Teilen des Verbreitungsgebietes gegenwärtig so hoch, dass die Art von der IUCN als “gefährdet” eingestuft wird; wissenschaftlich belastbare Daten oder Studien dazu liegen allerdings nicht vor.

Mauremys reevesi – Schildkrötenoma mit ihrem Enkel. Auf dem Bild sieht man sehr schön die Größendifferenz zwischen einem handelsüblichen Jungtier und einem rund 15 Jahre alten, voll ausgewachsenen Weibchen.

Klein und friedlich

Ein weiteres, wichtiges Kriterium für eine Anfängerart ist, dass sie keine übermäßigen Platzansprüche stellen darf. Denn ge­wöhn­lich probiert ein Anfänger ja zunächst einmal aus, ob diese spezielle Form der Tierpflege, wie sie die Terraristik darstellt, überhaupt zu ihm passt. Da ist niemand bereit, riesige Behälter aufzustellen. Mit höchstens 20 cm Panzerlänge genügt bereits ein Aqua-Terrarium mit 100 x 50 cm Bodenfläche der tierschutzgerechten Unterbringung dieser Schildkröte, deren Schwimm- und Be­we­gungsbedürfnis zudem mit zuneh­men­dem Alter stetig abnimmt. Die Höhe des Wasser­standes ist größenabhängig zu wählen und sollte etwa dem doppelten der Panzerlänge entsprechen, also 40 cm bei voll ausge­wachsenen Exemplaren.

Wenige Wochen altes Jungtier

Unterein­ander fried­lich sollten Anfänger­tiere auch sein, denn ein Anfänger in der Terraristik muss ja erst noch lernen, dass Reptilien eine voll­ständig andere Gefühls­welt haben als Menschen und eine Schild­kröte einen Begriff wie “Einsamkeit” nicht kennt. Am Anfang wird daher immer der Wunsch stehen, ein “Pärchen” zu pflegen. Gerade bei Babies von Schildkröten ist das mit der Ge­schlechtsbestimmung aber so eine Sache. Man kann Glück haben, aber auch Pech. Da alle Schildkrötenarten grund­sätzlich Einzel­gänger sind (im biologischen Sinne, d.h. sie weisen keine aktiven Verhaltensweisen auf, die dem Zusammenschluss mit Artgenossen zu Gruppen oder dauerhaftem Paarleben dienen), ist die Verträg­lichkeit unter­ei­nan­der sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Ermordung von Artge­nossen ist keines­wegs unüblich in Schild­kröten­kreisen. Aber nicht so bei der Chine­sischen Dreikiel­schild­kröte. Sogar erwach­sene Männchen sind unter­einander ausge­sprochen verträglich, eine große Ausnahme im Reich der Schildkröten! Wenn genug Platz zur Verfügung steht ist auch gegen eine Gruppenhaltung bei Mauremys reevesii nichts einzuwenden.

So machen Chinesische Dreikielschildkröten Kinder.

Einfache Ernährung

Auch das ist ein wichtiger Punkt bei der Beur­teilung einer Art als Anfängerart. Eine An­fänger­art sollte sich problemlos und dauer­ha­ft – also ohne das Risiko von Spät­folgen – mit käuflichen, jederzeit erhältlichen Futter­mitteln ernähren lassen. Die Nahrung für Chine­­sische Dreikielschildkröten ist haupt­sächlich aus fleischlichen Kompo­nenten zusammengesetzt und die diversen, im Zoo­fachhandel erhältlichen Trockenfutter für Wasserschildkröten eignen sich ausge­zeich­net zur Basisernährung. Als Leckereien kann man z.B. tiefgefrorene, ganze Stinte reichen, die begeistert angenommen wer­den. Pflanz­liche Bestandteile spielen keine nennens­werte Rolle bei der Ernährung, man kann hin und wieder ausprobieren, ob es da indi­viduelle Vorlieben gibt; manche Exem­plare naschen gelegentlich Banane oder anderes süße Obst, sehr alte Tiere fressen auch manchmal bei Grünfuttergaben (Lö­wen­zahn, Leguminosen) für andere Arten bei Gemeinschaftshaltung mit, doch ist der­gleichen bestenfalls als Nahrungsergänzung zu sehen.

Ab in die Sommerfrische

Abschließend soll noch ein weiterer Vorteil der Chinesischen Dreikielschildkröte ge­nannt werden, der sie als Anfängertier so besonders geeignet erscheinen lässt: als subtropische Art lässt sich das Tier im Som­mer prima im Freiland pflegen. Selbst in küh­len, regnerischen Sommern, wie sie in un­se­ren Breiten nun einmal vorkommen, be­steht keine Gefahr, dass sich die Schildkröten erkälten. Das hat den großen Vorteil, dass man seine Tiere im Sommerurlaub zu einem Bekannten mit Garten in Pflege geben kann, was in aller Regel viel problemloser möglich ist, als die Schildkröten in eine fremde Wohnung umzuziehen.

Pflege im Freiland

Dabei gilt es allerdings einiges zu beachten. Grundsätzlich besteht bei der Pflege im Freiland immer die Gefahr einer tödlichen Überhitzung. Es ist also unbedingt darauf zu achten, dass ein Teil des Freilandbeckens während des gesamten Tages beschattet ist. Als Freilandbecken eignen sich ausge­zeich­net aufblasbare Kinderplanschbecken, die es für ganz wenig Geld überall zu kaufen gibt. In der Mitte des Beckens bringt man eine Korkrinde passender Größe an, die es den Schildkröten ermöglicht, Sonnenbäder zu nehmen. Damit diese Korkrinde nicht an den Rand des Beckens treibt, von wo die Schild­kröten durch Überklettern ausbüchsen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden könn­ten, fixiert man sie (die Rinde, nicht die Schildkröte!) mittels einer Schnur und eines Backsteines, der als Anker dient. Man muss aufpassen, dass dieses Schild­kröten-Planschi nicht während läng­erer Regenperioden überläuft, auch das könn­te zum Verlust der Tiere führen. Daher bastelt man am besten aus durchsichtigem Well-Poly­esther und vier Holzpfählen, von denen zwei etwas länger sind als die anderen zwei, damit eine Schräge entsteht, ein mobiles Dach für das Planschbecken, das abends oder während Dauerregens über dem Schildkrötenbecken aufgestellt wird.

Chinesische Dreikielschildkröte beim Sonnenbad.

Dreikielschildkröten im Gartenteich?

Das ist keine gute Idee. Zwar nehmen die Schild­kröten hier nicht zwangsläufig Scha­den, aber erstens werden die Tiere immer abwandern, wenn man den Teich nicht ausbruchsicher umzäunt; zweitens sind Chinesische Dreikielschildkröten bei dieser Haltungsform extrem scheu, man bekommt sie daher praktisch nie zu Gesicht; und drittens fressen die Schild­kröten jeden tierischen Mitbewohner im Gartenteich oder versuchen es zu­mindest.

Männchen erkennt man an der deutlich ängeren Schwanzrübe; alte Männchen, wie dieses hier, sind oft einfarbig schwarz.

Alle Chinesischen Dreikielschildkröten im Handel sind Nachzuchtexemplare, niemand braucht sein Gewissen damit zu belasten, möglicherweise eine Naturentnahme einer potentiell gefährdeten Art zu pflegen. Allerdings hat der (vergleichsweise verschwindend geringe) Bedarf an lebenden, gesunden Exemplaren zum Zwecke der Terrarienhaltung nie einen Einfluss auf den wildlebenden Bestand gehabt.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.