Knabberfische: Garra rufa

Manche Fische kennt man wegen ihrer Schönheit, andere wegen ihrer unbeschreiblichen Schwimmkünste; man weiß von Fischen mit er­staun­lichen Fähigkeiten, ihren Geburtsort zu finden, man kennt Giftfische und Arten mit spannendem Verhalten. Garra rufa sieht un­spek­takulär aus, schwimmt ganz normal und wandert auch nicht. Sie ist auch nicht giftig … aber sie hat ein interessantes Verhalten. Für uns Menschen wirkt es ganz uns gar unüblich. Für Garra rufa ist es aber selbst­verständlich völlig normal!

Einer der Gebrauchsnamen für Garra rufa ist “Doktorfisch”. Aber sind es nicht die bunten Korallenfische (Acanthurus), die man Doktorfisch nennt? Nun ja, aber so ist das mit Gebrauchsnamen, sie sind unver­bindlich und führen oft in die irre. Darum gibt es die wissenschaftlichen Namen, die eine Art unverwechselbar machen. Im englischen Sprachraum nennt man die Schleie (Tinca tinca) “Doktorfisch”. Man glaubte sehr lange, dass der Hautschleim der Schleie Heilkräfte besäße und jeden Fisch gesund machte, der sich an der Schleie scheuerte. Heute weiß man es besser, aber die Schleie wird trotzdem noch oft als “Doktorfisch” bezeichnet.

Bei Garra rufa gibt es weitere Gebrauchs­namen: Knabberfisch; Kleiner Hautarzt; Kangal-Fisch (nach den Kangal-Thermen in der Türkei); oder auch Rötliche Saugbarbe. Gemeint ist immer derselbe Fisch, der dem Menschen etwas Gutes tut. Genauer gesagt, er frisst tote Haut, so wie sie um Entzündungen herum ent­steht, die z.B. auf Schuppenflechte, Neuro­dermitis oder Akne zurüruckzuführen sind. Die Fische sind allerdings kein echtes Heil­mittel. Sie entfernen lediglich die tote Haut, reinigen damit die Stelle und er­mög­lichen es, dass neue, gesunde Haut nach­wachsen kann. Viele Menschen führen ihre Heilung auf eine Kur mit diesen Fischen zurück, wobei zwischen den Anwendungen in Heilbädern monatliche oder zweimonat­liche Intervalle lagen. Bei anderen Patienten nutzen die Fische allerdings nichts. Die Behandlung besteht in einem mehr­stün­digen Bad in Gesellschaft hunderter oder tau­sen­der Garra rufa. Solange sie hungrig sind, fres­sen die Fische tote Haut. Allerdings zeigen Jungfische dieses Verhal­ten viel mehr als Er­wach­sene, was manchmal auf den höheren Nährstoffbedarf (Protein­bedarf?) der Jungtiere zurückgeführt wird. Die Popularität der Knabberfische hat in den letzten zwanzig Jahren sehr zugenommen und heute gibt es Heilbäder mit diesen Fischen nicht nur mehr in der Türkei, wo das erste 1988 eröffnete, sondern in so verschiedenen Län­dern wie Japan, Kroatien, der Slowakei, China, Südkorea, Singapur, Malaysia, Belgien, den Niederlanden, Irland und den USA (Virginia).

Abgesehen von allen medizinischen Aspekten gibt es folgendes über Garra rufa zu sagen: Sie ist ein schlanker, boden­bewohnender Karpfen­fisch, deren natür­liches Verbreitungsgebiet die Fluss-Systeme von Jordan, Orontes, Euphrat und Tigris in Eurasien umfasst. Ferner kommt die Art in Küstenflüssen der Türkei und des nördlichen Syriens vor. Sie bewohnt Flüsse, Seen, Teiche und kleine, oft schlammige Bäche, wo sie sich zwischen Steinen und Pflanzen verstecken kann. Ihr natürliches Futter besteht aus Auf­wuchs, also Algen und den darin lebenden Mikroorganismen. Das ist übrigens auch die Hauptnahrung vieler populärer Buntbarsche aus den großen Grabenseen Afrikas. Nor­maler­weise kommt Garra rufa in einem Temperaturbereich von 15-28°C vor, doch toleriert sie – z.B. in Thermalquellen – auch Temperaturen weit über dem 30°C-Bereich.

Wenngleich man Garra rufa wohl kaum als typischen Aquarienfisch bezeichnen kann, kann sie ohne Probleme im Aquarium gepflegt werden. Sie ist hart und anpas­sungs­fähig, wenngleich pH-Werte um 7 bevor­zugt wer­den. Man sollte allerdings nicht zuviel von den Fischen erwarten. Ihr Putzverhalten zeigen sie nur, wenn sie Hunger haben und das ist in der Regel im Aquarium nur selten der Fall. Kommerziell wird Garra rufa durch Injek­tionen Gameten- (=Eier und Spermien) reife stimu­lierender Substanzen auf die Zucht vorbereitet, es folgen Hormoninjektionen, dann werden Eier und Sperma abgestreift.

Männchen von Garra rufa erkennt man an der schlanken Gestalt und dem Laichausschlag auf der Schnauze.

Im Aquarium, wo es ja nicht auf Masse an­kommt, geht es auch einfacher. Man setzt die Art im Trupp (mehrere Männchen und Weib­chen) an, die, wenn sie gut genährt sind, bei hohen Temperaturen bald laichen. Gut be­pflanzte Aquarien sind zu empfehlen, eben­so sollte man gröberen Kies als Substrat benut­zen, denn die Eltern sind Laichräuber. Im Kies sind die Eier relativ sicher. Sie brauchen etwa 2 Tage zur Entwicklung, die Jungen schwimmen weitere vier bis fünf Tage späte frei. Dann nehmen sie feinstes Trocken­futter, gefolgt von Artemia-Nauplien, schließ­lich Algen und kommerzielle Futtersorten. Außer Garra rufa werden gelegentlich noch zwei Fischarten als Doktorfisch benutzt: der karpfenartige Cyprion macrostiomum, auch als Falsche Garra Rufa bekannt, und der Bunt­barsch Oreochromis niloticus. Keine der beiden Arten gilt als so effektiv wie Garra rufa, der Nil-Buntbarsch hat als Cichlide scharfe Zähne, die Schmerzen und sogar blutende Wunden verursachen können.

John Dawes

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