Der Himmelblaue Taggecko Lygodactylus williamsi – die Terrarianer können ihn retten!

Um kaum ein Reptil wurde in den vergangenen zwölf Jahren ein solcher Wirbel gemacht, wie um den Himmelblauen Taggecko, Lygodactylus williamsi, auch als “Electric Blue” bekannt. Obwohl die Art bereits 1952 wissenschaftlich beschrieben wurde, erschienen erst 2004 einige Exemplare im internationalen Tierhandel und der breiten Öffentlichkeit wurden sie erst 2008 auf der Interzoo in Nürnberg bekannt.

Männchen von Lygodactylus williamsi

Man kennt dieses niedliche Tier – es erreicht eine maximale Gesamtlänge von etwa 6 cm – nur aus einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet in Tansania. Die der Wissenschaft bekannten Vorkommen beschränken sich auf ein nur etwa 20 km² großes Gebiet im Osten des Landes. Es handelt sich dabei um Restvorkommen ehemals großer Küstenwälder. Innerhalb dieses Gebietes kommt der Himmelblaue Taggecko nur auf einer einzigen Baumart vor, dem Schraubenbaum Pandanus rabaiensis. Auf jedem Schraubenbaum lebt ein Männchen, dazu kommen Weibchen und Jungtiere. Die Schraubenbäume nehmen weniger als 20% der Waldfläche ein. Da sich die Schraubenbäume gut zählen lassen, kann man den Bestand der Taggeckos in dem Gebiet gut hochrechnen.

Weibchen

Schutzgebiete – nur auf dem Papier

Der Grund für den dramatischen Rückgang der ostafrikanischen Küstenwälder liegt im unkontrollierten Raubbau, der an den Wäldern getrieben wird. Zum einen werden Edelhölzer geschlagen, zum anderen wächst aber auch die Bevölkerung unaufhörlich und mit ihr der Hunger nach Land. Darüber hinaus ist Holz das wichtigste Heizmaterial für die lokale Bevölkerung. Illegale Rodungen sind die Folge. Wenngleich das gesamte bekannte Vorkommensgebiet der Himmelblauen Taggeckos unter Schutz steht, besteht dieser Schutz weitgehend nur auf dem Papier. Der Wald schrumpft weiter und wenngleich die Schraubenbäume keinerlei wirtschaftlichen Wert haben, werden sie beim Holzeinschlag mit geschädigt. Nach einer Rodung, etwa zum Zwecke der Anlage von Ackerflächen, kann der Wald sich nicht selbst regenerieren, selbst wenn die illegalen Ackerflächen stillgelegt werden; invasive Baumarten siedeln sich an und verhindern, dass die ursprüngliche Artengemeinschaft wieder Fuß fasst.

Pärchen von Lygodactylus williamsi

Unabhängigkeit vom Wildfang

Die Hobby-Terraristik kann gut auf Wildfänge verzichten, denn Himmelblaue Taggeckos lassen sich ausgezeichnet nachzüchten. Das Tropenparadies in Oberhausen z.B. hat aktuell 24 Zuchtgruppen, wobei eine gemeinsame Pflege von einem Männchen mit drei Weibchen gut möglich ist. Jedes Weibchen produziert ganzjährig alle 4-6 Wochen ein Gelege, das aus zwei Eiern besteht, pro Weibchen und Jahr sind also mindestens 16-18, meist aber um 20 Jungtiere jährlich zu erwarten. Die Eier werden bei 23-28°C und 70-90% relativer Luftfeuchte inkubiert, die Schlupfrate liegt bei annähernd 100%. Im Terrarium werden die Tiere im Alter von etwa 4 Monaten geschlechtsreif, im Bedarfsfall lassen sich also drei Generationen pro Jahr züchten. Bei einem Gelege pro Weibchen alle 6 Wochen ergibt das rund 620 Jungtiere, bei einem Gelege alle 4 Wochen etwa 860. Allerdings ist eine derartig große Menge kaum absetzbar. Theoretisch lassen sich übrigens in einem Jahr, genügend Platz vorausgesetzt, wenn keine Weibchen verkauft werden und in etwa die Hälfte der schlüpfenden Jungtiere Weibchen sind, mit einer derartigen Ausgangsgruppe zwischen 1.400 (bei 6- wöchigem Gelegerhythmus) und 5.500 (bei 4-wöchigem Gelegerhythmus) Jungtiere züchten. Anders ausgedrückt: jedes fortpflanzungsfähige Weibchen kann in einem Jahr mit Kindern und Kindeskindern eine 25-fache bis 48-fache Vergrößerung der Ausgangspopulation bewirken.

Frischgeschlüpfte Zwerggeckos sind winzig. Hier ein Schlüpfling von Lygodactylus kimhovelli, der in etwa gleichgroß wie L. williamsi ist.

Diese enorm hohe Vermehrungsrate ist notwendig, um die bei so kleinen Tieren, die weit unten in der Nahrungskette stehen, die hohen natürlichen Verluste zu kompensieren.
Darum ist auch in Normalfällen eine Besammlung von wildlebenden Populationen von kleinen Echsen für die Terraristik ohne nennenswerte Auswirkungen für die Gesamtpopulation, wenn die Lebensräume ansonsten ungestört sind. Auch wenn die wildlebende Population von Lygodactylus williamsi also einen gewissen Besammlungsdruck ohne Schaden ertragen kann: diese Besammlung ist nicht wünschenswert, denn erstens gehen die Fänger oft nicht gerade zimperlich vor, um an die Tiere zu kommen und töten dazu die Wohnbäume. Und zweitens sind die Schutzgebiete ja nicht grundlos eingerichtet worden. Sie repräsentieren einen extrem schützens- und erhaltenswerten, sehr artenreichen Lebensraum und jede Bemühung, diesen Lebensraum zu erhalten, bedarf unserer absoluten Unterstützung! Der Himmelblaue Taggecko ist ja nur eine unter vielen Arten, die hier vorkommen.

Das WA oder Washingtoner Artenschutzabkommen regelt den internationalen Handel mit besonders geschützten Tierarten. Diese Arten sind nicht notwendigerweise selten oder bedroht, jedoch könnten sie es nach der Einschätzung von manchen Experten durchaus werden, wenn sie im Übermaß gefangen und gehandelt würden. In der Regel geht es dabei nicht so sehr um lebende Tiere, sondern hauptsächlich um Tierprodukte (Leder, Pelz, Elfenbein, auch ganze Körper, wie bei Seepferdchen, Tigern etc.). Doch auch lebende Terrarientiere sind betroffen. Dabei gibt es zwei wichtige Kategorien, die in Artenlisten, den so genannten Anhängen des WA, aufgeführt sind: Im Anhang 1 stehen Arten, die als derart bedroht eingeschätzt werden, dass der Handel mit Wildfängen ausnahmslos verboten ist. Erst Nachzuchten ab der zweiten Generation dürfen frei gehandelt werden, wenn ordnungsgemäße Papiere beweisen, dass es sich um Nachzuchten der zweiten oder späteren Generation handelt. Die meisten Arten stehen jedoch in Anhang 2. Sie dürfen prinzipiell gehandelt werden, es bedarf dazu aber einer Ausfuhrgenehmigung des ausführenden Landes und einer Einfuhrgenehmigung des einführenden Landes. Wissenschaftler fordern nun, den Himmelblauen Taggecko in das WA aufzunehmen, um so dem illegalen Handel mit den Tieren Einhalt zu gebieten. In manchen Fällen hat sich das WA bewährt. Es gibt jedoch auch viele Kritiker des WA unter Wissenschaftlern, die sagen, dass eine Aufnahme in das WA erst Begehrlichkeiten weckt, die zuvor gar nicht existierten.


Preissteigerungen und damit ein vermehrter Anreiz für Schmuggel resultieren aus einer unüberlegten und exzessiven Listung. Vor allem die Aufnahme in den Anhang 1 des WA hat aller Voraussicht nach für den Himmelblauen Taggecko negative Folgen. Sie behindert den Handel mit Nachzuchten stark und heizt den Schmuggel von Wildfängen an. Trotz dieser ernsten Bedenken wurde 2016 der Himmelblaue Taggecko in Anhang 1 des WA aufgenommen. Weitere Informationen hierzu finden Sie hier: https://www.aqualog.de/blog/der-himmelblaue-taggecko-lygodactylus-williamsi-jetzt-in-cites-anhang-1/

Die schlimmste Bedrohung für den Himmelblauen Taggecko kann das WA aber ohnehin nicht beeinflussen: die Biotopzerstörung.

Die Erkenntnis ist alt: der einzige wirksame Artenschutz ist der Biotopschutz. In wenigen, besonders gelagerten Fällen, etwa bei bestimmten Großtieren, kann der althergebrachte Individuenschutz, also Fang- und Tötungsverbote, wirksam sein, in 99% der Fälle ist er es nicht. Schon Bernhard Grzimek wusste, dass es sowieso unmöglich ist, einen wirksamen Naturschutz ohne die Einbeziehung der betroffenen Menschen zu betreiben. Es ist nutzlos und ethisch sehr fragwürdig, durch die Kriminalisierung der lokalen Bevölkerung von den wirklichen Problemen, nämlich der großflächigen Biotopzerstörung aus wirtschaftlicher Not
heraus abzulenken. Dass die Terraristik relativ leicht auf den Handel mit Wildfängen verzichten kann, wurde gezeigt. Doch welche Möglichkeiten gibt es vor Ort in Tansania? Wie kann man der einheimischen Bevölkerung helfen, die aus schierer wirtschaftlicher Not heraus den Wald der Himmelblauen Taggeckos abholzt und die schönen kleinen Eidechsen fängt, obwohl die Menschen wissen, dass es verboten ist? Ist es ethisch vertretbar, dass in unseren Terrarien die netten Lygodactylus williamsi als Botschafter ihrer schönen Heimat leben, wir unsere Hände in Unschuld waschen (wir haben ja Nachzuchten) und vor Ort der Artentod unaufhaltsam fortschreitet (das haben ja andere zu verantworten)?
Nein! Es wäre keine große Sache, mit Entwicklungshilfegeldern eine Aufforstung der ostafrikanischen Küstenwälder und damit der Schraubenbaum-Bestände in Tansania zu fördern. Die Menschen vor Ort könnten ein bescheidenes, aber nachhaltiges Einkommen aus dem Fang der schönen kleinen Geckos haben. Die Pandanus-Wälder könnten auf diese Art und Weise wieder wachsen und mit ihnen die Populationen des Himmelblauen Taggeckos. Und die sind ja nur eine von vielen, vielen Arten, die in den Wäldern leben und mit deren Vernichtung gleichfalls von der Erde verschwinden werden.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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