Wackelnder Gang und spezifische Ernährung – Harlekingarnelen

Harlekingarnelen aus der Gattung Hymenocera sind farblich überaus attraktiv was ihre Körperstruktur noch unterstützt. Vor allem die großen Scheren, die unwillkürlich an Flügel erinnern, charakterisieren diese Garnelen unfehlbar. Ihre wackelnde Fortbewegungstechnik ist prägnant und auffallend.

Harlekingarnelen sind bizarre Geschöpfe. Derzeit ist sich die Wissenschaft uneins, ob Hymenocera elegans und H. picta als eigenständige Arten zu führen sind. Die hier abgebildete H. elegans (das Photo entstand in Thailand) gelangt von den Philippinen zu uns nach Deutschland. Photo: Teresa (Zubi) Zuberbühler, www.starfish.ch

Weltruhm erlangten die Harlekingar­nelen, als diese als mögliche Kandi­daten in Erwägung gezogen wurden, das Great Barrier Reef vor der Zerstörung der ge­fürchteten Dornenkrone Acanthaster plancii zu retten. Letzten Endes wurde von diesem Experiment dann doch Abstand genom­men, da Harlekingarnelen Seesterne der Gattung Fromia, Nardoa und Linckia den Dornenkronen vorziehen.

Die Dornenkrone ist ein giftiger Seestern, der sich von Korallenpolypen ernährt. Bei Massenvermehrung kann sie große Riffabschnitte zerstören. Photo: Jürgen Gries

Systematik
Fosså & Nilsen (1998) als auch Baensch & Debe­lius (1992) verwenden den Namen Gnatho­phyllidae als Familienbezeichnung für die Harlekin­garnelen. Ich habe mich bei der Nennung der Familie an dem jüngeren Werk von Debelius (2000) orientiert, der den Familiennamen Hymenoceridae Ortmann, 1890 verwendet. Die Familie der Hummel­gar­nelen wird hier in die Gnatho­phyllidae Dana, 1852 eingeordnet. Die ITIS (2006) ver­wendet ebenfalls Hymenoceridae.
Zur Anzahl der Arten in der Gattung Hy­me­nocera Latreille, 1819 gibt es Wider­sprüch­­liches. Einige Autoren, wie Debelius (2000) oder Schuhmacher & Hinterkircher (1996) differenzieren zwischen Hymenocera picta und H. elegans. Als Kriterium hierfür werden Unterschiede in der Farbe angeführt.
Fosså & Nilsen (1998) verweisen darauf, dass die Unterscheidung der zwei Arten auf kei­ner wissenschaftlichen Untersuchung ba­siert und somit eine Variation der Färbung nicht ausgeschlossen werden kann, was be­deutet, dass es lediglich eine Art ist, was die Gattung monotypisch machen würde.
Es verwundert also nicht, dass die ITIS (2006) lediglich Hymenocera picta Dana, 1852 als valide Art nennt.

Eigentlich zu schade zum Verfüttern: Linckia-Seestern

Seesternkiller
Da es vor allem Versuche mit Acanthaster waren, die Aufschluss über das Fressver­halten von Hymenocera picta gaben, nachfol­gend die Beschreibung wie Harlekingar­nelen ihr Opfer fangen.
Debelius (1983) beschreibt den Vorgang nach Angaben der Beobachtungen aus den Labo­ratorien des Max-Planck-Instituts für Ver­haltensphysiologie in Seewiesen / Bayern so:
Zunächst nähert sich das Weibchen der Dornenkrone, klettert auf diese hinauf und sucht die Oberfläche des Seesterns nach ei­ner kleinen Wunde ab. Zur Suche werden die winzigen Scheren eingesetzt. Der Seestern be­wegt sich weiter fort und erklimmt einen Stein. Jetzt tritt die männliche Harlekin­gar­nele in Aktion. Beide Garnelen versuchen den Seestern, durch Stemmen, auf den Rücken zu drehen. Dazu wird der Arm, auf dem die männliche Garnele inzwischen Platz genommen hat, von selbiger hochge­stemmt. Dabei drückt die Garnele nicht nur den Arm des Seesterns in die Höhe sondern auch sich selbst. Damit dies funktioniert, die­nen die großen Scheren als Stemmwerkzeug – sie werden gegen den Untergrund ge­drückt. Die Fressscheren gleiten nun in die Ambulakralrinne auf der Unterseite des Seesternarms. Die Lauffüßchen des See­sterns ziehen sich, Reflex bedingt, ein, was den Verlust der Bodenhaftung zur Folge hat.
Aber die Dornenkrone gibt deshalb noch lange nicht auf! Sie bewegt sich weiter fort und die Garnele ist damit beschäftigt, den Seesternarm fortwährend in die Höhe zu stemmen. Um dieses zu bewerkstelligen, stelzt die Harlekingarnele auf den Rändern der Schere und folgt so der Richtung des Seesterns. Schließlich schafft es die gerade mal eben 5 cm messende Garnele, die Dor­nen­krone auf den Rücken zu kippen. Der Seestern versucht sich zu wehren und ist bemüht, wieder die normale Körperposition einzunehmen. Das funktioniert aber nur, wenn die Ambulakralfüßchen die schüt­zende Rinne verlassen. Auf diesen Moment haben die Harlekingarnelen gewartet. Die Füßchen werden abgezwickt und durch die Hebelwirkung verursachten Wunden werden genutzt, um einen langen Einge­weide­strang aus dem Körper des Seesterns zu ziehen. Dieser wird mit den messer­scharfen Fress­scheren zerteilt und gefressen. Das Ende des Seesterns ist besiegelt. Je nachdem wo der Seestern verletzt wurde, dient er mehrere Tage als frische Nahrungsquelle.

Harlekingarnelen sind streng monogam. Nur so ist es ihnen möglich, sich mit ausreichend Nahrung zu versorgen.
Harlekingarnelen fressen in der Natur wohl nur Seesterne. Ein Partner beginnt mit der Über­wältigung des Seesternes, in dem er sich auf diesem bewegt.

Im Aquarium
Zur aquaristischen Bedeutung avancierten Harlekingarnelen vor allem dadurch, dass sie durch ihre speziellen Nahrungsbedürfnisse zuverlässig die kleinen aber lästigen See­ster­ne aus der Familie Asterinidae vertilgen. Leider verenden mit dem Verschwinden der Seesterne auch die Harlekingarnelen, da sowohl Hymenocera elegans (?) als auch H. picta ausschließlich Seesterne fressen.
Dabei ist die Hysterie vieler Aquarianer ge­gen­über den Seesternen meines Erachtens nach unbegründet. Auch Hebbinghaus (2002) verweist darauf, dass es sich bei Asterina cf. anomala um einen harmlosen kleinen See­stern handelt, der sich von Mikroalgen ernährt.
Im Aquarium benötigen Harlekingarnelen viele Verstecke, in die sie sich tagsüber zu­rück­ziehen. Sind die Tiere gut genährt, zei­gen sie sich in meinem Aquarium nur nachts im Schein der Taschenlampe.
Zum Wohlbefinden ebenfalls wichtig ist die Pflege eines Paares. Debelius (1983) hat die Untersuchungen der monogam lebenden Garnelen dokumentiert. Dabei geht aus der Niederschrift hervor, dass Harlekingarnelen in der Lage sind, ihren Partner zu erkennen. Außerdem ist belegt, dass sowohl Weibchen als auch Männchen ihren erwählten Partner anderen bevorzugen. So wurde mit einem kleinen Netz einer der Partner isoliert und etwas weiter weg vom Unterschlupf im Aquarium platziert. Der verbliebenen Har­le­kin­garnele wurden nun verschiedene an­ders­­geschlechtliche Artgenossen präsen­tiert. Alle wurden jedoch ignoriert. Vielmehr machte sich der Partner auf, seinen isolierten Lebensgefährten aufzusuchen und sich neben diesem niederzulassen. Beide Tiere waren nur noch durch das Netz getrennt. Schuhmacher & Hinterkircher (1996) vermuten als Erkennung individuelle Duftstoffe des weiblichen Tieres.
Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Harle­kin­garnelen eine monogame Lebensweise anstreben. Ist es ihnen doch in aller Regel ausschließlich als Paar möglich, größere See­sterne zu erbeuten.
Das bislang größte Problem der aquaris­tischen Pflege stellt, wie schon erwähnt, die dauerhafte Ernährung dar. Da Harlekin­garnelen ausschließlich Seesterne fressen, wird diese Ernährungsstrategie einerseits recht kostspielig und andererseits sind Bedenken begründet, welche die Einfuhr von Seesternen ausschließlich zur Ernährung der Harlekingarnele anmahnen.
Pintak (2000) hat eine interessante Möglich­keit vorgestellt, die es vielleicht ermöglicht, Harlekingarnelen über Wochen mit einem Seestern zu versorgen. Als bewährte Nah­rung wurde im Handel nach Blauen See­sternen aus der Gattung Linckia gesucht, die den Transport nicht ganz unbeschadet über­standen hatten. Entlang der Ambulakral­rinne wurden diese Tiere (nach vorherigem Töten durch Abkochen) aufgeschnitten und in 2 cm große Stücke geschnitten und an­schließend eingefroren. Seine Harlekin­garnelen nahmen das Futter bereitwillig an.
Leider wurde diese spezielle Nahrungs­zubereitung, die sicher ein Meilenstein in der Versorgung der aquaristisch gepflegten Har­lekingarnelen darstellen würde, von anderen Autoren nicht bestätigt, sodass mit einer Pau­schalisierung von dieser Form der Ver­sorgung nicht auszugehen ist.
Ich habe inzwischen diese Variante der Ernährung meines Paares Hymenocera elegans (?) ebenfalls versucht. Jedoch ist das Ergebnis eher mit magerem Erfolg zu beurteilen. Momentan bleibt mir nur der Weg, geschädigte – noch lebende – Linckia spp. zu kaufen und sofort zu verfüttern, um mein Harlekingarnelen-Paar in einem guten Ernährungszustand zu halten.
Die von Pintak (2000) beschriebene Methode allerdings versuche ich dennoch immer wieder, in der Hoffnung, dass sich die Harle­kin­garnelen doch noch auf diese galante Form der Ernährung umstellen lassen.
Neben der Ernährung über Seesterne be­richten Fosså & Nilsen (1998) davon, dass sich Harlekingarnelen im Aquarium über Seeigel hermachen. Eine Beobachtung, die in an­derer Literatur keine Bestätigung findet. Im Internet allerdings findet sich ein weiterer Hinweis zu dieser Form der Nahrungs­aufnahme (M. Kruppas, pers. Mttlg. 2006).

Durch kräftiges Stemmen unter Zuhilfenahme der kräftigen Scheren wird der Seestern auf den Rücken gelegt.
Ist dieses gelungen, werden die skalpellscharfen Scheren in die Ambulakralrinne geführt. Die Pseudopodien werden abgezwickt und der Seestern kann nicht mehr flüchten.
Das Paar bei der gemeinsamen Überwältigung eines Seesternes. Linckia laevigata liefert in dieser Größe den Garnelen etwa für eine Woche Nahrung.

Es bleibt zu resümieren, dass Harlekin­garnelen gut für die Pflege in einem Riff­aquarium geeignet wären, wenn es das Problem der Ernährung nicht gäbe.

Joachim Frische

Literatur

Baensch, H. A. & Debelius, H. (1992): Meerwasser Atlas Bd. 1. Mergus Verlag. 1216 S.
Debelius, H. (2000): Krebsführer. Jahr Verlag GmbH & Co., 322 S.
Debelius, H. (1983): Gepanzerte Meeresritter. Kernen Verlag. 120 S.
Fosså, S. A. & Nilsen, A. J. (1998): Korallenriff-Aquarium Bd. 6. Birgit Schmettkamp Verlag, 590 S.
Hebbinghaus, R. (2002): Seesterne im Aquarium Teil 2. DATZ. 55(1), 30-33
ITIS (2006): Integrated Taxonomic Information System: http://www.itis.usda.gov
Pintak, T. (2000): Anmutige Helfer ohne Gnadenbrot? Der Meerwasseraquarianer 4(1), 4-8
Schuhmacher, H. & Hinterkircher, J. (1996): Niedere Meerestiere. BLV. 320 S.

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