Die Geschichte vom Kölner Warmbachguppy

Die Liste von invasiven, nach Einschätzung der Behörden die ursprüngliche Artenvielfalt (das Fachwort für „Artenvielfalt“ lautet „Biodiversität“) bedrohenden fremdländischen Tier- und Pflanzenarten wird immer länger. Und als wichtigste Maßnahme zur Vermeidung der weiteren Verbreitung dieser Arten fällt den Behörden nichts besseres ein, als die Pflege und Zucht dieser Tier- und Pflanzenarten zu verbieten! Statt das Fachwissen der Pfleger und Züchter solcher Arten zu nutzen und sich diese Menschen, die einzigen, die sich wirklich mit den „invasiven“ Arten auskennen, zu Verbündeten zu machen, werden vollkommen nutzlose, aus wissenschaftlicher Sicht geradezu alberne Gesetze fabriziert, deren Kernmaßnahme – also das Pflege- und Zuchtverbot solcher als invasiv bezeichneten Organismen – objektiv ungeeignet ist, die Ausbreitung dieser Arten auch nur einzuschränken, geschweige denn zu verhindern.

Kölner Warmbachguppy

Begriffsklärung

Lebewesen, die nach 1492 (dem Jahr der Entdeckung Amerikas durch die modernen Europäer) in Ländern heimisch wurden, in denen sie zuvor nicht vorkamen, bezeichnet man als Neobiota, die Tiere als Neozoen, die Pflanzen als Neophyten. Durchaus nicht immer, aber doch meistens brachte der Mensch die Neobiota in die neuen Gebiete. In den allermeisten Fällen können Neobiota ohne ständige Fürsorge des Menschen aber nicht überleben. Das kann man schön in aufgegebenen Gärten beobachten, wo die angepflanzten Arten schnell zurückgehen und schließlich verschwinden.

Doch manchmal finden Neobiota in ihrer neuen Heimat Bedingungen vor, die eine Massenvermehrung erlauben. Dann bezeichnet man sie umgangssprachlich als „invasiv“ oder als Landplage. Bis sich in der neuen Heimat Bedingungen eingestellt haben, die eine massenhafte, unbegrenzte Vermehrung verhindern (meistens Krankheitserreger, manchmal auch Fressfeinde), explodieren die Bestände geradezu. Dann bekommen sogar Menschen, die sich sonst kaum für die Natur interessieren, mit, dass etwas vorgeht. Dann schreien sie nach den Behörden und fordern, dass das „Gleichgewicht der Natur“ (etwas, das es nicht gibt und nie gab, sondern lediglich eine Wunschvorstellung von Romantikern ist) wieder hergestellt werden soll – und zwar per Gesetz! Denn dann kann man Schuldige benennen und Strafen verhängen, was zwar den Schaden nicht mindert und an der Situation nichts ändert, aber dem Gerechtigkeitsempfinden der Masse gut tut.

Rein wissenschaftlich gesehen sagt das Wort „invasiv“ nichts über die Individuenzahl oder darüber aus, ob die Art in irgend einer Art und Weise negativen Einfluss auf irgend etwas nimmt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist eine Art invasiv, wenn sie sich über die Grenzen des bekannten Vorkommensgebiets hinweg ausbreitet. Fertig. Das Wort wird aber inzwischen immer im negativen Sinne gebraucht, meint also tatsächlich wie miltärisch vorrückende, neue Gebiete besetzende und die ursprünglich dort vorkommenden Arten unterdrückende Spezies.


Anzeige


Männchen der roten Naturform von Procambarus clarkii, dem Louisiana-Sumpfkrebs. Die Art wurde 1972 nach Spanien eingeführt, um als Speisekrebs gezüchtet zu werden. Heute ist sie in praktisch ganz Europa unausrottbar verbreitet, daran ändern auch Pflege- und Zuchtverbote nichts.

Man weiß bis heute nicht, wann und warum eine Art invasiv wird. Vorhersagen sind nicht möglich. Es war im 19ten und frühen 20ten Jahrhundert üblich und gesellschaftlich absolut akzeptiert, Ansiedlungsversuche mit fremdländischen Tier- und Pflanzenarten zu unternehmen, um die vorhandene Natur „zu bereichern“ und zusätzliche Beutetiere für Jagd und Fischerei oder Bäume, Sträucher und Blütenpflanzen wegen ihres interessanten Aussehens, ihres Holzes oder ihrer Früchte zu erhalten. Das ging fast immer schief, kaum eine Art hat sich dauerhaft etablieren lassen. Sie finden solche Ansiedlungsversuche schlecht? Recht haben Sie! Aber bedenken Sie bitte auch, dass keine einzige Haustierart und kaum eine Gartenpflanze je ursprünglich in Deutschland heimisch war. Deren Exis­tenz geht selbst dann, wenn es die biologische Art in Deutschland gab oder gibt, auf Populationen zurück, die in ganz anderen Gebieten der Erde domestiziert wurden, oder sie wurden züchterisch so verändert, dass man sie als Laie kaum noch als Angehörige der gleichen Art erkennen kann. Obwohl fast alle Pflanzen, die in Städten und deren näheren Umgebung wachsen, auf Anpflanzungen zurückgehen und alles andere als natürlich sind, leben auf und bei ihnen viele wilde, heimische Kleintiere. Aber das sind nur Ersatzlebensräume, die ursprünglichen Biotope sind zerstört und aus urbanen Gebieten (das ist praktisch ganz Deutschland) verschwunden. Da kann es nicht verwundern, dass manchmal unter den (in der Neuzeit meist illegal) eingebürgerten Tieren – seien das nun Waschbären, Eichhörnchen, Papageien, Fische oder Krebse – Arten sind, die hier günstige Bedingungen in nahezu konkurrenzfreier Umgebung finden. Und schon haben wir – schwupps – eine neue, invasive Art.

Welchen Anteil hat die Aquaristik an der Existenz der als schädlich eingestuften invasiven Arten?

Nur in wenigen Fällen kann man genau sagen, woher die Exemplare stammten, die den Grundstock der heute als invasiv und schädlich angesehenen Arten stammen. Soweit wir Aquarianer betroffen sind, ist nur eine Art auf der Liste der für Pflege und Zucht EU-weit verbotenen Arten, die wahrscheinlich ausschließlich (bewiesen ist auch das nicht; es handelt sich lediglich um Indizien, die dafür sprechen) durch die Aquaristik in die freie Natur gelangte, nämlich der Marmorkrebs (Procambarus fallax forma virginalis). Diese Krebsform ist parthenogentisch, d.h. es gibt ausschließlich Weibchen, die sich durch Klonen fortpflanzen. Das bedeutet, dass theoretisch ein einziges Exemplar ausreichen kann, um eine neue Population zu begründen. Wenn man heutzutage Marmorkrebse in Europa frei lebend antrifft, gehen die wahrscheinlich auf Aussetzungen von ehemaligen Aquarienexemplaren zurück. Die übrigen in der EU verbreiteten invasiven Krebsarten (von EU-weiter Bedeutung sind der Cumberkrebs, Orconectes limosus, der Signalkrebs, Pacifastacus leniusculus und der Galizische Flusskrebs, Astacus leptodactylus, weitere Arten kommen lokal vor) wurden von staatlichen oder halbstaatlichen Stellen gezielt importiert und in Teiche gebracht, um für die durch die Krebs­pest, eine Pilzerkrankung, durch die die in Europa ursprünglich heimischen Arten bis zur wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit dezimiert wurden, verschwundenen Speisekrebse Ersatz zu schaffen. Nordamerikanische Krebse sind gegen die Krebspest immun. Ob und wie Marmorkrebse in Europa als Schädlinge auftreten können, ist unbekannt; sie sind potentielle Überträger der Krebspest und somit unerwünscht, aber mit einer wissenschaftlich fundierten Einschätzung haben solche Ansichten nichts zu tun. Bei dem Handels-, Pflege- und Zuchtverbot für Marmorkrebse handelt es sich demnach um eine vorbeugende Maßnahme. Eine Ausrottung der in Europa bereits vorhandenen, wildlebenden Bestände ist unvorstellbar.

Es ist wahrscheinlich, dass die verwilderten Bestände des Marmorkrebses in Europa auf die unverantwortlichen Aussetzungen hirnloser Aquarianer zurückgehen. Aber ist es verhältnismäßig, alle Pfleger dieser Art pauschal zu kriminalisieren?

Unter Biologen ist es eine unumstrittene Erkenntnis, dass das einzige, was eine Kleintierart wirklich gefährden kann, der Verlust des Lebensraumes ist (der Fachausdruck für „Lebensraum“ ist „Biotop“). Die direkte Verfolgung einer Kleintierart ist in intakten Biotopen eine unerhebliche Randerscheinung für den Bestand. Das merkt man immer wieder daran, dass es einfach unmöglich ist, eine Kleintierart oder Pflanze, die man zur unerwünschten Art erklärte (z.B. weil man sie für invasiv hält) auszurotten. So etwas ist noch nie gelungen. Man kann die Bestände reduzieren, das wohl, aber auslöschen – das klappt nicht.


Anzeige


Der Blaubandbärbling, Pseudorasbora parva, wurde unbeabsichtigt mit Graskarpfen (Ctenopharyngodon idella) und Silberkarpfen (Hypophthalmichthys molitrix) nach Europa importiert und verbreitet. Das geschah durch staatliche Stellen. Alle Versuche, die invasive Art auszurotten, blieben erfolglos.

Welchen Anteil hat die Terraristik an der Existenz der als schädlich
eingestuften invasiven Arten?

Zwei Arten Terrarientiere sind einem Handels- und Zuchtverbot unterworfen, nämlich Nordamerikanischer Ochsenfrosch (Lithobates catesbeianus) und Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta, mit ihren drei Unterarten Gelbwange, T. s. scripta, Rotwange, T. s. elegans, und Cumberland, T. s. troosti). Der Ochsenfrosch war nie wirklich Terrarientier, aber seine riesigen Kaulquappen wurden zeitweise gehandelt. Es kam auch zu Aussetzungen und lokalen Populationen. Zielgerichtet wurde der Ochsenfrosch aber in den 1930er Jahren zur Froschschenkelproduktion nach Europa gebracht. In Italien gibt es verwilderte Bestände. Um weitere Einfuhren zu verhindern, listete man die häufige Art im Washingtoner Artenschutzabkommen (WA). Durch diesen bürokratischen Trick konnte die EU künftig die Einfuhr verweigern, was seit 1997 auch geschah.

Idiotischerweise wurde der Ochsenfrosch aber in Deutschland auch in die Liste der “Besonders bzw. streng geschützten Arten” aufgenommen, weil er ja im WA stand. Dadurch wurde die Bekämpfung eventueller verwilderter Bestände zur streng verfolgten Straftat. Die Art steht immer noch im Bundesartenschutzgesetz als “streng geschützt”…

Den exakt gleichen Schildbürgerstreich machte der Gesetzgeber bei der Rotwangen-Schmuckschildkröte. Die Rotwange wird vor allem in Südeuropa als Konkurrentin zur bedrohten Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) gesehen. Auch wenn es dafür, wissenschaftlich gesehen, keinen Beweis gibt und die beiden Arten eine deutlich unterschiedliche Ökologie haben. Fakt ist aber, dass ausgesetzte Rotwangen ebensowenig in die Natur gehören, wie ausgesetzte Hunde und Katzen und dort durchaus, genau wie Hunde und Katzen, Schäden anrichten können. Richtige Terrarianer setzen keine Tiere aus, das sind immer nur fehlgeleitete “Tierfreunde”.

Dieses alte Rotwangen-Mädchen schaut in eine ungewisse Zukunft.

Man sollte nicht von eigenen Problemen dadurch ablenken, indem man auf die Probleme anderer hinweist. Aber die durch “invasive” Ochsenfrösche und Schmuckschildkröten verursachten Schäden sind in der EU ein Witz im Vergleich zu den Umweltschäden, die ausgesetzte und verwilderte Hunde und Katzen anrichten. Dennoch kommt (zu Recht!) niemand auf den Gedanken, deswegen generell die Hunde- und Katzenhaltung zu verbieten. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass die Terrarianer lediglich zum Sündenbock gemacht werden, um langfristig den Weg für weitere Verbote – bis hin zum Generalverbot der Terraristik – zu ebnen. Leider sind im Feld arbeitende Wissenschaftler meist nicht in der Lage, zu überblicken, dass ihre Forschungen von populistischen Politikern missbraucht werden können und die Wissenschaftler selbst als Spielball von Intrigen dienen.

Nun endlich zum Kölner Guppy

Diese Fakten sollte man kennen, wenn man die Geschichte der Kölner Warmbachguppys erzählt bekommt und die teils absurde Diskussion darum verstehen will. In Aquarienzeitschriften wurde 1977 erstmals über sie berichtet, über die deutschen Wildguppys. Das war in den „Informationen der Deutschen Guppy-Förderation Nr.3“. Kurz darauf referierte Franz-Peter Müllenholz in der „TI“ Nr. 42 (Juni 1978) über das Vorkommen bei Köln, wo die Tiere in einem Bach lebten. Das Wasser war stark verschmutzt, es gab verkrüppelte Exemplare, aber insgesamt handelte es sich um hochvitale, schlanke Tiere.

Guppypärchen, Nachzucht von Tieren, die seit den 1970er Jahren als invasive Art im Gillbach in der Nähe von Köln leben.

Werner Ladiges, Redakteur der „TI“, bezweifelte, dass es sich hier tatsächlich um eine dauerhafte Population handelte. Doch zwei Nummern später, in der „TI“ Nr. 44 (Dezember 1978) wurde das Thema noch einmal kurz aufgegriffen. Es wurde klargestellt, dass der Bach mit Kühlwasser aus einem Werk gespeist wurde, wodurch die Wassertemperatur auch im März noch bei 19°C lag. Das ist natürlich entscheidend für Guppys, denn deren untere Temperaturtoleranz über einen längeren Zeitraum (einige Wochen) liegt bei etwa 14-16°C.

Wissenschaftlich ist das Guppyvorkommen schon länger bekannt, nämlich durch Friedrich (1973, nach Friedrich, 2005), der sie in der unteren Erft fand. Dort und im Gillbach, einem durch das Kühlwasser des Kohlekraftwerks Niederaußem (des größten deutschen Kraftwerks seiner Art) aufgeheizten Zufluss der Erft gibt es sie noch heute. Nicht nur Guppys, auch etliche andere tropische Organismen besiedeln diese Gewässer: Zebrabuntbarsche (Amatitlania nigrofasciata), Antennenwelse (Ancistrus sp.), Turmde­ckelschnecken (Melanoides tuberculatus), tropische Posthornschnecken (Planorbella duryi), der Ringelwurm Branchyura sowerbii und die Getigerte Planarie (Dugesia tigrina), die Garnelen Neocaridina davidi und Macrobrachium dayanum, dazu etliche Pflanzen: Azolla filiculoides, Egeria densa, Lemna aequinoctialis, L. minuta, Myriophyllum aquaticum, Pistia stratiotes und Shinnersia rivularis (Friedrich, 2005). Die Anwesenheit der meisten Arten geht wohl auf Entsorgung durch Aquarianer oder gezielte Ansiedlungsexperimente zurück, bei einigen Arten ist die Herkunft aber unklar.

Die untere Erft erhält ihr Warmwasser aus dem Braunkohletagebau. Es wird aus bis zu 400 m Tiefe hochgepumpt und ist entsprechend warm. Zunächst wurde eine große Rotalge (Compsopogon hookeri) dort nachgewiesen (Friedrich, 1966). Es wurde m.W. in der Arbeit nichts über Guppys gesagt (ich besitze die Originalarbeit leider nicht), denkbar ist jedoch, dass sie schon damals in der Erft vorhanden waren. Niederaußem wurde 1963 in Betrieb genommen, das ist also der allerfrüheste mögliche Zeitpunkt für die Besiedlung des Gillbaches mit Guppys. Heutzutage ist auch die Erft Heimat etlicher „invasiver“ Neobiota geworden (s.o.). Viele gehen, wie gesagt, sicher auf Aussetzungen von Aquarianern zurück, aber: so what? Ohne die industrielle Verschmutzung mit Warmwasser (der Fachausdruck für das aus dem Braunkohlebergbau abgepumpte Wasser lautet Sümpfungswasser) werden alle diese Tiere und Pflanzen auch wieder verschwinden.

Viele der “deutschen Wildguppys” aus dem Gillbach bei Köln haben ein Obenschwert.

Leider ist aber die Gehirnwäsche der Behörden bei einigen Aquarianern ziemlich erfolgreich. Schon Müllenholz empfahl 1978 die genauen Guppyvorkommen geheim zu halten, damit die Tiere nicht von Futterfischsammlern dezimiert würden. Aber damals war das noch Stand des Wissens. Heute wissen wir längst, dass der einzige Effekt, der von Guppyfängern ausgehen kann, der ist, dass es anschließend mehr Guppys gibt. Trotzdem treiben etliche Aquarianer, die Fundorte im Gillbach und der Erft kennen, immer noch eine Geheimniskrämerei darum. Sie glauben offenbar wirklich, man könne die Existenz der Fischchen mit Handnetzen bedrohen. Andere glauben, man müsse sogar unser (ohnehin anachronistisches, aber das ist eine andere Geschichte) Fischereirecht im Zusammenhang mit den Guppys in Anwendung bringen und drohen mit Anzeigen wegen Wilddieberei, sollten sie Aquarianer beim Guppyfangen erwischen. Da wird es nun aber wirklich pervers! Natürlich haben Gewässerpächter eine vorrangiges Nutzungsrecht der in „ihrem“ Gewässer vorkommenden Guppys, aber wozu sollen sie diese Fischchen denn wohl nutzen können? Es ist auf gar keinen Fall moralisch verwerflich, wenn man aus Neugierde (eine der edelsten menschlichen Tugenden) ein paar Guppys oder andere Kleinfischchen fängt. Eine Gesetzesänderung, die das ausdrücklich erlaubt, ist seit Jahrzehnten überfällig.

Die warmen Gewässer von Gillbach und Erft geraten immer wieder in die Schlagzeilen. Ganz aktuell hat ein Forschungsteam der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft entdeckt, dass nicht nur eine größere Anzahl tropischer Fischarten gut im Gillbach etabliert ist, sondern auch deren Parasiten. Man warnt vor der Einschleppung neuer, bislang unbekannter Krankheitserreger auf einheimische Fische. Der parasitische Wurm Capallanus cotti kommt im Gillbach nicht nur in den Exoten, sondern auch in heimischen Arten vor (genannt sind Gründling und Döbel), die sich an die höheren Wassertemperaturen angepasst haben. Die Tatsache, dass Camallanus cotti (siehe: https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/tropische-parasiten-im-rheinzufluss/) im Gillbach gefunden wird, ist gegenwärtig noch nicht wirklich bedenklich, da es keine Hinweise darauf gibt, dass diese Parasiten überleben können, wenn die Einspeisung des warmen Wassers endet. Auch Piranhas sollen schon in der Erft ausgesetzt worden sein. In Südamerika, der eigentlichen Heimat der Piranhas, fürchtet niemand diese Fische, weil sie objektiv für Menschen harmlos sind, aber erklären Sie das mal der Sensationspresse…

Man kann zu Neozoen stehen, wie man will (ja, das kann man wirklich, wir haben nämlich immer noch Meinungsfreiheit in Deutschland), die Kölner Warm­bach­guppys sind interessant. Und man muss noch nicht einmal nach Köln fahren und bei Fangversuchen die Attacken buchstabengetreuer Gesetzesliebhaber oder fehlgeleiteter Naturschützer riskieren, um sie selbst im Aquarium zu haben. Denn es gibt bei mehreren Großhändlern diese Kölner Warmbachguppys immer wieder einmal als Aquariennachzuchten zu kaufen.

Sie haben also den Weg zurück ins Aquarium gefunden, die Kölner Warmbachguppys, übrigens ein sehr interessanter Prozess vor dem Hintergrund co-evolutionärer Studien über das Verhältnis des Menschen zu seinen Haustieren. Im Gillbach und der Erft werden sie wieder aussterben, wenn die Einleitung warmen Wassers aufhört, das ist völlig sicher. Aber vielleicht bleiben sie als Kuriosum ja im Hobby erhalten. Wer weiß?

Frank Schäfer

Zitierte Literatur:
Friedrich, G. (1966): Compsopogon hookeri MONTAGNE neu für Deutschland. – Nova Hedwigia 12, 3/4: 399-403, Lehre 1966 (nicht gesehen).
Friedrich, G. (1973): Ökologische Untersuchungen an einem thermisch anomalen Fließgewässer (Erft/Niederrhein). – Schriftenreihe Landesanstalt für Gewässerkunde und Gewässerschutz NRW Heft 33, Kempen-Hüls.
Friedrich, G. (2005): Die untere Erft – Ein subtropischer Fluss. LUA Gewässergütebericht 2005: 101–103
Ladiges, W. (1978): Betr.: Guppypopulation in der Nähe von Köln. TI Tatsachen und Informationen aus der Aquaristik 12 (44): 42
Müllenholz, F.-P. (1978): Guppypopulation in der Nähe von Köln. TI Tatsachen und Informationen aus der Aquaristik 12 (42): 42-43

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Weiterlesen

Ein Kommentar zu “Die Geschichte vom Kölner Warmbachguppy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.