Der Jack Dempsey (Rocio octofasciata) – ein alter Bekannter im neuen Outfit

Vieles, das uns selbstverständlich erscheint, ist es überhaupt nicht. So zum Beispiel die große Artenvielfalt an Fischen, die uns für die Pflege im Aquarium zur Verfügung steht. Dahinter steckt nämlich eine riesige Menge Arbeit und eine noch größere Menge erlerntes “gewusst wie”. Es ist uns Menschen nämlich nicht angeboren, einen Fisch zu verstehen. Man muss es erlernen, das Verhalten eines solchen Tieres richtig zu interpretieren. Sonst vermenschlicht man die Tiere und das führt immer und ausnahmslos völlig in die Irre.

Um 1909 kamen die ersten Buntbarsche aus Mittelamerika in die Aquarien Europas und der Vereinigten Staaten. Es waren wunderschöne Tiere mit einer faszinierenden Brutpflege, doch haftete ihnen bald der Ruf an, extrem unverträglich und starke Wühler zu sein. Man gab diesen “unverbesserlichen Raufbolden” den Populärnamen “Jack Dempsey”. Jack Dempsey, eigentlich als William Harrison Dempsey in Colorado geboren, war von 1919 bis 1926 Schwergewichtsweltmeister im Boxen. Mit seinem Kampfstil verglich man den Buntbarsch und so kam der Fisch zu seinem Populärnamen, den er heute noch trägt, obwohl nur die wenigsten noch wissen, wer oder was sich dahinter verbirgt.

Männchen des Jack Dempsey, alter Aquarienstamm

Viele Namen, ein Fisch
Zunächst wurde der Jack Dempsey als Cichlasoma biocellatum bezeichnet. Diese Art wurde 1909 von C. T. REGAN nach einem Exemplar beschrieben, das er von J. P. ARNOLD erhalten hatte, einem Pionier der Aquaristik, dessen rühriger Import-Tätigkeit viele Fischarten ihre Entdeckung verdanken. Doch in diesem Falle lieferte ARNOLD einen offensichtlich falschen Fundort, nämlich “Mañaos, Rio Negro”. In Brasilien gibt es aber ganz sicher keine Jack Dempseys und hat es auch nie welche gegeben. Entweder hatte bereits ARNOLD einen falschen Fundort von dem Seemann bekommen, der ihm den Fisch übergab, oder es kam auf eine andere Art zu dem Versehen. Wie auch immer, unter dieser Bezeichnung – Cichlasoma biocellatum – findet man ihn in der Literatur bis in die späten 1980er Jahre. Dann setzte sich die Erkenntnis durch, dass es sich bei C. biocellatum um ein Synonym, also eine spätere Doppelbeschreibung der Art handelte, die ebenfalls von REGAN, jedoch bereits 1903 als Heros octofasciatus beschrieben worden war. Ohne die verhängnisvolle falsche Fundortangabe wäre REGAN dieser Lapsus sicher nicht unterlaufen, denn hätte er gewusst, dass sein C. biocellatum in Wirklichkeit aus Mittel-amerika kam, hätte er ihn sicher auch mit den ihm bekannten mittelamerikanischen Buntbarschen verglichen und nicht nur, wie es geschah, mit dem einzigen seinerzeit aus der Umgebung von Manaus bekannten cichlasominen Art, Cichlasoma coryphaenoides.

In den letzten ca. 20 Jahren wusste man nicht, in welche Gattung der Jack Dempsey, dessen Artname mit “octofasciatus” nun feststand, einzuordnen war. Klar war eigentlich nur, dass er nicht in die Gattung Cichlasoma gehörte. So bezeichneten ihn manche als “Cichlasoma” (mit Anführungszeichen), andere wider besseres Wissen als Cichlasoma (ohne Anführungszeichen), wieder andere als Nandopsis. Das Ganze löste sich erst im Jahre 2007 auf, als SCHMITTER-SOTO die neue Gattung Rocio schuf und den Jack Dempsey als Typusart festlegte. Da der Gattungname Rocio weiblich ist, muss der Artname, ein Adjektiv, in der lateinischen Endung vom männlichen –us auf das weibliche -a geändert werden. Nun hat der Jack Dempsey nach über 100 Jahren endlich einen allgemein anerkannten wissenschaftlichen Namen, nämlich Rocio octofasciata.

Weibchen vom alten Aquarienstamm von Rocio octodaciata

Sippenhaft
Man kannte Anfang des 20ten Jahrhunderts durchaus schon Buntbarsche. Der Chanchito (Australoheros facetum), eine heutzutage aquaristisch praktisch vergessene Art aus dem Süden Südamerikas (Argentinien, Brasilien, Uruguay), war um die Jahrhundertwende ein sehr beliebter Fisch, da die Heizung der Aquarien eine kniffelige Sache war. Der Chanchito verträgt aufgrund seiner südlichen Herkunft auch noch Temperaturen bis knapp unter 10°C, so dass seine Pflege auch solchen Aquarianern möglich war, die ihre Becken nicht heizen konnten. Es soll übrigens in Spanien, im Fluss Guadiana, ausgewilderte Bestände des Chanchitos geben. Wer sie ausgewildert hat, wann und wozu, ist allerdings ungeklärt. Beim Chanchito ist der Populärname – Chanchito bedeutet “Schweinchen” – Programm. Er wühlt sehr, sehr gerne. Zudem kann auch diese Art in zu kleinen Behältern äußerst ruppig gegen andere Fische werden. Doch all  dies störte die Aquarianer wenig, zu aufregend war es, die Brutpflege des Buntbarsches – der Chanchito ist ein typischer Offenbrüter mit Elternfamilie, d.h. er laicht offen auf Steinen oder Wurzeln ab und beide Eltern kümmern sich um Laich, Larven und Jungfische – zu beobachten. Aber als der Jack Dempsey kam, kannte man das schon. Und so führten die prachtvollen Mittelamerikaner, nachdem sie in den 1930er Jahren für kurze Zeit in Mode waren, viele Jahrzehnte ein Schattendasein. Sie galten einfach als viel zu unverträglich.

Der Chanchito war der erste Buntbarsch in der Aquaristik. Das Bild zeigt ein junges Männchen.

Die Wiederkehr
Heute wissen wir, dass die extreme Unverträglichkeit, die an den Fischen beobachtet wurde, auf zu beengte räumliche Verhältnisse zurückzuführen war. In großen Aquarien, etwa ab 500 Litern aufwärts, kann man Rocio octofasciata durchaus mit anderen Arten vergesellschaften. Zwar verteidigen die Fische auch hier energisch ihren Nachwuchs, aber das war es auch schon. Ganz ausgestorben ist der Jack Dempsey in der Aquaristik übrigens nie. Durch zwei Weltkriege hindurch wurde er gerettet und die Aquarienstämme, deren exakte Herkunft nicht mehr nachvollziehbar ist, wurden durch entsprechende Zuchtwahl ohnehin schon erheblich ruhiger. Doch einen richtigen Boom erlebte der Jack Dempsey erst wieder ab Mitte der 1990er Jahre. Da tauchten plötzlich in Argentinien Tiere mit einen brillanten Blauglanz auf, die als “Blue Dempsey” bezeichnet wurden. Anfangs wurden für die Tiere horrende Preise gefordert – und manchmal sogar bezahlt! Es kam zu der üblichen Legendenbildung und wilde Gerüchte kursierten, dieser Fisch sei tatsächlich eine Wildform und stamme aus Argentinien. Nun, es gibt in Argentinien ebenso wenig Jack Dempseys wie in Manaus. Die Art kommt nun einmal nur auf der atlantischen Seite in Mittelamerika (Belize, Guatemala, Honduras und Mexiko) vor. Der Blue Dempsey ist einfach eine Mutante, eine genetische Laune der Natur, die im Aquarium überleben konnte. In der freien Natur hätten Blue Dempseys kaum eine Chance. Die Jungtiere wachen nämlich langsamer als ihre wildfarbenen Geschwister. Und die gibt es immer, denn es hat sich herausgestellt, dass die Verpaarung von Blue Dempseys untereinander keine lebensfähigen Jungfische ergibt. Also kreuzt man in der Praxis Blue Dempsey mit Jack Dempsey. Dabei erhält man immer einen Anteil Blue Dempseys, die allerdings rechtzeitig von ihren normalfarbigen Geschwistern getrennt werden sollten, um optimal heranzuwachsen.

Jüngeres Exemplar des “Blue Dempsey” aus Argentinien. Für diese Tiere wurde sehr viel Geld gefordert.

Jetzt auch mit Fundort
Von vielen mittelamerikanischen Buntbarschen wissen wir heute dank reisender Aquarianer, dass sich die Populationen verschiedener Flüsse farblich oft unterscheiden. Die Herkunft der Aquarienstämme des Jack Dempsey sind, wie schon gesagt, nicht mehr nachvollziehbar, vielleicht wurden sogar verschiedene Populationen unwissentlich gekreuzt. So ist es sehr zu begrüßen, dass jetzt zumindest eine Population des Jack Dempsey auch mit Fundort gehandelt wird, nämlich die von Ciapas in Mexiko. Wer das Glück hat, solche Fische zu erhalten, sollte sie keinesfalls mit anderen Stämmen kreuzen, sondern rein züchten und die Fische auch mit der Fundortbezeichnung weitergeben.

Nachzuchtmännchen von Rocio octofasciata aus Chiapas.

Fakten, Fakten, Fakten
Zum Schluss noch ein paar harte Daten zum Jack Dempsey: die Art wird maximal 20 cm lang, geschlechtsreif sind die Männchen, die stets etwas größer als die Weibchen sind, aber schon mit etwa 6 cm Länge oder (die Geschlechtsreife eines Fisches hängt vom Lebensalter, nicht von der Größe ab), im Alter von frühestens einem halben Jahr. Die Gelege können bei großen Weibchen leicht über 1.000 Eier umfassen. Bei der Verpaarung hat es sich bewährt, ein möglichst großes Männchen – man erkennt es an den spitz und länger ausgezogenen Rücken-, After- und Bauchflossen – mit einem deutlich kleineren Weibchen zu verpaaren. Je deutlicher der Größenunterschied, desto weniger raufen die Fische, da das Kräfteverhältnis von vornherein klar ist. Außer einem großen Stein zum Ablaichen sollte das Zuchtaquarium einen Sandboden haben, da die Jungtiere nach dem Schlüpfen in Gruben untergebracht werden. Die Jungfische fressen ab dem Freischwimmen Artemia-Nauplien und sind sehr leicht aufzuziehen. Die Wasserwerte spielen eine absolut untergeordnete Rolle, die Härte kann zwischen 5 und 30°GH liegen, der pH zwischen 6 und 8, die Wassertemperatur zur Pflege sollte zwischen 22 und 26°C liegen, zur Zucht erhöht man die Temperatur um 2-3°C. Bei dem starken Stoffwechsel der Fische, die jegliches Aquarienfischfutter fressen, egal ob lebend, gefrostet oder getrocknet, ist auf gute Wasserhygiene und einen regelmäßigen Teilwasserwechsel zu achten. Angesichts der riesigen Jungfischzahlen sollten Zuchtinteressierte sich rechtzeitig einen Raubfisch anschaffen, der sich um den überzähligen Nachwuchs kümmert. Denn dass der Jack Dempsey so lange in unseren Aquarien überlebt hat, ist nur einer sorgfältigen Zuchtwahl zu verdanken.

Hoffen wir, dass er auch noch nach weiteren 100 Jahren in unseren Becken die dann lebenden Aquarianer erfreut!

Jüngeres Männchen des Blue Dempsey aus der Zucht von Lothar Hermann
Erwachsenes Weibchen und…
… erwachsenes Männchen des Blue Dempsey.

Lexikon zu Jack Dempsey

Cichlasoma: bedeutet “mit dem Körper eines Cichla”; Cichla ist eine andere Buntbarschgattung
octofasciatum: bedeutet “mit acht Bändern”
biocellatum: bedeutet “mit zwei Augenflecken”
coryphaenoides: bedeutet “ähnlich einer Coryphaena”; Coryphaena (Goldmakrele) hat eine ähnliche Kopfform
Nandopsis: bedeutet “ähnlich einem Nandus”. Nandus ist eine andere Barschgattung
Heros: bedeutet “Held”
Rocio: ist der Vorname der Ehefrau des Erstbeschreibers der Gattung; der Name bedeutet “Morgentau” und bezieht sich auf die Glanzflecken auf den Flanken der Tiere.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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