Mini-Papyrus

Papyrus (Cyperus papyrus) ist eine legendäre Pflanze. Bereits vor 5.000 Jahren erfand man im alten Ägypten eine Methode, aus dem Mark der Stängel einen Stoff herzustellen, auf dem man schreiben konnte. Bis heute nennt man ihn Papier, nach der Papyrus-Pflanze!

Papyrus (Cyperus papyrus) im Bigodi Wetland Sanctuary, Uganda.
Photo: Bernard Dupont

Da Papyrus bei Frost abstirbt, sieht man ihn in Mitteleuropa gewöhnlich nur in botanischen Gärten und Gewächshäusern. Sein Hauptverbreitungsgebiet ist Afrika und Südwestasien, wo er riesige Bestände und schwimmende Wiesen bildet. In Südeuropa gibt es ebenfalls einige Vorkommen, be­rühmt ist der Bestand auf Sizilien.

Papyrus ist eine attraktive Pflanze, die sicher­lich auch mehr Menschen als Kübel­pflanze ziehen würden, gäbe es da nicht einige Probleme: erstens braucht Papyrus eine hohe Luftfeuchtigkeit, sonst können die Blatt­schöpfe vertrocknen und es stellen sich sehr schnell Spinnmilben (Tetra­nychidae) ein, die die Pflanze sogar zum Absterben bringen können; und zweitens wird Papyrus wirklich riesig! Die Blattstiele können bis zu 5 Meter lang werden (meist um 3 m), weshalb nor­maler Papyrus auch für ”Aquarien oben ohne” kaum in Frage kommt. Schade, schade. Aber es gibt zwei Alternativen!

Die kleinbleibende Sorte
Seit etwa drei Jahren werden in Garten­centern neben dem allgegenwärtigen Zypern­gras (Cyperus alternifolius), das be­kannt­lich eine altbewährte und auch in großen Aquarien oder Paludarien ver­wend­bare Pflanze ist, auch kleine Papyrus-Stauden angeboten. Übrigens: aufgepasst bei dem Namen: viele Anbieter bieten ”nor­males” Zyperngras als Papyrus an, sogar mit dem wissenschaftlichen Namen Cyperus papyrus. Das ist wohl weniger ein Betrugs­versuch als schlicht mangelhafte Botanik-Kenntnis. Umgangssprachlich wird nämlich das gewöhnliche Zyperngras oft als ”Papyrus” bezeichnet, obwohl beide Pflanzen ein sehr verschiedenes Aussehen haben. Das Zypern­gras hat einen Blattschopf aus 10-25, relativ breiten (5 – 20 mm), normal aus­sehenden Blättern. Der echte Papyrus hat hingegen als Blattschopf einen dichten Busch fadenförmiger Blätter, was ihm das Aussehen eines Wuschelkopfes verleiht. Auch die Zwergform des Papyrus hat diesen Wuschelkopf!

Blattaustrieb bei der Zwergform des Echten Papyrus, Cyperus papyrus.


Pflege-Erfahrungen
Vor sechs Jahren erwarb ich einen solchen Zwergpapyrus. Es war Sommer und ich pflanzte den kleinen Busch, desser Blattstiele 35-40 cm hoch waren, in einen wasser­dichten, emaillierten Blech-Blumenkasten. Die Kulturerde ließ ich am Papyrus und füllte nur rundum mit ungewaschenem Rheinsand auf. Zu dem Papyrus pflanzte ich noch einen Topf Grasartiges Pfeilkraut (Sagittaria grami­nea, emerse Form). Der Wasserstand über dem Boden betrug zwischen ein und drei Zentimeter. Der Standort im Freiland war schattig mit 2 Stunden Morgensonne. Die Pflanzen wurde nicht gesprüht oder ge­düngt, lediglich das Wasser immer wieder aufgefüllt, sobald der Boden nicht mehr mit einer Wassersäule bedeckt war. Unter diesen Bedingungen wuchs der Papyrus und neu geschobene Triebe wiesen den gleichen Habitus wie die Triebe auf, die die Pflanze beim Erwerb bereits hatte. Meine anfäng­liche Befürchtung, die Pflanze könnte mit einem Hormon behandelt sein, das eine Zeitlang nor­males Wachstum verhindert und nach dieser Zeit die Pflanze normale Riesenwedel entwickelt, bestätigte sich nicht. Ganz offen­bar ist der ”Zwerg-Papyrus”, der in Garten­märkten angeboten wird, wirklich eine klein­wüchsige Sorte!

Überwinterung

Leider steht mir kein Gewächshaus zur Verfügung, aber ein Badezimmer mit großen Dachfenstern. Hier gelang mir die Über­winterung der Pflanze problemlos, ohne dass ich zusätzlich beleuchtete. Das Pfeilkraut bildete sich dabei übrigens zur submersen Form (=Unterwasser-Form) um, die es bis heute beibehielt. Der Papyrus verträgt keinen Frost. Eine zweite, später gekaufte Pflanze, die eine Nacht leichten Frost ertragen musste, ging ein.

Blattquirl von Cyperus haspan

Das Haspan-Zyperngras
Vor zwei Jahren entdeckte ich zwischen den Angeboten von normalem Zyperngras einen Topf, dessen Inhalt ich nicht kannte. Es handelte sich um eine Pflanze, die mit ihrem dreieckigen Stängel und dem Strubbelkopf an Papyrus erinnerte, aber sehr viel zierlicher in allen Teilen war. Die Pflanze hatte eine Höhe von ca. 30 cm. Ich kaufte sie. Ich beließ die Pflanze in dem Topf, in der ich sie gekauft hatte, stellte sie in einen passenden Übertopf und hielt sie nass. Als ich sie zum Überwintern ins Haus holte, drohten alle Köpfe zu vertrocknen. Ich schnitt radikal zurück, die abgeschnittenen Stängel stellte ich kopfüber in ein Wasserglas. Tatsächlich wuchsen aus diesen Stängeln Jungpflanzen, genau wie man das vom gewöhnlichen Zyperngras kennt. Bei meinem Papyrus habe ich das übrigens noch nicht versucht, die Pflanze ist recht schwachwüchsig (nur 5-6 neue Triebe pro Jahr), weshalb ich mich noch nicht ent­schließen konnte, einen der Triebe für den Versuch zu opfern. In der üblichen Garten­literatur wird zur Vermehrung von echtem Papyrus immer nur die Teilung des Wurzel­ballens empfohlen.
Die zurückgeschnittene Pflanze stellte ich in ein Aquarium, so dass der Topf gerade mit Wasser bedeckt war. Hier trieb sie, wenn auch zunächst zaghaft, wieder aus und erholte sich im darauf folgenden Sommer 2015 voll­ständig.
Die Bestimmung der Art bereitete mir einige Schwierigkeiten. Der Neuaustrieb ist ganz anders als beim Papyrus. Bei diesem wächst der neue Trieb wie ein Pinsel, die feinen Blattanlagen sind schon gut zu erkennen. Der Neuaustrieb meines ”Mini-Papyrus” hin­ge­gen trug nur ein fahnenartiges Blatt. Erst wenn der Stängel die endgültige Länge er­reicht hatte, begann der Strubbelkopf zu wachsen. Die kleinen, unscheinbaren Blüten sahen aus wie die des Papyrus.
Im Ausnahmesommer 2015 (es war sehr, sehr heiß) kam ich nicht dazu, die beiden Pflanzen ins Freie zu bringen. Sie wuchsen beide, neben­­einander stehend, in dem Badezimmer mit Oberlicht sehr gut. Nur der Neue vergeilte etwas, weil er dunkler und tiefer stand als der Papyrus. Dennoch war die Entwicklung des Neuen insgesamt zufriedenstellend. Wenn die Stängel eine Länge von ca. 60 cm erreicht hatten, beugten sie sich zu Boden, als sei der Stängel nicht in der Lage, den Strubbelkopf zu tragen. Doch scheint dies tatsächlich die Form der vegetativen Vermehrung des Neu­en zu sein. Denn es bildeten sich Jung­pflan­zen an den Köpfen der nieder­liegenden Stängel.
Endlich gelang mir die Bestimmung. Es han­delte sich bei meinem neuen, lebend­gebä­renden Mini-Papyrus um die bereits 1753 von Linné unter dem noch heute gültigen Namen beschriebene Art Cyperus haspan.

Vier verschiedene Stadien des Blattaustriebs bei Cyperus haspan.

Weit verbreitet
Cyperus haspan kommt in den südöstlichen und südlich-zentralen Teilen der USA, in Mexiko und Mittelamerika, fast ganz Süd­amerika, in ganz Afrika, Indien, Süd­ostasien, den warmen Gebieten Ostasiens, in Aus­tralien und auf den Pazifischen Inseln vor.
Die Pflanze bildet offenbar mehrere Wuchs­formen aus, es wurden auch Unter­arten be­schrieben. Offenbar ist die papyrus-artige Wuchsform, die ich zufällig in einem Garten­markt ergatterte, eher selten. Denn in den üb­lichen Pflanzenbestim­mungs­büchern wird ge­wöhnlich eine Form abgebildet, die nur das primäre Hochblatt zeigt und nicht den attraktiven Strubbelkopf. Ich kann natürlich auch nicht ausschließen, dass meine Pflanze ein Hybrid zwischen Cyperus haspan und C. papyrus ist. Als Größe wird für C. haspan eine übliche Höhe von 30-40 cm angegeben.

Junge Ablegerpflanzen von Cyperus haspan.

Verwendung im Aquarium
Weder der echte Papyrus noch Cyperus has­pan sind Wasserpflanzen. Aber beide sind Sumpfpflanzen und vertragen einen Wasser­stand bis ca. 15 cm über dem Boden sehr gut. Besonders Jungpflanzen von C. haspan sind eine tolle Bereicherung für Aquarien ”oben ohne”, also ohne Abdeckung. Man muss die beiden Arten natürlich erst ein­mal bekom­men. Eine kurze Recherche im Internet ergab jedoch, dass zahlreiche Versandgärtnereien Cyperus haspan im Sorti­ment haben. Cyperus papyrus wird zudem häufig in Gartencentern angeboten.
Wenn eine Verwendung im Aquarium oder Paludarium geplant ist, so darf man niemals frisch erworbene Pflanzen dafür verwenden. Anders als bei Aquarienpflanzen wird im Garten- und Zierpflanzensektor oft mit In­sek­tiziden und Herbiziden gearbeitet. Bei Blühpflanzen wurde sogar schon berichtet, dass Bienen nach dem Besuch starben! Kein Gärtner will unseren Viechern etwas Böses, aber Vorsicht ist hier unbedingt die Mutter der Porzellankiste. Darum sollten neu erwor­bene Pflanzen zunächst ein halbes Jahr ohne Tierkontakt gepflegt werden, am besten im Freiland, wo Wind, Licht und Wasser für einen guten Abbau eventueller Pflanzenschutz­mittelreste sorgen.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

2 Kommentare zu “Mini-Papyrus

  1. Mike Meuschke

    Hallo Frank,
    interessanter Bericht! Sollten wir uns mal wieder über den Weg laufen, bimmele ich dich diesbezüglich mal an! 🙂
    LG Mike

    Antworten
  2. Pingback: Franky Friday: Mini-Papyrus - my-fish

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