Ganz was Neues – oder doch ein alter Hut?

Beifänge sind immer spannend. Oft handelt es sich um Arten, deren gezielter Fang und Export sich nicht lohnt, weil keine Nachfrage nach den Tieren auf breiter Ebene besteht. Aber für einen kleinen Kreis Eingeweihter sind sie etwas Besonderes, denn letztendlich sind wir doch alle noch Jäger und Sammler. Und wer um die Existenz einer Art weiß (das sind allerdings nur wenige Menschen), der will sie auch einmal zu Gesicht bekommen. So ticken Menschen nun einmal.

Doch manchmal sind die Beifänge auch altbekannte Arten, die nur deshalb niemals als Wildfänge gehandelt werden, weil die Nachzuchten aus verschiedenen Gründen im Handel bevorzugt werden. Besonders begehrte Arten werden fast immer als Nachzucht gehandelt, weil sie nur so ganzjährig und zu leicht kalkulierbaren Preisen zur Verfügung stehen. Wildfänge hingegen haben saisonale Schwankungen in der Verfügbarkeit, sind darum mal teurer und mal billiger und – ja nach Jahreszeit – auch krankheitsanfälliger; schließlich leben die meisten unserer Aquarienfische in freier Natur ja nur wenige Monate, auch wenn sie im Aquarium mehrere Jahre alt werden können. Und Krankheitserreger sind die häufigste Todesursache im Freileben unserer Fische. Der ständige gnadenlose Überlebenskampf schwächt den Organismus und irgendwann haben Krankheitserreger dann leichtes Spiel und gewinnen die Überhand.

Wie auch immer – es ist, kommen solche altbekannten Aquarienfische dann als Beifang einmal wieder als Wildfang zu uns, sehr spannend, die Unterschiede zu ihren domestizierten Vettern zu studieren. Im Allgemeinen sind die seit Generationen im Hobby gezüchteten Tiere wesentlich größer und korpulenter, oft auch erheblich farbenprächtiger.

Diese Woche ging ich auf der Suche nach einer bestimmten Art durch die Fischhalle und schaute eher zufällig in ein Aquarium, in dem noch ein Rest Dicrossus filamentosus schwamm. Dieser wunderschöne Zwergcichlide, auf Deutsch als Schachbrett-Buntbarsch bekannt, wird regelmäßig und in größeren Stückzahlen aus Brasilien und Kolumbien importiert. Er kommt in den gleichen Lebensräumen wie der beliebte Rote Neon (Paracheiroden axelrodi) vor. Der wiederum ist die einzige Süßwasser-Zierfischart von großer wirtschaftlicher Bedeutung, die hauptsächlich als Wildfang gehandelt wird, sehr zum Wohl der Umwelt, wie wir schon häufiger berichtet haben. So werden also Dicrossus filamentosus von den Neonfängern als Nebengeschäft mitverkauft. Die, in deren Aquarium ich gerade schaute, kamen aus Kolumbien. Es waren noch rund 20 Exemplare. Ein Beifang weckte meine Aufmerksamkeit. Es war ein Hechtbuntbarsch, ein Crenicichla. Ich fokussierte meine altersmüden Augen auf das Tier. Ach so, ein Crenicichla aff. regani. Nicht aufregendes, die hatten wir auch rein sortiert da. Aber halt: da sahen doch zwei Dicrossus irgendwie komisch aus. Kein Wunder: es waren gar keine. Es waren zwei Apistogramma, ein Pärchen obendrein, denn einer hatte eine auffällig bunte Schwanzflosse, der andere nicht. Fast alle Apistogramma-Arten haben ein Längsband entlang der Körpermitte, das sie aber auch völlig verblassen lassen oder in eine Fleckenreihe auflösen können. Die zwei hatten das Längsband so aufgelöst, dass es dem Schachbrettmuster der Dicrossus erstaunlich ähnlich sah.

Da sind sich Dicrossus filamentosus und Apistogramma cf. viejita einig: sie zicken ihr Spiegelbild an.

Ich fischte die zwei heraus und betrachtete sie näher. Hmmm. Die gelbe Schwanzflosse, die oben und unten rot eingefasst war, das gibt es bei A. macmasteri und A. viejita. Aber beide Arten sind gewöhnlich viel hochrückiger und kommen gewöhnlich als Beifang zu Schmetterlingsbuntbarschen, Mikrogephagus ramirezi. Also ab ins Fotobecken. Der kleine Taschenspiegel funktionierte auch hier wieder ganz wunderbar. Bereits am nächsten Tag zeigten beide Apistogramma, was in ihnen steckt und gifteten ihr Spiegelbild an. Ich hatte gerade noch einige Badis autumnum im Fotobecken, bei denen der dominante Mann ständig ins Bild schwamm, aber vom Männchen des Apistogramma gelangen trotzdem ganz gute Aufnahmen.

Es sind wohl Apistogramma viejita. Der Hauptunterschied zu A. macmasteri besteht in den bei A. viejita vorhandenen und bei A. macmasteri fehlenden Unterbauchstreifen. Aber es sind sehr schlanke A. viejita. Und als Beifang zu Dicrossus erwartet man die auch nicht. Ich habe bestimmt schon einige Tausend D. filamentosus gesehen und die Importbecken nach Beifängen durchgeschaut. Da waren nie A. viejita dabei.

Jetzt schwimmen sowohl die zwei Beifang-Apistogramma als auch ein Pärchen der Dicrossus filamentosus, mit denen sie uns erreichten, bei mir in einem Schwarzwasseraquarium. Die Gesellschaft dort – Schokoguramis und Wildfang-Mosaikfadenfische – ist zwar von einem anderen Kontinent, aber man verträgt sich gut. Hier können die Zwergbuntbarsche jetzt erst einmal ordentlich auswachsen. Mal sehen, was noch daraus wird…

Frank Schäfer

 

Mehr zum Lesen über Zwergbuntbarsche finden Sie hier: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=zwergbuntbarsche

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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