Gehören Wildtiere in die Natur?

Es ist erschreckend, mit welchem unerbittlichen Missionierungsdrang in jüngster Zeit die Tierhaltung generell ablehnende Menschen, die sich selbst als Tierschützer oder Tierrechtler bezeichnen, gegen ihre tierhaltenden Mitmenschen vorgehen. Im Fokus stehen derzeit die Exotenhalter. Gemeint sind damit aber eigentlich Wildtierhalter, denn die Herkunft – ein Exot ist ein Lebewesen, das aus fremden Ländern stammt – spielt in der Argumentation eine absolut untergeordnete Rolle. Dem Wildtierhalter wird rücksichtslose Grausamkeit unterstellt, da der Wildtierhalter in dem Wissen, niemals allen Ansprüche des Tieres, die in der Natur erfüllt sein müssen, damit das Tier dort überleben kann, gerecht werden zu können, trotzdem die bedauernswerte Kreatur der Natur entreißt und in Gefangenschaft einpfercht, letztendlich um am Leid des Tieres perverses Vergnügnen zu finden. Die selbst ernannten Tierschützer und Tierrechtler postulieren, eine tier- und artgerechte Haltung von Wildtieren sei per se unmöglich, ein Widerspruch in sich, denn ein Wildtier gehöre nun einmal in die Natur.

Ist das so? Gehören Wildtiere in die Natur? Ich erinnere mich, schon als kleiner Junge diesen Spruch gehört zu haben. Ich war damals vielleicht 6 oder 7 Jahre alt, Tiere waren schon immer mein ein und alles. Da ich in ländlicher Umgebung aufgewachsen bin, schleppte ich auch öfter kranke oder verletzte Wildtiere nach Hause, die ich auf meinen ausgedehnten Streifzügen durch die Natur gefunden hatte, z.B. Vögel mit gebrochenen Flügeln oder Schlangen und Blindschleichen, deren zerschmettertes Rückgrat deutlich zeigte, dass irgendwer mit einem Stock auf das „giftige Vieh“ eingeschlagen hatte. Auch verwaiste Jungtiere waren darunter. Die Überlebenschancen solcher Tiere sind selbstverständlich minimal, in der Natur sterben sie auf jeden Fall. Dennoch war ich über jedes Tier, das starb, todtraurig. Dann trösteten mich meine Eltern gerne mit dem Spruch, dass wilde Tiere nun einmal in die Natur gehörten und in menschlicher Obhut nicht gedeihen können, dass es also nicht meine Schuld war. Ich solle die Tiere halt lassen, wo sie waren, die Natur geht ihren Gang.

Für ein Grundschulkind mag diese Argumentation zum Trost ja noch angehen, aber für einen erwachsenen, reflektierten Menschen ist sie lächerlich, nicht zu Ende gedacht und philosophisch unhaltbar. Denn wer bestimmt, wo Tiere, Pflanzen und Menschen hingehören, wer legt fest, worin der Sinn ihres Daseins besteht? Gibt es eine ordnende, allwissende Schöpfermacht, die diese Dinge festlegt? Es ist unerheblich, ob man an eine solche göttliche Macht glaubt oder nicht. In beiden Fällen ist der Spruch „Wildtiere gehören in die Natur und nicht in Gefangenschaft“ objektiv falsch. Denn wenn es die göttliche Schöpfermacht gibt, so hat sie auch uns Menschen erschaffen. Und zwar mit dem für viele von uns unwiderstehlichen Drang, Tiere zu pflegen. Es gäbe die Spezies Mensch ohne diese Fähigkeit wohl längst nicht mehr. Der Mensch ist die einzige Art auf diesem Planeten, die Tiere und Pflanzen pflegt. Man kann die Art Homo sapiens sogar danach definieren, dass sie Tiere und Pflanzen hält.

Wollen diese Schlüsselblumen wirklich lieber in Freiheit als in meinem Garten leben?

Glaubt man nicht an eine Schöpfermacht, trifft der Satz „Wildtiere gehören in die Natur“ erst recht nicht zu. Man kann es also drehen und wenden, wie man will, das Postulat „Wildtiere gehören in die Natur und nicht in Gefangenschaft“ ist einfach falsch. Gehören Tiere also in Gefangenschaft? Nein. Dieser Umkehrschluss ist genauso falsch. Tiere und Menschen gehören nirgendwo hin. Jedes Individuum wurschtelt sich durch, so gut es eben geht. In freier Natur bleiben dabei unter den Wildtieren weit über 90% aller geborenen Individuen auf der Strecke, bevor sie die Geschlechtsreife erreichen. Das ist immer so, egal bei welcher Art, bei den Fischen liegt die Mortalitätsrate vor Eintritt der Geschlechtsreife in der Natur sogar bei über 99%.  In Gefangenschaft sind die individuellen Überlebenschancen erheblich größer. Legt ein Pärchen Neonfische in der Natur während der Fortpflanzungsperiode z.B. 600 Eier*, von denen – statistisch gesehen – nur zwei Tiere überleben und ihrerseits erwachsen werden (also 0,3% der Nachkommenschaft), zieht ein erfahrener Züchter von 600 Jungtieren leicht 200-300 Tiere (also 30-50%) auf, in kommerziellen Zuchtbetrieben liegt die Überlebensrate sogar noch deutlich höher. Ist also das Leben in Gefangenschaft das Paradies für Tiere? Auch diese Frage muss wohl verneint werden, wenngleich z.B. Hausschweine aus evolutionärer Sicht den ganz großen Wurf gemacht haben. Denn wenn der Sinn des Lebens eines Lebewesens darin besteht, die eigenen Gene möglichst stark zu vervielfältigen (das ist, wie sämtliche naturwissenschaftiche Forschung zeigt zumindest das, was alle Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien etc. tun, wonach sie streben), so gab es wohl noch zu keinem Zeitpunkt der Erdgeschichte eine derart erfolgreiche Art, wie die gemeine Hauswutz, von der Millionen von Exemplaren mit einem sehr kleinen Genpool existieren…

Das Hausschwein, ein Hauptgewinner in Sachen evolutionärer Erfolg.

Aber ensthaft: Tiere haben einfach keine Wahl, sie sind dazu auch intellektuell gar nicht in der Lage. Extrapoliert man das menschliche Verhalten auf Tiere, so muss man sagen, dass sich die gewaltige Mehrheit gegen ein Leben in Freiheit entscheidet, wenn sie die Wahl hat. Die Wikipedia gibt die Zahl der Obdachlosen, also in weitgehender Freiheit lebenden Menschen, in Deutschland mit etwa 20.000 an, hauptsächlich alleinstehende Männer. Davon wiederum wird eine unbekannte Zahl den Zustand nicht freiwillig gewählt haben und auch nicht als erstrebenswert empfinden. Doch auch diese Menschen gehen den endgültigen Schritt in die Freiheit (im Wildtier-Sinne, also völlige Loslösung von Gesetzen und sozialen Verpflichtungen) kaum jemals, sondern verbleiben fast immer lieber in einer niedrigen sozialen Stellung innerhalb der Zivilgesellschaft. Sicher hinkt dieser Vergleich. Aber Wildtiere kennen, auch das steht fest, keine Naturromantik. Freigelassene Delfine oder Menschenaffen sind oft auf Lebenszeit auf menschliche Unterstützung angewiesen. Und kein wildlebendes Tier ist „zu stolz“, sich anfüttern zu lassen.

Dieser Rote Neon ist ein Nachzuchttier; in der Natur lebt kein Neon länger als ein Jahr, im Aquarium können sie ein Vielfaches dieses Alters erreichen.

Wenn Naturromantiker sich als Tierschützer oder Tierrechtler erklären und aus ihrer sehr vereinfachten Sicht auf die Dinge ein allgemeines Wildtierhaltungsverbot fordern, so ist dieses Verhalten weder ethisch-moralisch hochstehend noch philosophisch zu Ende gedacht. Letzendlich bleibt es eine individuelle Entscheidung, ob man Wildtiere halten möchte oder nicht, also auch, ob man Aquarien und Terrarien betreiben möchte. Niemand hat das Recht, da grundsätzlich hineinzureden.

Finger weg von unserem Hobby!

* Wir wissen, dass Neonfische in einer Fortpflanzungsperiode pro Laichgang zwischen 80 und 120 Eiern legen und das alle 5-6 Tage über einen Zeitraum von mehreren Wochen. In der Natur dürften wegen der schlechten Nahrungslage im Biotop die Zahlen etwas niedriger liegen, daher die relativ niedrig angesetzte Schätzung.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilen, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitge Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Gehören Wildtiere in die Natur?

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