Der Neonsalmler – ein Fisch, der die Welt veränderte

Man findet ihn in jedem Aquariengeschäft der Welt: den Neonsalmler, Paracheirodon innesi. Tausenden von Menschen verhilft er zum Lebensunterhalt, entweder, weil sie ihn züchten, oder, weil sie mit ihm handeln. Er steht für vieles, was die Aquaristik zu einer der schönsten Freizeitbeschäftigungen der Welt macht: Farbenpracht, spielerische Leichtigkeit der Unterwasserwelt, Frieden und Entspannung. Doch so alltäglich wie heutzutage war der Neonsalmler keineswegs immer…

Neonsalmler, wildfarbiger Aquarienstamm, Männchen

Wenn man heutzutage nach Iquitos in Peru will, steigt man einfach in einen Flieger und ist nach wenigen Stunden komfortabler Reise dort. In den 1930er Jahren dauerte eine solche Reise nicht nur viel länger, nämlich einige Wochen, sondern war auch erheblich strapaziöser und mit Gefahren für Leib und Leben verbunden. Es gab kaum wirksame Medikamente gegen die mitunter tödlichen Tropenkrankheiten. Iquitos lag, man entschuldige die drastische Ausdrucksweise, am Arsch der Welt. Kein Wunder, dass dort keine Zierfischfänger unterwegs waren. Der Neonsalmler wurde nur durch einen Zufall entdeckt. Auguste Rabaut, Abenteurer und Naturaliensammler aller Art, war eigentlich Schmetterlinge sammeln, als eine Indiofrau ihn auf den Neonsalmler aufmerksam machte. Rabaut hatte genug Instinkt, hier ein Geschäft zu wittern.

Neonsalmler, wildfarbiger Aquarienstamm, Weibchen

Luxuriöser Fischtransport
Obwohl Rabaut kein Aquarianer war und nur über höchst provisorische Transportmöglichkeiten verfügte, gelang es ihm, 13 Neonfische lebend nach Paris zu der Firma Lepant zu schaffen, wo sie von J. S. Neel in Empfang genommen wurden. Neel erfand den Namen Neonfisch. Die Tiere wurden für unfassbare 6.500 $ an die Deutschen Hugo Schnell und Walter Griem nach Hamburg verkauft. Das war 1935. Fünf dieser Tiere wurden im Juli 1936 mit dem Zeppelin “Hindenburg” für das Shedd Aquarium in Chicago in die USA geschickt. Nicht ohne Hindernisse, denn der Transport lebender Tiere an Bord eines Luftschiffes war verboten. Walter Chute vom Shedd hatte Fred Cochu mit der Aufgabe betraut. Der löste sie, indem er die Kanne mit den Neonfischen als “Fischkonserve” deklarierte. Von den fünf Tieren kam nur eines lebend in Lakehurst an, dem Luftschiffhafen, an dem die “Hindenburg” ein Jahr später, also 1937, explodieren würde. Hier wurde der Neonfisch mit großem Presserummel empfangen und ging mit einer eigens gecharterten DC-3 der TWA weiter nach Chicago. Der Transport kostete 3.000 $ und war wohl der teuerste Fischtransport aller Zeiten.

Albino-Zuchtform des Neonsalmlers

Ein Fisch wird “getauft”
Doch der “letzte Mohikaner” fand ein begeistertes Publikum und bekam endgültig seinen bis heute verwendeten Populärnamen: Neonsalmler. Wissenschaftlich beschrieben wurde der Neon 1936 von dem Amerikaner George Sprague Myers, einem der führenden Fischkundler seiner Zeit, der konservierte Tiere die er von William Thornton Innes III, dem Herausgeber der seinerzeit bedeutendsten amerikanischen Aquaristik-Zeitschrift, erhalten hatte. Innes wiederum hatte konservierte Tiere von Rabaut aus Paris mit der Bitte um Bestimmung erhalten. Es handelte sich also um Exemplare des Erstimportes. Myers benannte den Neon zu Ehren von Innes als Hyphessobrycon innesi. Der Fundort, den Rabaut selbstverständlich geheim hielt, wurde mit “Umgebung von Iquitos” angegeben.

Schleierflossige wildfarbene Zuchtform des Neonsalmlers.

Wettlauf um einen Fisch
Es folgte ein Rennen. Jeder wollte diesen Wunderfisch haben. Der Import versprach gewaltige Gewinne. Und man ging davon aus, dass der Neon sich bald nachzüchten lassen und dann im Preis erheblich fallen würde. Nur die ersten, die ihn bekämen, würden ein großes Geschäft machen. Über diesen Wettbewerb wurde sogar ein kleiner Roman geschrieben: Werner Ladiges, Ichthyologe in Hamburg und langjähriger Mitarbeiter des Zierfischimporteurs “Aquarium Hamburg”, schrieb aus seiner Erinnerung die erregende Entdeckungsgeschichte des Neons auf: “Schwimmendes Gold vom Rio Ukayali”. Die Deutschen gewannen übrigens das Rennen…

Der Fisch will nicht schlüpfen
Doch der Neon erwies sich hinsichtlich der Zucht als eine schwer zu knackende Nuss. Die Fische laichten durchaus willig, doch die Eier entwickelten sich nicht. Dann kam der 2. Weltkrieg und die deutsche Aquaristik kam praktisch zum Erliegen und damit auch alle Zuchtversuche mit Neonsalmlern. Erst nach dem Ende des furchtbaren Krieges konnten sich die Aquarianer wieder Zuchtversuchen widmen. Man fand heraus, dass es die Kombination von sehr weichem Wasser (KH unter 0,3° dH), Huminsäuren, einem pH-Wert zwischen 6,2 und 6,8, relativ niedrigen Temperaturen (Laichtemperatur 23-24°C, Hälterungstemperatur 18-22°C) und Dunkelheit (der Laich ist äußerst lichtempfindlich) war, die für die erfolgreiche Zucht entscheidend ist. Stimmt auch nur einer der Parameter nicht, ist ein Zuchtversuch zum Scheitern verurteilt.

Schleierflosige Zuchtform des xanthoristischen Lutino-Neonsalmlers ”Mon Cherie”

Händewaschen nicht vergessen!
Doch nicht nur die Bedeutung der Wasserchemie für die Fischzucht erlernte man am Neonsalmler. Ein Sporentierchen, Plistophora hyphessobryconis, der Erreger der gefürchteten und bis heute unheilbaren “Neonkrankheit” (sie befällt auch eine ganze Reihe anderer Fischarten, jedoch sind Neons besonders empfänglich) raffte ganze Bestände der kostbaren Fischlein dahin. Dieses Sporentierchen befällt die Skelettmuskulatur, die daraufhin abstirbt. Es zeigte sich, dass peinliche Hygiene bei der Aufzucht der Neons einzuhalten war, wenn man dieser Seuche Herr werden wollte. Und so entwickelten die Aquarianer Pflegeprotokolle für die Aufzucht von Neonsalmlern (regelmäßiges Absaugen des Bodengrundes, häufige Teilwasserwechsel), durch die die Neonkrankheit in den Griff zu bekommen war. Solche Pflegemaß nahmen sind für Sie ganz selbstverständlich? Damals war es das noch nicht! Es gab damals durchaus noch viele Anhänger der Altwasseraquaristik, die jeden Tropfen gereiften Aquarienwassers für kostbar hielten. Dass wir heute so viele empfindliche Arten routinemäßig im Aquarium pflegen und züchten können verdanken wir ganz wesentlich den an dem Neonsalmler gemachten Beobachtungen und Erfahrungen.

Xanthoristische Lutino-Zuchtform des Neonsalmlers ”Mon Cherie”.

Ungeklärte Familienverhältnisse
Wildfänge des Neonsalmlers kommen heutzutage kaum noch auf den Markt, 99,9% der gehandelten Tiere sind Nachzuchten. Dabei hat man in der Zwischenzeit sogar neue Vorkommen des zierlichen Tieres entdeckt. Außer den klassischen Fundorten am Ucayali sind auch Fangplätze am Rio Purus und am Rio Putumayo bekannt geworden. Ob diese bis zu 1500 km voneinander entfernten Populationen genetisch unterschiedlich sind, wurde bislang nicht untersucht. Es ist aber zu vermuten, denn in den letzten Jahren ist eine ganze Reihe von auffälligen Zuchtformen beim Neonsalmler entstanden, wie der “Diamondhead”, der ein leuchtendes Köpfchen und eine Ausdehnung der Rotfärbung des Bauches in den Rücken aufweist. Oder die goldfarben-transparenten Lutinos, die fast wie Geisterfische wirken. Diese Zuchtformen wurden auch bereits auf schleierflossige Tiere gezüchtet, deren Ursprung wohl in den 1980er Jahren liegt, was jedoch leider (wie von so vielen Zuchtformen) nicht in der Literatur dokumentiert ist. Jedenfalls ist ein gehäuftes Auftreten solch ungewöhnlicher Abweichungen oft ein Anzeichen dafür, dass verschiedene Arten, Unterarten oder Populationen gekreuzt wurden.

Der Diamondhead-Neonsalmler ist eine sehr beliebte Zuchtform, die erst in den letzten Jahren entstand.

Ein “goldiger” Parasit
Keine Zuchtform und nur als Wildfang erhältlich ist der Goldene Neon. Die Goldstaubkrankheit ist eine Hautreaktion auf die Infektion mit den Larvenstadien parasitischer, wirtswechselnder Saugwürmer (Metacercarien). Viele Salmler bekommen das. Die Infektion an sich ist harmlos, vermutlich werden aber die goldfarbigen Fische leichter Opfer von fischfressenden Vögeln, den Endwirten der Würmer. Die Nachkommen von Gold-Neons sind immer Normalfarben, da sie ja nicht mit den Metacercarien infiziert sein können. Dazu müssten sie den Kot infizierter Vögel fressen, der Aquarianern aber nicht zur Verfügung steht. Darum kann man bei Gold-Neons immer davon ausgehen, dass es sich um Wildfänge handelt. Die goldenen Tiere behalten diese Färbung zeitlebens, sie sind durch die eingekapselten Metacercarien in keinster Weise behindert und können genauso alt werden, wie normalfarbige Artgenossen.

Neonsalmler mit der Goldstaubkrankheit. Solche Fische sind immer Wildfänge.

Dieser Fisch ist einfach verführerisch
Die Welt hat sich seit der Entdeckung des Neonfisches verändert. Iquitos besitzt einen internationalen Flughafen. Der Neonsalmler wurde in eine andere Gattung überführt und heißt jetzt Paracheiroden innesi. Die Aquarienkunde hat einen Wissensstand erreicht, dessen Ausmaß man sich in den 1930er Jahren nicht hätte träumen lassen. Doch eines hat sich in den 78 Jahren seit der Entdeckung des Neonfisches nicht geändert: er ist und bleibt einer der schönsten Fische der Welt und zahllose Aquarianer kamen durch den Wunsch, solche Juwelen bei sich zuhause zu pflegen zum Hobby. Hoffen wir, dass es noch lange so bleibt!

Schleierflossige Zuchtform des Diamondhead-Neonsalmlers
Die besondere Farbverteilung des Diamondhead-Neonsalmlers ist in dieser Perspektive besonders gut zu erkennen.

Frank Schäfer

Literatur:

Ladiges, W. (1973): Schwimmendes Gold vom Rio Ukayali. Wuppertal, 85 pp.

Voigt, W. (2005): Auguste Rabaut. Das Aquarium 428: 4-5

Warecka, W. (o.J.): Bunte Amazonienser erobern die Welt. Kataloge des OÖ. Landesmuseums. Neue Folge Nr. 61: 495-498

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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