Wer kennt das Volk der Mollienser?

Wir schreiben das Jahr 1820, es ist der 19. Dezember. Wir besuchen die Versammlung der Naturwissenschaftlichen Akademie in Philadelphia, Pennsylvania, USA. Der französische Naturforscher, Maler und Entdecker Charles Alexandre Lesueur, der durch seine Teilnahme an der franzö­sischen Baudin-Expedition zur Erforschung der australischen Küste (1800-1803) Weltruhm erlangte, lebt zu dieser Zeit in Philadelphia. Er hält einen Vortrag, in dem er neu entdeckte Fische vorstellt. Darunter ist ein ganz außergewöhnlicher, kleiner Fisch mit riesiger Rückenflosse. Lesueur stellt für ihn die neue Gattung Mollienesia auf, benannt zu Ehren des französ­ischen Finanzministers Nicolas François, Count Mollien, einem – wie Le­sueur sagt – Mann der Wissenschaft und Förderer des berühmten Peron.

Ein wildfarbener Segelkärpfling (Poecilia velifera) balzt vor einem Weibchen.

So fängt sie an, die Geschichte der Mollienser. Heute schwimmen sie in jedem Zooladen der Welt für wenig Geld herum und man nennt sie “Mollies” oder ”Mollys”.  Kaum jemand weiß noch, warum sie so genannt werden. Und nur wenige Menschen wissen Mollies – oder wollen wir sie nicht lieber doch Mollienser nennen? – wirklich zu schätzen. Man hält sie für einfache Anfängerfische, an denen es nichts Beson­de­res zu studieren gibt. Das ist jedoch völliger Unsinn!

Wieviele Arten gibt es?

Viele! Aber eine exakte Zahl kann man leider nicht nennen. Das liegt daran, dass die Mollienser sowohl körperlich wie auch farblich sehr variabel sind. Wie alle Dinge ist auch die Sichtweise darauf, was überhaupt eine “Art” ist, einem ständigen Wandel unter­worfen. Viele der im 19. Jahrhundert be­schrieb­enen Arten wurden von späteren Bear­beitern wegen zu großer anatomischer Übereinstimmungen zu Synonymen erklärt. Heutzutage, da man die Biologie der lebenden Tiere besser studieren kann, neigt man wieder dazu, wieder mehr Arten anzuerkennen und beschreibt auch neue Arten. Von den kurzflossigen Molliensern, aus denen der bekannte Black Molly gezüchtet wurde, gibt es etwa 13 Arten. Von den eigentlichen Molliensern mit der riesigen, segelförmigen Rückenflosse beim Männ­chen, gibt es drei Arten: den Breit­flossen­kärpfling, M. latipinna, der im Südwesten der USA und im Norden Mexikos lebt, den Segelkärpfling, M. velifera, der auf der Halb­insel Yucatan in Mexiko lebt, und der Schwertmolly, M. kykesis (früher: M. peten­ensis), der in Mexiko vom östlichen Tabasco bis nach Guatemala (Umgebung des Sees Peten) lebt. Die Artunterscheidung ist nicht einfach und an den Grenzen der jeweiligen Verbreitungsgebiete kommt es wohl auch gelegentlich zu Hybriden. Die Gattung Mollienesia wurde 1960 als eigenständige Gattung eingezogen und gilt heutzutage nur noch als Untergattung zu Poecilia.

Gescheckte Exemplare (”Dalmatiner”) treten manchmal auch bei wildlebenden Molliensern auf.

Die eigentlichen Mollienser

Betrachten wir also zunächst diese Arten mit den segelartigen Flossen. Bei ihnen setzt die Rückenflosse vor der Bauchflosse an, daran kann man auch die Weibchen sofort von anderen Molliensern unterscheiden. Robert Rush Miller, der sich viel mit den Mollies Mexikos beschäftigte, gibt folgenden Bestimmungsschlüssel (aktualisiert und modifiziert):

1. 16 Schuppen um den Schwanzstiel (Wert unzuverlässig, wenn die Schuppen Rege­nerate sind); 12-16 Strahlen in der Rückenflosse….. Poecila latipinna

1a.  20 Schuppen um den Schwanzstiel (Wert unzuverlässig, wenn die Schuppen Regenerate sind); 12-21 Strahlen in der Rückenflosse….. 2

2. 16-21 Strahlen in der Rückenflosse, selten 15, gewöhnlich 17-19; gewöhnlich 26 oder 27 Schuppen in der Seitenlinie; Körper kurz und gedrungen; die Flossenmembranen zwi­schen den Flossenstrahlen der Rückenflosse beim Männchen unterhalb der Flossenkante mit länglichen, dunklen Flecken; die vorderen zwei Drittel der Flosse mit vielen, runden, leuchtend blauen Punkten …. Poecilia velifera

2a. 12-16, gewöhnlich 14, gelegentlich 15 Strahlen in der Rückenflosse; gewöhnlich 28 oder 29 Schuppen in der Seitenlinie; Körper schlanker, gestreckter; die Flossenmem­branen zwischen den Flossenstrahlen der Rückenflosse beim Männchen in der Mitte der Flosse mit einer Reihe ovaler Flecken; untere Hälfte der Flosse mit dunklen, wellenartigen Strichen oder Mustern, ohne blaue Punkte….. Poecilia kykesis

Jede dieser drei Arten kann fast 10 cm Länge erreichen (ohne Schwanzflosse), sie gehören also zu den größten Lebendgebärenden Zahnkarpfen. Die gelegentlich in der aquaristischen Literatur genannten “bis zu 20 cm” sind aber wohl stark übertrieben. Die Tiere leben gewöhnlich in Küstennähe. Dort findet man sie in Süß-, Brack- und Meer­wasser. Im Aquarium stellen alle drei Arten höchste Ansprüche an das Können des Aquarianers. Jede Verschlechterung der Wasserverhältnisse im Sinne von organischer Verschmutzung oder bakterieller Belastung quittieren die Fische mit Flossenklemmen. Schaukelnde Bewegungen zeigen dann ihr Unwohlsein an. Die dauerhafte Zucht über Generationen hinweg dürfte unter Innen­raum-Bedingungen bisher kaum je geglückt sein. Ganz anders sieht das aus, wenn die Tiere wenigstens für einige Wochen im Jahr im Freiland gepflegt werden können. Dann entwickeln sich auch im Aquarium die prächtigen Riesenflossen der Männchen, während unter Zimmerbedingungen oft­mals schon in zweiter oder dritter Generation nur noch früh geschlechtsreif werdende Zwergmännchen die Regel darstellen.

Selbstgezüchtete Segelkärpflings-Männchen bleiben leider oft mickrige Frühmännchen.

Allerweltsfische?

Diese Aussagen scheinen in krassem Gegensatz dazu zu stehen, dass zumindest P. latipinna und P. velifera fast ständig und zu billigen Preisen im Zoofachhandel zu er­stehen sind. Und es gibt sogar eine Menge Zuchtformen dieser Tiere, schwarze, goldene, silberfarbene, schokoladenbraune mit roten Augen, gescheckte und alle diese in der Natur nicht vorkommenden Spielarten auch noch mit lyraförmiger Schwanzflosse. Wie kann das sein? Nun, zwar sind alle diese Tiere Nach­zuchtexemplare (es gibt sie in der Natur ja gar nicht), aber die Nachzucht erfolgt in großem Stil in Freilandteichen in den Tropen. Hier leben diese Tiere wie in freier Natur unter freiem Himmel. Berühmte Zuchtzentren sind SriLanka, Thailand, Singapur und Malaysia. Von dort kommen die herrlichen Fische dann per Flieger zu uns in die Aquarien. Hier muss man sie sorgfältiger behandeln als Wildfänge. Denn Wildfänge sind von Natur aus robust, 99% aller in der Natur geborenen Tiere sterben vor Erreichen der Geschlechtsreife. Wer da durchkommt, ist stabil und nicht sonder­lich empfindlich. Anders die “ver­wöhnten” Nachzuchttiere. Hier werden so viel Jungtiere wie nur möglich großgezogen, Krankheiten behandelt und Feinde fern­ge­halten. In den Teichen Asiens leben die Mollienser wie im Paradies. Und bei uns? Hier werden sie oft sehr dicht gesetzt, das heißt: viele Fische auf wenig Wasser. Das fördert Krankheiten. Und so muss man frisch ge­kaufte Mollienser wirklich wie die berühmten rohen Eier behandeln und sehr sorgfältig aufpeppeln. Ein kräftiger Salzzusatz (ca. 5 Gramm Meersalz/Liter) tut dabei oft gute Dienste. Man muss aber ein solches salziges Aquarium erst einige Wochen ohne Fische betreiben, damit die wichtigen Filterbak­terien sich an den erhöhten Salzgehalt an­passen können. Wer ein Seewasser­aquarium (oder einen Bekannten mit Seewasser­aqua­rium) hat, kann diese Zeit sehr abkürzen: einfach die schmutzige Filterwatte des See­was­ser­aquariums im Mollienser-Aquarium kräftig ausschwenken. Nach ein bis zwei Tagen, wenn das Wasser wieder kristallklar ist, können die Mollienser einziehen.

Gold Lyra

Das Wasser

Salzzusatz muss nicht unbedingt sein. Das Wasser für Mollienser sollte aber hart sein, mindestens 15° GH, und der pH-Wert sollte stabil knapp über 8 liegen. Säurestürze vertragen diese Fische überhaupt nicht! Viel Licht ist angesagt, damit sich Algen ent­wickeln. Denn Algenkost brauchen sie, die Mollienser. Ohne Algen werden sie fett und kränkeln. Nachts sollte man den Heizer ausschalten. Eine Temperaturschwankung von 3-4°C imTag-Nacht-Rhythmus tut den Tieren sehr gut. Obwohl Mollienser es allgemein warm mögen (sie leben in der Natur meist in flachem Wasser), stellt man immer wieder fest, dass Tiere, die man im Herbst aus der Sommerfrische holt, auch bei 16-18°C noch sehr fit und beweglich sind. So etwas darf man natürlich nicht mit frisch erworbenen Exemplaren machen, die hält man die ersten 6-8 Wochen unbedingt bei 28-30°C, auch, weil sich bei diesen hohen Temperaturen viele Krankheitserreger der Fische nicht wohl fühlen. Während der Einge­wöhnung sollte man das Wasser auch kräftig durchlüften. Bei hohen Temperaturen kann es sonst leicht zu Sauerstoffmangel kommen.

Der Silbermolly, eine Zuchtform von Poecila latipinna, ist wohl die am häufigsten in Handel erhältliche Form der großflossigen Mollienser

Immer nur einen Mann!

Mollienser sind Kämpfer. Lassen Sie sich bloß nicht täuschen, wenn Sie etliche Männchen im Zooladen friedlich beieinander schwim­men sehen. Zuhause ginge das auf Dauer nicht gut. Wenn Sie mehrere Aquarien be­treiben, ist es praktisch, wenn Sie drei Männ­chen und eine Gruppe Weibchen kaufen. Die Tiere werden zusammen eingewöhnt. Wenn dann die Kämpfe losgehen, fischen Sie die unterlegenen Männchen ab und bringen sie als Backup für den Fall, dass dem Pascha etwas passiert, in anderen Aquarien unter. Gegenüber anderen Fischen sind die Mollienser absolut friedlich nur andere Mollies dürfen es nicht sein und auch Schwertträger (Xiphophorus hellerii und Kon­sorten) sind keine gute Wahl. Aber Salmler, Barben, Welse, Zwergbuntbarsche und Labyrinther haben nichts von Molliensern zu befürchten.

Segelkärpfling ”Roter Leopard”

Mollienserinnen ohne Kerl

Kaum eine zweite Fischgruppe hat es in Sachen Emanzipation so weit gebracht wie die Mollienser. Hier gibt es tatsächlich eine Art, den Amazonenmolly (Poecilia formosa), die ausschließlich aus Weibchen besteht! Amazonenmolly-Damen brauchen den Sex nur noch, damit sich die Eier entwickeln. Sie gebären ausschließlich Töchter und die Töch­ter sind Klone der Mutter, haben also vom genetischen Material des Vaters rein gar nichts mitbekommen. Als Samenspender kann jeder x-beliebige Mollienser dienen, da sind die Amazonenmollies nicht wählerisch. In der Natur sind es wohl in erster Linie P. lati­pinna und der kurzflossige P. mexicana, den P. formosa benutzen. Aus diesen beiden Arten hat sich der Amazonenmolly ursprünglich wohl als Hybrid entwickelt. Die genetischen Grundlagen einer solchen “nur-Weibchen-Art” sind kompliziert und die wissen­schaftliche Literatur darüber umfasst viele hundert Seiten. Es würde an dieser Stelle viel zu weit führen, sie zu erläutern. Leider sind diese Amazonenmollies nicht im Hobby vorhanden. Sie sehen einfach zu fad aus.

Die kurzflossigen Mollienser

Die Pflege und Zucht der kurzflossigen Black Mollies, Gold Dust, Marble & Co. sind wesentlich einfacher als bei den Groß­flossern. Aber auch über sie gibt es eine Menge spannender Geschichten.

Moderner Black Molly, Männchen

Widmen wir uns nun dem Black Molly!

Allerdings: gibt es ihn überhaupt, ”den” Black Molly? Oder ist es nicht vielmehr so, dass es eine ganze Reihe von schwarzen Molliensern gibt, mit ganz unterschiedlichen Stammeltern?

Letztere Situationsbeschreibung trifft sicher eher zu, als ”den” Black Molly als ”schwarze Zuchtform des Spitzmaulkärpflings, Poecilia sphenops” zu definieren, wie es in zahl­reichen Aquarienbüchern gehandhabt wird.

Zahlreiche Wildarten

In der Wissenschaft gibt es, wie überall, Modeerscheinungen.  Die Erforschung klei­ner Süßwasserfische ist eine recht junge Disziplin der Biologie. Ernsthaft beschäftigt man sich damit erst seit etwa 200 Jahren. In dieser Zeit veränderte sich die Welt radikal. Setzen wir eine menschliche Generations­folge einmal mit 35 Jahren an, so haben sich in nur rund 6 Generationen die Staatsformen von Monarchien zu Demokratien gewandelt; erst vor 3 Generationen begann sich der Ge­danke des Darwinismus durchzusetzen; etwa zeitgleich entstand die Aquarienkunde als Folge der industriellen Revolution und der damit einhergehenden Sehnsucht des Menschen nach der Natur; erst in unserer, der 6ten Generation derer, die sich mit kleinen Fischen beschäftigen, ist ein Blick auf die biologischen Ursachen des Wandels der Arten – also des fortwährenden Aussterbens existierender Arten und des darauf folgenden Entstehens neuer Arten – durch die Molekulargenetik möglich geworden.

Es ist nur logisch, dass sich vor diesem Hinter­grund das Verständnis dessen, was eine ”Art” überhaupt ist, mehrfach geändert hat – und noch oft ändern wird! Die alten Gelehrten, die die ersten Mollienser be­schrie­ben und damit der Welt zur Kenntnis brach­ten, glaubten noch an die Unverän­der­lich­keit der von einem Schöpfergott hervorge­brachten Arten. Mit dem Darwinismus – der übrigens ganz entscheidend davon geprägt wurde, dass man sah, wie stark sich Tiere und Pflanzen verändern können, wenn der Mensch sie planmäßig züchtet – wurde vieles anders. Man glaubte jetzt bei vielen zuvor beschriebenen Arten, es handele sich dabei nur um Varianten und erklärte sie zu Syno­nymen. Große Expeditionen ermöglichten später tiefere Einblicke in die natür­liche Variation und führten zu einer Fülle neuer Beschreibungen bzw. dazu, dass alte Arten wieder für gültig erklärt wurden. Heutzutage geht der Trend dahin, als inter­essanteste biologische Einheit nicht mehr die Art zu sehen, sondern die Popu­lation und innerhalb der Population – also einem lokal umgrenzten Vorkommen einer Art – genetische Trends und Anpassungen zu studieren.

So kam es, dass in dem genannten Zeitraum von ca. 200 Jahren 33 Molly-Arten vom Black-Molly-Typ (Artenkreis Poecila sphenops) be­schrieben, teils synonymisiert und teils wieder in Artrang erhoben wurden.  Als sich die Aquarianer um 1905 mit diesen Fischen zu beschäftigen begannen, achteten sie nicht so sehr darauf, woher ihre ”Spitzmaul­kärpflinge” kamen. Sie kreuzten – teils absichtlich, teils in Unkenntnis der natür­lichen Verhältnisse – die Tiere, die ihnen gerade zur Verfügung standen.

Black Molly, Weibchen einer Zuchtlinie aus Vietnam.

Der erste Black Molly

Welcher Art oder Population die Stamm­eltern der ersten Black Mollies zugehörten, ist darum nur schwer nachvollziehbar. Aller­dings wurde über den schönen Fisch aus­führlich publiziert, so dass im Gegen­satz zu vielen anderen Haus­­tierformen eini­ges über die Ent­stehungs­geschichte bekannt ist. Kurt Jacobs fasst die bekannten Fakten in seinem klassischen Standardwerk ”Die lebend­gebärenden Fische der Süßgewässer”, Edition Leipzig, 1969, zusammen: 1912 und 1929 wurden schwarze Mollienser-Wildfänge nach Deutschland importiert. Diese Tiere waren aber NICHT die Ureltern der Black Mollies. Black Mollies wurden erstmals 1930 nach Deutsch­land aus den USA exportiert. Entwickelt hatte den Ur-Black Molly der Züchter Crescenty aus New Orleans, angeb­lich in 7-jähriger Auslesezucht aus ”Mollien­isia formosa”.  Diese ersten Black Mollies waren kleinwüchsig (Männchen 4-5 cm, Weibchen 5-6 cm) mit flacher, eckiger Rücken­­flosse; sie warfen immer nur wenige, meist 2-20, selten bis 60 Jungtiere. Die Tiere galten als äußerst empfindlich und schwierig in der Zucht. Durch Kreuzung mit dem ”Liberty Molly”, einer in der Natur wild vorkommenden Molly-Form, erzielte man den ”Liberty Black Molly”, der ähnlich in Größe und Wurfzahl war, jedoch grün glänzende Schuppen und eine abgerundete Rücken­flosse besaß.

Wildform des ”Liberty Molly”, Poecilia salvatoris. Manche Wissenschaftler halten P. salvatoris für ein Syno­nym von P. gillii, andere für eine Unterart von P. gillii, wieder andere für eine gültige Art.

Mollienisia formosa (Girard, 1859)

Heutzutage versteht man unter diesem Namen den ”Amazonen-Molly”, eine Art, die ausschließlich aus Weibchen besteht (siehe oben). Zur Erinnerung: diese Amazonen brauchen artfremde Männchen, um sich fortzupflanzen. Deren Sperma regt jedoch nur die Entwicklung der Eizellen an, das Erbgut der stets weiblichen Nachkom­men der Amazonen ist identisch mit dem der Mutter; alle Amazonen sind also Klone.

Früher, genauer gesagt ab 1904 bis 1933, ver­stand man unter M. formosa aber eine zwei­ge­schlecht­liche Molly-Form, die aus Mexiko importiert wurde; nun ist Mexiko groß. Aber in einer alten Aquarienzeitschrift, in den ”Blättern für Aquarien- und Terra­rienkunde”, Band 25, Jahrgang 1914 bekommen wir einen Hinweis von Arthur Rachow, wo die Stammeltern des Black Molly gefunden worden sein könnten. Er schreibt nämlich, dass er schwarz gescheckte Mollienser, die C. T. Regan, damals Kurator für Fische in London und die führende Autorität, als ”Mollienisia formosa” bestimmt hatte, aus Panama erhalten hatte. Rachow wusste sogar den ge­nauen Fundort, nämlich Gatun, Kolon. Der Gatun-See ist ein Stausee am atlan­tischen Ende des Panama-Kanals, Kolon heißt heute Colón, es handelt sich um eine Hafenstadt nahe des Gatun-Sees. Der Gatun-See wiederum wird vom Rio Chagres ge­speist. Der Gatun-See ist Typen-Fundort von zwei Arten der Spitzmaulkärpflinge: Poecilia gillii (Kner, 1863) und P. boucardii Steindachner, 1878. Beide werden gegen­wärtig für Syno­nyme zueinander gehalten, der gültige Name ist P. gillii. Eine schwarz gescheckte Variante von Gills Kärpfling könnte also der Fisch gewesen sein, woraus Crescent seinen ersten Black Molly erzüchtete. Allerdings ist es sehr fraglich, ob wir darüber jemals  end­gültige Gewiss­heit bekommen, denn der ursprüng­liche Black Molly ist heutzutage wohl aus­gestorben.

Poecilia gillii, Männchen

Männchen des Fisches, den Arthur Rachow für ”Mollienisia formosa” hielt.
Photo: H. Geidies-Cassel, aus Rachow, 1914

Black Molly – ein Problemfisch?

Seit jeher gelten Black Mollys als empfind­liche Tiere. Sie sind wärmeliebend (24-28°C) und brauchen gereiftes (”altes”) Wasser mit sehr niedrigem Gehalt an Bakterien und Stickstoffverbindungen. Das Wasser sollte zudem relativ hart (über 15°  GH) und leicht salzig sein (ein Teelöffel jodfreies Kochsalz oder Meersalz auf 10 Liter Wasser). Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Wenn in einem Gesellschafts­aquarium die Wasser­wer­­te in den subopti­malen Bereich zu kom­men drohen, sind es die Black Mollies, die als erste durch Flossen­klemmen und Körper­schaukeln darauf auf­merk­sam machen. Man könnte sie geradezu als Bioindikatoren für gutes Wasser bezeich­nen, jedenfalls für gutes Wasser in den chemischen Bereichen, in denen sich die Black Mollies wohlfühlen. All das spricht tatsächlich dafür, dass Gills Molly bei der Entstehung des Black Molly zumindest stark beteiligt war; denn Gills Molly gilt fast schon als Brackwasserfisch, obwohl er grundsätzlich alle Gewässertypen von der Mündung bis ins Bergland (1200 m) besiedeln kann. Alle Brackwasser­fische zeigen bei Abwesenheit von Salz eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Nitrit und Nitrat. Und sie können pH-Werte unter 8 kaum ertragen. Noch ein interessantes Detail spricht für Gills Molly als Stammvater des Black Molly: in Brackwasserbreichen werden Gills Mollies bis zu 10 cm lang (Männchen bleiben immer kleiner), was auch Rachow von seinen Tieren sagt. In reinem Süßwasser blei­ben sie hingegen deutlich kleiner, genau wie die frühen Black Molly-Stämme!

Als ”Marble Ancient” (= marmorierte Urform) wird dieser Molly in Singapur gezüchtet. Es gibt derartig gefärbte Tiere auch in freier Natur, z.B. im Rio Grijalva in Mexiko.

Marble Ancient, Weibchen

Heutzutage gibt es allerdings Black-Molly-Stämme, die diese Empfindlichkeit kaum noch aufweisen. Die Züchtereien waren diesbezüglich nicht untätig. Welchen Ur­sprung diese ”süßen” Black Mollies haben, ist nicht bekannt. Vermutlich sind Poecilia mexicana und P. sphenops an ihrer Ent­stehung beteiligt, vielleicht aber auch reine Süßwasserpopulationen von P. gillii.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.