Das Geheimnis der Odessabarbe

Um 1980 begann ein wunderschöner kleiner Fisch seinen Siegeszug durch die Aquarien in aller Welt. Informationen über die Herkunft der Tiere waren nicht erhältlich, doch führten alle Spuren in die ehemalige UdSSR.

Odessabarbe, Pethia padamya, Wildfangmännchen

Nach Jaroslav Elias (2000) wurde die Art erstmals 1971 auf dem Zierfischmarkt von Odessa im Süden der Ukraine an der Schwarzmeerküste angeboten, doch erregten die unscheinbaren Jungtiere keine besondere Aufmerksamkeit. Darum stellte der Verkäufer später ausgewachsene Männchen aus und von da an fanden die Tiere reißenden Absatz. Zunächst kamen sie in die DDR, wo sie 1973 allgemein verbreitet waren, später auch in die Tscheslovakei (1974) und schließlich auch in den Westen, wo sich dann die Berufszüchter in Südostasien des Tieres annahmen. Die Herkunft der Odessabarbe blieb aber ein Geheimnis. War es eine Zuchtform? Eine Mutante? Oder doch ein Wildfisch unbekannter Herkunft?

Es wurde viel über den geheimnisvollen Ursprung der herr­lichen Barbe spekuliert. Meist glaubte man in ihr eine Zuchtform oder Variante der Sonnenfleckbarbe, Barbus ticto (heute: Pethia ticto), zu sehen. Dieser Fisch hat freilich nur ganz ober­flächlich Ähnlichkeit mit der Odes­sa­barbe, die auch gelegentlich als Rubin­barbe bezeichnet wird. Andere Kandidaten waren die Prachtbarbe (Pethia conchonius), die Sonnenfleckbarbe (P. stoliczkanus) und die Ceylonbarbe (P. cummingii), wobei letztere, den Untersuchungen von Stanilav Frank (1974) der Odessabarbe anatomisch am ähnlichsten ist.

Altes Männchen, Aquarienstamm

Den rührigen Aquarienfischexporteuren in Singapur haben wir die Auflösung dieses Rätsels zu verdanken. Im Jahr 2001 wurden erstmals Wildfänge exportiert. Die Odessa­barbe ist keine Zuchtform sondern ein Wildfisch aus Burma! Sven O. Kullander und Ralf Britz haben die Art im Oktober 2008 formell beschrieben, sie heißt jetzt richtig Pethia padamya. Verbreitet ist sie im Einzug des Chindwin-Irrawaddy-Beckens.

Der erste Wildfang, 2001 aus Singapur exportiert, Männchen

Der erste Wildfang, 2001 aus Singapur exportiert, Weibchen

Kommt gemeinsam mit Pethia padamya vor: die Sonnenfleckbarbe, P. stoliczkanus, Wildfang, der zusammen mit den ersten Wildfang-Odessabarben 2001 aus Singapur exportiert wurde.

Sehr interessant ist die Tatsache, dass die Odessabarbe in den vergangenen über 45 Jahren wohl nur in Inzuchtstämmen gezüchtet wurde und trotzdem kaum ein Unterschied zu den Wildfängen festzustellen ist. Die Wildfänge sind lediglich etwas kleiner und zierlicher, aber das ist grundsätzlich bei fast allen Wildfischen im Vergleich zu Nachzucht­tieren der Fall. In der Natur ist der Tisch nun mal bei weitem nicht so reichlich gedeckt wie im Aquarium. Doch beweist dieser Fall einmal mehr, dass Erhaltungs­zuchten von Kleinfischen im Aquarium ohne Degenerationserschein­ungen über Jahrzehnte problemlos möglich sind.

Pethia stoliczkanus wurde als Kandidat für die Stammform der Odessabarbe angesehen – ein Irrtum, wie man heute weiß.

Pethia stoliczkanus, Männchen im Aquarium

Odessa­barben werden 5-6 cm groß. Berichte von wesentlich größeren Tieren sind wohl auf Verwechslungen mit anderen Arten zurückzuführen. Es sind ausgezeichnete Aquarienfische, die in Schwärmen von 10-15 Exemplaren gehalten werden sollten. Tut man das nicht, so muss man damit rechnen, dass die sehr verspielten Tiere andere Fische und zarte Pflanzen anknabbern, wie man das auch von der Sumatrabarbe, Puntigrus anchisporus, her kennt.

Besonders schön werden sie, wenn man sie eine Zeitlang im Gartenteich unterbringt, was in gemäßigten Zonen etwa von Mai bis Oktober möglich ist. Die untere Temperaturtoleranz liegt bei etwa 12°C.

Pethia ticto aus Indien wurde bis 2000 am häufigsten für die Stammart der Odessabarbe angesehen.

Die Männchen sind deutlich schlanker und auch etwas kleiner als die Weibchen. Die Männchen sind farblich zudem leicht durch den prächtigen roten Seiten­streifen von den Weibchen zu unterscheiden.

Zur Zucht sollte man die Geschlechter etwa zwei Wochen vor dem geplanten Zuchtansatz trennen und gut mit Lebendfutter versorgen, wobei Wasserflöhe und Hüpferlinge ein wichtige Rolle spielen. Die Wasserwerte sind zwar grundsätzlich von untergeordneter Bedeutung – abgesehen davon, dass Odessabarben Frischwasser sehr schätzen, weshalb man vor dem unmittelbaren Zuchtansatz zwei bis drei Wochen den üblichen wöchentlichen Teil-Wasserwechsel aussetzt, weshalb das Frischwasser im Zuchtbecken besonders stimulierend ist – doch die Erfahrungen der alten Praktiker zeigten, dass ein pH-Wert von 6,3-6,9 bei einer Gesamthärte von 5-7°dH besonders günstig ist. Sie empfehlen den paarweisen Ansatz. Im Zuchtbecken, das 15-20 Liter Inhalt aufweisen sollte, stellt man die Temperatur auf 24-27°C ein; wichtig ist, dass die Fische zuvor, also in der Trennungsphase in der kräftig gefüttert wird, jedoch mit dem Wasserwechsel ausgesetzt wird, die Wassertemperatur deutlich niedriger, bei 18-20°C liegt.

So behandelte Odessabarben laichen meistens am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang wie auf Bestellung ab, wenn man sie abends in das Zuchtbecken einsetzt. Das Männchen treibt sehr stark, abgelaicht wird in feinfiedrigen Pflanzen (Tausendblatt, Myriophyllum, ist ideal, es eignen sich aber auch andere Pflanzen, wie Javamoos oder die leider kaum erhältliche Nitella). Wer Wert auf eine zahlenmäßg große Nachzucht legt bringe einen Laichrost oder eine bodendeckende Schicht ca. haselnussgroßer Kieselsteine oder Murmeln ein, denn die Eltern sind Laichräuber. So können mehrere hundert Jungtiere vom Initialansatz erzielt werden. Einmal in Laichstimmung gebracht kann man das Paar etliche Tage täglich ablaichen lassen, dann bringen sie aber nur noch – gute Fütterung vorausgesetzt – 50-100 Eier pro Tag.

Die Aufzucht der winzigen Jungtiere ist mit keinen besonderen Schwierigkeiten verbunden, allerdings eine Fleißarbeit, denn um gut gewachsene Odessabarben, die weder verfettet noch verzwergt sind, zu erhalten, muss mehrfach täglich gefüttert werden und täglich ein großer Wasserwechsel durchgeführt werden, bei dem man gründlich den Boden absaugt. Ein paar Schnecken helfen sehr, hygienisch gute Verhältnisse zu schaffen.

Frank Schäfer

Zitierte Literatur:

Elias, J. (2000): Die Odessabarbe, Barbus ticto. Das Aquarium 11/2000: 28

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Das Geheimnis der Odessabarbe

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