Der Blaue Fadenfisch – Teil 1: Abstammung & Mutationen

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Blaue Fadenfische werden heutzutage auf der ganzen Welt gezüchtet. Dies ist ein Männchen aus Hongkong.

Man findet ihn in jedem Zoogeschäft der Erde und kann ihn für wenig Geld kaufen, den Blauen Fadenfisch. Er scheint also etwas ganz alltägliches und uninteressantes zu sein. Alltäglich – vielleicht.
Uninteressant – ganz und gar nicht!

Beschreibung aus Versehen
Alle diese Millionen und Abermillionen Blauer Fadenfische, die heutzutage in Zoogeschäften schwimmen, stammen von Tieren ab, die 1933 von der in Hamburg ansässigen Firma “Aquarium Hamburg” von der Insel Sumatra importiert wurden. Aquarium Hamburg, gegründet 1926, war seinerzeit einer der weltweit führenden Zierfischgroßhändler, die Firma exportierte u.a. auf einer festgebuchten Dampferlinie in die USA. Die Inhaber der Firma, Walter GRIEM und Hugo SCHNELL, hatten den jungen Biologen Werner LADIGES angestellt, um die Importe aus aller Welt fachkundig zu begleiten und auch, um neue und interessante Arten zu finden. 1934 erschien ein Katalog der Firma “Aquarium Hamburg”, verfasst von Werner LADIGES. Allerdings war LADIGES in Guyana, als der Katalog gedruckt wurde, weshalb der damals sehr bekannte Autor von Fachartikeln in Aquarienmagazinen Christian BRÜNING das Endlektorat übernahm. Beim Blauen Fadenfisch machte BRÜNING dabei einen Fehler, jedenfalls sagt LADIGES später (1957), dass er nie vorhatte, den Blauen Fadenfisch als Art zu beschreiben, sondern lediglich als Varietät vom Punktierten Fadenfisch (Trichogaster trichopterus) und BRÜNING habe bei der Bildunterschrift, die “Trichogaster trichopterus sumatranus” hätte lauten sollen, kurzerhand das “trichopterus” gestrichen.

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In Brasilien ist der Blaue Fadenfisch verwildert. Dies ist ein Wildfang-Männchen von dort.

Ob Versehen oder nicht: die Beschreibung genügt formell allen Anforderungen, die an eine wissenschaftliche Beschreibung zu stellen ist. Trichogaster sumatranus LADIGES, 1934 ist ein regelkonformer, verfügbarer Name im Sinne der Regeln der zoologischen Nomenklatur. Das Publikationsdatum ist 1934, nicht, wie in vielen Büchern zu lesen ist, 1933. Dieser Irrtum geht übrigens auf das deutsche Standardwerk der Aquarienfische aus dieser Zeit, den Arnold-Ahl aus dem Jahr 1936 zurück. Man sieht, die wissenschaftliche Erfassung des Blauen Fadenfisches stand unter keinem glücklichen Stern und ist mit vielen Irrtümern und Fehlern behaftet. Einen kostenlosen Download der Erstbeschreibung finden Sie <<hier>> – denn das Buch – in dem sie erschien, ist selbst in der Deutschen Nationalbibliothek nur in Leipzig einsehbar.

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Dies ist die Zeichnung von LADIGES, die er der Originalbeschreibung des Blauen Fadenfisches beifügte.

Mysteriöse Abstammung
Erstmals nach Deutschland eingeführt hat den Fisch 1933 ein Hamburger Seemann – sein Name ist nicht überliefert – der für die HAPAG fuhr und der die Tiere bei B. BERTHOLD in Medan gekauft hatte. BERTHOLD wiederum hatte diese Tiere tatsächlich aus freier Wildbahn bekommen. Er war Tierhändler der alten Schule, der vom Orang Utan über Tiger, Vögel, Reptilien und Fische so ziemlich jedes Viech lieferte, das bei drei nicht auf dem Baum war. Die Zeichnung der Blauen von LADIGES in dem 1934er Katalog ist nicht gut, vor allem ist die Rückenflosse viel zu weit vorne angesetzt. Im beschreibenden Text von T. sumatranus wird aber nichts dergleichen erwähnt, vielmehr schreibt LADIGES dort, dass der Fisch, bis auf die – allerdings sehr außergewöhnliche Färbung – ganz dem gewöhnlichen Trichogaster trichopterus gleiche, aber “robuster” gebaut sei. Auch später, 1957, wiederholt LADIGES die Tatsache, dass es beim Blauen Fadenfisch “im Habitus mancherlei augenfällige Abweichungen von der bekannten Form” gäbe; leider spezifiziert er das aber nicht. In Aquarianerkreisen werden Blaue Fadenfische bis heute gerne als die “Blauen Zigarren” bezeichnet, denn es gibt auffallend viele Tiere dieser Farbform mit kurzem Kopf und eher walzenförmigem Körper. Bei Weibchen ist das auffälliger als bei Männchen.

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Weibchen des Blauen Fadenfisches, Zuchtstamm aus Hongkong

Es gelang bislang nie wieder, Blaue Fadenfische in der Natur nachzuweisen und man muss davon ausgehen, dass alle heutzutage im Aquarium schwimmenden Blauen Fadenfische auf den ersten Import 1933 zurückgehen. Allerdings ist es durchaus vorstellbar, dass irgendwann zwischendurch “normale” T. trichopterus eingekreuzt wurden. Medan, die Hauptstadt der Provinz Nord-Sumatra (Sumatera Utara) liegt am Fluss Deli.

Es wäre wirklich interessant, einmal Wildfänge aus dem Einzug des Deli zu untersuchen, um festzustellen, ob bei dieser Population eine Tendenz zur “Zigarrenform” vorliegt. Allerdings: wer je eine größere Anzahl Wildfänge des Punktierten Fadenfisches (Trichogaster trichopterus) sah, der weiß auch, dass je nach Ernährungszustand und allgemeiner Kondition individuell recht erhebliche Unterschiede feststellbar sind. Wir wissen übrigens recht genau, wie die ersten Blauen aussahen. Bei Aquarium Hamburg fotografierte W. HOPPE (leider weiß ich nicht einmal den vollständigen Vornamen) und dokumentierte auch die Blauen Fadenfische der damaligen Zeit; wir bringen das Bild hier, um zu dokumentieren: seit 83 Jahren gelingt die ununterbrochene Erhaltungszucht dieses Fisches im Aquarium.

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Das historische Foto von HOPPE zeigt den Blauen Fadenfisch, wie er vor dem Zweiten Weltkrieg aussah.

Blaue Mutanten

Pterophyllum scalare

Beim Segelflosser, Pterophyllum scalare, war die blaue Mutation mit Zwergwuchs gekoppelt.

Zumindest die blaue Farbe ist kein Merkmal, das eine Unterart rechtfertigt. Es handelt sich dabei um eine Farbmutation, eine spontane Änderung des Erbgutes. Sie tritt bei ganz unterschiedlichen Fischen auf, ist aber sehr, sehr selten. Gegenwärtig kennt man sie vom Paradiesfisch (Macropodus opercularis) vom Segelflosser (Pterophyllum scalare) und vom Aland (Leuciscus idus). LADIGES erwähnt auch einen blauen Döbel (Squalius cephalus) aus der Würm in Bayern, doch wurde das Tier offenbar nicht zum Aufbau eines Zuchtstammes benutzt. Kürzlich (2009) tauchten erstmals unter 43.000 Nachzuchttieren der Äsche (Thymallus thymallus) 11 blaue Exemplare auf, die jetzt in der Lehranstalt für Fischerei Aufseß gepflegt werden. Es erscheint grundsätzlich also möglich, dass die blaue Mutation bei allen möglichen Fischen auftaucht. Einen eigenen Namen gibt es nicht für diese Mutation, mir ist jedenfalls keiner bekannt.

Der Marmor-Fadenfisch
Es ist geradezu ein Fluch: das Auftreten von Mutationen bei Aquarienfischen ist für gewöhnlich nur extrem schlecht dokumentiert. In einem 1957 erschienenen Buch über Guramis schreibt der Autor, Sol KESSLER, dass etwa 15 Jahre zuvor (also 1942, mitten im 2. Weltkrieg!) in Europa verschiedene, auf Mutation des Punktierten Fadenfisches beruhende Varianten der Art erzüchtet worden seien. Mit diesen, offensichtlich in Deutschland nicht weiter gezüchteten Tieren soll ein Züchter namens COSBY in Texas, er hat nach KESSLER eine eher kleine Zierfischzüchterei betrieben, einen erbfesten Stamm, den Marmor- oder Cosby-Gurami erzüchtet haben.

Es ist wirklich sehr interessant, dass es demnach noch nach der Kriegserklärung der USA gegen Deutschland im Dezember 1941 einen Austausch unter europäischen und amerikanischen Aquarianern gegeben haben muss. Wann der Cosby nach dem Krieg genau nach Deutschland kam, ist mir nicht bekannt. Erstmals vorgestellt wurde er in der Zeitschrift DATZ 1960 von Helmut A. PFEIFER als “Marmorierter Fadenfisch”. PFEIFER schrieb: “In den letzten Jahren tauchte ein neuer Labyrinther auf, der am Anfang recht teuer war, jetzt jedoch preislich erschwinglich ist. Er wird unter verschiedenen Namen gehandelt, so z.B. Trichogaster crospy, marmoratus oder opaline. Alle diese Namen sind ohne wissenschaftlichen Wert.”

Der schöne Fisch zeigt, vor allem im Jugendstadium, auf blauer Grundfarbe ein dunkelblaues, unregelmäßiges Marmormuster. Der Vorläufer des Cosby, den KESSLER mit einem Foto des deutschen Tierfotografen G. J. M. TIMMERMAN belegt, war im Prinzip ein “gewöhnlicher” Blauer Fadenfisch, bei dem die sonst nur als Balzkleid gezeigte dunkle, senkrechte Streifung immer zeigte. Es gibt solche Exemplare auch heute noch ab und zu, sie werden aber nicht gezielt gezüchtet, sondern fallen nur als Nebenprodukt bei der Cosby-Züchtung an. Der Cosby- oder Marmor-Fadenfisch ist erbfest und die Jungen ähneln allesamt den Eltern, wenngleich der Grad der Marmorierung schwankt. Im Handel sind ausschließlich auf der blauen Mutation basierende Marmor-Guramis.

Weitere Mutanten
Anfang der 1970er Jahre erschienen plötzlich goldene (der Fachausdruck lautet: xanthoristische) Exemplare des Punktierten Fadenfisches auf dem Markt. Auch ihr Ursprung ist kaum dokumentiert, doch publizierte Helmut STALLKNECHT bereits 1973 in der damaligen DDR einen Zuchtstandard für Trichogaster trichopterus, in dem die Goldenen beinhaltet sind. Importiert wurden die Goldenen Fadenfische über die staatliche Importstelle “Zoologica” 1970 in die DDR, die Herkunft dieser Tiere lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

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Goldene Fadenfische bei der Balz.

Zeitgleich mit den Goldenen, denen übrigens stets der Seitenfleck fehlt, wurde von der Zoologica auch eine silberfarbene Form importiert, der ebenfalls der Seitenfleck und auch der Schwanzwurzelfleck fehlt (RICHTER, 1982). VIERKE (1978) gab den Erbgang dieser Formen an. Kreuzt man Blaue und Goldene Fadenfische, so sehen die Nachkommen zu 100% wie wildfarbige Tiere, also gelb-braun mit Seiten- und Schwanzwurzelfleck, aus. Diese wildfarbigen Fische sind aber alle mischerbig (der Fachausdruck lautet: heterozygot), die Nachkommen sind teils blau, teils golden und zu einem geringen Anteil auch silberfarben. Die silberfarbenen Tiere sind also das Ergebnis in zweiter Generation (F2) einer Kreuzung von blauen und goldenen Tieren. Diese F2-Tiere sind die empfehlenswerteste Methode, um zu silber-gelbfarbenen Exemplaren zu kommen, denn obgleich man die Tiere auch reinerbig weiterzüchten kann, so zeigten doch die (allerdings sehr spärlichen) Zuchtberichte von Aquarianern, die sich damit befassten, dass die Vitalität von Silberguramis in Reinzucht stark nachlässt. Aber auch bei der Reinzucht Goldener Guramis fallen bis zu 50% silberfarbene Fische (VIERKE, 1976), die gleichfalls sehr vital sind. Bei Goldenen Fadenfischen kann man heutzutage zwei Zuchtlinien beobachten, eine mit leuchtend rotem Augenring, und eine, bei der sich die Rotfärbung auf den oberen Irisrand beschränkt. In Europa, besser gesagt, von Liebhabern, werden Trichogaster trichopterus kaum gezüchtet, denn die Jungtiere wären im Vergleich zu kommerziell gezüchteten Tieren viel zu teuer. Das ist schade, denn so wissen wir leider nicht zuverlässig, wie die Erbgänge der Kreuzung mit Cosby-Guramis aussehen.

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Links: Goldgurami, Form mir rotem Augenring, rechts: Opal-Gurami.

Es gibt aber einen Artikel in der Zeitschrift “Der Makropode”, der sehr gute Hinweise gibt. Der Autor, Elmar SÄNGER, kreuzte ein Gold-Gurami Männchen mit einem Cosby-Weibchen. Das Ergebnis waren braune (wildfarbene) Tiere, darunter auch Braun-Marmor. Die Kreuzung braunwildfarbig (Männchen) mit braun-cosby (Weibchen) – Geschwisterpaarung – ergab Jungfische der Farben braun, blau, braunmarmor, blau-marmor, gold und silber, wobei goldene und silberfarbene Tiere darunter waren, die rußig überhaucht aussahen und nach Ansicht des Autors den Marmor-Faktor trugen. Die Verpaarung eines solchen goldmarmor Männchens mit einem braunmarmor Weibchen – Geschwisterpaarung – ergab ausschließlich marmorierte Tiere in den Grundfarben braun, blau, gold und silber. Ein zweites Geschwisterpaar, diesmal ein blau-marmor Männchen und ein braunmarmor Weibchen ergab 50% braun-marmor und 50% blau-marmor Nachkommen, während die Geschwisterpaarung blaumarmor x blau-marmor zu 100% blaumarmorierte Nachkommen ergab.

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Opal-Fadenfisch bei der Balz.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Der Blaue Fadenfisch – Teil 1: Abstammung & Mutationen

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