Ecsenius lividanalis Chapman & Schultz, 1952

Es mag überraschen, aber Schleimfische gehören für mich nach wie vor zu den geheimnisvollen Flossenträgern in Riff und Aquarium. Zwar hat Wickler schon 1965 detaillierte Verhaltensweisen zu Ecsenius bicolor veröffentlicht, doch mag man den Eindruck gewinnen, dass die versteckte Lebensweise diese schuppenlosen Wasserbewohner seit jener Zeit nur wenig zu ihrer Biologie offenbart haben.

Ecsenius lividanalis gehört zu den eher sporadisch eingeführten Schleimfischen.

Warum heißen Schleimfische so?

Schleimfische tragen ihren Namen deshalb, weil ihr Körper statt von Schuppen mit einer dicken Schleimschicht überzogen ist, die sie ziemlich widerstandsfähig gegen ektoparasitären Befall macht. Man nimmt heute sogar an, dass der Schleim viele Sub­stanzen mit antibakterieller und fungizider Wirkung enthält. Die eigentliche Aufgabe der Schleimhaut liegt in der Reduzierung des Verletzungsrisikos, da Blenniiden zwischen scharfkantigen Steinen, Korallenbruch und den Ästen messer­scharfer Steinkorallen le­ben. Durch die dicke Schleimschicht können sie sich ungefährdet durch das Gestein und die Korallenäste bewegen. Hätten sie hin­gegen Schuppen, würden sie immer wieder mit diesen hängen bleiben und sich verletzen. Schleimfische lassen sich in drei Kategorien einteilen:

– die Boden bewohnenden, vornehmlich her­bi­vor lebenden Arten; hierher gehört Escenius lividanalis

– die freischwimmenden, friedfertigen Arten

– die räuberischen, ebenfalls freischwimmen­den Arten.

Boden bewohnende Schleimfische

Aufgrund ihres natürlichen Nahrungs­er­werbs werden Boden bewohnende Schleim­fische gern im Riffaquarium ge­pflegt. Sie befreien die Dekoration und die Aquarien­scheiben von Aufwuchs, solange dieser kurz ist. Fadenalgen werden nicht gefressen. Das Gebiss der Schleimfische ist für Raspeln ausgelegt und nicht auf das Abbeißen oder Abreißen von längeren Algen. Zahlreiche Boden bewohnende Schleim­fische sind gegenüber Fischen, sowohl der eigenen Art als auch fremden Arten, die der gleichen Nahrungsaufnahme nachgehen, überraschend aggressiv. Immer wieder wird auch berichtet, dass sich Schleimfische an Korallen gütlich tun.

Blenniiden lernen im Aquarium schnell, Ersatznahrung anzunehmen und diese aus dem freien Wasser zu fischen. Die Zufüt­terung von Frost- und Flockenfutter ist unab­dingbar, da eine ausschließliche Ernährung durch Aufwuchs auf die Dauer nur selten ausreicht. Einige Arten warten mit Geschlechts­merk­malen auf, die es erlauben, eine paarweise Vergesellschaftung vorzunehmen. Bei Ecsenius bicolor besitzen die Männchen zu Spitzen ausgezogene Schwanzflossen. Aller­dings können diese, als Fähnchen bezeich­neten Flossenverlängerungen, während des Transports abbrechen und ein als Weibchen erworbenes Tier stellt sich dann im Aqua­rium überraschend als Männchen heraus. Die Vergesellschaftung zweier Männchen ist meiner Erfahrung nach zumindest bei Boden bewohnenden Schleimfischen dauer­haft kaum möglich und ein Geschlechtswechsel ist bis dato nicht beschrieben oder von zuverlässiger Seite beobachtet und zur Diskussion gestellt worden. Dass alle Schleimfische zahlreiche Unter­schlupfmöglichkeiten be­nö­tigen, versteht sich von selbst. Ein einge­richtetes Riff­aquarium sollte diese reich­lich bieten.

Auch Ecsenius lividanalis zeigt ein breites Spektrum an Balken und Linien, wenn die Art sich aufregt oder / und mit dem Artgenossen kommuniziert.

Ecsenius lividanalis Chapman & Schultz, 1952

In den letzten Jahren sind neben Ecsenius bicolor, die bei Aquarianern bekann­teste Schleimfischart, der Riff­aquaristik weitere Arten zu­gänglich gemacht wor­den. Dazu gehören Ecsenius lividanalis, E. gravieri und E. bimaculatus. Bedenkt man allerdings, dass derzeit in dem Integrated Taxonomic Information System (ITIS) 51 Arten der Gattung genannt werden, ist die Anzahl der für die Aquaristik einge­führten Ecsenius gering. Ecsenius lividanalis heißt im Angelsäch­sischen Blackspot Blenny. Abgeleitet wurde der Trivialname von den schwarzen Flecken im Bereich der Anale. Die Kenntnis dieses Merkmals ist insofern wichtig, da es einige andere, ähnlich farbige Schleimfische gibt, mit denen E. lividanalis sonst verwechselt werden könnte. E. namiyei (Jordan & Evermann, 1902) sei hier als Beispiel genannt.

Das Verbreitungsgebiet von Ecsenius lividanalis erstreckt sich laut Allen et al. (2003) im Norden bis Taiwan und im Osten von Indonesien, den Philippinen bis hinüber zu den Salomonen. Auch vor den Riffen der Molukken lebt diese Art. Im Juli 2006 hatte ich das Glück drei dieser Schleim­fische, von den Philippinen stam­mend, erwerben zu können, ohne aller­dings zu wissen, wie die Geschlechter­verteilung war.

Aquarienbeobachtungen

Hoffend, dass Ecsenius lividanalis sich als Gruppe in meinem Riffaquarium einleben würde, war ich zunächst von der Keckheit der Fische überrascht. Ohne Scheu be­siedelten sie das Aquarium und schienen soweit zu harmonieren, dass jeder die Revier­grenzen des anderen respektierte. Es fiel allerdings auf, dass zwei der drei Exemplare nach kurzer Zeit ihren gelben Saum verloren und nun ein einheitliches Grau den Körper umgab. Auch wurde das Körpergrau wesentlich dunkler, als dieses bei Einsatz der Fall war. Trotz der farblichen Änderungen schienen sich die Tiere zu akzeptieren und verbrachten den größten Teil des Tages damit, Algenaufwuchs von Steinen und Scheiben des Aquariums abzuraspeln. Das Gewebe der rötlich-braunen Montipora spp., die ich pflege, wurde gelegentlich vom Kalkskelett abgeschabt. In dieser Zeit ähnelte die Koralle einem Fliegenpilz und ich möchte nicht verhehlen, dass dieser Anblick schmerz­lich war, da die Koralle seit vielen Jahren in meinem Aquarium siedelt. In­zwischen aber lassen die Ecsenius lividanalis alle Korallen zufrieden, was ich auf die ausreichende Aufnahme von geeigneter Ersatznahrung zurückführen würde, denn anfangs war eine aktive Aufnahme von Ersatz­futter nicht zu beobachten. Jedoch sorg­te der konsumierte Aufwuchs für runde Bäuche.

Vier Wochen später ging alles schnell und überraschend: die beiden ähnlich gefärbten Exemplare machten sich plötzlich das Revier streitig, was an zahlreichen weißen Streifen, die sich einer Lightshow gleich, ständig wechselnd über den Körper verteilten, unübersehbar war. Zwar tauchten Striche, Linien und kleine Balken stets auf, wenn sich die Fische begegneten, doch in dieser Intensität war es bislang nicht zu beob­achten gewesen. Am nächsten Tag sollte der Unterlegene ein jähes Ende vor dem Aquarium gefunden haben. Danach gab es zwar auch unter den beiden verbliebenen E. lividanalis Gerangel um die besten Reviere, doch war das Ende einer solchen Ausein­andersetzung wenig dramatisch. Nach einjähriger Pflege sitzen die beiden Tiere oft vereint auf dem Teller einer Pilz-Lederkoralle (Sarcophyton spp.) und ver­mitteln einen zufriedenen Eindruck. Gefres­sen wird heute vor allem Granulatfutter der Firma Naturefood®, Spirulina-Flakes geeig­neter Größe, Salinenkrebse und weiße Mücken­larven. Genanntes Futter wird gerne von der Dekoration gefressen und gelegent­lich auch aus dem freien Wasser geschnappt. Leidenschaftlich gern sitzen sie zwischen den hochgewachsenen Tentakel der Margaritenkorallen (Goniopora spp.) und sollte „Chef“ (das dominante und vermutlich männliche Tier) mal wieder übel gelaunt sein, taucht „sie“ in die Wirren der Polypen ab und nur das Köpfchen zeigt sich gelegent­lich. Dann wieder teilen sich beide eine geräumige Spalte zwischen den Straußen­weichkorallen und ich platze vor Neugier, zu erfahren, ob hier vielleicht die Suite der sich Liebenden zu finden ist. Ein Indiz dafür ist das angeschwollene Bäuchlein von „ihr“, welches sich inzwischen in wiederkehrenden Abstän­den füllt und einige Tage später wieder verschwunden ist. Danach ist „Herr“ E. livid­analis zwischen fünf bis sieben Tage nur wenig zu sehen. Aber! Solange ich das Gelege nicht mit eigenen Augen gesehen (und hoffentlich fotografiert) habe, möchte ich es bei meiner Mutmaßung belassen, denn die Brutzeit vieler Blenniiden beträgt acht bis vierzehn Tage (Frische 1999).

Ecsenius lividanalis ist ein friedfertiger Schleimfisch, der keine anderen Fische bedrängt und sich lediglich zuweilen an dem Gewebe von Montipora spp. vergreift.

Ein „liebenswerter“ Aquarienbewohner

Ich habe in meiner Zeit als Meerwasser­aquarianer schon einige Arten aus der Familie Blenniidae gepflegt. Einige verlor ich durch den Sprung aus dem Aquarium, andere wiederum erwiesen sich als aggressiv und den Korallen wenig zugetan. In Ecsenius lividanalis findet sich ein klein bleibender, liebenswerter Schleimfisch, der – wenn möglich, paarweise gepflegt – nur wenig die Korallen „nervt“ und sich wunderbar auch für kleinere Aquarien eignet. Mein Aquarium ist nicht abgedeckt und wenngleich ich eines meiner ursprüng­lich dreier Tiere dadurch einbüßte, scheint mir E. lividanalis grundsätzlich durchaus für „oben-ohne-Aquarien“ geeignet zu sein. Dies bestätigte sich, als ich vor Kurzem ein Paar Ecsenius bicolor (Day, 1888) zugesetzt habe. Statt der befürchteten Ausschrei­tungen der Reviere innehabenden E. lividanalis gegen die sich neu ansiedelnden E. bicolor war man sogar bereit – ganz gegen die übliche Manier unter Schleimfischen – sich den Teller der Pilz-Lederkoralle zu teilen. Eine erstaunliche Beobachtung, die so gar nicht in das Bild der territorialen Schleim­fische passen will. Mir soll es recht sein: zeigt sich doch ein schöner farblicher Kontrast, wenn die beiden Ecsenius-Arten Seite an Seite rasten.

Joachim Frische

Ecsenius bicolor, Exemplar von Sri Lanka

Literatur:

Allen, G. , Steene, R., Humann, P. & N. Deloach (2003): Reef Fish Identification Tropical Pacific. New World Publ., Jacksonville.

Frische, J. (1999): Erfolgreiche Nachzuchten im Meer­wasser­aquarium. Bede-Verlag, Ruhmannsfelden.

Wickler, W. (1965): Zur Biologie und Ethologie von Ecsenius bicolor, Pisces, Teleostei, Blenniidae. Zeitschrift für Tierpsychologie 22(1), 37-49.

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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