Landeinsiedlerkrebse: faszinierende Wanderer zwischen zwei Welten

In den warmen Küstenregionen von Asien, Australien, Nord- und Südamerika und in Teilen Afrikas leben Einsiedlerkrebse, die dem Meer den Rücken zugekehrt haben und an Land leben. Von den über 1.100 Arten der Einsiedlerkrebse, die sich auf 120 Gattungen verteilen, haben aber nur knapp 20 Arten, klassifiziert in zwei Gattungen, diesen Schritt getan. es sind die Landeinsiedlerkrebse (Coenobita) und der eng mit ihnen verwandte Palmendieb (Birgus latro), das größte landlebende wirbellose Tier der Welt. Alle anderen Einsiedlerkrebse leben im Meer. Das hat gute Gründe: erstens können sich die Larven der Einsiedlerkrebse nur im Meer entwickeln und zweitens atmen Einsiedlerkrebse, wie alle Krebse, über Kiemen. Das letztere Problem haben die Landeinsiedlerkrebse trickreich gelöst, wie geich noch zu lesen ist. Das andere Problem besteht weiterhin. Die Landeinsiedlerkrebse müssen zur Freisetzung ihrer Larven immer noch zum Meer zurückkehren. Darum findet man diese Tiere auch immer nur relativ nahe zur Küste, denn weiter als ein paar Kilometer kann ein so kleines Tier nicht krabbeln, selbst wenn das nur einmal im Jahr nötig ist.

Der Palmendieb, Birgus latro, ist ein Landeinsiedlerkrebs und das größte an Land lebende wirbellose Tier überhaupt. Seine Pflege bleibt Spezialisten und Zoos vorbehalten.

Die meisten Arten tauchen ab und zu im Tierhandel auf, oft sind sie falsch bestimmt. Das ist zwar im Prinzip nicht so schlimm, denn alle Landeinsiedlerkrebse sind ausgezeichnete Terrarientiere, aber die verschiedenen Arten stellen recht unterschiedliche Ansprüche an Unterbringung und Pflege. Vor allem die Frage, ob Salzwasser zur Verfügung gestellt werden muss oder nicht, ist ziemlich wichtig. Wie eingangs erwähnt, atmen auch Landeinsiedlerkrebse über Kiemen. Dazu tauchen sie speziell umgeformte, bürstenförmige Beine in Wasser und befeuchten die im Körperinneren befindliche Kiemenhöhle; denn nur wenn sie ausreichent befeuchtet sind, können Kiemen funktionieren. Manchen Arten reicht Süßwasser, um die Kiemen funktionsfähig zu halten, andere benötigen dazu aber Meerwasser.

Tagsüber, wenn die Sonne scheint, sind alle Einsiedler in ihren Verstecken
Abends kommen die Tiere hervor. Dies ist ein Strandterrarium für Coenobita perlatus.

Wegen der Kiemenatmung sind Landeinsiedlerkrebse auch hauptsächlich nachtaktiv, da dann die Luftfeuchtigkeit höher ist. Man kann sie bezüglich ihrer Aktivitätszeiten ganz gut mit unseren mitteleuropäischen Landschnecken vergleichen, die tagsüber auch nur bei Regenwetter anzutreffen sind. Landeinsiedlerkrebse verbringen den Tag in feuchten Boden eingegraben. Darum ist ein mindestens 10 cm, besser 15 cm hoher Bodengrund im Terrarium für eine erfolgreiche Pflege von Landeinsiedlerkrebsen elementar wichtig. Diesen benötigen Landeinsiedlerkrebse auch für die Häutung. Wie alle Krebstiere müssen sich Landeinsiedlerkrebse häuten, um zu wachsen, da der Krebspanzer nicht wachsen kann. Jungtiere häuten sich mehrfach, erwachsene Tiere meist nur noch einmal im Jahr. Wenn der Bodengrund nicht ausreichend tief und hinreichend feucht (nicht nass!) ist, kommt es zu Häutungsproblemen, die für den Krebs meist tödlich sind. Die Tiefe des Bodengrundes ist deshalb entscheidend, weil nur in völliger Dunkelheit das für Häutung benötigte Hormon in ausreichender Menge produziert wird. Da die Landeinsiedlerkrebse nach der Häutung ein größeres Schneckenhaus brauchen, muss man immer ausreichend leere Schneckenhäuser passender Größe im Terrarium zur Verfügung stellen.

Coenobita rugosus ist eine häufige und sehr gut haltbare Art.

Kälte können Landeinsiedlerkrebse nicht vertragen. Die Terrarientemperatur muss daher immer über 18°C liegen, am besten im Bereich von 20-26°C. Landeinsiedlerkrebse sind Allesfresser, weshalb ihre Ernährung keinerlei Probleme bereitet. Eine große Handvoll Herbstlaub bildet die Nahrungsgrundlage im Terrarium und sollte immer zur Verfügung stehen. Dazu gibt man Obst, Gemüse, Salate, Fischfutterflocken, Pellets, Katzen- und Hundfutter aus der Dose, kleine tote Fische usw. Man sollte von diesen Futtersorten immer nur so viel geben, wie über Nacht restlos aufgefressen wird. Die genaue Futtermenge muss man selbst ermitteln, da die Tiere zu verschiedenen Jahreszeiten und in Abhängigkeit vom Häutungsintervall unterschiedlich großen Appetit entwickeln.Täglich besprüht man das Terrarium mit handwarmem Wasser, am besten morgens und abends. Bei der Einrichtung kann man knorrige Wurzeln, Äste und Steine verwenden, aber Vorsicht: die kleinen Racker entwickeln erstaunliche Kräfte! Steine müsse zudem auf dem Terrarienboden aufliegen, damit sie nicht unterwühlt werden können und u.U. zu einer Todesfalle werden. Täglich stellt man eine flache Schale mit Süßwasser und – bei Arten, die das brauchen – eine Schale mit Meerwasser in das Terrarium.

Coenobita brevimanus ist eine Waldart, die problemlos ohne Meerwasser auskommt. Nur zur Larvenabgabe muss diese Art zur Küste.
Waldterrarium für Coenobita brevimanus

Grundsätzlich sind Landeinsiedlerkrebse soziale Tiere, die sogar mittels ganz leiser Zirplaute miteinander kommunizieren. Daher sollte mann sie in einer Gruppe pflegen, 5-6 Tiere sind gut, 10-15 sind besser. Die Geschlechter kann man nur unterscheiden, wenn die Tiere das Haus wechseln; Weibchen erkennt man dann an den zusätzlichen Beinen am Hinterleib, an denen sie die Eier anheften und bis zur Schlupfreife mit sich herumtragen. Dann treten sie die Wanderung zum Meer an – eine gefahrvolle Zeit, in der in der Natur sehr viele Weibchen umkommen. Wenn sie ihr Ziel erreichen, ertrinken viele weitere Weibchen, denn Landeinsiedlerkrebse können nicht mehr unter Wasser leben. Doch jedes Weibchen, das es schafft, setzt hunderte von Larven frei, die nach einigen Wochen im Plankton der Ozeane zu Miniatur-Einsiedlerkrebsen werden und an Land gehen. Auch wenn, wie bei fast allen Wildtieren, über 99% der geborenen Jungen früh sterben, sind es bei den Landeinsiedlerkrebsen so viele, dass tatsächlich die Anzahl der zur Verfügung stehenden leeren Schneckenhäuser am Meeresstrand der limitierende Faktor dafür ist, wie viele Landeinsiedlerkrebse zum Landleben übergehen können. 

Jetzt aber schnell, sonst schnappt noch jemand das Haus weg!

Landeinsiedlerkrebse sind sehr schöne, hochinteressante Terrarientiere. Wer sich ernsthaft für ihre Pflege und Zucht interessiert, kommt an dem Buch „Landeinsiedlerkrebse“ nicht vorbei, denn es ist weltweit das einzige Buch, in dem alle bekannten Arten berücksichtigt sind und in dem zahlreiche Tricks und Tipps, die vor Enttäuschungen bewahren, praxisnah und leicht verständlich dargestellt werden.

Frank Schäfer

Buchtipp zum Thema:

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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