Schleierkampffische: Rätselhafte Betta splendens

In jedem Zoofachgeschäft der Erde kann man sie kaufen. Es gibt sie in allen erdenklichen Farben und Flossenformen. Nach Goldfisch und Karpfen sind sie die ältesten Haustiere unter den Fischen. Doch ihre Herkunft liegt im Dunklen der Geschichte und niemand weiß ganz genau, wann und wo die Schleierkampffische erstmals gezüchtet wurden. Man weiß noch nicht einmal exakt, wie die Wildform dieser wundervollen Geschöpfe aussieht und ob es diese Wildform überhaupt noch gibt. Es ist gut möglich, dass reinblütige wilde Kampffische der Art Betta splendens (so der wissenschaftliche Name der Schleierkampffische) gar nicht mehr existieren.

Schleierkampffische werden nicht bei Wettkämpfen eingesetzt; da sie jedoch von Wettkampf-Bettas abstammen, ist der Kampfeswille bei ihnen stark ausgeprägt.

Bei der Gattung Betta, bei den Kampffischen also, beginnt man erst seit ca. 30 Jahren langsam zu verstehen, um welch einmalige und faszinierende Gruppe von Fischen es sich handelt.

Mit über 70 wissenschaftlich beschriebenen Arten ist die Gattung Betta ausgesprochen artenreich und noch längst nicht alle aquaristisch bereits bekannten Arten sind wissenschaftlich schon bearbeitet. Betta splendens ist nur eine dieser Arten und – insgesamt gesehen – noch nicht einmal eine besonders typische. Wegen ihrer enormen wirtschaftlichen Bedeutung (viele Familien in Südostasien leben ausschließlich von der Zucht dieser wunderschönen Fische für die Aquaristik) und weil Schleierkampffische die einzigen ständig verfügbaren Kampffische in den Zoofachgeschäften sind, kann man jedoch zu der irrigen Auffassung kommen, Schleierkampffische seien „die“ Kampffische schlechthin.

Allerdings muss man zugeben: Wenn es ums Kämpfen geht, so sind nur Betta splendens und auch hier nur spezielle Zuchtlinien derart erbitterte Kämpfer, dass ihr Name einigermaßen Sinn macht. Alle anderen Arten der Gattung Betta gehen vergleichsweise friedlich  miteinander um. Jedenfalls sind sie nicht kämpferischer, als andere revierbildende Arten auch.

Ein wildfarbener, kurzflossiger Betta splendens ist noch lange kein Wildkampffisch.

Die Kampffischart Betta splendens wurde 1910 von dem bedeutenden Wissenschaftler C. T. Regan wissenschaftlich beschrieben. Aquaristisch und auch wissenschaftlich war die Art aber schon wesentlich früher bekannt, wurde aber als Variante der Art Betta pugnax (ursprünglich als Macropodus pugnax beschrieben) gesehen. Zu Betta pugnax: der Artname pugnax bedeutet „kämpferisch, kriegerisch“, der Erstbeschreiber Cantor glaubte also wirklich, einen Kampffisch vor sich zu haben, obwohl B. pugnax als maulbrütende Art vollkommen friedlich ist.

Der Artname Betta pugnax bedeutet “kriegerischer Kampffisch”. Dabei ist diese maulbrütende Art ganz friedlich.

Die Gattung Betta, in die Regan seine neue Art splendens (der Artname bedeutet „glänzend, gleißend“) stellte, wurde von P. Bleeker bereits 1850 für die Art B. trifasciata, einer auf Java vorkommenden Art, die heute als Synonym (Doppelbeschreibung) der Art B. picta gilt, aufgestellt. Der Name „Betta“ soll sich von der auf Java gebräuchlichen Bezeichnung „Wader bettah“ für B. trifasciata ableiten. Man merkt schon – bereits sehr früh gab es Kuddelmuddel bei der wissenschaftlichen Bearbeitung von Kampffischen. In Alkohol (und damals wie heute stehen Wissenschaftlern meist nur konservierte Exemplare zur Verfügung) sehen sich sehr viele Kampffischarten verflixt ähnlich, auch wenn sie gar nicht sonderlich nah miteinander verwandt sind. Erst seit spezialisierte Aquarianer oder Wissenschaftler lebende Exemplare von Expeditionen mitbringen, ist es möglich, einigermaßen zuverlässige Forschung an diesen Fischen zu betreiben. So erklärt es sich auch, dass bis Mitte der 1970er Jahre nur rund 20 Kampffischarten bekannt waren und es heute 73 wissenschaftlich beschriebene und etliche noch unbeschriebene Arten sind.

Doch zurück zu Betta splendens. Bereits im Typusmaterial, also den Exemplaren, denen die Artbeschreibung zugrunde liegt, befinden sich zwei Arten. Regan hatte Exemplare von Pinang (Malaysia) und Bangkok (Thailand) vorliegen. Erstere gehören, wie wir heute wissen, zur erst 1975 von W. Ladiges beschriebenen Art Betta imbellis. Der Artname bedeutet „friedlich“ und spielt darauf an, dass bei dieser Art mehrere Männchen gemeinsam gehalten werden können, ohne dass sie sich bis zum Tode bekämpfen. So kommt es zu dem Namensparadoxon „Friedlicher Kampffisch“.

Betta imbellis, der “friedliche Kampffisch”, hier ein Männchen der Population von Phuket.

Leider konnte Ladiges seinerzeit das Typusmaterial von Betta splendens nicht nachuntersuchen, sonst wäre ihm der Sachverhalt sicher aufgefallen. Stattdessen verließ er sich auf die textliche Beschreibung Regans. Da bei Regan jedoch bereits beide Arten vorhanden waren, ist klar, dass morphologische Abgrenzungen von B. imbellis gegen B. splendens aufgrund der Beschreibung allein nicht möglich waren. Bis heute fehlt es an einer soliden vergleichenden Bearbeitung der Gruppe  – aus gutem Grund.

Die Tiere aus Bangkok, die Regan vorlagen, waren bereits Haustierzüchtungen und keine Wildtiere. Jedenfalls sind sie ausgesprochen bullig gebaut. Diese Fische aus Bangkok sind heute, nachdem D. Schaller und M. Kottelat 1989 bei der Nachuntersuchung der Typen von B. splendens feststellten, dass zwei Arten im Typusmaterial vorhanden waren, die sogenannten Lectotypen von Betta splendens. Ich will hier nicht mit spitzfindigen Details langweilen – nur so viel: Durch  die Festlegung eines Lectotypus  kann man in Fällen, wie eben geschildert, für klare Verhältnisse sorgen. In der Zoologie wird zwischen Haustieren und Wildtieren nicht unterschieden. Haustiere gehören – aus Sicht der Zoologen – definitionsgemäß zur gleichen Art, wie die Wildform, aus der sie gezüchtet wurde. Alle Hausrinder heißen demnach wissenschaftlich Bos primigenus, genau wie ihr ausgestorbener Urahn, der Auerochse. Alle Hunde sind Canis lupus, wie der Wolf und alle Koi Cyprinus carpio, wie der Karpfen. Wenn eine wissenschaftliche Artbeschreibung – wie vermutlich im Falle Betta splendens – auf einer Haustierzüchtung beruht, so geht dieser Name automatisch auch auf die Wildform über. Es sei denn, diese Wildform wurde bereits früher unter einem anderen Namen beschrieben. In diesem Fall gilt der neuere Name als Synonym und darf nicht benutzt werden.

Ein Betta splendens der Zuchtform, die für Wettkämpfe gezüchtet wird.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Für Schleierkampffische gilt der Name Betta splendens. Genetische Untersuchungen zeigten ferner, dass Schleierkampffische und wildlebende, nach gegenwärtiger Definition Betta splendens zuzuordnende Fische, sich bezüglich der DNS kaum unterscheiden. Aber wie die Wildform aussieht, das weiß man nicht genau. Denn spätestens seit Mitte der 1850er Jahre wurden Kampffische für Turnierkämpfe gezielt gezüchtet. Einen unbekannten Zeitraum vorher verwendete man wilde Tier aus den Naturgewässern (u. a. auch den „Friedlichen Kampffisch“, Betta imbellis)  für diese Schaukämpfe. Es ließ sich jedoch nicht vermeiden (und es wurde auch gar nicht darauf geachtet), dass die domestizierten Tiere, die vor allem kräftiger und kämpferischer sind, auch in Wildgewässer entwichen. Viele der vom Menschen geförderten Eigenschaften erweisen sich, genetisch gesehen, als dominant. So ist es sehr unwahrscheinlich, im Gebiet einer Metropole wie Bangkok noch unverfälschte Wildformen von Betta splendens zu finden.

Ähnliche Phänomene findet man z.B. in Städten, wo sich buntgemischte Scharen verwilderter Haustauben (zoologisch gesehen alles Columbia livida, Felsentauben) oder scheckiger, verwilderter Hausenten (zoologisch Anas platyrhynchus, Stockenten) herumtreiben. Auch bei diesen Arten ist zu befürchten, dass die genetischen Eigenarten der Wildarten mit der Zeit verloren gehen, mit anderen Worten, dass die Wildarten aussterben.

Männchen der Betta-splendens-Wildform von Nonthanburi.

Entdeckt man neue Arten, so sollte man sie bei deren wissenschaftlicher Beschreibung gegen bereits bekannte Arten abgrenzen. Hier ist den Wissenschaftlern weitgehend freie Hand gelassen. Bei Fischen übliche Artabgrenzungen sind z.B. zählbare Eigenarten (Anzahl der Strahlen in den Flossen, Anzahl der Schuppen), messbare Eigenarten (ist die Art besonders schlank oder eher gedrungen, hat sie ein im Verhältnis zum restlichen Körper ein großes oder kleines Maul, etc.) oder auch Färbungsmerkmale. Im Falle Betta splendens ist jedoch kaum eine dieser Methoden anwendbar, denn wenn, was sehr wahrscheinlich ist, die Typen bereits Haustiere waren, unterlagen sie in keinem der genannten Punkte den für Wildarten entscheidenden Selektionsdruck, den die Natur gnadenlos ausübt, und der letztendlich dafür sorgt, dass bei Wildarten alle Individuen einer Art untereinander sehr ähnlich sind. Mischt sich der Mensch ein und fängt an, zu züchten, so sind binnen weniger Generationen durch Auslese und Inzucht erhebliche Veränderungen möglich. Bei Fischen geht das schneller, als bei allen anderen Wirbeltieren, denn sie haben (zumindest die allermeisten) vergleichsweise gewaltig hohe Nachkommenzahlen. Ein Weibchen von Betta splendens kann leicht über 500 Eier alle drei bis vier Wochen legen. Zudem wird die Art von Natur aus nicht älter als 1-2 Jahre, wächst also rasant heran. Mit einigen Pärchen kann ein Züchter binnen weniger Monate zehntausende von Kampffischen heranziehen. Bedingt durch die große Anzahl der Nachkommen wächst die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne oder auch mehrere Tiere mit besonders erwünschten Eigenschaften darunter sind, die dann gezielt weiter gezüchtet werden.

Ein Pärchen der Kambodscha-Farbvariante beim Ablaichen.

So nimmt es nicht Wunder, dass gerade die Wildformen der schaumnestbauenden Kampffische der Verwandtschaft von Betta splendens den Wissenschaftlern bezüglich der Artabgrenzung erhebliches Kopfzerbrechen bereiten. Außer Betta splendens sind das noch die beschriebenen Arten B. imbellis, B. mahachaiensis, B. siamorientalis, B. smaragdina und B. stiktos.

Die wichtigste Quelle über den Prozess der Haustierwerdung (Domestikation) bei Betta splendens ist H. M. Smith. Er erforschte die Süßwasserfische Thailands intensiv und veröffentlichte 1945 sein epochales und bis heute sehr bedeutsames Werk „The Fresh-Water Fishes of Siam, or Thailand.“ Er schreibt zu Betta splendens: „Seit mehreren hundert Jahren wurde der Fisch lokal für Kämpfe benutzt und seit mehr als 90 Jahren wird er domestiziert und gezüchtet. Der Zuchtprozess hat die Tiere größer gemacht, die Farben intensiviert und die Kampfesqualitäten gesteigert.“ Und später: „Die bemerkenswertesten Farbformen, die erzüchtet wurden, zusätzlich zu den verstärkten Rot- und Blauanteilen in der Färbung, sind lavendelfarbene, glänzend grüne, kornblumenblaue, blau-weiße, sowie gelblich- und rötlich cremefarbene mit leuchtend roten Flossen. Die zuletzt genannten, die zuerst um 1900 erzüchtet wurden, sind bei den Siamesen als pla kat khmer (Kambodschanische Kampffische) bekannt, wahrscheinlich, weil sie ursprünglich in Zuchten aus Französisch Indo-China auftauchten. Gleichzeitig mit der Entwicklung und Intensivierung neuer Farben kam es zur Vergrößerung der unpaaren Flossen, was in eleganten, schleierhaften Effekten gipfelte, vergleichbar den Schleierschwänzen und anderen Hochzuchten japanischer Goldfische, so dass es nun Kampffische gibt, deren Schwanzflossen ungefähr so lang wie Kopf und Körper zusammen sind.“

Ein klassischer blauer Fahnenschwanz.

Diese zwei hintereinander angeordneten Sätze führten im deutschsprachigen Raum lange zu der irrtümlichen Vorstellung, mit mit „pla kat khmer“ seien Schleierkampffische allgemein gemeint.

Heute erleben die Zuchten von Betta splendens eine Renaissance. Man züchtet neue Farben und neue Flossenformen, aber bezüglich der Frage, wann und wo genau Betta splendens domestiziert wurde, sind wir seit Smiths Zeiten keinen Schritt weiter gekommen.

Seit etwa 10 Jahren züchtet man die metallisch glänzenden Deckfarben, hier auf einem roten, kurzflossigen Halfmoon.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

Ein Kommentar zu “Schleierkampffische: Rätselhafte Betta splendens

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