Rhabdalestes septentrionalis oder Wer nicht fragt, bleibt dumm!

Die Wissenschaft kennt derzeit rund 32.000 Fischarten, in Wirklichkeit existieren vermutlich zwei bis drei mal so viele Arten. Jede dieser Arten unterscheidet sich nicht nur äußerlich von allen anderen Arten, sondern auch im Verhalten. Das Verhalten einer Kleinfischart lässt sich nur im Aquarium ausführlich beobachten, nur hier lässt sich zudem die Anzahl der Faktoren, die die Beobachtung verfälschen können, so einschränken, dass verlässlicher Erkenntnisgewinn möglich ist.

Der Bitterling (Rhodeus amarus) laicht in lebenden Muscheln. Bis man lernte, wie man Fische im Aquarium pflegt, was um das Jahr 1850 herum geschah, wusste das niemand.

In freier Natur entziehen sich Kleinfische gewöhnlich der Beobachtung durch den Menschen. Ganz abgesehen davon, dass trübes Wasser, die Kleinheit der Objekte, deren Fluchtdistanz und der zu treibende Aufwand ein solches Unterfangen in der Praxis unmöglich machen, bleiben Naturbeobachtungen immer nur kurze Momentaufnahmen.

In den natürlichen Lebensräumen unserer Aquarienfische ist das Wasser oft trüb, die Sichtweite unter Wasser beträgt nur wenige Zentimeter. Hier, bei Kalkutta in Indien, leben z.B. Zwergfadenfische, Danios, Barben, Schmerlen, Hechtlinge, Staachelaale und viele weitere Arten.

Verglichen mit der riesigen Artenzahl der Fische werden nur wenige Arten ständig im Aquarium gepflegt – etwa 300 – 400 Arten. Nur weitere 1.000 bis 1.500 Arten sind als Raritäten im Hobby bekannt. Übrigens sind etwa die Hälfte der existierenden Fischarten Süßwasserfische, obwohl weltweit nur etwa 3% der Wasservorkommen auf das Süßwasser entfallen. Die als artenreich bekannten Korallenriffe der Erde beherbergen “nur” rund 1.000 Fischarten. Da haben schon viele Nebenflüsse des Amazonas mehr zu bieten…


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Die meisten Korallenfische – hier der Falterfisch Chaetodon collare – haben ein riesiges Verbreitungsgebiet, da sich ihre Larven wochen- und monatelang im Plankton der Meeresströmungen entwickeln; dadurch vermischen sich ständig großräumig die Populationen. Im Gegensatz hierzu pflanzen sich Süßwasserfische meist lokal fort, wodurch die Artenbildung sehr schnell erfolgen kann.

Wozu diese Zahlenspielerei? Sie soll verdeutlichen, was beobachtende und züchtende Aquarianer noch alles zum Menschheitswissen beitragen können. Von weit mehr als 90% der bekannten Fischarten weiß man kaum mehr, als dass sie existieren. So sollte man jede Gelegenheit nutzen, die sich bietet, um so genannte Raritäten oder Beifänge zu erwerben und zu studieren.

Rhabdalestes septentrionalis, Paar, Männchen unten

Eine solche Rarität ist Rhabdalestes septentrionalis. Die abgebildeten Tiere wurden im Juni 2012 von Aquarium Glaser, Rodgau, als Beifang zu Bryconalestes longipinnis aus dem Niger importiert. Rhabdalestes septentrionalis – es gibt keinen eingeführten deutschen Namen für die Art, ich schlage “Afrikanischer Kupferbandsalmler” vor – ist ein Verwandter des Kongosalmlers (Phenacogrammus interruptus). In der Natur ist er keineswegs selten und zudem sehr weit im westlichen, tropischen  Afrika verbreitet. Und doch wurde noch nie über eine Aquarienhaltung, geschweige denn Zucht dieser kaum 6-7 cm lang werdenden Art berichtet. Dabei gestaltet sich zumindest die Haltung sehr einfach. Es handelt sich um friedliche Schwarmfische ohne besondere Ansprüche an pH-Wert oder Wasserhärte, die zudem jedes übliche Fischfutter fressen – auch Trockenfutter – und sich als robust und kaum krankheitsanfällig zeigen.

Die sehr besonders geformte Afterflosse des Männchens ist auf diesem Bild gut zu erkennen.

Die Männchen dieser Art entwickeln ab einer Länge von etwa 4 cm – diese Größe markiert demnach wahrscheinlich den Eintritt der Geschlechtsreife, die bei Fischen allerdings immer an das Alter und nicht an die Körpergröße gebunden ist – eine ganz seltsam geformte Afterflosse. Höchstwahrscheinlich steht diese anatomische Veränderung im Dienste der Fortpflanzung. Handelt es sich womöglich um eine Vorrichtung für eine innere Befruchtung? Niemand weiß das und bevor nicht ein beobachtender Aquarianer (sei die Person nur Laie oder Ichthyologe) sich vornimmt, das im Aquarium zu erforschen, wird es auch nie jemand erfahren…


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Ob die modifizierte Afterflosse der Männchen im Dienst der Fortpflanzung steht? Vielleicht wissen das die Weibchen der Art, der Mensch weiß es nicht.

Frank Schäfer

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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2 Kommentare zu “Rhabdalestes septentrionalis oder Wer nicht fragt, bleibt dumm!

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