Warum gingen die Fische an Land? Teil 3

Die absolute Perfektion in Sachen Landgang haben die Schlammspringer entwickelt. Schlammspringer gehören zu den Grundeln, der erfolgreichsten Fischfamilie der Gegenwart. Mit aktuell 1.843 bekannten Arten – und das sind höchstens die Hälfte der existierenden Arten! – sind die Grundeln auch eine der artenreichsten Fischfamilien überhaupt.

Schlammspringer (Periophthalmodon septemradiatus)

Schlammspringer – sie gehören in die Unterfamilie Oxudercinae innerhalb der Familie der Grundeln (Gobiidae) – haben das Aquarium lange vor dem Menschen erfunden. Denn anders als alle bisher erwähnten Landgänger unter den Fischen haben die Schlammspringer kein Hilfsatmungsorgan, mit dem sie atmosphärische Luft atmen können. Sie sind vollständig auf Kiemenatmung angewiesen. Wie machen sie das bei ihren Landgängen? Nun, wie gesagt: mit einem Aquarium. Schlammspringer können ihre Kiemendeckel so fest anpressen, dass ein wasserdichter Behälter entsteht. Den füllen sie mit Wasser. Und genau wie wir Aquarianer mittels Sprudelstein Luft ins Aquarium pumpen, so durchmischen die Schlammspringer das Wasser in ihrem Kiemenraumaquarium immer wieder mit frisch aufgenommener Luft und reichern es so mit Sauerstoff an.

Schlammspringer – es gibt zwei Gattungen, Periophthalmus und Periophthalmodon, die sich durch die Bezahnung unterscheiden – orientieren sich ganz überwiegend optisch. Auch das ist eine Anpassung an das Land. Unter Wasser, das haben wir in den beiden vorhergehenden Teilen erfahren, ist der Gesichtssinn von stark untergeordneter Bedeutung. „Normale“ Fische, die erblinden, kommen auch ohne Augen ganz gut zurecht, da sie zahlreiche weitere Sinnesorgane haben, die ihnen im Wasser eine perfekte Orientierung ermöglichen. An Land funktionieren diese Sinne aber nicht oder nur schlecht. Vor allem die lorenzinischen Ampullen (Elektrorezeptoren) und das feinste Druckveränderungen anzeigende Seitenliniensystem sind im Medium „Luft“ unbrauchbar. Nur der Gesichts- und der Geruchssinn funktionieren gut, aber beides auch nur, wenn die Oberflächen der Sinnesorgane feucht gehalten werden. Bei den Augen haben normale Landwirbeltiere dazu das Augenlid erfunden. Durch fortwährendes wimpernklimpern wird das Auge feucht gehalten und bleibt somit funktionstüchtig. Lediglich die Schlangen sind einen anderen Weg gegangen. Bei ihnen ist das Auge mit einer durchsichtigen Hornhaut bedeckt, unter der sich ausreichend Feuchtigkeit befindet. Die Hornhaut über dem Schlangenauge wird bei jeder Häutung mit gehäutet; eine Schlange kurz vor der Häutung ist darum praktisch blind, man erkennt das an einer weißlich-milchigen Trübung des Auges.

Man beachte die Gruben unter den Augen…

Fische haben keine Augenlider. Wie lösen also die Schlammspringer das Problem? Mit einem zweiten Aquarium! Unter dem Auge haben die echten Schlammspringer, also die, die auch wirklich an Land gehen, eine Vertiefung, die stets mit Wasser gefüllt ist. Zum Befeuchten klappen die Schlammspringer die hoch oben am Kopf angesetzten Augen in diese Vertiefungen.

Die Befeuchtung der Riechschleimhäute funktioniert bei Schlammspringern genau wie bei uns: sie legen im Körperinneren in Höhlungen, wo sie nicht so leicht austrocknen. Die Befeuchtung der Riechorgane bei den von den Schlammspringern regelmäßig durchgeführten Bädern reicht völlig – die Körperoberfläche der Schlammspringer ist zugunsten einer großen Beweglichkeit nur mit sehr kleinen Schuppen bedeckt, die keinen guten Austrocknungsschutz darstellen, je nach Witterung müssen Schlammspringer darum häufig kurze Bäder nehmen.

Apocryptes bato

Die schrittweise Anpassungen an den Landgang kann man bei der Unterfamilie der Oxudercinae wunderbar beobachten. Die primitivsten, noch vollständig wie normale Grundeln lebenden Schlammspringerverwandten Apocryptes bato; die Gattung Apocryptes enthält nur diese eine Art. Die schönen Grundeln mit den ausdruckstarken Augen leben im Bereich der Flussmündungen. Darum haben sie bereits eine große Anpassung an unterschiedlichen Salzgehalt des Wassers erworben. Schlammspringer müssen diesbezüglich anpassungsfähig sein, denn sie leben im Bereich der Gezeitenzone. Während der Flut leben Schlammspringer im Wasser, während der Ebbe an Land. Da kann es bei einem heftigen Platzregen, wie er in den Tropen allgegenwärtig ist, ganz schnell passieren, dass die Fische plötzlich mit reinem Süßwasser klarkommen müssen und kurz darauf, wenn die Flut hereinkommt, wieder mit dem vollem Salzgehalt des Meerwassers.

Pseudapocryptes elongatus

So ähnlich wie diese beiden Periophthalmodon septemradiatus schauen manchmal auch Pseudapocryptes aus dem Wasser heraus.

Enge Verwande von Apocryptes sind Pseudapocryptes. Diese drolligen Grundeln – es gibt zwei Arten – sind bereits an flaches Wasser angepasst, das sie aber nie freiwillig verlassen. Im Aquarium pflegt man sie am besten bei einem Wasserstand von 8-15 cm. Dann kann man sehr schön beobachten, wie sich die Tiere gelegentlich in S- oder C-förmiger Haltung auf die Schwanzflosse stellen und gerade so die Augen über den Wasserspiegel erheben, wodurch sie die Umgebung und das Land beobachten können. Dieses Verhalten dient vermutlich der Feindabwehr, denn die meisten Fressfeinde der Pseudapocryptes machen – von ihnen aus gesehen – von oben Jagd auf sie.

Scartelaos hispidus

Boleophthalmus boddarti

Noch einen Schritt weiter Richtung Land gehen Scartelaos (4 Arten) und Boleophthalmus (6 Arten). Deren Bewegungsablauf ähnelt schon sehr dem der echten Schlammspringer: ihre Brustflossen sitzen an (wenn auch sehr kurzen) arm-artigen Stielen und die Unterseite der Schwanzflosse hat derbe Strahlen, die ähnlich den Schwanzfedern eines Spechtes als Widerhalt genutzt werden. Wenn es sein muss, schnellen sich die Fische damit mit großer Geschwindigkeit nach vorne. Aber sowohl Scartelaos wie auch Bolephthalmus verlassen das Wasser nie vollständig, wenigstens einen dünnen Wasserfilm unter dem Bauch wollen sie haben. Die Vertreter beider Gattungen ernähren sich vorwiegend von Kleinstpartikeln, die sie aus dem Spülsaum fischen.

Schlammspringer-Männchen (dies ist Periophthalmus barbarus) nutzen ihre prächtigen Rückenflossen zur Kommunikation.

Die besondere Struktur der Schwanzflosse ist bei diesem Periophthalmodon septemradiatus gut zu erkennen.

Die richtigen Schlammspringer, also Periophthalmus (19 Arten) und Periophthalmodon (3 Arten), sind hingegen richtige Landgänger, die die Zeit des Wasserlebens kaum noch richtig nutzen, außer zur Flucht. Ihre Beute – Schlammspringer sind opportunistische Allesfresser, am liebsten fressen sie kleine Tiere – machen sie an Land, hier findet auch das Sozialleben statt. Die Schlammspringer-Arten unterscheiden sich optisch voneinander vor allem durch die auffällig gefärbten Rückenflossen der Männchen. Diese werden wie bunte Flaggen eingesetzt und signalisieren Kampfbereitschaft, Brautwerbung usw. Sie stützen sich auf kräftige Arme und benutzen ihre Brustflossen wie Füße; es steht außer Frage, dass die Schlammspringer besser als jedes andere Wirbeltier an die Gezeitenzone der Mangroven der Tropen angepasst sind. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich ja in ein paar Millionen Jahren aus ihnen ein zweite Linie landlebender Wirbeltiere, eine neue Klasse, gleichwertig zu der heute lebenden Klassen der Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische…

Das ist sie wohl, die Antwort auf die eingangs gestellte Frage, warum die Fische an Land gingen: einfach um der Veränderung willen. Der Sinn allen Lebens besteht darin, sich einerseits zu erhalten und sich andererseits weiter zu entwickeln. Das funktioniert nur durch den ewigen Kreislauf von Geburt und Tod, denn ohne Ende kann es keinen Neuanfang geben. So ist der Landgang der Fische, dem auch wir letztendlich unsere Existenz verdanken, nichts weiter als die Umsetzung des Prinzips, dem alles Leben auf der Erde folgen muss.

Für alle, die mehr wissen wollen: im NEWS Bookazine Nr. 3, das im Herbst 2017 erscheint, wird das Thema nochmals aufgegriffen und etwas erweitert, vor allem wird auf die Aquarienpflege und ggf. die Zucht der besprochenen Arten sowie auf ihre Unterscheidung detailliert eingegangen.

Frank Schäfer


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Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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