Der Rote von Rio – Überleben dank der Aquaristik

Der Rote von Rio (Hyphessobrycon flammeus) gehört zu den häufigsten Fischen im Zoofachhandel. Seit gut 100 Jahren wird er im Aquarium gezüchtet. Doch nur die wenigsten wissen, dass die Art in der Natur stark vom Aussterben bedroht ist.

Gut gefärbtes Weibchen von Hyphessobrycon flammeus

Die ersten Roten von Rio wurden 1920 in die USA exportiert. Zunächst identifizierte man die Fische als Hyphessobrycon bifasciatus, den Gelben von Rio, doch stellte der amerikanische Fischkundler George S. Myers 1924 fest, dass es sich um eine bislang wissenschaftlich unbekannte Art handelte und beschrieb sie als Hyphessobrycon flammeus. Die der Erstbeschreibung zugrunde liegenden Exemplare waren bereits Nachzuchtfische. Erst 20 Jahre später konnte Myers vor Ort nach dieser Art fahnden, die es ausschließlich in der Umgebung von Rio de Janeiro gibt. Myers fand sie in Bächen in kleinen Wäldchen, das Wasser der Bäche war tiefbraun oder klar.

Roter von Rio, Männchen

In Museen kaum vorhanden
Auch wenn es seltsam erscheint: dieser kleine Fisch – die Art gehört zu den kleinsten Salmler-Arten und wird nur 2,5-3 cm lang – ist in kaum einem Museum der Welt vorhanden, jedenfalls nicht als wildgefangenes Material. Dabei handelt es sich um einen der weltweit häufigsten Zierfische überhaupt, zu Abermillionen werden diese bunten, problemlosen Fische gezüchtet. Zuchtschwerpunkt ist heutzutage Südostasien, doch beschäftigen sich auch Zuchtbetriebe in Europa und den USA mit der Art. Es erscheint höchst fraglich, ob überhaupt seit dem Erstexport 1920 jemals wieder Wildfänge von Hyphessobrycon flammeus im internationalen Tierhandel auftauchten.

Junges Männchen des Roten von Rio

Ist der Rote von Rio schon ausgestorben?
Die letzten wissenschaftlichen Nachweise aus der Region Rio de Janeiro erfolgten 1972. Seither wurde die Art nicht wieder aus diesem Gebiet gemeldet. Ausgestorben muss sie deshalb aber noch nicht sein.

Hans-Georg Evers, der erfahrene brasilienreisende Aquarianer und Redakteurs-Kollege (er war Chef-Redakteur der ”Amazonas”) schrieb mir dazu: ”Rote von Rio habe ich auf etwa 10 Reisen in den 90er Jahren in allen möglichen Biotopen im Bundesstaat Rio de Janeiro gesucht. Es handelt sich um Bewohner von Schwarzwassersümpfen. Gefunden habe ich sie nur ein einziges Mal, müsste schauen, ob ich da noch Infos finde. Ich glaube, es war so um 2000 rum. Die Art ist definitiv sehr selten geworden, da die Lebensräume zerstört wurden. Das betrifft ja noch mehr Endemiten aus dieser Ecke. Weiter südlich wird die Art bereits von H. reticulatus und H. griemi abgelöst, die solche Lebensräume besiedeln. Leider wurde Nannostomus beckfordi vor einigen Jahrzehnten ausgesetzt, die den Roten von Rio ebenfalls das Leben schwer machen könnten.
Weiter nördlich nach Espirito Santo rauf gibt es keine Sümpfe, ist es viel trockener. Um Deine Frage zu beantworten: Ja, extrem gefährdet. Helmut Stallknecht pflegte seinen Stamm über 40 Jahre lang. Auch andere alte Aquarianer hatten diese Fische so lange. Ich glaube kaum, dass irgendwo mal frisches Blut reinkam. Ich habe damals keine Tiere mitgenommen, da es am Anfang der Reise war und ich nur wissen wollte, ob sie noch da sind.
Die Tiere heutzutage haben mit den Wildtieren kaum noch Ähnlichkeit, was die Farbintensität anbelangt. Ich glaub ich muss wirklich mal schauen, ob ich noch irgendwo ein Dia finde. Ich erinnere mich nur noch, dass es eine üble stinkende Brühe war und ich der Einzige, der Bock hatte, da reinzugehen.”

Neue Vorkommen entdeckt
Seit 2004 steht der Rote von Rio in Brasilien als bedrohte Art unter Schutz. Ohne wirksamen Biotopschutz ist dieser Schutzstatus allerdings nichts wert. 1977 entdeckte man plötzlich in der recht gut untersuchten Region des oberen Rio Tiete Tiere Vorkommen des Roten von Rio, die dort offenbar recht individuenreich und regelmäßig in wissenschaftlichen Aufsammlungen enthalten sind. Die jüngste erfolgte erst kürzlich – 2011 – und nichts deutet darauf hin, dass die Bestände des Roten von Rio im Oberlauf des Tiete rückläufig sind. Leider geht aber dieses Vorkommen vermutlich auf ausgesetzte Aquarienexemplare zurück – schade, schade.

Der Rote von Rio ist eng mit dem Gelben von Rio, Hyphessobrycon bifasciatus, verwandt. Hier ein Wildfang-Jungtier von H. bifasciatus mit hübsch roten Flossen.
Erwachsene Wildfänge vom Gelben von Rio brauchen oft lange, bis sie gute Farben zeigen. Darum sind sie im Handel kaum jemals erhältlich. Hier zwei erwachsene Wildfangexemplare, bei denen man den doppelten Schulterstreifen, den die Art mit H. flammeus gemein hat, erkennen kann.
Beim Gelben von Rio sind oft viele Exemplare mit der harmlosen “Goldstaubkrankheit” befallen. Das macht den Tieren nichts aus, ist aber nicht vererbbar.

Unbedingt erhalten!
Das Beispiel des Roten von Rio zeigt sehr deutlich, wie wichtig es sein kann, dass wir unsere Aquarienstämme erhalten. Auch wenn eine solche Erhaltungszucht aufgrund der genetischen Verarmung nicht unproblematisch ist: es ist immer noch besser, eine Art in Gefangenschaft zu erhalten, als dass sie endgültig und unwiderbringlich von unserem Planeten verschwindet.

Frank Schäfer

Literatur:
Carvalho, F. R., de Jesus, G. C. & F. Langeani (2014): Redescription of Hyphessobrycon flammeus Myers, 1924 (Ostariophysi: Characidae), a threatened species from Brazil. Neotropical Ichthyology v. 12 (no. 2): 247-256.

Über den Autor Frank Schäfer

Frank Schäfer, geboren 1964, Biologe, seit frühester Jugend Tier- und Pflanzenhalter aus Leidenschaft. Sein besonderes Interesse gilt seit jeher den Fischen, aber Reptilien, Amphibien, Wirbellose, Kleinsäuger und Vögel sowie eine Vielzahl von Pflanzen begeistern ihn ebenso.

Seit 1980 Mitglied im Verein für Aquarien- und Terrarienkunde Hottonia e.V., dort seit 1982 auch immer wieder Vorstandsämter (Gartenwart, Redakteur der Vereinszeitschrift, 1. Schriftführer), seit 1982 Mitglied in der Internationalen Gemeinschaft für Labyrinthfische (IGL), seit 1992 auch im European Anabantoid Club (EAC). Erste Fachartikel über Pflege und Zucht von Puntius vittatus, Macropodus opercularis, Trionyx ferox und Polypterus senegalus in der Hottonia-Post 1981; erste große Fischfangreise in die Tropen 1983 nach Sumatra, worüber anschließend zahlreiche Aufsätze in der Hottonia-Post, der Zeitschrift „Der Makropode“ und „Das Aquarium“ erschienen; von da an regelmäßig Publikationen in vielen aquaristischen Fachzeitschriften, sowohl national wie auch international. Seither außerdem jährlich mehrere Dia-Vorträge auf nationalen und internationalen Tagungen.

Studium der Biologie in Darmstadt von 1984-1989, Abschluss als Diplom-Biologe mit den Prüfungsfächern Zoologie, Botanik, Ökologie und Psychologie. Diplomarbeit bei Prof. Ragnar Kinzelbach zum Thema „Wirtspezifität der Glochidien von Anodonta anatina“.

Zahlreiche Fang-, Sammel- und Studienreisen in das europäische Ausland, die Türkei, Sambia und vor allem Indien; Forschungsschwerpunkt ist die Süßwasserfischfauna des Ganges mit dem Ziel einer kompletten Revision der Arbeit von Francis Hamilton (1822): An account of the fishes found in the river Ganges and its branches. Edinburgh & London. Wissenschaftliche Erstbeschreibung von Oreichthys crenuchoides und gemeinsam mit Ulrich Schliewen von Polypterus mokelembembe. Wissenschaftliche Besuche und kurzzeitige Arbeiten in den zoologischen Sammlungen von London, Paris, Brüssel, Tervueren, Wien, Berlin, Frankfurt und München.

Seit 1996 bis heute Redakteur bei Aqualog und wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Fischbestimmung bei Aquarium Glaser, Rodgau. In dieser Zeit verantwortlich als Autor oder Co-Autor von über 20 Büchern und über 400 größeren Fachartikeln, nicht nur bei Aqualog, sondern bei nahezu allen deutschsprachigen Fachverlagen, vereinzelt auch in internationalen Publikationen. Seit 2009 Betreuung der Homepage und des Newsletters bei Aquarium Glaser mit 3-5 Posts pro Woche. Nach wie vor leidenschaftlicher Tier- und Pflanzenpfleger, quer durch den Gemüsegarten: Aquaristik (Süß- und Seewasser), Terraristik, Teichpflege, Kleinvögel.

Frank Schäfer ist verheiratet und hat zwei Töchter, die 1989 und 1991 geboren wurden.

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Ein Kommentar zu “Der Rote von Rio – Überleben dank der Aquaristik

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