Pastellgrundeln (Tateurndina ocellicauda) – bildschöne Charakterköpfe

Neu-Guinea gehört immer noch zu den relativ wenig erforschten Regionen der Erde. Die Süßwasserfische von dort fanden erst spät den Weg in die Aquarien. Unter ihnen ist die Pastell- oder Schwanzfleckschläfergrundel, Tateurndina ocellicauda.

Laichbereites Pärchen der Pastellgrundel, Weibchen vorn.

Entdeckt wurde die kleine Art, die niemals größer als 5-6 cm wird, erst 1953. Anlässlich der vierten Archbold-Expedition sammelte Hobart M. Van Deusen die ersten Exemplare im Peria Creek, Kwagira River, etwa 10 Meilen von der Küste entfernt, in tümpelartigen Abschnitten. 1955 be­schrieb John T. Nichols vom American Mu­seum of Natural History die Grundel in einer neuen, eigens für sie aufgestellten Gattung, nämlich Tateurndina, als T. ocelli­cauda. Bis heute ist sie die einzige Art dieser Gattung geblieben. Der sehr eigenartige Name „Tateurndina“ setzt sich aus den Worten „Tate“ und „Urndina“ zusammen. Mit „Tate“ wollte Nichols die Brüder Geoffrey M. Tate und George H. H. Tate ehren, die sich sehr um die Kenntnis der Fauna von Neu-Guinea verdient machten. „Urndina“ erklärt Nichols nicht. Aber er vergleicht den neuen, kleinen Fisch mit Mogurnda, den Tüpfel­grundeln, und erwähnt, dass er darüber nachdachte, dass es sich bei Tateurndina vielleicht nur um eine Art Larvenstadium der Tüpfelgrundeln handele; aber er verwarf diesen Gedanken dann wieder. Höchstwahr­scheinlich ist mit „Urndina“ daher eine Ver­kleinerungsform von „Mogurnda“ gemeint. Der Name Mogurnda ist übrigens abgeleitet von dem volkstümlichen Namen für die Art Mogurnda mogurnda in Port Essington in Australien.

Sowas von bunt

Für eine Süßwassergrundel ist die Pastell­grundel ganz außergewöhnlich bunt. Und sie hat eine absolut ungewöhnliche Lebens­weise. Meist sind Grundeln nämlich Boden­fische, die Pastellgrundel aber schwimmt frei im Wasser. Von ihrer Farbigkeit ahnte Nichols nicht das geringste, als er die neue Art be­schrieb. Seine in Alkohol konservierten Exemplare waren nämlich nur bräunlich, heller am Bauch. Das einzige, auffallende Farbmerkmal, das sie aufwiesen, war der große, teilweise hell eingefasste Schwanz­wurzelfleck, der dann auch als Inspiration für den Artnamen diente: „ocellicauda“ be­deutet „mit Augenfleck am Schwanz“. Dieser Augenfleck ist beim lebenden Tier aber gar nicht so augenfällig. Dagegen sind die herrlich roten, senkrechten Steifen auf blauem Grund auf den Körperseiten und die rot getupften, leuchtend gelb eingefassten Flossen echte Hingucker und machen die Pastellgrundel zu einem der schönsten Aquarienfische von Papua. Der Kopf ist der Hammer! Die Geschlechter sind bei der Pastellgrundel schon recht früh zu unterscheiden: Männchen haben einen flacheren Bauch als die Weibchen. Mit zunehmendem Alter entwickeln die Männchen einen immer höheren Kopf, bis sie im Alter schließlich fast etwas grotesk aussehen. Der Kopf erinnert zum Schluss etwas an den der Goldmakrelen oder Dolphins (Coryphaena). Es ist kein besonderer Zweck für diese Kopfform bekannt. Es gibt Buckelköpfe aber auch bei allerlei anderen Fischarten, vor allem Buntbarschen, aber auch Labyrinthfischen. Es sind vermutlich reine Luxusbildungen, ähnlich der prachtvollen Schwanzschleppe des Pfaus und dient in erster Linie dazu, die Frauen anzumachen und die anderen Männer einzuschüchtern.

Pastellgrundeln sind keine Bodenfische, sondern schwimmen frei im Wasser.
Junges Männchen.
Junges Weibchen.

Leichte Pflege

Aquaristisch wurde die Pastellgrundel erst spät, in den 1980er Jahren, bekannt. Sie eroberte aber die Herzen der Liebhaber im Sturm, denn sie vereint viele positive Eigenschaften in sich: sie ist stets sichtbar und sehr farbig; sie ist völlig anspruchslos in Bezug auf die Wasserzusammensetzung und die Fütterung; sie ist (zumindest meistens) friedlich; und sie ist leicht zu züchten. Und letzteres macht sie wiederum zu einer ungewöhnlichen Grundel. Die allermeisten Grundelarten kommen sehr unterentwickelt zur Welt. Wenn sie schlüpfen, sind es kaum entwickelte Larven, die sich mit den Meeresströmungen treiben lassen und im Plankton heranwachsen. Das tun sogar die meisten Süßwassserarten. Sie laichen zwar im Süßwasser ab, die Larven werden aber mit der Strömung der Bäche und Flüsse ins Meer gespült. Bei Tateurndina ist das anders: Die Larven schlüpfen nach ca. 10 Tagen aus den vergleichsweise riesigen Eiern und obwohl sie frei im Wasser schwimmen und nur wie Glassplitter aussehen, können sie bereits gut genug schwimmen, um in der Nähe des Geburtsortes zu bleiben, wo sie auch heranwachsen.

Das Männchen bewacht alleine das Gelege, das Weibchen hat nichts mit der Brutpflege zu tun. Man entfernt das Weibchen darum nach der Eiablage. Oben: Männchen mit frischem Gelege.

Einfache Zucht

Man kann die Pastellgrundel als echten Einsteigerfisch bezeichnen, was die Zucht angeht. Nur wenige Arten machen es dem Aquarianer so leicht. Wenn das Weibchen einen guten Laichansatz zeigt und im Idealfall beim Männchen und beim Weibchen schon die Genitalpapillen leicht hervortreten, ist ein günstiger Zeitpunkt, das Paar in das Zuchtbecken zu überführen. Dafür reicht schon ein 5-Liter Becken aus. Es braucht keine Einrichtung außer ein paar freischwimmenden Pflanzen (Hornkraut, Wasserpest, eine Handvoll Fadenalgen etc.) und einer kleinen Höhle, die wie ein Dolmen (ein steinzeitliches Kultgrab) aus zwei etwa walnussgroßen Kieseln mit einer Deckplatte, bestehend aus einem flachen Stein, gebaut ist. Hier wird das Pärchen bald ablaichen, die Wassertemperatur sollte bei 26-28°C liegen. Das Weibchen fängt man nach dem Ablaichen heraus. Es kümmert sich ohnehin nicht um die Eier. Das ist die Aufgabe des Männchens. Das Männchen bewacht den Laich bis zum Schlupf der Larven und fächelt den Eiern frisches Wasser zu. Nach dem Schlupf der Larven endet auch beim Männchen die Brutpflege, es kann jetzt wieder zurück ins Gesellschaftsbecken. Die Aufzucht der Jungen mit Mikro (Panagrellus redivivus, früher Turbatrix silusiae oder Anguillula silusiae), Artemia-Nauplien und sogar staubfeinem Trockenfutter ist kein Problem und gelingt auch Anfängern in der Zierfischzucht.

Hier ist das Gelege zwei Tage alt, die Larven mit den großen Dottersäcken sind gut in den Eiern zu erkennen.
Drei Tage altes Gelege. Die Larven sehen schon schlupfreif aus, doch es wird noch vier Tage bis zum Schlupf dauern.
Frisch geschlüpfte Larve.

Im Gesellschaftsbecken

Die Pastellgrundel eignet sich grundsätzlich hervorragend für Gesellschaftsbecken. Es ist dabei gleichgültig, wie viele Exemplare wel­chen Geschlechts im Becken schwimmen, untereinander sind sie immer friedlich. Nur gegenüber manchen Fremdfischen mit lang ausgezogenen Flossen können sie oft nicht widerstehen und knabbern die Flossen an. Gerade der geografisch und bezüglich der Größe so gut passende Iriatherina werneri (Fili­gran- oder Prachtregenbogenfisch) sollte darum nicht mit Pastellgrundeln gemeinsam gepflegt werden. Gut geeignete Gesell­schafter sind hingegen Regenbogenfische der Gattung Melanotaenia, Barben, Salmler, Leuchtaugenfische, Welse, Zwergbunt­barsche oder Schmerlen. Man kann Tate­urndina mit Trockenfutter, Frostfutter und Lebendfutter füttern, sie lässt sich alles schmecken, nur für Pflanzen als Nahrung inter­essiert sie sich nicht. Aber dagegen hat schließlich kein Aquarianer etwas ein­zuwenden….

Männchen der Pastellgrundel haben einen mächtigen Buckelkopf.

Frank Schäfer


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Der Blinde Stachelaal, Mastacembelus brichardi

Blinde Fische erwartet man, so rein gefühlsmäßig, eigentlich aus Höhlen­gewässern. Bei der Mehrzahl der Arten dürf­te das auch zutreffen, doch der Blin­de Stachelaal, Mastacembelus (früher: Caecomasta­cembelus) brichardi, macht da eine Ausnahme. Der Fischt stammt aus der Volksrepublik Kongo (dem früheren Zaire) und lebt dort in dem Gebiet des Stanley Pool (heute: Pool Malebo). Be­kannte, in großen Stückzahlen aus diesen Gebiet importierte Aquarien­fische sind z.B. der Leopard­buschfisch (Ctenopoma acutirostre), der Fieder­bart­wels Syn­odontis brichardi oder der Strom­schnellencichlide Teleogramma brichardi.

In der Arbeit, in der der Blinde Stachelaal erstmals wissenschaftlich beschrieben wird, befindet sich auch eine Biotop­aufnahme. Dort erkennt man große, teilweise aus dem Wasser ragende Felsen, in deren Spalten sich die Blinden Stachel­aale wohl bevorzugt aufhalten.

Die Art wird etwa 15 cm lang (das größte, der Originalbeschreibung zu­grun­de lie­gen­de Exemplar war 11 cm lang). Die Tiere, deren Färbung von schneeweiß bis schmutzig-grau variiert, fressen be­vor­zugt Wurm- und Frostfutter. Wichtig ist, dass das Futter stark duftet.

Stachelaale sind recht gesellige Tiere, man kann auch diese Art gut in Gruppen pflegen. Andere Fische, die nicht so klein sind, dass sie als Futter angesehen werden, werden nicht belästigt. Geschlechtsunterschiede beschränken sich bei den Stachelaalen darauf, dass die Weibchen etwas größer und deutlich fülliger als die Männchen sind. Manche Exemplare haben aber einen stark aufgetriebenen Schädel, was vielleicht ein Geschlechtsmerkmal der Männchen ist.

Über keine Art der afrikanischen Stachelaale liegt bislang ein Zuchtbericht vor, man kann jedoch davon ausgehen, dass sich die Zucht nicht wesentlich von der der asiatischen Macrognathus-Arten unterscheidet. Diese laichen in den Wurzeln von Schwimmpflanzen (besonders gut eignet sich schwimmender Ceratopteris) ab. Brutpflege üben Stachelaale nicht aus. Wer mit kongolesischen Fischen züchten möchte ist gut beraten, dies während unseres Winters zu tun. Viele Arten sind zu dieser Jahreszeit deutlich laichwillger als sonst. Im Pool Malebo ist im Dezember die Zeit des höchsten Wasserstandes, der niedrigste im März und September. Der Wasserstand des rund 10 m tiefen Gewässers schwankt um ca. 3 m.

De Pflege dieser nur äußerst selten angebotenen Fische ist nicht schwer. Die Wassertemperatur kann zwischen 25 und 28°C liegen, in der Natur ist das Wasser weich (ca. 2,2°GH) und leicht sauer bis neutral (pH 6-7), aber für gewöhnlich sind die Fische dieser Region recht anpassungsfähig was die Wasserchemie angeht. Wichtiger erscheint mir, dass man den Tieren einen sandigen Bodengrund bietet, in den sie sich bei Bedarf eingraben können.

Frank Schäfer


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Süßwasserhaie?!

Am Karfreitag haben wir über Kreuzwelse berichtet, die auch als „Minihaie“ bezeichnet werden. Allerdings haben die Welse rein verwandtschaftlich nichts mit Haien zu tun, sie haben lediglich eine Schwimmweise, die an die der Haifische erinnert. Diese Schwimmweise haben auch die Haiwelse, Pangasiidae, eine Gruppe von rund 50 großen Welsarten, die u.a. einen der größten Süßwasserfische überhaupt stellen, den Mekong-Riesenwels (Pangasianodon gigas), der gut 3 Meter lang und 300 kg schwer werden kann. Seinen etwas kleineren Vetter, den Gewöhnlichen Haiwels (P. hypophthalmus, Synonym P. sutchi), kann man in jeder Zoohandlung kaufen. Es sind sozusagen Abfallprodukte der Aquakulturzucht dieser großen Welse, die etwa halb so groß wie der Mekong-Riesenwels (um 150 cm) und über 40 kg schwer werden. Die Vettern dieser Babies, die nicht das Glück hatten, als Zierfisch verkauft zu werden, findet man tiefgekühlt in jedem Supermarkt als „Pangasius“-Filet. Es soll hier nicht Thema sein, ob es sinnvoll ist, solchen Großfischen eine gewisse Zeit in privaten Aquarien ein Leben im Paradies zu ermöglichen, bis sie dann doch den Weg alles Irdischen gehen müssen und (in der Regel) als Futterfische in Zoos enden. Denn auch die Haiwelse sind Knochenfische und mit den Haien nicht verwandt. Vielmehr geht es an dieser Stelle darum, ob es auch echte Haie im Süßwasser gibt.

Der Haiwels, Pangasianodon hypophthalmus, ist mit Haien weder verwandt noch verschwägert. Er hat lediglich einen ähnlichen Schwimmstil.

Die Haie und Rochen sind Angehörige der Knorpel­fische oder Elasmobranchier. Etwa 250 Hai-Arten gibt es weltweit, fast alle leben im Meer. Aber es existieren auch Ausnahmen.

Die bekannteste Süßwasserart bei den Haien ist der an den tropisch-gemäßigten Küsten der ganzen Welt ver­breitete Bullenhai, Carcharhinus leucas. Die über 3 m lang werdende Art gehört zu den sogenannten euryhalinen Fischen und kann, ganz nach Belieben, zwischen Süß- und Seewasser hin- und her­pendeln. Allerdings ist der Bullenhai keine reine Süßwasserart, denn es gibt Hinweise darauf, dass er zur Fort­pflanzung ins Meer zurückkehren muss. Dieser „Hans Dampf in allen Gassen“ ist äußerst anpassungsfähig und frisst alles, was ihm vor das Maul gerät. Da sind auch Menschen keine Ausnahme. Ent­sprechend wird die Art gefürchtet, Angriffe auf Menschen sind jedoch so selten, dass sie immer noch eine Schlagzeile auf Seite 1 hergeben. Vom Bullenhai im Süßwasser gefressen zu werden, ist also eine sehr unge­wöhn­liche Art, zu Tode zu kommen.

Bullenhai, Carcharhinus leucas, Sumatra, Jambi, Batang Hari (Süßwasser). photo: H. H. Tan

Einige Populationen dieser weltweit verbreiteten Haiart sind so häufig in Süßwasser anzutreffen, dass sie z.B. als „Sambesi-Hai“ (nach dem Fluss Sambesi in Afrika) oder als „Nikaragua-Hai“ (nach dem Nikaragua-See in Mittelamerika) bezeichnet werden. Gute Informationen zum Bullenhai liefert http://www.sharks-world.com/bull_shark/

Weniger bekannt sind weitere Süß­wasser­haie, was auch damit zusammen­hängt, dass nur wenige Systematiker die ver­schiedenen, einander äußerlich sehr ähnlichen, Hai-Arten auseinanderhalten können. Außerdem ist es ziemlich schwierig, derart große Fische zu kon­servieren, weshalb auch in den Museen nur ein geringes Material über Süß­wasser­haie vorhanden ist.

Ein Vertreter der Gattung Glyphis, der auf Borneo (Sabah: Sungai Kinabatangan) gefangen wurde. Diese Art wurde erst 2010 als Glyphis fowlerae wissenschaftlich beschrieben. photo: M. Manjaji

Einen gewissen Berühmtheitsgrad hat jedoch der Ganges-Hai, Glyphis gangeticus, erlangt. Obwohl es sich hier­bei um eine aus wissenschaftlicher Sicht wenig erforschte Art handelt, ist sie von Legenden und Schauermärchen um­rankt. Dieser Hai (er erreicht eine Größe von ca. 2-2,5 m) war schon immer im Be­reich des Ganges vertreten. Man sagt, die Tiere hätten sich auf den Verzehr von menschlichen Leichen spezialisiert, die in den heiligen Fluss geworfen wurden. Als man von dieser Praxis abkam und die Leichen zuvor vollständig verbrannte, fingen die angeblich zuvor friedlichen Haie an, badende Pilger anzugreifen.

Wenig ist bekannt über die Haie des Süßwassers. Leider auch nur wenig besser erforscht sind ihre Platten Ver­wandten, nämlich die Sägefische, Geigen­rochen und Rochen, von denen viele Arten ebenfalls im Süßwasser leben. Viele Stechrochen pflanzen sich dort sogar fort. Selbst eine Art der Zitter­rochen wurde aus dem Süßwasser ge­meldet. Und erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde mitten in Thai­land ein riesiger Süßwasserrochen (Himatura chaophraya) von über 600 kg Gewicht entdeckt (für Bilder siehe z.B. hier: http://biologypop.com/giant-freshwater-stingray/).  Auch in Afrika (Cross River, dem Grenzfluss zwischen Kamerun und Nigeria) gibt es vielleicht noch eine Riesen ­Art der Süßwasserrochen, die bislang, ähnlich dem Yeti, bisher noch ins Reich der Legenden verwiesen wird.

Zusammenfassend kann man also sagen: ja, es gibt Hai-Arten im Süßwasser, aber sie sind sehr schlecht erforscht. Es gibt und gab m. W. bisher weltweit keine Haltung dieser Tiere. Hoffentlich entschließt sich ein Schau-Aquarium eines Tages, eine Expedition auszurüsten, um eine Gruppe von Glyphis zu fangen. Durch die Beobachtung der Tiere im Aquarium könnten zahlreiche Wissenslücken geschlossen werden, die sich durch Feldforschung allein wahrscheinlich nie ergründen lassen.

Frank Schäfer


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Franky Karfreitag: Der Kreuzwels oder Minihai

Seit Jahrzehnten erfreut sich ein eleganter, silberglänzender Fisch großer Beliebtheit im Zoofachhandel. Der Populärname „Minihai“ hat sich unausrottbar eingebürgert. Dabei ist dieser Fisch weder Mini noch Hai. Mit einer Maximallänge von gut 30 cm gehört er als Aquarienfisch eher zur Bullenklasse und erreicht die Obergrenze der Größe von Fischen, die man gewöhnlich noch im Aquarium pflegt. Allerdings erreichen die Tiere sowohl in der Natur wie im Aquarium gewöhnlich nur 15-20 cm, aber auch das ist noch jenseits von „Mini“.

Ein Blick ins Gesicht zeigt: Barteln! Kein Hai hat so etwas und tatsächlich handelt es sich beim Mini-Hai um einen Wels aus der Familie der Ariidae, auf Deutsch auch Kreuzwelse genannt. Diese Welse leben, ganz im Gegensatz zu der überwältigenden Mehrzahl ihrer Vettern, vorzugsweise im Meer. Phantasiebegabte Menschen sehen in der Innenseite des Schädels ein Kruzifix, daher der Name „Kreuzwelse“. Kitschig ausgemalt kann man diese Naturkruzifixe vielerorts in Süd- und Mittelamerika kaufen.

Unterseite des Schädels eines Welses aus der Familie Ariidae, der nach Volkskunde Jesus am Kruzifix zeigt. Das linke Bild hat den vitruvianischen Menschen aus einem w:File:Vitruvian-Icon.png überlagert, um zu veranschaulichen, wo Jesus dargestellt sein soll, während das rechte Bild einfach der Schädel ist. In der linken oberen Ecke bildet die kleine schwarze Linie einen Maßstab von einem Zentimeter. Stirnseite nach unten. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Crucifix_catfish_skull_with_and_without_man.jpg

Kreuzwelse sind Maulbrüter im männlichen Geschlecht. Es handelt sich um eine sehr artenreiche Familie, über 150 Arten in 30 Gattungen sind gegenwärtig akzeptiert. Allerdings machen die Kreuzwelse den Systematikern das Leben schwer. Sie sehen einander sehr ähnlich, viele vermeintlich artabgrenzende Merkmale erwiesen sich im Nachhinein als im Laufe der Individualentwicklung variierende Kennzeichen. Und so ist die wissenschaftliche Literatur über Kreuzwelse sehr verworren und schwierig zu interpretieren. Kreuzwelse sind sehr häufig und treten in großen Stückzahlen auf, weshalb sie einen wichtigen Bestandteil der Küstenfischerei bilden.


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Nur eine einzige Art ist aquaristisch von Bedeutung, nämlich besagter Minihai. Er wird hauptsächlich aus Kolumbien (Zuflüsse des Pazifiks) importiert. Eigentlich ist er ein Brack- und Seewasserfisch, doch passt er sich problemlos an reines Süßwasser an, nur darf der pH-Wert nicht dauerhaft unter 7 sinken: saures Wasser bringt den Fisch um. Für die langjährige Pflege empfiehlt sich darum ein Brack- oder Meerwasseraquarium, denn hier ist das Wasser durch die Salzmischung gut auf einen pH-Wert von 8,3 gepuffert.

Kreuzwelse sind gesellige Tiere und sollten immer im Trupp von 6 Exemplaren aufwärts gepflegt werden.

Zunächst bezeichnete man den Minihai als Arius jordani, dann galt dieser Name als Synonym zu A. seemanni. Und dann wurde die Art durch die Gattungen gereicht. Mal wurde er Arius, mal Sciades, mal Hexanematichthys und dann Ariopsis zugeordnet. Jetzt erschien eine Revision der Gattung Ariopsis. Nach dieser heißt unser Minihai jetzt richtig Ariopsis simonsi (Starks, 1906). Bislang war dieser Name in die Synonymie von A. seemanni verwiesen worden. Mal sehen, wie lange dieser Name nun Bestand hat…


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Ausgewachsenes Männchen des Minihais im Aquarium des Baseler Zolli
Ausgewachsenes Weibchen
Close-up der seltsam modifizierten Bauchflosse eines ausgewachsenen Weibchens.

Wenn die Fische ausgewachsen sind, entwickelten die Weibchen seltsame Modifikationen der Bauchflossen. Wozu diese Bauchflossenmodifikationen jedoch dienen, entzieht sich meiner Kenntnis. Über eine erfolgreiche Zucht im Aquarium ist mir nichts bekannt, sie sollte allerdings im Meerwasseraquarium relativ problemlos möglich sein. Der aquaristische Bedarf kann und sollte durch Wildfänge gedeckt werden, denn das ist ökologisch sinnvoller und eine wichtige Einnahmequelle für die lokalen Fischer in Kolumbien, aber durch die Zucht im Aquarium könnte geklärt werden, wie das Paarungsverhalten der Tiere abläuft, das bislang noch völlig unbekannt ist.

Frank Schäfer

Literatur:

Marceniuk, A.P., Acero, A.P., Cooke, R. & Betancur-R, R. (2017): Taxonomic revision of the New World genus Ariopsis Gill (Siluriformes: Ariidae), with description of two new species. Zootaxa, 4290 (1): 1-42.

Und weiteren Lesestoff zum Thema Welse gibt es hier: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=welse

Was fressen Süßwassermuränen?

Die häufig importierte Muräne Gymnothorax tile aus Indien ist an und für sich ein unempfindlicher Pflegling. Doch ihre Ernährung stellt viele vor ein Rätsel. In Importeurskreisen geht gar das Ge­rücht um, sie sei ein Nahrungs­spezialist, weil Fütterungs­ver­suche in Import­stationen und beim Einzelhändler oft er­folglos sind. Ähnliche Probleme können sich bei den raren Arten Gymnothorax polyuranodon und Echidna leucotaenia ergeben (diese Arten sind zwar weit im indopazifischen Raum verbreitet, werden jedoch nur selten von den auf Süßwasserzierfische spezialisierten Fischern gefangen; Importe erfolgen meist aus Indonesien).

Die Muränen sind jedoch lediglich „Sensibelchen“, die sich erst absolut ein­ge­wöhnt haben müssen, bevor sie Nah­rung (tote und lebende Fische, ge­fros­te­te Garnelen und Regen­würmer) an­­nehmen. Diese freiwillige Hunger­phase dauert nach meinen Er­fahrungen etwa 3–4 Wochen und wird auch von kleinen Exem­plaren gut überstanden.  Also: Nur Geduld, früher oder später fangen sie schon an zu fressen. Am besten setzt man ein paar lebende Futterfische passender Größe (besonders eignen sich Mollys wegen ihrer großen Salztoleranz) in das Muränenbecken. Sind die Mollys verschwunden, haben die Muränen zu fressen begonnen; nun kann auch eine Fütterung mit toten Futtermitteln probiert werden. Es ist unbedingt erstrebenswert, auf Frostfische gegenüber Lebendfischen als Futtermittel umzustellen, weil sich dadurch die Gefahr, eine ansteckende Krankheit einzuschleppen, deutlich reduziert ist. Zwar sterben keineswegs alle Parasiten oder gar Bakterien während des Einfrostens ab, aber da es sich bei den Frostfischen um Wildfang handelt, sind die Tiere zum Zeitpunkt des Fanges gewöhnlich nicht akut erkrankt. In der Natur findet man nur sehr selten stark infizierte Fische, da sie, wenn sie Anzeichen einer akuten Erkrankung zeigen, schnell Opfer von Beutegreifern aller Art werden. Bei lebenden Futterfischen sieht die Sache anders aus. Sie werden meist in hoher Dichte gehältert und wenn hier Krankheiten auftreten, nehmen diese leicht einen seuchenartigen Verlauf. Übrigens: auch wenn die eingewöhnten Muränen problemlos Fischfilet annehmen, ist das Verfüttern vollständiger Fische viel besser. Durch die Schuppen, Gräten und Innereien bekommen die Muränen viele Inhaltsstoffe, die in schierem Filet fehlen.

Für eine ständige Pflege im Süßwasseraquarium ist Gymnothorax tile nicht gut geeignet. In der Natur lebt sie im Gezeitenbereich, also dort, wo die Ebbe und Flut gut spürbar sind. Ähnlich wie Argusfische, Silberflossenblätter, Kugelfische usw., die aus dieser Zone kommen, vertragen sie durchaus reines Süßwasser, sind dort aber sehr empfindlich gegen Nitrat – selbst Werte von nur 50 mg/l werden schlecht vertragen – und noch empfindlicher gegen Nitrit. Wenn nach einer Fütterung der Nitritwert plötzlich ansteigt ist das oft das Todesurteil für die Brackwasserfische, auch wenn echte Süßwasserfische im gleichen Becken keinerlei Anzeichen von Unwohlsein zeigen.

Salz verringert die physiologische Giftwirkung von Nitrat und Nitrit auf den Organismus der Muränen. Darum pflegt man sie besser in Brack- oder Meerwasseraquarien.

Von vielen Muränen wird behauptet, ihr Biss sei giftig. Der Biss von Gymnothorax tile ist definitiv nicht giftig. Ich hatte einmal das zweifelhafte Vergnügen, von einem Exemplar sehr heftig gebissen zu werden, was zu einem blutenden Finger führte. Das geschah nicht aus Bosheit des Tieres, sondern nach einer Fütterung. Meine Finger rochen noch nach Fisch und ich arbeitete am Filter, was die offenbar noch nicht gesättigte Muräne veranlasste, von mir zu probieren. Ich ließ die Wunde unter fließendem, warmem Wasser gut ausbluten. Sie heilte ohne Schwellung oder Entzündung völlig problemlos von alleine ab.

Frank Schäfer


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Die Kardinalslobelie (Lobelia cardinalis) – Hansdampf in allen Gassen

Kein geringerer als Carl von Linné, der Erfinder der bi­nomi­nalen Nomenklatur (also der wissenschaftlichen Namens­­ge­bung von Tieren und Pflanzen) beschrieb 1753 diese wunderschöne Pflanze. Sie ist aus der modernen Aquaristik nicht mehr wegzudenken. Im Holländischen Pflanzenaquarium ist sie, als „Leidener Straße“ gesteckt, ein unverzichtbares Gestaltungs­element.

Lobelia cardinalis, gesteckt als „Leidener Straße“

Die Lobeliengattung liefert einige Arten, die zum festen Pflanzen­repertoire der Gärtnereien gehören. Da wäre z.B. die bekannte Lobelia erinus, die als „Männertreu“ in praktisch keinem Balkonkasten fehlt.  Wird diese Pflanze aus­schließlich ihrer üppigen Blütenpracht wegen kultiviert, wissen viele Aquarianer gar nicht, welch herrlichen Blütenschmuck die als wichtige Aquarienpflanze bekannte Kardinalslobelie entwickelt, wenn man sie nur lässt.

Lobelia erinus, das Männertreu. Der Name Männertreu bezieht sich auf die Kurzlebigkeit der Einzelblüte. Sie sei wie die Treue eines Mannes: sehr hübsch, aber eben nicht von Dauer…

Beheimatet ist die Kardinalslobelie im ge­mäßigten Nordamerika. Am natür­lichen Standort wächst sie als über einen Meter hohe Sumpfpflanze mit aufrechtem Stengel und fleischigen Blättern.

In der Unterwasserkultur im Aquarium gehört sie zu den robustesten und an­­spruchslosesten Pflanzen überhaupt, die darum jedem Aquarianer wärmstens zu empfehlen ist. Im Ge­gensatz zu vielen anderen Stengelpflanzen wächst Lobelia cardinalis re­lativ langsam und erfordert daher nur wenig Pflege­maßnahmen. Der opti­male Temperaturbereich liegt bei 22 – 26°C, doch kann man sie auch gut in ungeheizten Zimmeraqarien verwenden. Je nach Licht­angebot variiert die Wuchsform, vor allem die Blattgröße, erheblich. So kann der Aquarianer durch die Be­leuch­tungsstärke selbst bestimmen, ob er die Kardinalslobelie lieber als Vordergrund-, Mittelgrund- oder Solitärpflanze (immer in Gruppen) verwenden möchte. Obwohl die Pflanze ein Sumpfgewächs ist, wird an den Nährstoffgehalt des Bodengrundes kein hoher An­spruch gestellt. Scheinbar deckt die Lobelie den größten Teil ihres Nah­rungs­bedarfs bei der Unterwasserkultur direkt aus dem Wasser ab.

Blütenstand der Kardinalslobelie.

Vermehrt wird die Pflanze im Hobby im allgemeinen durch Stecklinge. Das Re­ge­nerationsvermögen der Lobelie ist er­staunlich. Oft bilden selbst einzelne, abgerissene Blätter noch Wurzeln aus. Dennoch sollten die Stecklinge nicht zu klein gewählt werden und mindestens 6 Blätter haben. Wie schon in der Ein­leitung erwähnt, ist die Kardinalslobelie ideal zum Aufbau einer nach hinten aufsteigenden „Straße“ geeignet. Beim Ab­nehmen von Stecklingen und beim Ein­pflanzen ist darauf zu achten, dass der Stengel mit einem sehr scharfen Messer abgeschnitten werden sollte. Druck- und Quetschstellen sind unbedingt zu vermeiden, sonst kommt es zu Faulstellen. Man kann Lobelien aber auch durch Samen vermehren, Saatguthersteller bieten solche Sämereien an. Durch Aussaat bekommt man preiswert sehr viele Pflanzen, die zudem mit den lokalen Bedingungen gewöhnlich gut zurecht kommen. Die Samen sind, wie bei vielen Glockenblumengewächsen, zu denen die Lobelien zählen, sehr fein. Sie sollten darum nicht mit Substrat bedeckt, sondern lediglich leicht angedrückt werden. Die Keimdauer beträgt ca. 4 Wochen, das ist auch etwas temperaturabhängig. In unseren Breiten wird man sie gewöhnlich erst nach den letzten Frösten aussäen, aber prinzipiell ist die Aussaat in Innenräumen ganzjährig möglich. Die Saatguthersteller empfehlen eine Keimtemperatur um 20°C.

Kardinalslobelie, Lobelia cardinalis, Einzelblüte. Botanisch gehört die Gattung Lobelia mit ihren ca. 365 Arten übrigens zu den Glockenblumengewächsen (Campanulaceae).

Leider – oder soll man sagen: glücklicherweise? – ist die Pflanze bei uns nicht dauerhaft win­ter­hart, bei stärkeren Frösten stirbt sie gewöhnlich ab. So ist Lobelia cardinalis derzeit noch nicht auf der immer länger werdenden Liste potentiell invasiver Arten zu finden, deren Verkauf EU-weit verboten ist. Eine grundsätzlich gute Idee wird in dieser EU-Verordnung zunehmemd pervertiert, indem unter dem Argument der Vorbeugung auch solche Arten in ein Handelsverbot aufgenommen werden, die nirgendwo in der EU dauerhafte Populationen ausbilden, geschweige denn, invasiv werden. Dennoch an dieser Stelle der Hinweis: Reste von Kardinalslobelien sollten, genau wie alle anderen Zierpflanzen, über den Kompost entsorgt werden und man hat als verantwortungsvoller Pflanzenfreund die Pflicht, dafür sorge zu tragen, dass es nicht zur Ansiedlungen in freier Wildbahn kommt.

Im Mai am Gar­ten­teich oder auch im feuchten Staudenbeet ausgepflanzte Exemplare kommen re­gel­mäßig zur Blüte, die wirklich spek­­ta­kulär ist. Darum kann man die Kardinalslobelie inzwischen nicht nur im Zoofachhandel als Aquarienpflanze kaufen, sondern findet sie auch im Staudensortiment des Gartenhandels. Dort werden auch stark frostresistente Sorten angeboten, die angeblich bis minus 30°C ertragen können.

Auch am sonnigen Blumenfenster kann man die Blütenbildung beobachten, wenn man die Pflanze auf Sumpfkultur umstellt.  Dazu nimmt man am besten ein kleines Aquarium, dessen untere Bodenschicht mit einem nährstoffreichen Substrat an­gereichert wurde. Das  Wasser sollte weich sein. Man läßt die Pflanze in einem Aquarium mit niedrigem Wasserstand von alleine aus dem Wasser herauswachsen und entfernt dann nach und nach die Deckscheibe. So härtet man die Pflanze ab und das weiche Blattgewebe der Wasserpflanze (submerse Wuchsform) wird von der Lobelie durch das derbere Blattgewebe der Landform (emerse Wuchsform) ersetzt. Man kann die Pflanze aber auch topfen und in gespannter Luft (also einer sehr hohen Luftfeuchte nahe der Sättigungsgrenze) anwurzeln lassen. Im Zoofachhandel gekaufte Pflanzen sind oft emers kultiviert (dazu kann man den Verkäufer befragen); die Umstellung auf Unterwasserkultur gelingt gewöhnlich problemlos. Der Vorteil der emersen Kultur liegt für die Gärtner darin, dass die Pflanzen schön sauber sind, weil sie natürlich keine Algen ansetzen. Aber der Vorteil von emers kultivierten Pflanzen liegt auch darin, dass sie leichter für Blühexperimente verwendet werden können.

Emers kultivierte Pflanzen können auch sehr gut in Paludarien und feuchten Terrarien Verwendung finden. Da alle Lobelien ziemlich giftig sind – sie enthalten u.a. ein Alkaloid namens Lobelin, das in der Wirkung dem Nikotin ähnlich ist – werden sie von den meisten pflanzenfressenden Tieren gemieden. Angeblich wurde die Kardinalslobelie von den Ureinwohnern Nordamerikas als Heilpflanze gegen Krämpfe und Typhus eingesetzt, andere Arten der Gattung wurden vor allem geraucht und sollen wirksam gegen Astma sein, eine weitere Art heißt sogar nach der Krankheit, gegen die frühe Siedler sie verwendeten: Lobelia siphilitica. Diese blau blühende Lobelienart wird oft als Zierpflanze angeboten. Sie kann m.W. nicht submers kultiviert werden, ist aber eine Sumpfpflanze und schattenverträglich.

Die medizinische Dosierung von Lobelien gestaltet sich schwierig; innerlich sollte man sie überhaupt nicht anwenden (also als Tee oder gegessen). Verwendet werden Lobelien als Räucherwerk oder in Salben. Aber Vorsicht: Überdosierungen können sogar tödlich sein, weshalb dringend davon abgeraten werden muss, diesbezüglich herumzuexperimentieren. Wer sich für Lobelien interessiert, sollte sich an Wuchs und Blüte erfreuen und die Erforschung der pharmazeutischen Eigenschaften den Profis überlassen.

Eine relativ neue Züchtung der Kardinallobelie ist die Lobelia cardinalis „Mini“, die sich besonders gut für so genannte Nano-Aquarien oder als Vordergrundpflanze eignet. Sie ist einfach in allen Teilen wesentlich kleiner als die Stammart.

Kurz und gut: in ihrer vielseitigen Verwendbarkeit in Aquarien, Terrarien und Teichen unter den verschiedensten Temperatur- und Lichtregimes ist die Kardinalslobelie unübertroffen.

Text & Photos: Frank Schäfer


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Der Mosaikfadenfisch (Trichogaster leerii) – eine bedrohte Art!

Der Erstimport des Mosaikfadenfisches nach Deutschland erfolgte 1933. Seither ist dieser wunderschöne Fisch nie wieder aus den Aquarien verschwunden. Trifft die Aquarianer eine Mitschuld an seinem Seltenwerden in der Natur oder gar an seinem Aussterben?

Der Mosaikfadenfisch ist eine von fünf Arten der östlichen Fadenfische (Trichogaster, von manchen auch Trichopodus genannt). Wie die vier übrigen Arten, der Punktierte Fadenfisch (T. trichopterus), der Schaufelfadenfisch (T. pectoralis), der Mondscheinfadenfisch (T. microlepis) und der erst kürzlich entdeckte T. poptae gehört die bis zu 12 Zentimeter lange Art in ihrer Heimat zu den Speisefischen. Dort, wo der Mosaikfadenfisch (T. leerii) vorkommt, ist er häufig und nicht gefährdet. Dennoch wird die Art in der Internationalen Roten Liste (IUCN) auf der Vorwarnstufe ”potentiell gefährdet” geführt. Warum?

Zwei rangelnde Männchen des Mosaikfadenfisches, Zuchtstamm aus Singapur.

Verlust an Lebensraum

Der Mosaikfadenfisch ist in der Natur auf einen ganz bestimmten Gewässertyp angewiesen, um überleben zu können: das Schwarzwasser. Schwarzwasser heißt so, weil es die Farbe von dünnem Kaffee hat. Es ist sehr säurehaltig (pH um 4,5) und sehr arm an Mineralstoffen, wodurch Schwarzwasser auch sehr keimarm ist. Im Aquarium ist der Mosaikfadenfisch auch in anderem Wasser gut zu pflegen, doch in der freien Natur kann er nicht mit anderen Arten konkurrieren, wenn das Schwarzwasser verschwindet. Mit dem Schwarzwasser verschwindet auch der Mosaikfadenfisch.

Ölpalmen – der Fluch der Tropen 

Früher gab es den Mosaikfadenfisch in Thailand, auf der malaiischen Halbinsel, auf Sumatra, Borneo und Riau, vielleicht auch auf anderen kleineren Sundainseln. Dort gab es viele Torfsümpfe und mit ihnen reichlich Schwarzwasserbiotope. Heute erstrecken sich dort, wo früher die Schwarzwassersümpfe waren, endlose Ölpalmenplantagen. Schwarzwasser sucht man dort vergebens. Die Fische, die auf Schwarzwasser angewiesen sind, gibt es nicht mehr.

Agrarwüste in Südostasien: Ölpalmen, Bananen, Reis
So sehen Biotope aus…

Noch 1945 schrieb Hugh M. SMITH in seinem Buch über die Süßwasserfische von Thailand, dass der Mosaikfadenfisch in der Umgebung von Bangkok nicht selten sei. Horst LINKE, der erfahrene Tropenreisende und Labyrinthfisch-Spezialist, konnte ihn in Thailand nie nachweisen, ebenso Jörg VIERKE. Ich halte es, wie VIERKE, nicht für ausgeschlossen, dass es teils auch Verwechslungen mit Trichogaster microlepis, dem Mondscheinfadenfisch, gegeben hat. Das klingt vielleicht wenig glaubhaft, wenn man diesen schönen Fisch nur von Bildern kennt. Da wird er immer in seiner typischen, silbergrauen Färbung gezeigt. Stimmungsabhängig, vor allem bei Beunruhigung, kann T. microlepis aber auch ein dunkles Längsband zeigen, wie es für T. leerii so typisch ist. Das gleiche Individuum kann das dunkle Längsband aber auch wieder vollständig ausschalten. T. microlepis ist ökologisch nicht sehr anspruchsvoll, braucht vor allem kein Schwarzwasser und kommt in Zentral-Thailand häufig und weit verbreitet vor.

Laut IUCN-Liste muss die Art T. leerii für Zentral-Thailand jedenfalls als ausgestorben gelten. Der Lebensraumverlust für den Mosaik-Fadenfisch in den kommenden 10-20 Jahren wird auf dramatische 30% geschätzt.

Mondscheinfadenfische, Trichogaster microlepis, sind sehr eng mit T. leerii verwandt. Manchmal zeigen sie ein Längsband.

Überfischung?

Im Handel tauchen Wildfänge des Mosaikfadenfisches praktisch nie auf. Bei Aquarium Glaser, einem der weltweit größten Zierfisch-Großhändler, hat man in den letzten 20 Jahren niemals Wildfänge von T. leerii angeboten bekommen. Kommerziell gezüchtet wird die Art in Südostasien (Indonesien, Singapur, Malaysia, Thailand, Sri Lanka, Vietnam, Hongkong), ferner in Israel, Tschechien und den USA. Überall, wo Aquaristik betrieben wird, beschäftigen sich auch Hobbyzüchter mit der Vermehrung der Art. Der nationale und der internationale Handel sind bei dieser äußerst produktiven Art – es handelt sich um Schaumnestbauer, die ca. 700 Eier pro Gelege produzieren, ganzjährig fortpflanzungsfähig sind und eine Generationsfolge von 4 – 6 Monaten haben – völlig vom Wildfang unabhängig. Überfischung für den Lebendhandel ist als Ursache des Rückganges der freilebenden Bestände darum absolut auszuschließen.

Männchen eines Zuchtstammes aus Hongkong.

Erhaltungszucht tut Not

Als Art ist der Mosaikfadenfisch dank der Aquaristik nicht gefährdet. Aber die freilebenden Bestände sind hochgradig bedroht. Yunedi BASRI vom Integrated Fishery Laboratory der Bung Hatta University in Padang, West-Sumatra, hat mit der Erhaltungszucht der Population von Riau begonnen (Jakarta Post vom 6. August 2013). In West-Sumatra selbst sind keine Mosaikfadenfische mehr zu finden. Es ist sehr wichtig, die verschiedenen, genetisch unterschiedlichen Populationen von T. leerii rein zu erhalten. Dazu sollten schnellst möglich die natürlichen Bestände erfasst und importiert werden. Die Zucht an sich ist kein Problem, denn sie gehört zum 1×1 der Aquaristik.

Endlich: Wildfänge aus Thailand!

Im Juni 2017 geschah dann das Unerwartete: Aquarium Glaser importierte 50 Wildfänge des Mosaikfadenfisches aus Thailand. Und nicht nur das: der Lieferant gab auch noch gute Fundortinformationen dazu! Die Tiere stammen aus dem Gebiet von Su-Magi Kolok in der Provinz Narathiwat, wo gewöhnlich Glaswelse (Kryptopterus vitreolus) gefangen werden. Zunächst erschien es, als würden die – etwas über halbwüchsigen – Fische sich äußerlich nicht von den Nachzuchttieren unterscheiden, doch ein genauerer Blick ergab: die Weibchen haben deutlich weniger Punkte im Rücken als die Männchen! Noch sind die Fische recht klein, doch werde ich mir große Mühe geben, dass der Stamm im Hobby erhalten bleibt, denn wann es wieder einmal Wildfänge vom Mosaikfadenfisch aus Thailand geben wird, ist steht in den Sternen. Auf jeden Fall waren diese Tiere der Beweis: der Mosaikfadenfisch ist in Thailand noch keineswegs ausgestorben!

Wildfänge von Borneo

Dank der Ausdauer der Mitarbeiter von Aquarium Glaser konnte im Jahr 2020 auch die Wissenslücke, wie denn die Wildfänge aus Indonesien – also von Sumatra und Borneo aussehen, geschlossen werden. Leider gelang es mir noch nicht, von den Sumatra-Tieren brauchbare Aufnahmen zu erstellen, aber die Borneo-Fische konnte ich schon ablichten. Sie unterscheiden sich äußerlich nicht von den Aquarienstämmen und man kann daher davon ausgehen, dass die Aquarienpopulation des Mosaikfadenfisches auf diese Tiere zurückgeht.

Frank Schäfer

Literatur:

Bachyul Jb, S. (2013): Rescuing ‘sepat mutiara’and other rare fish species. The Jakarta Post, Padang, West Sumatra vom Dienstag, 6. August 2013

Linke, H. (2017): Labyrinthfische. 2. Auflage. Tetra Verlag, Berlin-Velten

Smith, H. (1945): The fresh-water fishes of Siam, or Thailand. Bulletin of the United States National Museum No. 188: i-xi + 1-622, Pls. 1-9.

Vierke, J. (1978): Labyrinthfische und verwandte Arten. Engelbert Pfriem Verlag, Wuppertal-Elberfeld

Mehr Lesestoff über Labyrinthfische können Sie hier finden: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=labyrinthfische


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Die Störwelse Paraguays: Sturisoma barbatum oder S. robustum?

Die Störwelse gehören zu den sehr beliebten Harnischwelsen für das Aquarium. Das liegt an ihrer interessanten Gestalt und guten Züchtbarkeit. Hinzu kommt, dass Störwelse auch tagsüber aktiv sind und sich nicht – wie viele andere Harnischwelse – verstecken. Es gibt zwei Gattungen der Störwelse, Sturisoma und Sturisomatichthys. Die Gattungsunterschiede sind subtil. Als die Gattung Sturisomatichthys 1979 aufgestellt wurde, wurde als einziger Unterschied zu Sturisoma das nicht verlängerte Rostrum (= die Schnauze) angegeben. Sturisomatichthys waren also de kurznasigen Störwelse. Spätere Arbeiten zur Anatomie und DNS der Störwelse gruppierten die Sturisomatichthys und Sturisoma zugeordneten Arten unterschiedlich, bis schließlich 2019 in einer umfassenden Studie zur Taxonomie von Sturisomatichthys die Gattung wie folgt von Sturisoma getrennt wurde:

„Von Sturisoma unterscheiden sie (Anmerkung: Sturisomatichthys) sich durch die unregelmäßigen, zahlreichen zentralen Bauchplatten, die nicht in definierten Reihen angeordnet sind (im Gegensatz zu drei klar angeordneten Reihen zentraler Bauchplatten); durch den Besitz von dunklen Flecken auf einer oder allen Rücken-, Brust-, Bauch- oder Afterflossen (im Gegensatz zu fehlenden Flecken); und durch die 13-18 Platten auf der mittleren Plattenreihe (im Gegensatz zu 20-21 Platten auf der mittleren Reihe)“; (im Original: from Sturisoma it is distinguished by the irregular, numerous central abdominal plates not arranged in defined series (vs. three clearly arranged series of developed central abdominal plates); by the possession of dark spots on either, or all, dorsal, pectoral, pelvic, or anal fins (vs. spots absent); and by having 13–18 plates on the median plate series (vs. 20–21 plates on the median series. Londoño-Burbano & Reis, 2019: 765).

Aufgrund dieser Definition gehören heute folgende Arten zu Sturisomatichthys: Sturisomatichthys aureus; S. caquetae; S. citurensis; S. dariensis; S. festivus; S. frenatus; S. guaitipan; S. kneri; S. leightoni; S. panamensis; S. reinae; S. tamanae und S. varii. Zu Sturisoma zählen: Sturisoma barbatum; S. brevirostre; S. caquetae; S. guentheri; S. lyra; S. monopelte; S. nigrirostrum; S. robustum; S. rostratum und S. tenuirostre.

Aus Paraguay werden wundervolle, teilweise sehr große Sturisoma-Störwelse importiert. Aus dem Rio Paraguay sind zwei Sturisoma-Arten bekannt: der bereits 1853 von Kner beschriebene S. barbatum und der 1904 von Regan beschriebene S. robustum. Die beiden Arten unterscheiden sich auf den ersten Blick nur unwesentlich voneinander.

Das wichtigste anatomische Merkmal, das die beiden Arten unterscheidet, ist die Struktur der Nacken- und Vorderrückenschilder. Bei S. barbatum bestehen sie im wesentlichen aus drei massiven Knochenspangen (plus zwei kleinere Knochenplatten), bei S. robustum aus 17 Knochenplatten.

S. barbatum soll wesentlich länger ausgezogene Flossenfilamente haben als S. robustum. Heute wissen wir aber, dass solche Flossenfilamente sowohl ontogenetisch (also im Verlauf des Lebens während des Wachstums) wie auch individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können und zur Artunterscheidung wenig geeignet sind. Betrachtet man die den Originalbeschreibungen beigefügten Abbildungen, so fällt ferner auf, dass S. barbatum insgesamt zierlicher wirkt, der Artname “robustum“ ist von Regan gut gewählt. 

Betrachtet man die den Originalbeschreibungen beigefügten Abbildungen, so fällt ferner auf, dass S. barbatum (abgebildet ist ein Männchen) insgesamt zierlicher wirkt, der Artname “robustum“ ist von Regan gut gewählt (bei ihm ist ein Weibchen abgebildet). Bei lebenden Tieren aus Paraguay sieht man sehr gut, dass die Männchen besser S. barbatum, die Weibchen besser S. robustum entsprechen. 

Abbildung von Sturisoma barbatum aus der Originalbeschreibung.
Abbildung von Sturisoma robustum (Abb.1) aus der Originalbeschreibung. Abb. 2 zeigt Sturisoma lyra, eine Art aus dem Rio Jurua, die bisher wohl noch nie importiert wurde.

Im Hobby benutzt man allgemein den Namen S. robustum, im Handel hingegen werden Störwelse aus Paraguay meist als S. barbatum bezeichnet. Klären kann solche Fragen nur eine wissenschaftliche Studie. Die arttypische Nackenbeschilderung ist auf Photos nicht immer zu erkennen; die von Aquarium Glaser aktuell (2021/22) importierten Tiere entsprechen bezüglich der  Nacken- und Vorderrückenschilder, wie man auf den Photos gut erkennen kann, S. barbatum.

Paar von Sturisoma barbatum aus Paraguay in der Draufsicht, oben das Männchen. Import aus dem Jahr 2009.
Das gleiche Männchen in seitlicher Ansicht.
Und hier das Weibchen in seitlicher Ansicht,

Störwelse sind fantastische Aquarienfische, die bis zu 28 cm lang werden können und entsprechend große Aquarien benötigen. Die Männchen sind in der Fortpflanzungszeit an dem ausgeprägten Backenbart zu erkennen, aber auch außerhalb der Laichzeit fällt die Unterscheidung der Geschlechter nicht schwer, wie man auf den Fotos leicht erkennen kann. Die Ernährung ist vielseitig mit einem deutlichen Schwerpunkt auf pflanzlicher Kost.

Und hier zum direkten Vergleich ein Pärchen von Sturisoma robustum aus dem gleichen Import wie die oben gezeigten S. barbatum; oben das Weibchen, unten das Männchen.
Das gleiche Weibchen wie darüber in Draufsicht in Seitenansicht.
Und noch einmal. Man erkennt die mehrteilige Beschilderung unmittelbar vor der Rückenflosse.
Und hier das Männchen von S. robustum in seitlicher Ansicht.

In Importen aus Paraguay sind also beide Arten vertreten. Da sie sich außerordentlich ähnlich sehen, ist es wichtig, bei Zuchtabsichten auf die Rückenbeschilderung zu achten, um nicht versehentlich gemischte Paare zusammenzustellen.

Bei Fischen aus Paraguay ist allgemein zu beachten, dass die Wassertemperaturen dort jahreszeitlich schwanken und im dortigen Winter recht niedrig sind. Nach erfolgreicher Eingewöhnung sollte man die Fische an unsere Jahreszeiten anpassen und bei 24-26°C im Sommer und 16-18°C im Winter pflegen. Dann züchten sie auch meist willig nach. Abgelaicht wird gerne an der Frontscheibe des Aquariums, das Männchen bewacht Laich und frischgeschlüpfte Jungtiere. Für die Aufzucht der Jungfische ist es unumgänglich, Kot der Elterntiere zu verfüttern, da sie die im Darm lebenden Bakterien und Plize (Endosymbionten) benötigen, um Pflanzenkost verdauen zu können. Beachtet man dies nicht, verhungern die Jungtiere nach der Umstellung von Fleischkost (Artemia-Nauplien etc.), die sie als Anfangsnahrung benötigen, zu Pflanzenkost trotz vollen Magens.

Frank Schäfer

Hier gibt es weiteren Lesestoff: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=harnischwelse

Literatur:

Kner, R. (1853): Die Panzerwelse des K.K. Hof-naturalien-Cabinetes zu Wien. I. Abtheilung. Loricarinae. Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Classe. v. 6: 65-98.

Londoño-Burbano, A. & R. E. Reis (2019): A taxonomic revision of Sturisomatichthys Isbrücker and Nijssen, 1979 (Loricariidae: Loricariinae), with descriptions of three new species. Copeia v. 107 (no. 4): 764-806.

Regan, C. T. (1904): A monograph of the fishes of the family Loricariidae. Transactions of the Zoological Society of London v. 17 (pt 3, no. 1): 191-350, Pls. 9-21.


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Syngnathoides biaculeatus – halb Pferd, halb Nadel

Seepferdchen und Seenadeln fallen von vornherein durch ihr bizarres Äußeres aus dem üblichen Rahmen dessen, was man unter einem Fisch versteht.  Syngnathoides biaculeatus setzt noch einmal einen drauf: das Tier sieht aus, als hätte es sich nicht entscheiden können, ob es eine Seenadel oder ein Seepferdchen werden wollte. Markus Eliser Bloch, der die Art als erster 1785 für die Wissenschaft beschrieb, nannte sie „Die Stachelnadel“.  Der englische Name  „Two-barbel Pipe Fish“ bezieht sich auf die zwei Hautanhänge, die viele Tiere un­ter­halb des Maules am „Kinn“ tragen. Diese Haut­anhänge fehlen aber auch bei zahlreichen Exemplaren, wogegen an anderen Stellen des Körpers auch oft Haut­anhänge zu finden sind. Diese Haut­anhänge se­hen so aus, als seien die Fische mit Algen bewachsen und ihr Sinn liegt wohl in der Tarnung.

Manchmal nehmen die Stachelnadeln eine senkrechte Körperhaltung ein und erinnern dann sehr stark an Seepferdchen.

Die Fär­bung der Tiere ist hochvariabel und schwankt zwischen einem hellen Grün und einem schmutzigen Braun. Da­bei kann jedes Individuum in kürzester Zeit diesen Farbwechsel durchmachen. Meist zeigen die Fische aber, so­fern sie sich wohlfühlen, eine grüne Körperfarbe.

Der Schwanz und der Kopf der Stachelnadeln sehen aus wie die eines Seepferdchens, d.h. der Schwanz hat keine Flosse am Ende und dient zum Greifen und Festhalten. Hingegen erinnert die Körperform eher an eine Seenadel, da die Tiere im allgemeinen nicht die senkrechte Körperhaltung einnehmen, wie sie für Seepferd­chen so typisch ist.

Gut getarnt lauert diese Syngnathoides biaculeatus auf Beute. Die Aufnahmen für diesen Beitrag entstanden in einem Brackwasseraquarium. Auf die Dauer sollten die Tiere aber in reinem Seewasser gepflegt werden.

Syngnathoides biaculeatus ist weit im indopazifischen Raum verbreitet. Sie dringt wohl auch gelegentlich in das Brackwasser der Flußmündungen vor, doch verlangt sie im Aquarium für die dauerhafte Pflege voll­wertiges Seewasser. Die erreichbare Endgröße liegt bei etwa 25 cm.

Leider ist die Pflege der Tiere, wie die aller marinen Seepferdchen und Seenadeln, äußerst schwierig und sollte spe­­zialisierten Aquarianern vor­be­halten blei­ben. Zwar stellen die Tiere eben­so­wenig Ansprüche an die Wasserqualität wie die Mehrzahl ihrer Verwandten, doch ist die Fütterung ein für Binnen­län­­der nur schwer zu lösendes Problem.

Originalabbildung aus der Beschreibung von Syngnathoides biaculeatus aus Bloch, 1785

Die Stachelnadeln fressen aus­schließlich lebendes Futter und sind zudem äußerst langsame Fresser. Bis sich eine Stachelnadel entschlossen hat, einen Wasserfloh zu fressen, ist die Mehrzahl der eingesetzen Wasserflöhe bereits im Seewasser abgestorben und wird dann nicht mehr be­achtet. Gleiches gilt sinngemäß für die meisten anderen, üblicherweise im Aquarium ge­reichten Lebend­futtersorten. Man braucht also entweder eine gutlaufende Artemia-Zucht, aus der ständig ausge­wach­sene Artemia gereicht werden können, oder gute Verbindungen zur Küste oder ein sicheres (!) Futtertierabonnement für lebende Mysis (Schwebegarnelen). Außer Kleinkrebsen werden auch frischgeborene Lebendge­bä­ren­­de wie Guppys oder Mollys ge­fressen. Doch deckt ein kompletter Wurf von etwa 50 Jungfischen gerade mal den Futterbedarf einer Stachelnadel für ein bis zwei Tage, so daß man schon eine sehr umfangreiche Fischzucht unterhalten muß, um die Tiere damit satt zu bekommen.

Wie bei allen Nadeln und Seepferd­chen obliegt auch bei Syngnathoides biaculeatus dem Männchen das Ausbrüten der Eier in einer speziellen Brut­tasche am Bauch. Die Zucht vieler Nadeln und Seepferdchen ist im Aquarium bereits geglückt, so daß auch die Stachelnadel wohl züchtbar ist – wenn man denn das Futterproblem lösen kann.

Frank Schäfer


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Das Geheimnis der Odessabarbe

Geschockt und mit tiefer Besorgnis blicken wir auf die Ukraine, wo Menschen sterben und Existenzen zerstört werden, weil ein einzelner Mann zuviel Macht anhäufen konnte und diese nun skrupellos einsetzt. Vor dem Hintergrund eines drohenden 3. Weltkrieges kommt es mir seltsam vor, einfach weiterzumachen, als sei nichts geschehen. Aber es ist vielleicht trotzdem wichtig, gerade in solchen Zeiten ein Hobby am Leben zu erhalten, das – wie die Aquarien- und Terrarienkunde – eine geistige Ablenkung von den gräßlichen Ereignissen ermöglicht, gegen deren Fortgang kaum Einflussmöglichkeiten bestehen.

Wenn ich an die Ukraine dachte, fiel mir bisher immer zuerst die Schwarzmeer-Hafenstadt Odessa ein und der dort stattfindende Zierfisch-Wochenendmarkt, auf dem in einer Art von Flohmarktatmosphäre private Liebhaber ihre Nachzuchten zum Verkauf anboten. Dort wurde, so sagt man, auch der kleine Barbe erstmals, um die es in diesem Blog geht.

Um 1980 begann ein wunderschöner kleiner Fisch seinen Siegeszug durch die Aquarien in aller Welt. Informationen über die Herkunft der Tiere waren nicht erhältlich, doch führten alle Spuren in die ehemalige UdSSR.

Odessabarbe, Pethia padamya, Wildfangmännchen

Nach Jaroslav Elias (2000) wurde die Art erstmals 1971 auf dem Zierfischmarkt von Odessa angeboten, doch erregten die unscheinbaren Jungtiere keine besondere Aufmerksamkeit. Darum stellte der Verkäufer später ausgewachsene Männchen aus und von da an fanden die Tiere reißenden Absatz. Zunächst kamen sie in die DDR, wo sie 1973 allgemein verbreitet waren, später auch in die Tscheslovakei (1974) und schließlich auch in den Westen, wo sich dann die Berufszüchter in Südostasien des Tieres annahmen. Die Herkunft der Odessabarbe blieb aber ein Geheimnis. War es eine Zuchtform? Eine Mutante? Oder doch ein Wildfisch unbekannter Herkunft?

Es wurde viel über den geheimnisvollen Ursprung der herr­lichen Barbe spekuliert. Meist glaubte man in ihr eine Zuchtform oder Variante der Sonnenfleckbarbe, Barbus ticto (heute: Pethia ticto), zu sehen. Dieser Fisch hat freilich nur ganz ober­flächlich Ähnlichkeit mit der Odes­sa­barbe, die auch gelegentlich als Rubin­barbe bezeichnet wird. Andere Kandidaten waren die Prachtbarbe (Pethia conchonius), die Sonnenfleckbarbe (P. stoliczkanus) und die Ceylonbarbe (P. cummingii), wobei letztere, den Untersuchungen von Stanilav Frank (1974) der Odessabarbe anatomisch am ähnlichsten ist.

Altes Männchen der Odessabarbe, Aquarienstamm

Den rührigen Aquarienfischexporteuren in Singapur haben wir die Auflösung dieses Rätsels zu verdanken. Im Jahr 2001 wurden erstmals Wildfänge exportiert. Die Odessa­barbe ist keine Zuchtform sondern ein Wildfisch aus Burma! Sven O. Kullander und Ralf Britz haben die Art im Oktober 2008 formell beschrieben, sie heißt jetzt richtig Pethia padamya. Verbreitet ist sie im Einzug des Chindwin-Irrawaddy-Beckens.

Der erste Wildfang der Odessabarbe, 2001 aus Singapur exportiert, Männchen
Der erste Wildfang der Odessabarbe, 2001 aus Singapur exportiert, Weibchen
Kommt gemeinsam mit Pethia padamya vor: die Sonnenfleckbarbe, P. stoliczkanus, Wildfang, der zusammen mit den ersten Wildfang-Odessabarben 2001 aus Singapur exportiert wurde.

Sehr interessant ist die Tatsache, dass die Odessabarbe in den vergangenen über 45 Jahren wohl nur in Inzuchtstämmen gezüchtet wurde und trotzdem kaum ein Unterschied zu den Wildfängen festzustellen ist. Die Wildfänge sind lediglich etwas kleiner und zierlicher, aber das ist grundsätzlich bei fast allen Wildfischen im Vergleich zu Nachzucht­tieren der Fall. In der Natur ist der Tisch nun mal bei weitem nicht so reichlich gedeckt wie im Aquarium. Doch beweist dieser Fall einmal mehr, dass Erhaltungs­zuchten von Kleinfischen im Aquarium ohne Degenerationserschein­ungen über Jahrzehnte problemlos möglich sind.

Pethia stoliczkanus wurde als Kandidat für die Stammform der Odessabarbe angesehen – ein Irrtum, wie man heute weiß.
Pethia stoliczkanus, Männchen im Aquarium

Odessa­barben werden 5-6 cm groß. Berichte von wesentlich größeren Tieren sind wohl auf Verwechslungen mit anderen Arten zurückzuführen. Es sind ausgezeichnete Aquarienfische, die in Schwärmen von 10-15 Exemplaren gehalten werden sollten. Tut man das nicht, so muss man damit rechnen, dass die sehr verspielten Tiere andere Fische und zarte Pflanzen anknabbern, wie man das auch von der Sumatrabarbe, Puntigrus anchisporus, her kennt.

Eine Verwechslungart aus Burma: Pethia tiatian, die Gelbe Putao-Barbe.
Ebenfalls aus Burma, aber ohne Schwanzwurzelfleck: Pethia didi.

Besonders schön werden Odessabarben, wenn man sie eine Zeitlang im Gartenteich unterbringt, was in gemäßigten Zonen etwa von Mai bis Oktober möglich ist. Die untere Temperaturtoleranz liegt bei etwa 12°C.

Pethia ticto aus Indien wurde bis 2000 am häufigsten für die Stammart der Odessabarbe angesehen.

Die Männchen der Odessabarbe sind deutlich schlanker und auch etwas kleiner als die Weibchen. Die Männchen sind farblich zudem leicht durch den prächtigen roten Seiten­streifen von den Weibchen zu unterscheiden und sie haben eine kräftigere Fleckenzeichnung in der Rückenflosse.

Zur Zucht sollte man die Geschlechter etwa zwei Wochen vor dem geplanten Zuchtansatz trennen und gut mit Lebendfutter versorgen, wobei Wasserflöhe und Hüpferlinge ein wichtige Rolle spielen. Die Wasserwerte sind zwar grundsätzlich von untergeordneter Bedeutung – abgesehen davon, dass Odessabarben Frischwasser sehr schätzen, weshalb man vor dem unmittelbaren Zuchtansatz zwei bis drei Wochen den üblichen wöchentlichen Teil-Wasserwechsel aussetzt, weshalb das Frischwasser im Zuchtbecken besonders stimulierend ist – doch die Erfahrungen der alten Praktiker zeigten, dass ein pH-Wert von 6,3-6,9 bei einer Gesamthärte von 5-7°dH besonders günstig ist. Sie empfehlen den paarweisen Ansatz. Im Zuchtbecken, das 15-20 Liter Inhalt aufweisen sollte, stellt man die Temperatur auf 24-27°C ein; wichtig ist, dass die Fische zuvor, also in der Trennungsphase in der kräftig gefüttert wird, jedoch mit dem Wasserwechsel ausgesetzt wird, die Wassertemperatur deutlich niedriger, bei 18-20°C liegt.

So behandelte Odessabarben laichen meistens am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang wie auf Bestellung ab, wenn man sie abends in das Zuchtbecken einsetzt. Das Männchen treibt sehr stark, abgelaicht wird in feinfiedrigen Pflanzen (Tausendblatt, Myriophyllum, ist ideal, es eignen sich aber auch andere Pflanzen, wie Javamoos oder die leider kaum erhältliche Nitella). Wer Wert auf eine zahlenmäßig große Nachzucht legt, bringe einen Laichrost oder eine bodendeckende Schicht ca. haselnussgroßer Kieselsteine oder Murmeln ein, denn die Eltern sind Laichräuber. So können mehrere hundert Jungtiere vom Initialansatz erzielt werden. Einmal in Laichstimmung gebracht kann man das Paar etliche Tage täglich ablaichen lassen, dann bringen sie aber nur noch – gute Fütterung vorausgesetzt – 50-100 Eier pro Tag.

Die Aufzucht der winzigen Jungtiere ist mit keinen besonderen Schwierigkeiten verbunden, allerdings eine Fleißarbeit, denn um gut gewachsene Odessabarben, die weder verfettet noch verzwergt sind, zu erhalten, muss mehrfach täglich gefüttert werden und täglich ein großer Wasserwechsel durchgeführt werden, bei dem man gründlich den Boden absaugt. Ein paar Schnecken helfen sehr, hygienisch gute Verhältnisse zu schaffen.

Frank Schäfer

Zitierte Literatur:

Elias, J. (2000): Die Odessabarbe, Barbus ticto. Das Aquarium 11/2000: 28


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Der La-Plata-Algensalmler – Apareiodon affinis

Ist es nicht seltsam, dass so viele Algenfresser weißlich oder silbern gefärbte Fische mit einem dunklen Längsband sind? Egal ob Saugschmerle (Gyrinocheilus aymonieri), Rüsselbarbe (Garra cambodgiensis und Epalzeorhynchus siamensis) oder Ohrgitterharnischwels (Otocinclus), sie alle zeigen dieses Farbmuster. Auch der einzige regelmäßig im Handel befindliche Algenfresser unter den Salmlern, der La-Plata-Algensalmler (Apareiodon affinis, oft unter dem Namen Parodon affinis im Handel) ist so gezeichnet.

Apareiodon affinis sind gesellige Fische

Der La-Plata-Algensalmler kommt im südlichen Südamerika vor, importiert wird er aus Paraguay. Es gibt mehrere ähnliche Arten der Gattung Apareiodon, deren Identifizierung auch für Wissenschaftler nicht ganz einfach ist. Im La-Plata-Becken, das die Einzüge die Flüsse Rio Paraguay, Rio Uruguay, Rio Paraná und Rio Iguaçu umfasst, leben acht Arten der Famile Parodontidae: Apareiodon affinis, A. ibitiensis, A. piracicabae, A. vittatus, A. vladii, eine noch unbeschriebene Apareiodon-Art aus dem oberen Paraná-Einzug und die Parodon-Arten P. moreirai und P. nasus. Eine interessante DNS-Untersuchung aller Arten des La-Plata-Beckens führten Bellafronte et al. 2013 durch; sie zeigte, dass vermutlich die Populationen von A. affinis aus dem oberen Paraná eine separate, neue Art repräsentieren.

Die Rückenzeichnung ist individuell recht unterschiedlich.

Apareiodon affinis ist ein Bewohner fließender Gewässer, wo er vor allem von Aufwuchs lebt. Allerdings nutzt der Fisch durchaus auch andere Nahrungsquellen, wenn sie sich ihm bieten, etwa in der Nähe von Aquakulturen, wo Speisefische in Netzkäfigen gehalten werden.

Unter bestimmten Lichtverhältnissen leuchtet der Rücken der Art prächtig grün.

Zwei Dinge gilt es zu beachten, wenn man diesen Salmler, dem manchmal wahre Wunder in Sachen Algenvertilgung nachgesagt werden, im Aquarium pflegen möchte. Erstens wird die Art recht groß, ca. 15 cm, und ist dabei sehr schwimmaktiv. Das Aquarium sollte also nicht zu klein sein, zumal der La-Plata-Algensalmler gerne in Gesellschaft von seinesgleichen lebt. Und zweitens lebt sie in Fließgewässern der Subtropen, was bedeutet, dass die Wassertemperatur nicht dauerhaft über 27°C steigen sollte – die Temperatur-Untergrenze beträgt etwa 16°C für längere Zeiträume. Wer diese Bedingungen erfüllen kann und will, wird viel Freude an den lebhaften Tieren haben.

Beunruhigte Tiere werden schlagartig blass.

Bezüglich der Algenvernichtung: es ist grundsätzlich günstig, Algenfresser (ganz gleich welcher Art) bereits einzusetzen, bevor Algen wuchern. Das ständige „ablutschen“ von Pflanzen und Dekorationsgegenständen verhindert dann zuverlässig, das sich überhaupt lästige größere Algenmengen bilden. Man muss sich nicht sorgen, dass die Algenfresser hungern, denn sie nehmen sehr gern jegliches übliche Fischfutter an. Muss man allerdings die Notbremse ziehen und möchte, dass die Algenfresser effektiv gegen übermäßiges Algenwachstum vorgehen, darf man kein Zusatzfutter anbieten. Aber – ganz ehrlich – Wunder darf man sich von keinem Algenfresser erwarten, auch nicht vom La-Plata-Algensalmler. Wenn die Algen allzu üppig wuchern, stimmt etwas grundsätzlich nicht im Aquarium, daran können auch Algenfresser nichts ändern.

Lexikon: Apareiodon: bedeutet „ohne Zähne seitlich im Maul“. Parodon: bedeutet „mit gleichen Zähnen“. affinis: heißt „ähnlich“.

Literatur:

Bellafronte, E., Mariguela, T. C., Pereira, L. H. G., Oliveira, C., & Moreira-Filho, O. (2013): DNA barcode of Parodontidae species from the La Plata river basin-applying new data to clarify taxonomic problems. Neotropical Ichthyology, 11(3): 497-506.

Brandão, H., Lobón-Cerviá, J., Ramos, I. P., Souto, A. C., Nobile, A. B., Zica, É. D. O. P., & Carvalho, E. D. (2012): Influence of a cage farming on the population of the fish species Apareiodon affinis (Steindachner, 1879) in the Chavantes reservoir, Paranapanema River SP/PR, Brazil. Acta Limnologica Brasiliensia, 24(4): 438-448.

Frank Schäfer

Und weitere Literatur über Salmler gibt es hier: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=salmler


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Kaudis im Bookazine No 11

Das Bookazine No 11 ist erschienen und diesmal dreht sich der inhaltliche Schwerpunkt um einen der wichtigsten aller Aquarienfische, den Guppy. Wir konnten mit Michael Kempkes einen der engagiertesten Guppykenner überhaupt als Autoren gewinnen, der mehrere Artikel zum Verhalten, Freileben, Pflege und Zucht beisteuerte. 

Eines der Bookazine-Themen ist die ursprüngliche Herkunft dieses buchstäblichen Allerweltsfisches, der im Gefolge des Menschen heutzutage in allen Gebieten der Erde vorkommt, in denen die Wassertemperatur nicht dauerhaft unter 15°C sinkt. Aber wo lag die ursprüngliche Heimat des Guppys und von wo stammen unsere heutigen Aquarienstämme? Die Antwort auf diese Fragen ist hochkompliziert und im Bookazine No 11 nachzulesen. Bei den Recherchen stellte sich so ganz nebenbei heraus, dass die ersten vermeintlich importierten Guppys gar keine waren, sondern Kaudis. Auch diese Geschichte wird im Bookazine No 11 erzählt. Da sie sowohl von wissenschaftlicher Bedeutung als auch von allgemeinem Interesse ist, bringen wir sie an dieser Stelle als Appetitanreger auf das Bookazine:

Der schwarzgescheckte Kaudi 

In dem Import-Bericht über die ersten Guppys in den Blättern für Aquarien- und Terrarienkunde 1909 wird ein kleiner Lebendgebärender erwähnt, der einige Jahre vor den ersten Guppys importiert und irrtümlich als Poecilia reticulata Peters bestimmt wurde. Dabei handelte es sich um den Kaudi.

Die gescheckte Form des Kaudi (Phalloceros reticulatus) wird seit 1905 im Aquarium gezüchtet.

Die Populärbezeichnung “Kaudi” leitet sich von dem später als gültig angesehenen wissenschaftlichen Artnamen “caudimaculatus” ab. Die heute allgemein akzeptierte Gattung, in die der Kaudi zu stellen ist, ist Phalloceros, eine Gattung, die Eigenmann 1907 aufstellte und deren Typusart eben jener P. caudimaculatus ist (Typuslokalität: Costa da Serra, São Leopoldo, Brasilien [Einzug des Rio Cadeia]). Bis in die jüngste Vergangenheit sah man in dieser Spezies eine einzige, sehr weit im südlichen Südamerika verbreitete und hochvariable Art, bis Paulo Henrique Franco Lucinda die Gattung im Jahr 2008 revidierte und aus der einen nicht weniger als 22 Arten machte. 

Oben: Originalabbildung aus Köhler, 1906. Die Bildunterschrift lautete: “Girardinus januarius var. reticulatus (Pet.). (Nat Größe.)” Im Original war die Abbildung 9 cm breit, hier sind es 30 cm, also stark vergrößert.

Der eigentliche Kaudi, ein unscheinbares Tier, war einer der ersten Lebendgebärenden überhaupt, die für die Aquaristsik importiert wurde. Das war bereits im Jahr 1898. Leider gab der Importeur, Paul Matte aus Berlin, den Fangort nur vage an. Er nennt lediglich “Südamerika” als Herkunft. Gemeinsam mit dem Kaudi wurde (unerkannt) ein weiterer Lebendgebärender, den wir heute als Cnesterodon decemmaculatus kennen, und ein eierlegender Zahnkarpfen, der heute Austrolebias bellottii (damals Cynolebias b.) importiert. Diese Kombination von Arten spricht, zusammen mit den damals in Frage kommenden Exporthäfen, dafür, dass die Tiere aus dem unteren Paraná-Einzug in Uruguay und Argentinien stammten. Da Matte höchstwahrschenlich Kontakt mit dem nach Argentinien lebenden Roberto Lehmann hatte, der in den “Blättern” bereits 1894 über “Lebendig gebärende Fische” berichtete, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die von ihm importierten Kaudis zumindest anfänglich von dort kamen; Lehmann schreibt nämlich, dass er aus Dankbarkeit gegenüber dem Berliner Paul Nitzsche, Vereinsvorsitzender des “Triton”, der ihm Schleierschwänze und Makropoden zukommen liess, jenem die lebendgebärenden Fische senden wollte. Lehmann beschreibt die Färbung der Tiere wie folgt: “Der Körper ist verschieden gezeichnet; bei einigen punktiert, bei anderen kurz gestreift, wieder andere haben blauschwarze Querstreifen und einige zeigen nur einen, ungefähr einen Millimeter dicken Querstrich in der Mitte des Körpers.” Letztere (Fettdruck) waren wohl die Phalloceros. Zum Thema “frühe Importe aus Argentinien” siehe bitte den ausführlichen Aufsatz von Stefan Körber in DATZ 12/19.

Normalform des Kaudi aus Köhler, 1906. Leider geht aus dem Text nicht hervor, woher die Tiere auf dieser zum Vergleich mit den Gescheckten Kaudis gebrachten Fotografie stammten.

Der gescheckte Kaudi hingegen stammt von gefleckten Wildfang-Tieren ab, die erst 1905 aus der Umgebung von Santos (brasilianischer Bundesstaat São Paulo) gesammelt wurden (Köhler, 1906). In Lucindas Revision der Gattung Phalloceros werden keine gescheckten Tiere erwähnt. Lucinda ignoriert dort auch die sehr detaillierte Beschreibung des schwarzgescheckten Kaudis von Santos als Girardinus januarius var. reticulatus durch Walter Köhler 1906. Zwar sind infrasubspezifische Beschreibungen – also Beschreibungen von Varietäten oder dergleichen unterhalb des Niveaus von Unterarten – nach dem Internationalen Code für zoologische Nomenklatur (ICZN) nicht zulässig, die infrasubspezifischen Namen, die vor 1960 publiziert wurden, bleiben jedoch verfügbar (ICZN Artikel 10.2.). Da Köhler sogar die Gonopodiumsspitze abbildet, ist die Art von Santos unschwer als das zu identifizieren, das Lucinda 2006 als Phalloceros harpagos erneut beschrieb. Dadurch wird P. harpogos zum objektiven Synonym von P. reticulatus und der schwarzgescheckte Kaudi muss, ebenso wie seine Normalform ohne die Scheckung und die später erzüchtete Variante des “Goldkaudi” wissenschaftlich korrekt als Phalloceros reticulatus (Köhler, 1906) bezeichnet werden.Typusmaterial von Phalloceros reticulatus existiert nicht; als Iconotyp ist die Aufnahme des Gonopodiums aus Blätter für Aquarien- und Terrarienkunde 17 (50): 499, unten links, zu nehmen, das wir hier reproduzieren.

Die Form des Gonopodiums ist für die Bestimmung von Lebendgebärenden Zahnkarpfen von entscheidender Bedeutung. Diese Abbildung kann darum als Beweis dafür herangezogen werden, welche Art Köhler einst vorlag. Es ist zweifelsfrei die Art, die 100 Jahre später als Phalloceros harpagos erneut beschrieben wurde (Iconotyp).

Soweit der Bericht aus dem Bookazine No 11 zur richtigen wissenschaftlichen Benennung des Kaudis.

Männchen von Phalloceros reticulatus (Syn: P. harpagos), Wildfang aus Paraguay. Die Art ist recht variabel, die gescheckte Variante ist mit Sicherheit keine eigens zu benennende Art, sondern eine reine Farbspielmorphe.

Die Pflege und Zucht des Kaudis sind nicht einfach. Es gelingt zwar auch Anfängern in der Aquaristsik relativ problemlos, gekaufte Tiere gesund zu erhalten und von ihnen Jungtiere zu erzielen, die dauerhafte Zucht über Generationen ist jedoch eine Herausforderung. Als subtropische Art darf man diesen Fisch nicht jahrein-jahraus unter gleichförmigen Bedingungen halten. Eine kühlere Pflegephase bei Wassertemperaturen um 14-16°C ist im Jahresverlauf ebenso notwendig, wie auch zeitweise hohe Wassertemperaturen um 28-30°C. Solche Bedingungenergaben sich in der Frühzeit der Aquaristik im Deutschland von Kaiser Wilhelm II fast automatisch, da Wohnräume nur bei Bedarf beheizt wurden und Aquarienheizungen noch nicht elektrisch waren. Man benutzte Spiritusbrennen, kleine Kohlenpfannen, Gasbrenner usw., mit denen eine konstante Wassertemperatureinstellung nahezu unmöglich war. Heutzutage regeln Heizer die Wassertemperatur zurch elektronische Messelemente auf 0,5°C genau ein. Das ist sicherlich sehr praktisch, wenn es z.B. bei Zuchtansätzen darum geht, die optimale Temperatur für die Vermehrung einer bestimmten Fischart herauszufinden, aber wenn man Fische aus Gewässern mit sowohl im Tagesverlauf wie auch im Jahresverlauf schwankenden Temperaturen pflegen möchte, ist das eher kontraproduktiv. Und genau zu solchen Spezialisten zählen zumindest manche Kaudi-Populationen, darunter auch die, die seit 1906 als schwarzgescheckte Kaudis im Aquarium gepflegt und gezüchtet werden.

Auch der Goldkaudi ist eine Zuchtform von Phalloceros reticulatus.

Denn trotz der geschilderten Schwierigkeiten hat der schwarzgescheckte Kaudi im Aquarium über 110 Jahre überlebt, durch zwei Weltkriege hindurch! Man wird sie nur sehr selten einmal im Zoofachhandel finden, aber es gibt sie noch, sowohl die einfachen, wie auch die Goldkaudis. Denn jenseits der Aquaristik in der Öffentlichkeit gibt es auch noch eine andere Form des Hobbys. In letzterer finden sich stille Menschen, die sich nur einer oder wenigen Arten von Tieren oder Pflanzen über Jahrzehnte hinweg widmen. Diese Menschen bilden das Reservoir, aus dem der Mainstream immer wieder einmal schöpfen kann, wenn die Moderichtung, die es in der Aquaristik wie in jedem anderen Bereich menschlichen Lebens nun einmal gibt, wechselt.

Wie baut man nun eine dauerhafte Kaudizucht auf, wenn man denn das Glück hat, solche Tiere zu erwerben? Ich muss zugeben, dass ich hier teilweise theoretisieren muss, sprich: ich weiß zwar im Prinzip wie es geht, hinbekommen habe ich es aber noch nicht. Der Haupgrund dafür ist mein unsteter Lebenswandel. Jedenfalls muss man dem Bedürfnis des Kaudis nach jahreszeitlichen Unterschieden konsequent Rechnung tragen. Am einfachsten gelingt das, indem man die Fische zeitweise im Freiland (Balkon oder Garten) pflegt. Aber zuvor muss man sich erst einmal einen stabilen Grundstamm aufbauen, der mit den in jeder Aquarienanlage individiuell unterschiedlichen Regimes bezüglich der Wasserparameter (Kaudis sind diesbezüglich sehr anpassungsfähig, allerdings sollte man pH-Werte unter 6 meiden), des Futters und der potentiellen Krankheitserreger gut klarkommt. Das berühmte „Zuchtpärchen“ ist dabei kein sonderlich guter Einstieg, mit 20 Tieren beiderlei Geschlechts tut man sich erfahrungsgemäß viel leichter. Von diesem Erstbesatz gilt es zunächst, so viele Jungtiere wie irgend möglich zu erzielen. Das Wurfintervall liegt beim Kaudi bei rund vier Wochen, die Anzahl Jungtiere pro Wurf zwischen 5 und 50, bei sehr großen Weibchen angeblich auch mehr. Vor Ort geborene und aufgezogene Kaudis sind immer stabiler als zugekaufte, aber das gilt ja für so ziemlich alle Lebendgebärenden. Die berühmte Frage, ob Kaudis ihre Jungen fressen, lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Das Muttertier hat gewöhnlich eine Fresshemmung für mehrere Stunden nach der Geburt und beißt ihre Jungen auch normalerweise nicht tot, aber die unbeholfene Schwimmweise frisch geborener Babies reizt Artgenossen zur Verfolgung. Darum ist es immer besser, das tragende Weibchen zu isolieren, dazu reicht ja ein kleines 5-Liter-Aquarium, wo man es auch gut mit besonders gutem Futter (besonders eignen sich frisch geschlüpfte Artemia-Nauplien) versorgen kann. Die Kondition des Muttertieres ist von ganz entscheidendem Einfluss auf die Gesundheit der Jungtiere, die ihrerseits mit Sorgfalt großgezogen werden müssen. Das bedeutet: gute Wasserhygiene und optimales Futter. Das darf durchaus käufliches Fertigfutter sein, aber nur Qualitätsfutter mit hohem Anteil von Omega-3-Fettsäuren und das Futtergebinde darf nicht länger als vier Wochen verwendet werden, sonst gehen zuviele der ungesättigten Fettsäuren und Vitamine kaputt. Größere Gebinde portioniert man entsprechend und friert sie ein. Luftdicht eingefrorenes Fischfutter ist praktisch unbegrenzt ohne Qualitätsverlust haltbar. Kaudis haben kleine Mäulchen. Winzig kleines Futter, wie es in zerfallendem pflanzlichen Material (Mulm) entsteht, ist eine wichtige Futterkomponente. Ein Kaudi-Aquarium braucht nicht gefiltert zu werden, eine starke Filterung ist, weil sie nicht ausreichend Mulm entstehen lässt, sogar direkt schädlich.

Oben: Offenbar gibt es heutzutage auch Stämme gescheckter Kaudis, deren massigerer Körperbau und die Gonopodiumstruktur zeigt, dass es sich bei ihnen wohl nicht um Phalloceros reticulatus handelt. Ob es sich dabei Kreuzungsprodukte, Scheckentiere einer wissenschaftlich noch unerfassten Art oder um eine der weiteren bereits beschriebenen Arten handelt, ist völlig unklar. Große Ähnlichkeit besteht zu Phalloceros enneaktinos (unten) aus der Umgebung von Rio de Janeiro.

Die Aquariengröße ist unerheblich, Kaudis sind nicht sehr schwimmfreudig. Die Maximalgröße der Männchen liegt bei 2-3 cm, die der Weibchen bei 4-5 cm, Wichtig ist dagegen eine gute Beleuchtung, damit feinfiedrige Pflanzen gut wachsen und sich ein leichter Algenrasen, der eine wichtige Nahrungsergänzung darstellt, an den Scheiben bilden kann. Besonders gut eignen sich Tausendblatt-Arten (Myriophyllum) zur Bepflanzung eines Kaudi-Aquariums, da diese Pflanzen ganz ähnliche Ansprüche wie die Fische haben. Wachsen die Tausendblätter gut, wird man mit Kaudis kaum Probleme bekommen. Möglicherweise liegt das auch an Stoffen, die die Tausendblätter abgeben, denn Tausendblatt-Aquarien sind gewöhnlich besonders klar, was auf antibakterielle Wirkstoffe hinweist.

Hat man erst einmal einen hübschen Schwarm selbst gezüchteter Tiere, gilt es „nur“ noch darauf zu achten, dass die Schwarmgröße nicht unter 20-30 Tiere sinkt. Meist gelingt das durch exzessive Zucht, sprich, man lässt großwerden, was großwerden will. Schwimmen in einem Aquarium erst einmal Tiere unterschiedlichen Alters, zwischen wenige Tagen alten Jungen und ausgewachsenen Fischen, dann lässt der Verfolgungstrieb gegenüber neugeborenen Jungfischen deutlich nach und es kommen immer genug Junge pro Wurf durch, um den Bestand zu erhalten. Sehr hilfreich ist es, den Boden an einigen Stellen mit ca. walnussgroßen Kieselsteinen in 2-3 Lagen zu bedecken. In den Lücken zwischen den Kieseln finden neugeborene Kaudis Schutz während der ersten Lebensstunden. Ansonsten ist ungewaschener Sand (Korngröße zwischen 0,1 und 0,5 mm) mit etwas Lehmbeimischung als Bodengrund die beste Wahl. Er sollte in einer rund 8 cm dicken Schicht eingebracht werden, die man mit einer dünnen Schicht (um 1 cm) sauber ewaschenen Sandes abdeckt.

Die etwas steife Schwimmweise der Kaudis macht sie zu einer Besonderheit unter den Lebendgebärenden. Darum finden sie auch immer ihre Liebhaber, obwohl die moderne, techniklastige Aquaristik wenig geeignet ist, die Ansprüche dieser Fische zu erfüllen. Manchmal ist weniger mehr. Diese Weisheit gilt für Kaudis in ganz besonderen Maße. Und angesichts explodierender Strompreise sind Kaudis eine gute Gelegenheit, sich im Betrieb von einem völlig technikfreien Aquarium (vielleicht mit Ausnahme der Beleuchtung) zu üben. Das verlangt zwar erheblich mehr Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl, befriedigt jedoch sehr, wenn der Lohn gesunde und lebensfrohe Kaudis sind.

Frank Schäfer

Literatur: 

Arnold, P. (1909): Poecilia reticulata Peters die letzte „Neuheit“ des Jahres 1908. Blätter für Aquarien- und Terrarienkunde 20 (16): 249-253

Köhler, W. (1906): Zur Nomenklatur von Poecilia reticulata Peters. Blätter für Aquarien- und Terrarienkunde 17 (50): 497-498, weitere wichtige Abbildungen zu dem Aufsatz auf Seite 499

Körber, S. (2019): Paul Nitsche und seine Importe aus Argentinien. Die Aquarienzeitschrift DATZ 72 (12): 22-28

Lehmann, R. (1894): Lebendiggebärende Fische. Blätter für Aquarien- und Terrarienkunde 5 (12): 147-148

Lucinda, P. H. F. (2008): Systematics and biogeography of the genus Phalloceros Eigenmann, 1907 (Cyprinodontiformes: Poeciliidae: Poeciliinae), with the description of twenty-one new species. Neotropical Ichthyology 6 (2): 113-158.

Wichand, B. & W. Köhler (1906): Diesjährige Neuheiten in Wort und Bild. II. Neuimportierte bzw. erstmalig nachgezüchtete Zahnkarpfen (Poeciliidae). B. Lebendgebärende Zahnkarpfen (Poeciliidae viviparae). Von Bernh. Wichand. Blätter für Aquarien- und Terrarienkunde 17 (50): 495-496

Rolle rückwärts: Durchführung der Aqua-Fisch nicht möglich

Aufgrund von Covid-19: Aqua-Fisch kann nicht wie geplant stattfinden – neuer Termin vom 3. bis 5. März 2023

Quelle: Messe Friedrichshafen, Pressestelle

11.02.2022

Friedrichshafen – Die 29. Ausgabe der internationalen Messe für Angeln, Fliegenfischen und Aquaristik kann nicht wie vorgesehen vom 4. bis 6. März 2022 in Friedrichshafen stattfinden. Die aktuell geltende Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg, welche ein Verbot zur Durchführung von Messen beinhaltet, macht eine langfristige Planung für alle Beteiligten unmöglich. „Nachdem auch die am Mittwoch, 9. Februar angepasste Coronaverordnung weiterhin keine Messen erlaubt, haben wir uns zu dieser schwerwiegenden, aber notwendigen Maßnahme entschlossen“, bedauert Messegeschäftsführer Klaus Wellmann sehr. Projektleiterin Petra Rathgeber ergänzt: „Da das bis zum 25. Februar anhaltende Messeverbot bereits in die Zeit der Aufbauarbeiten für Aussteller und Partner fällt, ist eine Durchführung leider nicht realisierbar. Wir hätten uns so sehr auf ein Wiedersehen gefreut. Der angestammte und gewohnte Termin im März hat sich nach intensiver Rücksprache mit unserer Ausstellerschaft bestätigt, weshalb ein Ausweichtermin noch in diesem Jahr nicht in Frage kommt.“ Vom 3. bis 5. März 2023 ist Friedrichshafen wieder Dreh- und Angelpunkt für alle Fisch- und Aquariumsbegeisterten.

Weitere Informationen unter www.aqua-fisch.deund www.facebook.com/aquafischfriedrichshafen und #aquafisch.

Acanthodactylus scutellatus – Eidechsen zum Spaß haben

Auf deutsch nennt man Acanthodactylus „Fransenfinger-Eidechsen“. Diese auf sandige Böden spezialisierten Eidechsen haben nämlich fransenartige Anhänge an den Zehen, die eine schnelle Fortbewegung auf dem lockeren Boden erlauben. Aus Ägypten werden gelegentlich Arten aus dem Formenkreis um A. scutellatus importiert. Ich danke sehr herzlich dem Tropenparadies in Oberhausen (www.tropenparadies.org) für die Überlassung einiger Exemplare.

Zwei Männchen von A. longipes. Die Echsen dieser Gattung sind auffallend friedlich miteinander.

Die Gattung Acanthodactylus umfasst 46 Arten, es gibt sie in Asien, Afrika und eine Art auch in Europa. In Ägypten leben fünf davon. A. scutellatus besitzt in Ägypten eine fast identisch aussehende Schwesterart, die lange Zeit als A. longipes angesehen wurde. Erst 2007 erkannte Sherif M. Baha El Din, dass es sich dabei bei der Population im östlichen Ägypten in Wirklichkeit um eine der Wissenschaft bislang unbekannte Art handelt, die er als A. aegypticus neu beschrieb, während im Westen tatsächlich A. longipes lebt. Alle drei Arten, also A. aegypticus, A. longipes und A. scutellatus sehen sich zum Verwechseln ähnlich und kommen stellenweise sogar sympatrisch (= im gleichen Verbreitungsgebiet) vor. Ohne Vergleichs­material ist es sehr schwierig, sie auseinan­derzuhalten. Am leichtesten geht es bei Jungtieren, denn A. scutellatus hat als Jung­tier einen blauen, A. aegypticus und A. longipes einen gelben Schwanz. Weitere Unterscheidungsmerkmale sind: Oberseite des Schienbeins (Tibia) mit kleinen, glatten Schuppen, meist mehr als 20 Oberschenkel­poren (Femoralporen): A. scutellatus; Ober­seite der Tibia mit vergrößerten, gekielten Schuppen, meist weniger als 20 Femoral­poren: A. aegypticus und A. longipes.

Die Detailaufnahme des Hinterbeines von A. longipes zeigt die Fransen an den Zehen und die vergrößerten, gekielten Schuppen der Tibia (Pfeil).

Im Prinzip ist es ja egal, welche der drei Arten man pflegt, denn sie sehen nicht nur sehr ähnlich aus, sondern unterscheiden sich auch bezüglich der Terrarienpflege nicht. Aber wenn man züchten möchte – und wer will das nicht – ist es selbstverständlich unerlässlich, die Paare richtig zusammen­zustellen. Da A. aegypticus, A. longipes und A. scutellatus im Handel nicht unterschieden und oft gemischt importiert werden ist das von großer praktischer Bedeutung.

Acantodactylus scutellatus, Männchen
Gemischter Import von Acanthodactylus scutellatus und A. longipes.

Viele Terrarientiere präsentieren sich leider etwas langweilig. Ganz anders Acantho­dacytlus scutellatus & Co. Da ist Leben in der Bude! Diese Eidechsen sind unerhört neugierig, wohl eine Anpassung an den dürftigen, natürlichen Lebensraum, wo das schnelle Erkennen einer potentiellen Mahlzeit über Sein oder Nichtsein entscheiden kann. Erstaunlicherweise ist die innerartliche Aggressivität dabei gering. Auch Frischfänge zeigen sich zudem kaum Scheu gegenüber dem Menschen. Ein Acanthodactylus-Terra­rium stellt daher ein faszinierendes Beo­bachtungsobjekt dar, an dem man sich kaum satt sehen kann.

Acantodactylus longipes, Weibchen

Acanthodactylus scutellatus sind relativ kleine Eidechsen, die Körperlänge beträgt etwa 7.5 cm, dazu kommt noch der Schwanz, der etwas über körperlang ist. Das Terrarium sollte aber trotzdem nicht zu klein sein. Wie schon erwähnt, liegt der besondere Reiz der Pflege dieser Art in der Beobachtung ihres Verhaltens und dazu brauchen die Tierchen Platz. In der Natur kann A. scutellatus auch extreme Wüstenbedingungen ertragen. Das bedeutet tagsüber furchtbare Hitze, nachts große Kälte. Immer herrscht Wasser- und Nahrungsmangel.

Das Gras Poa annua eignet sich gut zur Bepflanzung der „grünen Ecke“ im Wüstenterrarium.

Grundsätzlich richtet man darum ein Terrarium für A. scutellatus als Wüsten­terrarium ein. Der größte Teil der Boden­füllung sollte aus feinem Sand bestehen, den man 8-15 cm hoch einfüllt. Eine Ecke des Terrariums (man klebt sie am besten mittels eines Glasstreifens und Silikon wasserdicht ab) wird als Feuchtgebiet eingerichtet. Hier dient ein Blumenerde-Sand-Gemisch (1:1) als Substrat. In der feuchten Ecke wird der Trinknapf platziert (es sollte sich dabei um ein flaches Gefäß mit allerhöchstens 1 cm Wasserfüllstand handeln). Ein kleines Gras (gut geeignet ist Poa annua) dient als Feuchtigkeitsanzeiger. Man hält diese Ecke so feucht, dass das Gras nicht vertrocknet. Zwar muss man das Gras gelegentlich austauschen, dauerhaft wächst es nicht befriedigend, aber das ist bei der Häufigkeit von Poa annua ja kein Problem. Bei Acanthodactylus scutellatus besteht nicht – wie bei vielen anderen Wüstenarten – die Gefahr, dass Wasser in die Lunge inhaliert wird, weil die Tiere aus der Natur kein Wasser kennen und versuchen, sich im Wassernapf zu vergraben. Dennoch kann es nötig sein, das Wasser im Napf mittels einer kleinen Gießkanne oder eines Sprühers in Be­wegung zu versetzen, damit die Echsen es erkennen und trinken. Freilich ist das Trinkbedürfnis eher gering. Wichtig ist eine kräftige Beleuchtung, unter dem Wärme-Spot darf die Temperatur 45-50°C (es eignet sich, wenn man sonst gut beleuchtet, auch ein Wärmestein sehr gut) erreichen, im Gesamtterrarium darf die Temperatur aber 35°C nicht über­schreiten. Nachts sinkt die Temperatur durch das Ausschalten der Beleuchtung automa­tisch um 10-20°C ab, was gut für die Echsen ist. Eine mehrwöchige Winterruhe bei etwa 10°C verlängert das Leben der Tiere erheblich und erleichtert die Zucht. Grundsätzlich sollte bei der Beleuchtung eine Lampe mit UV-Anteil nicht fehlen.

Acanthodactylus scutellatus, Paarung

Die Geschlechter sind leicht zu unter­scheiden, Männchen werden größer, sind kontrastreicher gefärbt und haben dicke Hemipenistaschen. Es sind eierlegende Echsen, die Gelegegröße umfasst 2-4 Eier, die bei ca. 28°C zwischen 80 und 100 Tagen zur Entwicklung brauchen. Gewöhnlich suchen die Weibchen die feuchte Ecke zur Ablage des Geleges auf. Legen die Weibchen jedoch ihre Eier woanders ab, deutet das auf die falsche Temperatur (etwa 25-30°C sind günstig) oder zu große Nässe in der feuchten Ecke hin.

Die Ernährung von Acanthodactylus scutella­tus im Terrarium ist einfach. Jedes Insekt, das ins Maul passt, wird gefressen. Interessant und im sonstigen Reptilienreich nahezu einzigartig ist aber auch, dass dieser Fransenfinger sich zur Jagd verbünden kann. Ein eigentlich viel zu großes und viel zu hart gepanzertes Insekt, wie etwa ein Zophobas-Käfer, wird von den furchtlosen kleinen Echsen im Rudel attackiert, bis es bein- und fühlerlos daliegt und nach und nach verspeist werden kann.

Die Inkubation bei A. scutellatus bereitet keine Probleme, wie bei den meisten echten Eidechsen. Die Eier sind weichschalig und werden lediglich auf feuchte Zellstoff (Küchenrolle, Klopapier) gelegt. Das Ganze packt man in eine leere Heimchendose und ab damit in den Inkubator. Ich habe als Bruttemperatur 30°C eingestellt. Leider kann ich nicht genau sagen, wie lange die Eientwicklung dauert, weil ich das Gelege erst einige Zeit nach der Ablage durch Zufall fand: die Erwachsenen hatten das Ei bei ihren Wühlarbeiten freigelegt. So schlüpfte das gezeigte Jungtier schon nach 23 Tagen im Inkubator, aber es ist davon auszugehen, dass die Gesamtzeitigungsdauer bei dieser Art ca. 60-70 Tagen liegt. 

Frisch geschlüpftes Jungtier von A. scutellatus mit einem Ein-Cent-Stück als Größenvergleich.
Typisches Farbmerkmal von A. scutellatus-Kindern ist der bläuliche Schwanz (gelblich bei A. longipes und A. aegypticus.

Das Ei wurde täglich kurz kontrolliert und bei Bedarf der Zellstoff etwas nachbefeuchtet. Bei Schimmelbildung wechselt man den Zellstoff aus, das Ei ist nicht sehr empfindlich gegen Manipulationen, man muss nur aufpassen, dass es nicht gedreht wird. Der Schlupf kündigt sich durch feine parallele Linien an, die plötzlich entlang des Eies erscheinen. Die entstehen, wenn das schlupfreife Jungtier die Eischale mit dem so genannten Einzahn, der sich auf der Schnauzenspitze befindet und kurz nach dem Schlupf verschwindet, anritzt. In diesem Fall blieb das Jungtier noch einige Stunden im Ei, nachdem es den Kopf herausgestreckt hatte. Da darf man nicht ungeduldig werden! Ich habe lediglich ein wenig Wasser gesprüht, damit nichts antrocknen und verkleben kann. Gutgemeinte Befreiungsversuche bewirken meist nichts Sinnvolles. Ein Jungtier, das sich nicht selbstständig aus dem Ei befreien kann, ist ohnehin in aller Regel nicht lebensfähig. Wenn die Tierchen noch etwas im Ei bleiben, resorbieren sie gewöhnlich restlichen Eidotter, ein wichtiger Nährstoffschub für den Start ins Leben. Die ersten paar Tage nach dem Schlupf braucht man noch kein Futter anzubieten. Ich lasse das Tierchen einfach im Brutschrank, nur in einer unteren Stufe, wo es etwas kühler ist. Erst wenn sich der Nabel am Bauch vollständig geschlossen hat beginnt der nächste Abschnitt im Leben des Echsleins. Dazu ein andermal mehr…

Alles in allem ist Acanthodactylus scutellatus ein ideales Terrarientier, dessen Pflege und Zucht nur wärmstens empfohlen werden kann.

Frank Schäfer

Literatur:

Baha el Dhin, S. (2006): A guide to the reptiles and Amphibians of Egypt. Cairo, New York, 360 pp.

Baha el Dhin, S. (2007): A new lizard of the Acanthodactylus scutellatus group (Squamata: Lacertidae) from Egypt. Zoology in the Middle East 40: 21-32

Weiteren Lesestoff über Echsen finden Sie hier: https://www.animalbook.de/navi.php?qs=echsen


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Nannostomus anduzei – der kleinste aller Ziersalmler

Nano-Aquarien liegen im Trend. Es gibt eine ganze Reihe von Fischarten, die so klein sind, dass die Pflege in 8-10 Liter Wasser gut möglich ist. Allerdings ist der Betrieb von Nano-Aquarien für Anfänger nur sehr bedingt möglich, denn er setzt intensive Beschäftigung mit der Materie und ein gründliches Literaturstudium voraus.

Männchen. Population Venezuela

Es gibt zwischenzeitlich eine Reihe guter Bücher zu dem Thema. Da es ohnehin unabdingbar ist, mindestens eines davon gelesen zu haben, wenn man ein Nano-Aquarium zu betreiben plant, wird an dieser Stelle nicht weiter auf das Thema einge­gangen. Statt dessen soll hier eine Fischart vorgestellt werden, deren Import gelegentlich erfolgt und die sich für ein solches Nano-Aquarium geradezu anbietet.

Weibchen. Population Venezuela

Denn Nannostomus anduzei wird höchstens 1.8 cm lang und ist damit die kleinste Art der Ziersalmler. Seine Heimat liegt im Orinoko und im Rio Negro. Bis vor wenigen Jahren wurde die Art immer nur zufällig, als sogenannter Beifang mit Blauen Neon­fischen (Paracheirodon simulans) aus Vene­zuela importiert. Dieter Bork gelang mit diesen Fischen bereits 1997 die Zucht, ein ausführlicher Zuchtbericht erschien in der AqualogNews No 7. Hier nochmal der Artikel für alle, die dieses Heft nicht besitzen:

Nannostomus anduzei Fernandez & Weitzman, 1987

Innerhalb der Familie der Schlanksalmler oder Lebiasinidae umfaßt die Gattung Nannostomus Günther, 1872 (hier inkl. der Gattung Nannobrycon), derzeit fünfzehn (Anmerkung d. Red: aktuell (2022) sind es 20 Arten) wissenschaftlich beschriebene Arten. Im aquaristischen Fachhandel werden jedoch meist nur sechs Arten angeboten, nämlich N. beckfordi Günther, 1872, N. harrisoni Eigenmann, 1909, N. marginatus, Eigenmann, 1909, N. trifasciatus Steindachner, 1876, sowie die beiden schrägstehenden Arten N. eques (Steindachner, 1876) und N. unifasciatus (Steindachner, 1876). Die beiden Arten N. britskii und N. limatus blieben bisher in der Aquaristik völlig unbekannt. Über ihr Aussehen bzw. ihre Färbung wissen wir so gut wie nichts. Die restlichen Arten sind zwar aquaristisch leidlich bekannt, jedoch im Fachhandel mangels entsprechender Importe nicht erhältlich. Von den zwei Arten N. digrammus (Fowler, 1913) und N. anduzei Fernandez & Weitzman, 1987, gelangen gelegentlich einige wenige Tiere als Beifänge nach Europa.

Nannostomus anduzei, Männchen, beginnende Laichstimmung (Venezuela)

So kommt auch der Letztgenannte zuweilen in Gemeinschaft mit Paracheirodon simulans, dem Blauen Neonfisch, in den Fachhandel. Oft genug werden die Tiere wegen ihrer geringen Länge von maximal 1,8 cm übersehen. Mit dieser Gesamtlänge ist N. anduzei die kleinste Art der Gattung. Zum Gattungstyp wurde übrigens N. beckfordi bestimmt. Die Autoren Fernandez & Weitzman beschrieben diesen hübschen Zwergziersalmler zu Ehren von und zum Dank an Herrn Dr. Pablo Anduze für seine intensive Unterstützung bei der Erforschung der Fischfauna im südlichen Venezuela. Die Belegexemplare dieser relativ neuen Art stammen aus einer Sammlung in einer Klarwasserlagune etwa 15 km nördlich von Puerto Ayacucho im Bereich des oberen Rio Orinoco. Die Temperatur in dieser Lagune betrug nahezu 30°C, der pH-Wert schwankte lokal zwischen 5,0 und 7,0. Ein zweiter Fundort wurde im nördlichen Brasilien bekannt. Dr. Weitzman erhielt im Frühjahr 1987 eine Sammlung von Fischen aus dem Gebiet des Rio Madeira und des Rio Negro zur Identifikation. Ein Teil dieser Tiere gehörte ebenfalls der Art N. anduzei an. Diese Tiere wurden im Gewässer eines Savannengebietes im Einzugsgebiet des Rio Negro gesammelt. Bei diesem Gewässer handelte es sich um einen Teil des Rio Ererê, der, von Norden kommend, etwa 250 km NW der Mündung des Rio Branco in den mittleren Rio Negro mündet, noch vor der Einmündung des in letzter Zeit durch Zwergcichlidenfänge bekanntgewordenen Rio Padauari. Bei diesem Fundort handelt es sich umein Schwarzwasserbiotop. Die Tiere aus dem Gebiet um Puerto Ayacucho unterschieden sich in der Färbung nicht von den Tieren aus dem Gebiet des Rio Ererê in Brasilien. Bei den Männchen der brasilianischen Form ist jedoch die Afterflosse deutlich länger als bei den Tieren aus Venezuela.

Nannostomus anduzei, laichreifes Weibchen (Venezuela)

Abweichend von allen anderen Nannostomus -Arten zeigt N. anduzei in der Nachtfärbung keinerlei dunkle Flecken- oder Balkenzeichnung. In der Nachtfärbung wirken die Tiere sehr transparent und zeigen darüber hinaus nur einen leicht goldenen Glanz. Das Rot in der Afterflosse und in der Schwanzflossenbasis ist dann ebenfalls nur noch andeutungsweise vorhanden. Die als Beifänge nach Europa eingeführten Tiere stammen wahrscheinlich ausschließlich aus dem Einzugsgebiet des Rio Ererê. Für die Pflege von N. anduzei reichen bereits Kleinaquarien von zehn bis dreißig Litern Inhalt aus. Bei einer Gesamthärte von 10°dH und einem pH-Wert um oder leicht unter 7,0 lassen sich die hübschen Tiere bei etwa 27°C problemlos pflegen. Als Futter eignet sich, bedingt durch die geringe Größe der Tiere, gesiebtes Tümpelfutter, gelegentlich kleine Grindalwürmchen oder vorwiegend Artemia-Nauplien. Zusätzlich kann von Zeit zu Zeit feines Trockenfuter angeboten werden.

Bei der Pflege eines kleinen Schwarms von sechs bis zwölf Tieren unter den genannten Bedingungen im Artenbecken wird man bald die ersten Balzversuche der Männchen beobachten können. Hier sind es besonders die dominanten Tiere (Männchen), bei denen die große Afterflosse sowie die Basis der Schwanzflosse blutrot aufleuchten. Das goldene Längsband wird von einem zarten hellen Grün überlagert und der bräunliche Rücken sowie das ebenfalls bräunliche Band unterhalb der goldgrünen Längsbinde verfärben sich in ein Graubraun. Spätestens bei diesen Beobachtungen stellt sich die Frage einer Nachzucht dieser ebenso seltenen wie hübschen Pfleglinge.

Obwohl ich sehr oft Balzspiele beobachten konnte, habe ich die Tiere nie ablaichen sehen. Aus diesem Grund habe ich mich zu einem Ansatz im Schwarm von vier Männchen und sechs Weibchen entschlossen, Tiere, die ich inzwischen alle aus Importen von Paracheirodon simulans ausgelesen hatte. Zu diesem Zweck wurde ein acht Liter Becken hergerichtet. Zwei Drittel des Beckens wurden dicht mit Javamoos ausgepolstert, die Wasseroberfläche mit Ceratopteris abgedeckt. Das verwendete Quellwasser hatte einen pH-Wert von 6,3 und die Gesamthärte betrug 2°dH. Für zehn Tage beließ ich die Tiere im Ansatz. Täglich wurde mit Artemia-Nauplien gefüttert. Die Futterreste sammelten sich im vorderen, hellen Teil des Ansatzbeckens und wurden jeden zweiten Tag vorsichtig abgesaugt. Frisches Quellwasser ersetzte das mit dem Absaugen entfernte Beckenwasser.

Nannostomus anduzei, balzaktives Männchen (Venezuela)

Drei Tage nach dem Herausfangen der Zuchtiere konnte man die ersten winzigen Jungfische an der Scheibe hängen sehen. So konnte ich einen einzelnen auch direkt an der Scheibe vermessen: er wies bereits eine Länge von 3 mm auf, hatte eine grauweiße Färbung und war sehr dünn. Das Kopfende mit den gut erkennbaren Augen (im Vergrößerungsglas) war deutlich verdickt. Vorsichtig wurden jetzt jeden zweiten Tag ein bis zwei Tropfen Liquifry mit dem Finger im Zuchtbecken verwirbelt. Mit Beginn der dritten Woche wurden zusätzlich einige Artemia-Nauplien ins Becken gegeben, doch konnte eine Aufnahme der Nauplien nicht festgestellt werden. Nach drei Wochen wurden vorsichtig alle Pflanzen entfernt. Leider konnten nur sechs Jungfische mit einer Körperlänge von etwa vier Millimetern, aber jetzt schon deutlicher Körpermasse festgestellt werden. Durch die besseren Beobachtungsmöglichkeiten ließ sich jetzt auch die Aufnahme der Artemia-Nauplien beobachten. Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits erstmals vorsichtig etwas Mulm abgesaugt und das fehlende Wasser durch Frischwasser ersetzt. Einige an weiches Wasser gewöhnte Posthornschnecken wurden zur Beseitigung von Nahrungsresten eingesetzt.

Nannostomus anduzei, Larve

Obwohl dieser erste Zuchtversuch nur mit einem sehr bescheidenen Ergebnis endete, zeigte er doch, daß die Nachzucht dieser Zwergziersalmlerart möglich ist. N. anduzei ist möglicherweise, wie seine Verwandten, ein arger Laichräuber. Unter diesem Gesichtspunkt könnte der paarweise Ansatz ergiebiger sein. Sicher lassen sich die Zuchtergebnisse soweit verbessern, daß die Arterhaltung im Aquarium für den engagierten Liebhaber möglich ist.

Soweit Dieter Bork.

Männchen und Weibchen sind leicht zu unterscheiden, denn die Männchen besitzen eine auffällig vergrößerte, rote Afterflosse. Bezüglich der Körperform sind N. anduzei typische Nannostomus, also von zigarren­förmiger Gestalt. Geschwommen wird in ersten Linie mithilfe der Brustflossen, die die niedlichen Fische wie kleine Zeppeline durch das Wasser bewegen. Nur wenn sie einmal schnell schwimmen müssen wird auch die Schwanzflosse zum Vortrieb genutzt.

Inzwischen werden diese Winzlinge ab und zu (2-3x pro Jahr) auch rein sortiert importiert und zwar nicht nur aus Venezuela, sondern auch aus dem brasilianischen Verbreitungsgebiet, dem Rio Negro. Optisch unterscheiden sich die beiden Populationen nicht. Es ist aber nicht auszuschließen, dass sich die beiden Populationen genetisch so weit auseinander entwickelt haben, dass sie sich langfristig (also über viele Generationen) nicht mehr miteinander fortpflanzen können. Darum ist es, wenn man Zuchtabsichten hegt, wichtig, sich von vornherein eine ausreichende Anzahl von Tieren (15-20 Exemplare) anzuschaffen, da die Herkunft der Tiere im Handel meist nicht bekannt ist und es darum schwierig werden kann, genetisch passende Fische nachzukaufen.

Frank Schäfer

P.S. Literatur zum Thema „NANO“ finden Sie bei animalbook.de

PPS: Eine komplette Übersicht über alle wissenschaftlich bekannten Nannostomus-Arten – plus einige weitere Varianten – finden Sie im Bookazine No. 4: https://www.aqualog.de/produkte/news-bookazine-nr-4-fruehjahr-2018/


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